Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1921)
- Date
- 1921-11-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 47 des „Markt". Der Schah am Herde. E t w a s C h a s s i d t j d) e s. Jeder Mensch ist eine abgeschlossene Welt in nnd für sich, init eigenem 5)immel nnd mit eigener Hölle. Jeder hat seine eigene Lonne nnd seine eigenen finsteren Berge. Gott möge uns alle beschirmen! Und eine schwere Aufgabe hat der Heilige, gelobt sei Er, den Menschen auferlegt i den Inhalt feiner Welt zu ergründen, das Gründe wesen seines Daseins zu begreifen, den Weg zu seine m Himmel zn finden. Zuweilen aber ist ein ganzes Leben verstrichen, ohne daß der Weg zn sich selbst gefunden ist. . . Zum Gluck sind dem jüdischen Menschen drei Wegweiser gegeben: die Thora, die sechshundertdreizehn Gebote und der Zaddik. Klammert sich der Jude an die Thora, beobachtet er streng die Gennd Verbote und Hält er sich im übrigen an den Zaddik als an den Führer in der Wüste, so ist es ihm ein leichtes, den Weg 51t finden. Der Rabbi, Reb Henech, gesegneteil Angedenkens, gab diesen Gedanken aus seine gewohnte Art mit einer kleinen Erzählung zn verstehen. _ Es ist die Geschichte vom Schatze des Eifik Rabbi Jeckels. Einstmals träumte Eisik in später ^Nachtstunde einen eigenartigen Traum. Er iah einen großen Hausen glitzernder Dinge aus Elfenbein, kostbarem Golde nnd herrlicher Diamanten und Brillanten, die mit ihrem Lichte seine Augen blendeten!. Eisik Rabbi Jeckels wurde von einer unwiderstehlichen Lust nach diesem Golde gepackt und er griff mit beiden Armen danach aus. Da entstand aber eine große Entfernung und er konnte bei ruller Anstrengung nicht an den Schatz gelangen. Dann entschwand das Gold ganz seinen Augen. Mit großem Weh im Herzen bat er, inan möchte ihm wenigstens mitteilcn, ivo sich der Schatz befinde, damit er im Leben nach ihm forschen und suchen könne. Da nannte man ihm einen großen Platz in der Hauptstadt des russischen Reiches Pete r sb n r g. Anr Morgen war Eisik Rabbi Jeckels von feinem Traume noch ganz beherrscht. Er wußte, daß das kein gewöhnliches Traumgebilde war, sondern ein Fingerzeig von oben nnd daß er jetzt nichts besseres zn tun hätte, als sich auf den im Traume geiviesenen Weg zu machen. Allein, wie kommt man so ohne weiteres von Koschwitz nach Petersburg? Der Weg war ungeheuer weit und schwierig nnd voller Gefahren. Eisik ivnßte sich nicht ^zn helfen. Aber die Gier nach dem Lchatz überwand alle Angst, sie ivuchs mit jeder Minute, nnd endlich raffte er sich auf, nahm den Tallisbente. unter den Arm, den Wanderstab in die Hano nnd begab sich auf den Weg. Eisik ging und ging, ohne Halt nnd ohne Rast, vierzig Tage und vierzig Nächte lang. Wo er übernachtete, da traf ihn die Sonne morgens beim Aufgehen nicht mehr. Er gönnte sein eil Fiißen keine Ruhe und seinen Angen leinen Schlaf. So kam er milde nnd zerbrochen endlich in Petersburg an und begab sich sofort nach dem Platze, ivo sich der Schatz befinden sollte. Als er dahin kani, fand er eine hohe Mauer, die ihm den Weg verstellte. Am Eingang der Mauer standen Soldaten, Gcivehr bei Fuß, nnd hielten Wache. Auf Befragen ersuhr Eisik, daß diese Mauer den Eingang zu einer Festung bildete, die Tag nnd Nacht von bewaffneten Posten behütet wurde nnd daß in der Festung ein hoher General ivohnte, der jeden Stein in seiner strengsten Sbhut hielt. Me gelangt man ins Innere der Festung, ohne von den Bewaffneten angehalten zu werden? Wie sollte es Eisik Rabbi Jeckels gelingen, hier auf dem Platz, auf dem tausend Angen wachend ruhen, seine Anstalten zn treffen um nach dem Schatze zu graben? In bitterem Schmerze ob des Scheiterns seines mühevollen Unternehmens vergoß er heiße Tränen. Er hatte seinen Plan längst verloren gegeben, aber unverrichteter Sache mit leeren Händen zurück nach Hause zu fahren^ konnte er sich noch immer nicht entschließen. So stand er täglich stundenlang und starrte weinend die Mauer an, die ihm den Weg zu Gold nnd Glück versperrte. Mit der Zeit fiel er den Wächtern auf nnd sie erzählten dem General der Festung von dem sonderbaren Juden, der stundenlang die Mauer anstarre und dabei weine. Da besaht der General, den Juden ihm vorznsnhren. Auf die Frage des Generals, was seine stummen Blicke Und Tränen bedeuteten, erzählte er unumwunden den Traum nnd die Veranlassung seines Herkommens. Der General lachte laut auf: „Komischer Einfall eines närrischen Juden, wegen eines blöden Traumes sich wochenlang ans dein Wege herumzuschleppen. Wie, wenn i ch gestern geträumt hätte, bei Eisik Rabbi Jeckels im Hanse und zwar dort hinter dem Herde befinde sich ein Schatz? Nun, da hätte ich wohl nichts eiligeres zn tun gehabt, als einspannen zu lassen und nach Koschwitz zn fahren? Wie Eisik feinen vollen Namen aus den: Munde des Generals hörte, verstand er sofort, daß die Sache nicht so einfach fei. Er jvrach kein Wort mehr und schlug, sobald er das Zimnier des Generals verließ, den Rückweg nach .Hause ein. Vierzig Tage und vierzig Nächte ging Eisik Rabbi Jeckels ohne Halt und ohne Rast. Wo ihn die Nacht gesehen, begrüßte ihn die Morgensonne nicht mehr. Er gönnte keine Ruhe seinen Füßen und keinen Schlaf feinen Angen. Und wie er nach langem Marsch seine armselige Stube betrat, fing er sofort an, hinter dem .Herde zu wühlen und zu suchen. Und siehe, dort fand Eisik Rabbi Jeckels seinen Schatz... Wie schade, daß nicht alle Eisik Rabbi Jeckels den geträumten Schatz in ihrem eigenen Hanse hinter dem Herde suchen nnd statt dessen sich vor hohen unüberwindbaren Mauern ihr Leben lang abhärmen! . . . provmz.-Rabbmer Dr. Bamberger als Lehrer, Gelehrter und Mensch. Zur ersten Jahrzeit von Prov.« Rabbiner Dr. Bamberger T'27, Hanau, am 24. Marcheschwan (25. November), geben wir aus der Gedenkrede, die am Sonntag, den 28. November 1920 in den Vereinen Mekor Chaim, Agudas Jisroel- Jugendorganisalion und im Aufträge aller anderen gesetzestreuen Jugendvereine Frankfurts von Herrn S. Schachno witz gehalten wurde, folgende Stellen wieder: Im Talmud Berachoth 43 lesen wir: Als die Weisen, vom frischen Grabe Raws zurückgekehrt, Rast hielten und sich zum Essen setzten, entstand die Frage ob sic in diesem Fall, da das gemeinsame Mahl nicht ans Verabredung geschah, das Tischgebet gemeiwchaftlich verrichten mußten. Sie wußten es nicht. Da stand Rabbi Sera auf, schob das Gewand zurück nnd führte zum zweiten Mal den Trauerriß aus. Er sprach: „Raw hat seine Seele ausgehaucht, und wir haben noch nicht einmal die Vorschriften über das Tischgebet richtig von ihm gelernt." Kaum drei Wochen sind verstrichen, seitdem wir vorn frischen Grabhügel in Hanau zurückgekehrt sind, und dürsten wir unseren Gefühlen folgen, wir müßten, gleich Rabbi Seva, den Riß erneuern - bei bei Fülle von Arbeite«, die e r nicht mehr fortsetzen, von Aufgaben, die o i nicht mehr lösen wird, bei nli den Fragen, die noch seiner harrten. In Talmud Sanhedrin wird erzählte Als Rabbi Elieser ans dem Krankenbette lag, kamen die Weisen Israels zu ihm, um ihn zn besuchen. Da fing der eine an und sprach: „Gut bist du für Israel, wie der R e g e n t r o p f e u." Ein anderer sagte: ,,Dn bist so gut für Israel, lote der Sonnenbal l." Ein dritter meinte: „Du bist für Israel, wie Vater nnd M u t t e r." Ist nicht vielleicht mit diesen Worten die dreifache Bedeutung Rabbi Eliesers, nämlich erstens als Lehrer seiner Schüler, zweitens als Lehrer Israels im weitesten Sinne, drittens als Mensch gekennzeichnet? Ter Regentropfen befrudjtct die Erde nnd lockt das Samenkorn aus dem harten Boden. Ein treffendes Bild für die Wirksamkeit des'. Lehrers in seiner Schule, in seiner Gemeinde. Der Sonnenball beleuchtet die Erde im Ganzen, ohne das Licht au? einen Punkt zu konzentrieren. Das ist der Gelehrte, der Lehrer Israels, der lehrt nnd wirkt sür alle und immer, der, wie der Dichter sagt, „den Besten seiner Zeit genug getan nnd gelebt hat für alle Zeiten." Mit „Vater und Mutter" ist aber der Mensch bezeichnet, der das Beste «uv dem Elternhaus, ans der sonnigen Kinderstbe in das Leben hinausträgt, um von diesem Vätergut der Liebe anderen mit-vollen Händen zu spenden. Könnten wir unserem Dr. Bamberger nach den drei Richtungen seines Charakters und seiner Wirksamkeit besser gerecht werden, als mit diesen drei Worten des Talmuds: Regentropfen, Svnnenball nnd „Pater nnd Mutter"? Wie ein Regentropfen warst du Lehrer deiner Schüler, Lehrer deiner Gemeinde! Hart genug und steinig mag oft der Boden gewesen fein, aber wo ein guter zccrn vorhanden war, Bamberger holte ihn ans Licht, er weckte Interesse und ries jüdische Leben wach, wohin sein Einfluß reichte, in den Gemeinden seines Bezirks, wie i» Hanau selbst, wo er jung und alt um sich scharte. Aber auch hier in Frankfurt hatten wir reichlich Gelegenheit, ihn als Lehrer hvchznschätzen, nicht zuletzt in den Ingendvereinen, die den heutigen Abend seinem ehrenden Angedenken gewidmet haben. In der Agudas Israel Mädchengruppe war es bis zu den letzten Jahren sein Tinim knrs, der den Dienstagabend zum Glanzpunkt des Programmes machte, in dem er Israels Jungfrauen in die Pflichten des Tages nnd der jüdischen Frau einsnhrte und durch sein aneiferndes Wort auf die jugendlichen Herzen einwirkte. Dem „Mekor Ehaim" Frankfurt a. M. stand er schon zu Beginn seiner Hanauer Wirksamkeit als Freund nnd Förderer und gelegentlicher Dozent sehr nahe, nnd wenn wir später in der literarisch wissenschaftlichen Abteilung dieses Vereins „Rnchlath zewi" unseren Mitgliedern etwasganz Besonderes bieten wollten, da' richteten wir unsere Angen nach Hanau. Und der Unermüdliche hatte stets eine Stunde auch für uns übrig. Wie lauschten wir da auf seine Worte, wenn er uns in geschichtlichen Festvorträgen in die Gefilde alter Päterzeit entführte nnd dabei für die Aufgaben der Gegenwart entflammte! Ter Krieg mit seinem Grauen brach ans und entführte uns die männliche Jugend in Kaserne nnd Schützengraben, und der „Mekor Chaim" hielt es für gut nnd nützlich, den Brüdern nnd Freunden allwöchentlich den Sabbathgrnß in ihre Not hinaus zn senden. Da fanden wir wiederum in Hanau weitgehendste Forderung. Die gelegentlichen Sabbathbriefe ans der Feder Pambergers waren keine Feldpredigten in gewöhnlichem Sinne, sic brachten ’ Belehrung nnd Beleuchtung, gossen Licht uno warmes Leben in die matten Herzen, daß „die Gottvertranenden neue Kraft gewannen." Gut warft hu als Lehrer nnd Rabbiner für Israel, wie die Rege n - tropfen, deren Ausbleiben wir nun täglich beweinen werden. Ein S o n n e n b a l l. Das ist das richtige Wort sür die wissenschaftliche Bedeutung Bambergers. Die Sonnenkugel sieht man morgens strahlend ausgehen, man sieht sie auch abends leuchtend nntergehen, steht sie aber am Zenit des Himmels, dann genießt man sie nur und man sieht sie nicht. Bam Kraers Ausstieg von frühester Kindheit an rang Bewunderung ab und weckte die weitgehendsten Hoffnungen, sein jäher Heimgang löst unsäglich schmerzliche Wehmut aus. Auf der Höhe seines Lebens, Könnens nnd Wirkens sah man ihn kaum, hörte :nan kann, seinen Namen nennen, aber man genoß ihn, wie man die Mittagssonne genießt, ohne zu ihr hinaufzuschauen. Was tat Bamberger für die jüdische Wissenschaft? Das ist weder im Tranerhause, noch in der Synagoge noch am Grabe gesagt worden, und es ist gar nicht so leicht nnd einfach, das zn sagen; wir wollen es an einem historischen Bilde zu veranschaulichen suchen. Der erste Band des Halevischen „Doroth harischonim" behandelt die S a b n r ä e r. Wer wären eigentlich diese Saburäer, die Großen nach Talmudabschtuß, die wir kaum bei Namen kennen? Halevi sagt es uns. Nachdem an fünf Jahrhunderte die Mschnahlehrer