Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1921)
- Date
- 1921-11-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450138-2450182--69345-2526513- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
17. November 1921. Der JSraelit. Nr. 4«. Seite 3 vergl. Lev. 22, 4.-7." Also außer den Worten „von der Stunde an" alles falsch, soviel Worte, soviel Fehler. Denn die Priester „versammeln" sich nicht, sondern diejenigen, die levitisch unrein waren und nun vor der Stadt das Tauchbad genommen haben, gehen in die Stadt, um da nach Sonnenuntergang, da sie rein sind, ihre Teruma, die nur in Reinheit gegessen werden darf, nicht die Opfergabe, zu essen, sondern die Naturalabgabe an Korn, Wein und Oel, die ihnen als Ersatz für ihren Nichtanteil an Landbesitz, gegeben werden muß. Opfergaben dürfen nur in Jerusalem verzehrt werden, hier ist aber vom ganzen Lande die Rede. Wahrlich, solche Fehler sind kein Beweis für die Fähigkeit, eine Talmudübersetzung zu liefern. Um nur noch aus den vielen einige wenige Stellen anzuführen, die von dem geringen Verständnis der talmudischen Ausdrucksweise und der Nichtbewältigung des Stoffes zeigen, sei hier nur kurz erwähnt, daß der Verfasser nicht einmal weiß, daß D"rT)"J? im Talmud, wenn es auf die Zeit nach dem Tode zielt, nur das „Paradies", um einen geläufigen Ausdruck zu gebrauchen, bedeutet, nicht aber Paradies und Hölle. Man vgl. S. 14, Anm. 2. — S. 23 nrriDn heißt nicht Alleinherrschaft. — S. 40 Geistvoll ist die Bemerkung, daß nicht das Aufstehen den Tag und das Schlafen nicht die Nacht ausmache, wohl ein ganz überraschender Gedanke, der bisher noch keinem menschlichen Hirn entsprungen ist. Wenn der.Verfasser nur gewußt hätte, um was es sich in der betreffenden Stelle im Talmud handelt, so hätte er sich und der Welt seine Weisheit sparen können. Da in der Schrift die Zeitangabe des Schmalesens mit "plpLI nicht mit Tag und Nacht, angegeben ist, so hat sich daraus die Frage ergeben, ob ersteres bedeute, die Zeit, da man sich legt, also am Abend, oder die Zeit, da man liegt, also die ganze Nacht und ebenso das zweite, ob früh morgens oder die Zeit bis zu der Stunde, da alle Leute aufgestanden sind. Also wieder Mangel an Verständnis. — Interessant ist S. 39 seine Uebersetzung von "ON „keusch auch sonst", während es eine Euphemie für ehelichen Umgang ist. Dies nur einige Proben aus mindestens 25 Belegen, die ich auf ungefähr 60 Seiten, weil ich nur so viele gelesen habe, gesammelt habe, ein ganz ansehnlicher Prozentsatz. Ein mangelndes Verständnis zeigt sich auch darin, daß der Verfasser an manchen Stellen z. B. S. 10 und 12 die Zusammenhänge durch Weglassung der Konjunktion zerreißt und aus einer Begründung im engsten Zusammenhang mit dem vorhergehenden Latz einen selbständigen Satz macht, was dem Leser nur Verlegenheit bereiten kann. Was das gute Deutsch betrifft, d-is weilt n Kreisen den Tailnud „zugänglich und verständlich machen soll", möge folgende Schriftprobe beweisen: „Wenn einer es im Gesetze liest und es gerade Zeit ist, es aufzusagen (!) und er denkt daran, so ist er seiner Pflicht ledig." S. 65. Wer aus den weiten Kreisen, die sich nicht aus dem Talmud selbst belehren können, versteht dieses Kauderwelsch? Nun noch einige kurze Bemerkungen über de Anmerkungen, die der Verfasser der Uebersetzung beifügt. Der Verfasser gibt den Lokalnachweis über die Bibelziiat'', auch hie und da Angabm über die erwähnten Rabbinen. G.rz schön. Aber nun begegnet uns das Merkwürdige, daß zu den Blbelstellen, die im Text angeführt werden, der Verfasser sein „Einschub" oder „verderbter Text" usw., also die Ergebnisse seiner Bibelkritik oder derjenigen Anderer hin^ufügl. Mag er soviel Bibelkrik üben, wie er will, aber, was geht diese Kritik die alten Lehrer des Talmud an? Sie zitieren natürlich nach der Vorlage der B bei, die noch immer als die offizielle gilt, was will also der Verfasser von der Bibelkritik, die doch wahrlich in eine Uebersetzung des Talmud nicht hineinpaßt? Es ließe sich nun noch gar viel über die unter dem Strich haufinden Anmerkungen sagen, über die Willkürltchketten, die sich hier breit machen, über den Mangel an Verständnis und an Sachkenntnis, wie, um nur eins herauszugreifen, die lachenerregende Erklärung des P2 TfO’} die auf die dunkelblauen Streifen am Tallis Hinweis! — etwas, was zur Zeit der Mischna noch garnicht existiert hat — allein dies alles würde zu weit führen und müßte einer ausführlichen Behandlung in einem Fachblatte überlassen bleiben. Es sei vorläufig genug. Was von derUekersetzungskunst des Herrn Schlögl fernerhin zu erwarten ist, zumal wenn die schwierigen von Diskussionen ausgefüllten Partieen des Talmud an die Reihe kommen, ist nicht schwer vorauszusagen. Sie kann nur verwirren und den Talmud in einer verzerrten Gestalt der Wtlt zeigen und somit falsche Vorstellungen über leinen Inhalt bewirken. Oder sollte dies der Zweck sein? Dann hätten die, welche gerade in der Jetztzeit ein Interesse an der Herausgabe einer solchen Uekecsetzung haben, in Herrn Schlögl, der vermöge seiner Unkenntnis auf dem Gebiete des Talmud mit dem besten Willrn nichts anderes als eine fehlerhafte Uebersetzung der Welt ö'eten kann, den richtigen Mann gefunden. Corrcspondenzcn u. Nachrichten. Deutsches Reich. 7agung 9er israelififcften Lan9esfuno9e öa96N8- Karlsruhe, 9. Nov. In Karlsruhe begann am Sonntag mittag 12 Uhr im Sitzungssaale des Badischen Landtages die Tagung der israelitischen Synode. Es waren 26 Abgeordnete erschienen. Am Regierungstisch waren der Vorsitzende des Oberrats Dr. Martin Strau s-Karlsruhedie weltlichen Mitglieder des Oberrats Max Ettlinger- Karisruhe, Max Gold schmid t-Mannheim, Dr. Kaufmann-Heidelberg, Dr. Loewy- Frerburg, Hugo Marx-Karlsruhe, Dr. Moses- Manrheim, Dr. Pfälzer-Weinhetm; die geistlichen Mitglieder des Oberrates Rabbiner D r. Loewenftein-Mosbach, Rabbiner Dr. Mayer- Bühl und Rabbiner Dr. Zimels-Freiburg- sowie die Hilfsarbeiter des Oberratcs Frl. Dr. Elsas und Dr. Hasgall. Der Vorsitzende des Oberrates Dr. Straus eröffnete die Sitzung mit verschiedenen Mitteilungen über die nach in Vorbereitung befindlichen Arbeiten des Verfassungsausschusfes. Um die Geschäfte nicht wieder längere Zeit ohne Mittel führen zu müssen, wurde die Synode einberufkn zur Beschließung über das Budget vom 1. April 1921 bis 31. März 1923, wozu die noch in gründlicher Beratung vorbereiteten Vorlagen über die durch die Teuerung notwendig gewordenen Aenderungen der Gehälter der Rabbiner, sowie der Lehrer und Kantoren und über die Ruhegehaltsfrage kommen. Die Vorlagen machen eine Erhöhung des Sleuerfußes um beinahe das Doppelte nötig. Seit der Aufstellung ist eine weitere Geldentwertung eingetretender Oberrat ist bei Zustimmung der Synode bereit, diese hierdurch eingetrctene weitere Teuerung bei den Sätzen noch weiterhin zu berücksichtigen. Der Obwat hofft, daß sich dieSyncde von den Interessen der Gemeinschaft letten läßt. Unter Leitung des Alterspräsidenten Gustav Dreyfuß-Gernsbach wird hierauf die Wahl des Präsidiums vorgenommen. Durch Zuruf wird der Präsident der letzten Synode Dr. Kleines Feuilleton. biblische Argeschichte der sozialen Freiheit. Von Rabbiner B. Cohen in Heilbronn, l. 1. B. M. 4, 26. „Auch dem Seih wurde ein Sohn geboren und er nannte seinen Namen Enoschdamals fing man an, im Namen Gottes zu rufen." Der Satz enthält zwei Schwierigkeiten. Die erste von diesen ist wenig bemerkt worden. Sie besteht darin, daß der Name eigentlich nichts anderes als »Mensch" heißt, sich also genau genommen, nicht zum Personennamen eignet. Die zweite Schwierigkeit liegt dorin, daß die im Ende des Satzes erwähnte „Annrfung Gottes" eigentlich nicht erst „erfunden" worden sein sollte. Unsere Weisen erklären letzteres anders. Sie sagen: Damals fing man an, tote Gegenstände, Bildwerke, Naturgewalten und Naturschönheiten für göttliche Wesen zu Hallen und als solche anzurufen, sehnlich möchte ich die erste Hälfte des Verses erklären. Seth lebte als Oberhaupt seiner, der damals einzigen Menschensamilie. Er nannte seinen Sohn Enosch, den Menschen, als seien die Söhne der Anderen niedere Wesen, nicht Menschen. Die Römer halten einen ähnlichen Brauch. Sie nannten nur die Kinder der Freien Üben, Kinder oder Freiedie übrigen hießen servitia, „Dienstschaften", eine abstrakte Bezeichnung, als seien sie tote Gegenstände. Da nun der König jener Menschen seinen Sohn als „den" Menschen (Enosch) bezetchnete, so kam als Gegenwirkung aus dem Herzen des gepreßten und unterdrückten Volkes der Wahn, dasjenige Bild, das ein Jeder sich von Gott im Herzen macht, sei Golt, das Werk seiner eigenen Hände und seines Kunstsinns fei Gott. Was seiner Sklaverei.Mußestunden erträglich gemacht, was von Menschlichem ihn bewegt hatte, Haß, Liebe, Tod, Schlaf, Wald, Wetter, seien Götter. So ist der Gedanke der Einzigkeit Gottes verloren gegangen, weil Menschenwürde und Gleichheit verloren war. Der Sohn des Königs war „der" Mensch - darum waren die Werke des Menschen Götter geworden. II. Die Nefilim waren in jenen Togen auf der Erde und auch nachher, als die Söhne der Mächtigen zu den Menschentöchtern gekommen waren und von ihnen Kinder hattendas sind die Gewaltmenschen, die von jeher Männer des Namens waren. Der Schluß des Satzes klingt, als ob er eine Antwort sein sollte auf die Frage: Woher kommt es, daß menschliche Wesen auf Erden ihre Herrschermacht durch Gewalt begründen können und das Recht Anderer beeinträchtigen und mißachten? Die Thora antwortet: Das waren auch nicht Menschen, sondern „höhere Wesen". Die waren Nefilim (nasal), aus ihrer Höhe gefallen, indem sie sich Frauen genommen hatten „von allem, was sie wählten", also die ersten besten. „Ach, da wurden Götter selbst zu Menschen, ließen sich sehr herab — zum Vieh", sagt Schiller. Und es ist eine alte Weisheit: Wenn die Hohen leutselig werden, dann gehen sie nicht zum werktätigen Volke, sondern zu den ersten besten Nichtstuern und Nichtstuerinnen. Und was steckt hinter all* dieser Popularitätshascheret? Nichts als rücksichtsloseste Des. potte, Bedrückung des werktätigen Standes. Hema hageborim, ihr eigentliches Sein ist Gewaltascher meolam ansche haschem, Menschen waren sie immer nur ihrem Rufe und Namen nach. III. (11, 1—9). „Die ganze Erde war eine Sprache und einerlei Worte. Es war, als sie von Osten fortgezogen, da fanden sie eine Ebene im Lande Stnar und wohnten dort. Da sprachen sie zueinander: Wohlan, wir wollen Ziegel machen und zu einem Brande brennen, und es wurde ihnen der Ziegel zum Stein rttid der Lehm ward ihnen zum Mörtel. Da sprachen sie: Wohlan, wir wollen uns eine Stadt bauen und einen Turm und seine Spitze im Himmel, und wollen uns einen Namen machensonst zerstreuen wir uns über die ganze Eide." Was war hieran die Sünde? Auch hier ist ein Gewaltherrscher im Spiele - unsere Weisen sagen, esset Nimrod gewesen, der gewaltige Jäger, der die Menschen fing und beredete, er sei Gott. Oben auf dem Ararat, hätten Steine schnell zur Stelle, die Stadt bald erbaut sein können. Aber dann wäre seine Herrschsucht nicht befriedigt worden. Die geplagte Menschheit hätte sich bald ihres Erfolges erfreut und jeder wäre nach getaner Frohnarbeit zu seinem Weinstock und zu seinem Feigenbäume hetmgekehrt. Das war aber nichts für die Helden des Namens. In der steinlosen Ebene des Strömelandes mußte die Stadt errichtet, jeder Ziegel erst geformt, jeder Mörtel erst geknetet werden. In den Himmel ragen mußte der Bau- Jahrzehnte, Generationen sollten an ihm schaffen. Wozu? Um den Himmel zu stürmen? Nein, — damit wir uns eirren Namen machen und damit wir alle Menschheit als Sklaven beieinander halten. Gott stieg herab und verwirrte ihre Sprachen. Jede