Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1921)
- Date
- 1921-11-24
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Nr. BO. ,»l ä 11 e x.4 34. November 1921 antireligiöse Verhalten der meisten Vertreter des Zionismus im heiligen Lande aufs tiefste verletzt füllen, sodaß sie schließlich in der ganzen jüdischen „Invasion" eine Gefahr für die Ansrechterhaltung des religiöserr Geistes inr Kreise der heranwachsenderr Generation erblicken. Auch der jüdisch-nationale Militarismus, von Leuten j U'ie Jabvtinski und anderen an hervorragender Stelle lvirkenden zionistischen Führer wäre im orthodoxen Kreise aus inneren Gründen einfach unmöglich. Tie Wahrhaftigkeit verlangt, dies denn doch einmal auszusprechen, nachdem es von nichtorthodoxer Seite erkannt und einigermaßen gewürdigt worden ist. Wir schließen diese Uebersicht mit den: Abdruck eines Auszuges aus den Aeußerungen des Warschauer „Jud" zur Agency-Frage, die dieses Blatt mit einer Betrachtung der ganzen derzeitigen Gestaltung des Palästina-Problems i erbinbet. Es heißt da u. a '. Die englische Regierung, das muß zugegeben werden, hat es nicht gerade leicht, die Verpflichtungen des PalästinN-Mandates in allen Teilen einznlösen. Es ist schwer, heute die inneren Beweggründe für die Balsour-Deklaration anzugeben. Auf alle Fälle hat doch England damit einen Wechsel ausgestellt, wenn auch einen Blanko-Wechsel, in dem die Verpflichtungen nicht präzisiert sind, aber immerhin einen Wechsel, der den Gläubiger zu Forderungen berechtigt. Und England ist es nicht gewöhnt, ein gegebenes Wort zu brechen. Aber, es ergeben sich unerwartete Faktoren, unvorhergesehene Hindernisse, die manchem in London vielleicht gar nicht so unwillkommen sind. Vor allein die Araber, die rrnter allen Umständen diesen dem jüdischen Volke gegebenen Wechsel zerreißen möchten und in dieser Richtung sowohl aus den Schuldner, wie auf den Gläubiger einwirken. Der englischen Regierung sucht mau vor Augen zu führen, daß das ganze Mandat auf einem Mißverständnis beruhe und daher keine Gültigkeit haben könne, denn die eigentlichen Herren des Landes, die allein den Anspruch aus dasselbe hätten, seien die Araber. Gegen die Juden geht man mit Drohungen und Gewaltmitteln vor, die vom ersten Pessach-Pogrom in Jerusalem bis zu den letzten Unruhen am Gedenktag der Balfour-Note in jeder Form angewandt werden, mit der alleinigen Absicht, die Juden so einzuschüchtern, daß sie von ihren Forderungen ablassen. Es steht leider fest, daß es heute in England Antisemiten genug gibt, die aus der Araberfrage Kapital für ihre Tendenzen und zu Ungunsten der Juden schlagen möchten. Und die Regierung selbst spricht mit 'bewährtem diplomatischem Geschick eine Sprache der Zweideutigkeit, ohne sich nach einer Seite hin richtig festzulegen. Klar gesagt wurde bis jetzt nur, daß England die jüdische Arbeit, die jüdischen Kapipitalien zum Ausbau Palästinas mit heranziehen will. Aber arrch hierin entsprechen die Taten nicht den Worten, Wie oft haben schon die Vertreter der orthodoxen Jndenheit, die am meisten und am engsten mit dem Lande der Väter verbunden ist, Gelegenheit gehabt, mit den Leitern der englischen Regierung darüber zu verhandeln. Wie oft wurden schon nicht den orthodoxen Juden weitgehende Versprechungen gemacht und Konzessionen in Aussicht gestellt für die .Hilfsarbeit in Palästina, die man von dieser Seite zic leisten gewillt ist. Und doch bleibt es bei Worten, wenn es daran geht, konkrete Beweise für dieses Entgegenkommen zu liefern. Die Leiter der „Agudas Jisroel" haben bereits wiederholt das gerechte Ansuchen gestellt, ihre Vertreter beim Ansarbeiten der Pläne für den Aufbau Palästinas zur Mitarbeit heranzuziehen, in der Ueberzeugung, daß ohne Mithilfe der Orthodoxie das jüdische Problem in Palästina nie gelöst werden kann. Und dennoch mußte aus dem letzten Briefe Churchills an die Agudas Jisroel ersehen werden, daß er bis jetzt noch nicht in der Lage war, die Forderungen der Agndn zu erfüllen. In England weiß man sehr wohl, oaß die Forderungen der Orthodoxie, die Forderungen des wahren Judentums sind. Sollte nun etwa die kühle Haltung der Regierung, diesen Forderungen gegenüber der beste Beweis dafür sein, wie wenig ernst es den Herren in London überhaupt mit der Lösung des jüdischen Problems in Paläsiina ist? Uns erscheint zunächst diese Annahme unglaublich. Wenn Churchill der Meinung sein sollte, daß die Forderungen der Agudas Jisroel für den Moment unerfüllbar seien, so wäre es doch in Ordnung gewesen, wenn er demgegenüber andere reale und konkrete Vorschläge gemacht und gleich gezeigt hätte, wie diese Minimal-Fordernn gen ihre Erfüllung finden werden. Ein gewisser Trost besteht nun darin, oaß die Antwort des Ministers weitere Perhandlungen möglich macht und in Aussicht stellt. So ist wenigstens zu hoffen, daß bei einer Modifizierung der Vorschläge und Forderungen der Aguda, diese von der Regierung rückhaltlos anerkannt und erfüllt werden. Man muß hoffen, daß in diesem Falle die Gerechtigkeit den Endsieg davontragen wird. N"d. diese gebietet auch der englischen Regierung einzüsehen, daß, wenn Juden je in und für Palästina gelitten haben, es zum größten Teil ortbo-doxe Inden waren, die ihre Liebe zum Lande mit den schwersten Opfern betätigt und bis heute die Hoffnung auf Neubelebung des Landes und ihre Rückkehr ins Land nicht aufgegeben haben. Die orthodoxen Juden, die nicht gewöhnt sind, ihre Liebe zum Lande an äußere Faktoren zu binden Und sie von Erfolgen oder Mißerfolgen abhängig zu machen, werden auch jetzt weiter dahin arbeiten, das zu erreichen, was in diesem Momente zu erreichen ist, um die Position des religiösen Judentums in Palästina zu stärken." Wir werden aus diese Ausführungen noch zurttckkommell. Sin neue- Aguda-Maisenhauin Sievenbürgen. Wien, 10. Nov. Die „Jüd. Presse" berichtet: Dank den unermüdlichen Bemühungen der Frau Alexander UHtimtit in Großwardein ist es gelungen, die materielle Basis eines Aguda-Waisenhauses in Rumänien zu schaffen. Es ist bereits gelungen, ein außerordentlich geeignetes Objekt, eilt großes Haus mit Hof und Obstgarten, anzukaufen, wobei die Herren David Kohn und Lajos Freund gute Arbeit geleistet haben. Es handelt sich nun darum, den darin wohnenden Parteien eine andere Wohnung zu verschaffen. Mit besonderem Danke muß der großherzigen Spende, des Herrn Max Pollacsek in Gurahore gedacht werden, welcher Frau Ullmann eine Spende von 100 000 Lei zage sendet hat und durch zehn Jahre hindurch monatlich 5000 Lei für das Waisenhaus geben will. Das ist wahrlich eine Großtat der Humanität, und Herr Pollacsek hat sich damit ein dauerndes Ruhmesblatt eingelegt. Es iß damit ein schönes Beispiel zur Nachahmung gegeben, die hoffentlich nicht ausbbeiben wird. Besonders richtet sich unsere Hoffnung auf die Glaubensgenossen in den Ländern der schweren Valuta. Es ist vorläufig eine Einrichtung von 60 Betten gedacht, die natürlich mit entsprechendeir Kosten verbunden ist, Frau Alexander Ullmann unternimmt demnächst eine Reise nach Demesvar, um die dortigen vermögenden Kreise zur Mithilfe an der Ausgestaltung des Waisenhauses zu gewinnett, später auch eventuell nach Bessarabien. Aron Kober Einen schweren Schlag hat. die Sache der „Agudas Jsroel" durch das plötzliche Hinscheiden Aron Kobers in Breslau, der von Anfang an an der Spitze unserer Bewegung stand und in diesem Jahre in Men zum Mitgliede des Zentralrates gewählt wurde, erlitten. Mit einem ganz besonders lebendigen Gefühl .für die Einheit des auf dem Boden der Thora stehenden Klall Jsroel begabt, verband der Heimgegangene ein tiefes ideales Verständnis der Grundgedanken der Agudas Jsroel mit nimmer ermüdender Tatkraft, wenn es galt, ihre Ziele der Verwirklichung naher zu führen. Auf seinen zahlreichen Reifen hatte er den jüdischen Osten gründlich kennen gelernt, während ihm auch die westlichen Länder in ihrer allgemeinen und jüdischen Eigenart nicht fremd waren. So konnte er am Beratungstische, wie mitten im praktischen Leben der Agudasache in höherem' Mäße als viele andere hervorragende Dienste leisten, von dem Augenblicke an, da in Kattowitz der Grundstein zu dem großen Bau gelegt wurde, bis zur Ueberleitung in die neuen Verhältnisse. Ein ganz besonders großes Maß von Persönlichen Opfern an Zeit, Bequemlichkeit und finanziellen Mitteln hat Kober der A r b e i t e r f ü r s o r g e der „Agudas Jsroel" gewidmet. Unter den schwierigsten Verhältnissen, oft angesichts zahlreicher Enttäuschungen den: Verzweifeln nahe, hat sich Aron Kober irr der Liebe zu den ostjüdischen Brüdern, denen er vor allem den Sabbat retten wollte, für die ^Beschäftigung jüdischer Arbeiter in Oberschlesien eingesetzt und jahrelang daran gearbeitet, nur die nach Deutschland Gekommenen in wirtschaftlicher und religiöser Hinsicht zu fördern und vor den naheliegenden Gefahren zu schützen. Aber weit hinaus über dieses spezielle Arbeitsgebiet schlug sein Herz für jedes einzelne Anliegen, das die deutsche Aguda oder die Welt- Organisation beschäftigte und wenn er selbst.nicht persönlich anwesend sein und Mitwirken konnte, preffestimmen. »Die Zeit", das Organ der Poale-Zion- Arbeiterpartei in Amerika, bespricht in einem längeren Artikel die Organisation der Aguda n-ad schreibt unter anderem: Die Organisierung der orthodoxen Juden, die gegenwärtig in der ganzen Welt — in den letzten Monaten auch in Amerika unter dem Namen „Agudnth Jisroel", vor sich geht, ist eine erfreuliche Erscheinung. Die mächtige Strömung im orthodoxen Judentum, sich zu organisieren, ist nicht etwa ein Ergebnis von Reaktion oder verstärktem Klerikalismus, wie. so viele Schmalköpfe unserer Radikalen meinen, sondern im Gegenteil, diese Strömung ist ein Resultat der europäischen Revolution. Dem jüdischen Volke ist es nur ein Vorteil, daß der otthodoxe Teil des Judentums endlich weltlich organisiert ist, denn damit ist der Prozeß, alle produktiven Teile im Judentum zu organisieren, sozusagen beendigt. Die große Mehrheit der jüdischen Masse befindet sich zwischen den Klausjnden. Im jetzigen Moment, wo das Judentum der ganzen Welt so viel gelitten hat und in allen seinen Winkeln zerstört wurde, ist eine übernatürliche Anstrengung aller Volkskräfte erforderlich, um es vom Untergang zu retten . . . Die Leiter der Aguda sind sich vollkommen der großen Gefahr bewußt, die uns von der Desorganisation und Zersplitterung unserer Kräfte droht ... Es ist sicher, daß, wenn solche reine und ideale Persönlichkeiten, wie Doktor Nathan Birnbaum und Rabbi Zirelsohn an der Spitze der Agudas Jisroel stehen, sogar der Kamps zwischen ihr und uns eine „Mächloko lschem schomajim" sein wird, und wir werden gewiß viele Berührungspunkte haben, wo wir friedlich nnb brüderlich zum allgemeinen Wähle unseres leidenden Volkes werden arbeiten können. „Kol Jisroel", das Organ der Aguda in Jerusalem, schreibt über den Zionistenkongreß: Die Misrachi hat ans dem Kongreß eine Resolution eingebracht, daß die zionistische Organisation nichts g'egeit den jüdischen Glauben unternehmen wird, und daß am Sabbath in' den Komitees nicht gearbeitet werde. Die Resolution wurde jedoch in der Abstimmung abgelehnt und erst zufolge einer Jnterverrtion Weizmanns ist ein nichtssagender Vergleich zustande gekommen. Es ist sonderbar, daß diese Tatsache von der jüdischen Welt ohne Protest hingenommen wurde. — Wie viel Mühe hat es den jüdischen Gemeinden in Polen gekostet, damit die Regierung die Heiligkeit des Sabbath anerkenne. Mas für einen Wert hätte die ganze Arbeit, wenn die Regierung auf die zionistische Abstimmung Hinweisen kann? — Hunderteinundfünfzig Juden haben gegen die Heiligkeit des Sabbath gestimmt. Sie haben das nicht als Privatleute getan, sondern als Vertreter Hunderttausender Juden. — Diese Abstimmung wird der Außenwelt als Beweis dienen, daß der Kongreß nicht als Vertreter von Klak Jisroel anzusehen ist, weil Klal Jisroel nicht gegen die Heiligkeit des Sabbath stimmen würde. Jüdische Jugend. Die zweite Nummer des Organes der Aguda-Jugend in der Slowakei „Jüdische Jugend", wird Anfang Dezember mit reichhaltigem Inhalte und in sehr schöner Ausführung erscheinen. 'Die hiefür entfallende Subvention aller Jugendgruppen möge ehebaldigft eingesendet werden. Rgsn