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Der Israelit · 1921-11-17 · Heft 46 (17.11.1921) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 46 (17.11.1921)
Date
1921-11-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 46 des „Israelit". Jmi Gm Häuflein Erde. (Aus dem russischen Aetdzug.) Bon A. Feuerstein. Es ist bereits der vierte Tag, daß wir marschieren, marschieren und marschieren, ohne Ruh und Raft, ohne Essen und Schlafen. Man heißt es „Gewaltmarsch" in der Sprache des Heeres. Bei einem Gewaltmarsch gibt es nur eines: Das gesteckte Ziel in frühester Zeit erreichen, ohne Rücksicht auf Kraft, Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Alle Maßstäbe von Zeit und Raum sind aufgelöst, hier gibt es nur Befehle. Und so marschieren wir.-:- Zu Anfang geht es noch ganz gut, menschlich, aufrecht und behende, man hofft auf einen Ruhepunkt. Nach einem Tagesmarsch ist man schon müde und verbraucht und von der stillen Frage beseelt: Wie lange noch? Unwiderstehliche Sehnsucht nach Ruhe und Erholung stellt sich ein. Aber man sucht, sich alle Mattigkeit auszureden. Man ist doch schließlich ein Mensch von Verstand. Und man redet sich gut zu: „Noch eine Weile noch ein Paar Stunden, morgen höchstens erreichen wir das Ziel. Dann gibt es Speis und Trank, Ruhe und Schlaf . . ." Am dritten Tage des Marsches stellt wohl das Gehirn die Denkarbeit ein. Es gibt sich keine Mühe mehr, den matten Körper anzuspormn, man geht noch rein instinktiv, d. h. man bewegt sich und schleppt sich vorwärts hinter dem Vordermanne her durch Kot und Schlamm. Der Regen hält bereits eine ganze Woche an und nun ist es Mitternacht. Der dichte Nebel legt sich würgend um Kopf und Kehle. Die Nacht ist schwarz wie ein Meer von Tinte, und die Dörstein, die du am Wkgerande ahnst, schlafen ihren tiefsten Schlaf. Nirgendwo ein Licht, nirgendwo eine Stimme, kein Sternlein am Himmel blinkt ... In dieser Totenstille nur der eine monotone Takt der schweren Tritte durch Kot und Schlamm. Zu Hause ist wohl noch alles hell beleuchtet und voller Leben, man möchte laut aufschluchzen, wenn man daran denkt. Dort brennen die großen Bogenlampen, und die Kaffeehäuser sind überfüllt von satten, lachenden und aufgeputzten Menschen. Ein Haß entsteht im Herzen, der den ganzen Menschen erfüllt, von dem schweren Kopf bis zu den müden Füßen, die sich nur noch rein mechanisch vorwärts bewegen. Am Ende wäre ja alles eins, wenn nur nicht der Tornister auf dem wunden Rücken so furchtbar drücken würde! Es ist, als trüge man in diesem Kasten das ganze Weltenleid von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durch die schwere finstere Nacht ... Ich sehe zur Seite auf meinen Nebenmann, einen Juden, einen Vierziger, der in dem Momente mit seinem ergrauten Barte wie ein Sechziger aussieht. Ein tiefer Seufzer aus seiner Brust lenkt meine Aufmerksamkeit nach ihm. „Ist dir die Last nicht zu schwer, Alter?" „Was ist zu machen?" Jawohl, was ist zu machen. Nirgends ein Ausblick, eine Aussicht auf Erleichterung und Ruhe. Und plötzlich steigt mir blitzartig ein Gedanke auf. Wie wäre es, wenn ich mir die Last wirklich leichter machte? Es ist soviel Überflüssiges im Tornister drin, so viel Entbehrliches. Eine schreckliche Idee, es steht nach Kriegsrecht die Todesstrafe darauf . . . Allein, die Nacht ist finster und gütig still und wird alles mit einer Decke finsterer Verschwiegenheit umhüllen . . . Was soll ich opfern? In meinem Tornister befinden sich zwei Paar Stiefel, das eine Paar kann ich wohl entbehren. Eine rasche Bewegung, und es merkt es keiner . . . Mein Hintermann stolpert darüber, er sagt aber nichts. Aber leider ist die Wirkung noch gar nicht zu merken, die Last bleibt schwer wie sie war. Was wäre noch zu entbehren? Etwa das Brot? Und dann? Einerlei, es gibt ja wieder neue Ration. Also raus damit! Auch die Brotlaibe liegen im Schlamm, aber die Last wird wie zum Trotze immer noch schwerer. Wie wäre es mit der Decke? Die scheint am schwersten zu wiegen. Aber womit mich bei der Kälte zudccken? Einerlei, sie fliegt im Bogen zu meiner rechten Hand. Jetzt ist eine Erleichterung in der Tat zu verspüren. Ein befreiendes Gefühl dnrchströmt mein ganzes Inneres und ich atme frei auf. Aber nur für einige Minuten. Nach kurzer Weile ist alles wieder wie es war, unerträglich drückend. Was kommt jetzt an die Reihe? Das Brot ist bereits draußen, etwa das zweite Stiefelpaar? Ja, solche Marschstiefel sind unbarmherzig schwer, also raus auch damit! So jetzt ist die Sache doch ganz anders. Jetzt könnte ich sogar schon aufrecht marschieren, wäre nicht der Gurt mit der verfluchten Patronentasche, die mir den Leib so furchtbar zusammenschnüren ... Etwa auch diese opfern? Ein Verbrechen, das mit dem Tode geahndet würde. . . Verrätertod! Nein, es gibt noch andere überflüssige Dinge im Tornister, eine Schokoladenschachtel, einige Sardinenbüchsen. Konserven. Ich empfinde einen Stich ins Herz bei diesem Gedanken. All' diese Dinge sind von liebender Hand mir zugefteckt worden. Allein, dieser Schmerz im Rücken und am Hals! . . . Werfe ich diese Zeichen der Liebe von mir, so bin deren nicht wert, so verdiente ich den Tod. Den Tod wohl, aber solche Leiden, wie ich sie jetzt ertragen, doch nicht . . Also! . . . Nun ist mein Tornister bald ganz leer. Verzeihe teuere Mutter, vergib liebe Schwester und auch d u, die du mir Treue geschworen und meiner warten willst ... Ich weiß, ihr werdet nicht darauf bestehen, daß ich mich von den Zeichen der Liebe erdrücken lasse. . . Es ist mir doch jetzt so wohl... Ich kann schon ganz aufrecht und kramm marschieren, als hätte ich neue Beine bekommen. Aber der Gurt, die Patronen! . . . Sind mir etwa diese teurer als jene Andenken der Liebe?... Auch die Patronen liegen bald im Schlamm .. . Neue Hoffnung schleicht sich ins Herz. Wenn man gehen kann, kommt man weiter. Und wenn man weiter kommt, gelangt man auch ans Ziel. . . Dann gibt es gewiß Essen, Schlafen, Rauchen... Der Regen läßt mählich nach. Und als ich im ersten Morgengrauen mich, in meiner Umgebung umsehe, gewahre ich zu meinem Entsetzen — oder zu meiner Freude —, daß all die Kameraden es gleich mir getan hatten. Keiner pricht davon, es traut keiner dem anderen, aber eder hatte den gleichen Gedanken, und vollführte unter der Hülle der schwarzen Nacht die gleiche Tat . . . Alle Tornister sehen ganz zusammengeschrumpft aus und zeugen von innerer Leere, die Gurte sitzen lose um den Leib und die Patronentaschen pendeln leicht wie Kinderspiel- Und Plötzlich steigt mir der entsetzliche Gedanke auf: „Mensch, wie wird es dir ergehen? Du bist Zugführer und verantwortlich für sie alle." Und mitten drin ein Befehl, wie, eine, Himmelsbotschaft:;>; rr „Stillgestanden!" ~ . Und gleich darauf: „Hinlegen zum AuSruhen!" Die ganze Kompagnie streckt sich auf einmal zur Erde, wie eine Baumreihr, die mit einem Axthieb zu Boden fällt. Und nun ein zweiter Befehl, wie aus der tiefen brennenden Hölle: „Visitation!" Wehe, wehe! Das Ende der Welt naht. Der Feldwebel mit seinem riesigen Schnauzbart starrt nach den auf dem Boden liegenden Tornistern und seine Augen weiten sich zu blutunterlaufenen Kugeln, aus denen Blitze zünden. Dann dröhnt ein Schrei wie ein Nachtsturm durch das Lager: „Ihr Diebesgesindel, elende Landesverräter! Ich werde es euch schon zeigen. Sofort Tornister öffnen!" Die Tornister werden geöffnet. Kein einziger in Ordnung. Das Wichtigste fehlt. Der Hetdwebel wütet wie ein feuerspüender Berg. Zuletzt' wendet er sich mir zu: „Auch dein Gesindel ist mit dabei. Nach einer Stunde meldest du deinen ganzen Zug beim Herrn Major, verrftanden?-" Ob ich verstanden habe! Nur eines verstand ich in dem Momente, nämlich, daß es einen großen Gott im Himmel gibt, der die Augen dieses Soldaten geblendet hat, daß er meinen eigenen Tornister nicht sah. Aber nun steht der Ergrimmte schon vor einem anderen Tornister und revidiert mit prüfendem Auge dessen Inhalt. Was war das? Dieser eine Tornister vollkommen in Ordnung, ganz nach Vorschrift, ohne daß das Geringste fehlt! Inhaber dieses einzigen vorschriftsmäßigen Tornister ist der alte Jude, der die Nacht ächzend an meiner Seite ging. Der Feldwebel sieht abwechselnd nach dem Ranzen und dessen Inhaber und donnert zu den anderen gewendet: „Seht, ihr Halunken, Banditen. Dieser hüstelnde Alte konnte die Last nach Vorschrift tragen, und thr Gesindel! . . Do hält der Feldwebel mitten im Satze inne. Sein Blick fällt auf ein gefülltes Säckchen, das nicht dazu gehörte. „Was hast du darin?" fragt er so nebenher. Der Alte schweigt. „Was das ist, möchte ich wissen!" Der Alte hustet dumpf und speit nach hinten aus, räuspert sich und starrt verlegen in die Ferne. „Nichts", spricht er dann mit gemachter Ruhe. „Etwas Erde." „Aufmachen!" Und als der Soldat aufmacht, ist wirklich Erde, trockene gelbe Erde darin. „Was willst du mit dieser Erde?" fragt der Feldwebel, „Antwort!" Der Alte hustet wiederholt und stottert verlegen: „Erde, nur ein wenig Erde!" Jetzt reißt dem Feldwebel der Geduldfaden. Er sieht prüfend ins Gesicht des Alten und ein Verdacht steigt in ihm auf. „Haha, du alter Betrüger, jetzt verstehe ich. Wir durchblickerl deine List. Du willst dich mit Gewalt krank machen, um in ärztliche Behandlung, ins Lazarett, zu gelangen. Wir kennen euch Drückeberger! . . . Hast noch mehr von diesen Dingen? Heraus mit allem, was drin ist!" Der Alte legt den ganzen Inhalt des Tornisters auf den Boden. Aber außer dem Säckchen Erde ist nichts Auffälliges darin enthalten. Da der Feldwebel nicht mehr weiß, was er mit der Sache anfangen soll, schließt er, schon in halbgedämpften Zorn: „Auch du kommst zur Meldung, verrftanden?!" Nach kurzer Weile steht der Major selbst vor uns und der Feldwebel erstattet ihm Rapport über den unerhörten Skandal. Alle, alle ohne Ausnahme seien sie Halunken, Erzfaulenzer, nur dieser eine Alte, der Teufel könne in seine Gedanken hineinschauen, habe mit seiner Last noch nicht genug und habe sie noch außerdem mit einem Säckchen Erde vermehrt, das er mit sich

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