Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1921)
- Date
- 1921-11-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seile 10 Nr. 46 herutt«trage, etwa fünf Pfuno schwer. Das könne nur den Zweck haben, sich gewaltsam krank zu machen, um sich so dem Kriegsdienste zu entziehen. Der Major ist ein ruhiger Manner wird aufmerksam und nachdenklich. „Was hast du im Säckchen? Welche Bewandnis hat es mit dieser gelben trocknen Erde?" Des Majors freundliche Worte ermutigen den Alten, er hustet einige Male schwer und bringt dann heraus: „Euer Wohlgeboren zu melden, es ist ein Erbstück von meinen Vätern." Die ganze Kompagnie lacht unwillkürlich, zum Entsetzen des Feldwebels, laut auf. Der Major nimmt von dieser Respektlosigkeit gar keine Notiz und bittet: „Also weiter, Alter, die Erde ist ein Erbstück . . ." „Ja", hüstelt der Soldat, „es ist Erde aus Palästina. Es ist so üblich bei uns Juden, ein religiöser Brauch . . . Wenn jemand stirbt hier auf fremdem Boden, bekommt er die heilige Erde vom Lande Israels ins Grab gestreut.. Ein Hustenanfall, der minutenlang dauert und mit einem Blutauswurf endet, hindert den Alten am weiteren Reden. Der Major erdlaßt zusehends und über sein Gesicht huscht wie ein Schein von Liebe und Erbarmen. Dem Eindruck dieser Heldentat auf den Major haben wir es zu verdanken, daß die Sache für uns, die „Schuldigen" weiter keine Folgen hat. Was wurde aus dem Alten? Ec kam ins Lazarett und wir sahen ihn nicht mehr. Das GM. (inte "Allegorie nach alten Quellen aus dem hebräischen Bon H. D. Romberg. Fn grenzenlosen Fernen, in unendlichen Weilen fliegt der Engel. lieber Die Mafien Viele Tage scheu> zieht er so datnn ahne Unterlaß, ahne Rast. Bei jeder Sonne, an der er porüberkommt, bei jedem Stern, den er trifft, bei jedem durch das Weltall irrenden .Kometen, dem er begegnet, tzälr er an: .Saget nur dach, ich bitte euch, iemiM!)r nicht die litte:' vmbt ihr sie nicht gejepen?" sobald er eia „Nein" berniinnrt, breitet er feilte Finge! ans nnd flieg! unverzüglich weiter. Schade lim jede Sekunde, mn jeden Augenblick, der dabingeßt, otzue itzn seinem Fiele näi>e''zubringen. Par langer, langer Feit härte der Engel im Hiininei von der Mühsal und dem .Lummer der geplagten "Menschenkinder. die ans (irden find, raut ihre!» schmerzensreichen, fargenschlveren Leben, pan ihren Seufzern und Tränen. Ta entbrannte sein Herz in heißem MMeid. Laut weinend sank er vor dem Throne Wolles nieder und bat flehentlich, Wolt invge ihm das Wliiii in die Hand legen, auf daß er es den unglücklichen Menschenkindern auf Erden bringen Uralt Härte auf die Stimme des initieidigen Engels, legte ihm das Wittel tu die .Land nnd sprach: „Weh' hin und bringe den Menfehenkindern das WIM." R'vch an demselben Tage verließ der Engel den siebenten Himmel. __ Seitdem flog er dahin zwischen der ^omio, den Sternen nnd den .Lvmelen und forschte und inchle nach der Erd«', doch bis jetzt ganz vergeblich. Tattseitde Volt Fahren schwanden dahin, an Fehnlniisendeii von Westitnen kam er vorüber, aber keines kennt die Erde, keines wußte etwas von ihr nnd ihren unglücklichen Bewotznern. Manche Träne rollte aus den Augen des Engels. Ach, lver Hum;, ob seine raschen Flügel ihn nicht uucti meht von der Erde entfernten? Tv'ch nicht ob setner unsäglichen Anstrengung, nicht ob seiner inianfhärlichen Unrast, nicht deswegen, iveil er nicht wußte. ob er sich seinem Fiele näherte, loeite er, sondern einzig und allein ans "Angst nnd Sorge tun die unglücklichen Menschenkinder, die nach dem Wlücke schmachteten nnd dürsteten, das er, der Engel, iu seiner Rechten .Sagt mir doch, ich bitte euch: .s;eintl ihr nicht die Ende? vuibt ihr sie nicht gesehen? Wißt ihr nichts von den unglücklichen Menschen auf ihr?" ..Nein," lautete inimer und überall die "Antwort. Und io breitete er wieder die Flügel ans. Seine hehre, erhabene Botschaft verlieh ihm dazu inuner aufs neue Mut und Lraft. Fndefsen er dahinflvg, wurde die Erde alt nnd gewann dann wieder neue Fugend, lieber sie gingen dahin die Menschen, die Wc-schlechter. die Zeiten - unaufhörlich, endlich, in steten, Wechsel nnd Wandel. Nur gleich blieb üch die Klage der Erdenkiilder: Der JSraelit 17. November 1921. In dieser Zeit war es, da spähte eilt Sternseher eifrig nach dem Himmel nnd kundschaftete den Weg eines dahinirrenden .Lvmeten ans. Biele Tage nahm er sei» Auge nicht von dem Fernglas fort, das er nnermüdlich aiis die Richtung entstellte, wohin der .Lvmet so eilig zog. Selbst beim Essen und Trinken, ja sogar beim Schlafen vergaß er des Kometen nicht. Tann stellte er seinen jungen Sohn an seine Stelle, NN! nach denk Himmel zic blicken. lind kaum hatte er zn Ende gegesseil ober getrunken, so kehrte er wieder ans seinen Beobachtungspvsten zurück. Tas ärgerte den Kometen fürchterlich. „Was will denn der alte Zauberer dort?" klagte er. „Bin ich denn ein Dieb oder Räuber, daß er fein "Auge nicht von mir wendet?" "Allein der hochbetagte Sternfeher Härte in seinem Tttsi nicht ans. Ter Louct ärgerte sich inlnrer mehr nnd rrtehr -- vor lauter Wrimm und Wut platzte er entzwei. Fn diesem "Augenblick näherte sich ihm der Engel nnd fragte ihn mit seiner zarten stimme voll Erbau,,en nnd Flehen: „Sage mir doch, lieber .Lomet, kennst du nicht die Erde? Hast du sie nicht gesehen? Weißt du nichts von ihren niiglücklichen Menschen?" „Mensche» suchst du ans der Erde?" entgegnete der zornmütige .Lvmet. „Tort findest du nichts als alte Zauberer und junge "Mörder." „Wehe! Tie unglücklichen Menschenkinder!" klagte der Engel. „Rnr infolge des vielen Unglücks und .Lummers herrscht unter ihnen die Sünde. Nicht Nicht doch, lieber Komet. Man darf nicht grollen nnd zürne». Ter Haß ist eine große Sünde . ." Und wie er redete, leuchtete und strahlte das Wlück in seiner Rechten, so daß selbst das Herz des suvueten lieh mit Erbarmen füllte und seine berliocknete, haßerfüllte c-eele sich erweichte nnd zn einer lebenswarmen. gütigen wurde. „Wo ist die Erde?" Ter Lvmet streckt cjit langes, dickes Feuerzepter ans tind zeigte auf die stelle. „Ach, ivie weit hat sich die Erde voin Himmel verirrt!" seufzte der Engel ob des großen Leides, des Lninruers und des Unglücks. Und er flog weiter seines Weges. Fudeffen ereignete sich ans der Erdoberfläche etlvas Neues. Wie der Steritfeher den Lometen beobachtete, da gewahrte er neben ihm den Enget und sah, daß an etlvas anderes glitzerte nnd funkelte. Bor langen Zeiten hatte ein Prophet auf Erden geweisfagt, ein Engel ans den Himmetshöhen werde der Erde sich nahen und den Menschenkindern das WtM bringen. Ta ran denkend, erkannte der Sternseher, daß das, was er sah, eben der verheißene Enge, mitsamt dem Wlücke sei. Rasch eilte die .Lunde hin über die Erde: „Ein Engel kommt! Schon naht sich der Engel und bringt uns das Wliicf." "Allüberall, luu Menschen sich fair den, erschall die Botschaft der Freude. Man forschte, prüfte, berechnete und fand, daß an einem bestinimteii Tage, zu einer Minute, in der nnd der geographischen Höhe und Breite der Engel mit dem Wlück auf der Erde anlaugen werde. "Als der bestjiinnte Tag an brach, strömten die Menschen bau allen vier Enden der Erde, von allen Böllern lind Zungen herbei, hin an den bezeichneten Srl. Sviorl begannen sie, eiitander zn dränge:: und zn stoßen, in die Seite, an die Schulter, denn jeder wollte zuerst an dem rechten Platz seilt, ltm dem Engel ccklsvgleich das Wliirf aus der Hand reißen zu können. Beim Trüngen schimpften sie aufeinander und beim Schnupfen fingen sie an. einander mit den Fäusten zn bearbeiten nnd schließlich mit Messern aufeinander lvszuziehen. Es entstand ein fürchterliches Wewirr und Wetöse. Tas Blut floß wie Wasser. Biele sauten erschlagen oder verwundet zu Boden. Andere, die stärker waren, zertraten die Liegenden mit ihren Füßen. Tas stöhnen der "Niedergeschlagenen und Sterbenden stieg zum Himmel empor. ")Es der Engel von ferne sah, was sich da anbahnte, H'ic sich die Menschenkinder stießen und drängten, rim er unter Anfbietiing ailes seiner Ziräfte mit lauter stimme: „Hallet ein, haltet ein! Mein Wlück reicht für euch alles v Menschen!" .(reiner jedoch achtete darauf. Wanz nahe an die Erde herangekvmmen, sah mm der Engel die Sterbenden, die sich in ihrem Blute wälzten, vernahm er ihr seufzen und Stöhnen, da ihre Seele von ihnen wich. Tn rann ihn, eine Träne ans den Allgen nnd fiel auf das Wlück in seiner Hand. Seit diesem Tage haftet ein Flecken aus dem Hiau^aben und glitzernden Wlück. Er rührt von der Träne des Engels her, die darauf gefallen ist. Stets ist nun ein Tropfen .Lummer für immer beigemischt jeder Freude nnd , Lust. (Neue Ausgrabungen in Palästina). Die Ausgrabungen der Universität von Philadelphia zu Beisan (dem alten Beth-San oder Beth-Sean) am Südostrand der Ebene Jesreel in Palästina, nicht weit vom Jordan, haben bereits intet essante Resultate ergeben. Sehr schöne Mosaiken, auch ein Kandelaber aus einer byzantinischen Kirche, wurden gefunden. Ferner kam aus älteren Schichten ein ägyptischer Granitblock mit einer Kartusche zu Tage, deren Inschrift noch nicht entziffert werden konnte. (Noch etwas vom Hakenkreuz). Tas Hake r, kreuz wird schon 1866 von E. Rapp, Bonn, in seiner Schrift „Labarum und Sonnevkultus" mit dem Ausdruck „Phünizischer Than" bezeichnet und ist von dcn Phöniziern auf Münzen und Baien angebracht worden. Vgl.: R. Rosette, croix ansee Pl. IX, f. 8 u. 9, IVlem.! äe l'^cackemie p. 285-293, ferner Allegransee Sacr. monum. antic. Pl. IV, VI,. p. 54). Ferner ist das Hakenkreuz aus allen Münzen der erst vhönizischen und später jüdischen Stadt Gaza in Palästina teilweise in prachtvoller Form zu scheu. Anscheinend ist das Haken, kreuz als Sonnensymbol, als das es auch in Numism. Chron. IV, S XX (London 1880), angesehen wird, von den Phöniziern cbenso wie die Buchstabenschrift, die in Runen umgeändert wurde, und desgleichen gleichzeitig mit dem Bernsteinhandel den nördifchen Völkern zugegangen und hat dort eine weitere symbolische Veränderung erfahren. Ainderecke» Aus der lalmudischen Weisheit. (Nach der Fassung im Büchlein „Talmudische Weisheit" von CH. Bloch, „Das Leben", Wien). Reden und Schweigen. Der römische Kaiser Hadrian hatte zwei Ratgebe die in einen eigentümlichen Streit gerieten. Der ein von ihnen rühmte das Reden als kostbarstes Ding au Erden, der andere hingegen behauptete, daß das Schweigen das Teuerste auf der Welt sei. Die Sache kam vor den Kaiser und er fordert jeden auf, zu beweisen, daß seine Behauptung die richtige sei. Der eine sprach: „Mein Herr und Kaiser, könnte die Welt ohne das Reden bestehen? Wie würden die Menschen sich verständigen und wie würde ich meinem Kaiser huldigen?" Wie aber der Zweite anhob. seine Behauptung zu begründen, legte ihm der Gegner die Hand auf den Mund und ließ ihn nicht zu Worte kommen. Erregt rief der Kaiser: „Warum verhinderst du ihn am Reden? " Dieser darauf: „Ich habe durch das Wort den Vorzug des Redens über das Schweigen bewiesen. — Mein Genosse aber will sich der von mir gepriesenen Rede bedienen, um die Köstlichkeit des Schweigens zu beweisen, daher will ich ihn nicht zu Worte kommen lassen". Guter Wein in tönernem Gcfäst. Rabbi Jehoschua ben Chananjah war am Hofe des Kaisers wegen seiner Weisheit hoch angesehen, aber seine Gestalt sah sehr häßlich aus. Als des Kaisers Tochter eines Tages feiner ansichtig wurde, da rief sie aus : „So ein garstiges Gefäß für solch große Weisheit!" Rabbi Jehoschua aber stellte sich so. als hätten ihn diese Worte nicht getroffen, ließ sich mit der Fürstin in ein längeres Gespräch ein und als er merkte, daß sie die Beleidigung bereits vergessen hatte, richtete er an sie folgende Frage: „In welchen Gefäßen wird bei euch der Wein gehalten?" „In Gefäßen von Ton", erwiderte die Fürstin. „Gesäße vvn Ton, bei euch?" fragt Rabbi Jehoschua, „das tun doch alle Leute,- ich wähnte, beim Kaiser sollte der Wein in silbernen oder goldenen Gesäßen sein". „Du hast wahrlich rech:", sprach die Fürstin und gab den Befehl, daß man den Wein in silberne und goldene Gesäße geben solle. Es dauerte nicht lange, wurde der Wein sauer. Der Kaiser erkundigte sich, aus wessen Veranlassung der Wein in die silbernen Gefäße gegeben worden war. Er ließ den Rabbi kommen und redete gar böse: „Welch' schlechten R»t hast du meiner Tochter erteilt? Lag es in deiner Absicht, meinen Wein zu ver derben?" Rabbi Jehoschua aber erwiderte gelassen: „Eure Tochter, die nur aus Aeußer lichkeiten Wert zu legen scheint, beleidigte mich wegen meiner häßlichen Gestalt und rief mir zu: So ein garstiges Gefäß für solch große.Weisheit I Ich wollte ihr daher einen Beweis liefern, daß man sich von äußerlicher Schönheit nicht beirren lassen darf und daß die Weisheit gerade im häßlich aussehenden Menschen am besten bewahrt ist".