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Der Israelit · 1921-11-10 · Heft 45 (10.11.1921) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 45 (10.11.1921)
Date
1921-11-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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10. I931. Seelenfang Seelenfang. Uns liegt ein Brief vor/ der Bände spricht und den wir zur Warnung an alle jüdische Haus frauen, die gar zu leichtfertig bei dem Engagement von Hausangestellten Vorgehen, hier wörtlich abdrucken.' Eine jüdische Frau suchte mit einer Annonce in einer Tageszeitung ein Mädchen, am liebsten Sabbatianerin, und erhielt von einer Stelle in Frankfurt a. M., die in der Jnserentin eine Angehörige dieser christlich religiösen Sekte vermutete, folgendes Schreiben: „Meine liebe Schwester im Herrn! Habe Deine Annonee gelesen, ich will Dir in Kürze altes nnterbreiteg., Ich selbst war in Stellung bei streng srornmen.IjNM.'» als Pflegerin, dort in ber Stellung war ein' Hausmädchen ebenfalls streng fromm (Orthodvre Jüdin) und dieselbe ist nun zur Wahrheit getvminen, sie soll in 4 Wochen getauft werden. Dieselbe ist 21 Jahre, also volljährig, trotzdem sind chie Eltern nnd alle Angehörigen ihr ans den Fersen. Lie wird hier bei Geschwistern versteckt gehalten, bis sie Stellung hat. Das Beste wäre, sie ging nach auswärts, darum, ich las die Offerte nnd dachte, das ivüre etwas. Sie war stets in jahrelangen Stellungen, hat prima Zeugnisse, kann perfekt kochen. Da sie nun erst wenig gegründet ist, so ist die Hauptsache v o n all e m, das; sich fromme und gntbibell'.mbige «Geschwister ihrer ganz annehmen, damit diese sronnnen Inden sie nicht wieder znm Judentum bekehren. Es ist eine gefährliche Sache, so jemand, der noch schwach ans seinen Füßen steht, direkt zu frommen Inden zu schicken, wie gesagt, es ginge nur zu machen, lnenä v f l i ch t g e t r e ne, verantwortungsvolle Geschwister ihre Allgen aushalteir und sie treu mit Liebe überwachen. " Wir habe» hier das junge Alüdchen mit der zärtlichsten Liebe behandelt und beschützt, dasselbe iiittß sie auch dort finden, in der Fremde. Sie müßte gleich von liebevollen Geschwistern am Bahnhof in Empfang genommen werden nnd stets ihrer ganz angenonrmen, das meint, sie soll dort jemand haben, ivo sie in ihrer freien Zeit hinschlüpfen kann!" Es folgen die Bedingungen, unter denen das Mädchen die Stelle anzunehmen gewillt sei und die genaue Adresse der Briefschreiberin, die wir Interessenten mitzutetlen bereit sind. Wir möchten dem nur das eine warnende Wort beifügen: Jüdische Haushaltungen, seid vorsichtig bei Anstellung von Mädchen aus diesen Kreism! Es geht um die Seele euerer anderen jüdischen Hausangestellten, um die Seele euerer eigenen jungen Ktnder! »Das Lied vom landfremden Jaden..." Ueber die deutschvölkische Judenhetze, speziell über die Legende von der Schuld der Juden an Deutschlands Zusammenbruch, schreibt Maximilian Harden in der „Zukunft": „In mancher Erstanfsührnng würben Sie der; Ich gestatte mir folgenden Vorschlag, der alle Schwierigkeiten lösen würde. Wir haben jttpn m nicht mit „kleiner Sohn", sondern einfach mit „Enkel" zu übersetzen. Wir haben im Französischen ein Analogon dafür, dort heißt „Enkel" auch „petit-f.ils". Dadurch entsteht volle Klarheit: Er (Noach) erkannte, was ihm sein Enkel (Kenaan) getan. Vielleicht könnte in den Uebersetzungen in Zukunft das „kleiner Sohn" durch „Enkel" ersetzt werden. Dr. M. Weinberg, Aeuniarkt, Opf. kleines Feuilleton. Reue Motive aus alten Schuften. (Etwas Koheleth für den Minier.) Die blinden Bettier. An der Straßenecke stand eine Gruppe blinder Bettler. Ein Spaßvogel wollte sie zum Besten haben und er sprach und tat so, als würde er dem einen oder dem anderen eine Gabe in die Hanh, hrückcv, Du nun. jeder dachte, der Andere habe wuK./beHvim?y>. sich Neid und Eifersucht unter deN'^Bttnoen,7He-.rbäld^ 6u Zank und Streit führten. Es dauerte lange, bis" die Sache geklärt wurde und sie zur Ueberzeugung gelangten, daß keiner vor dem anderen etwas voraus hatte, daß sie vielmehr alle mit leeren Händen ausgingen. Menschen neiden, Menschen streiten, Menschen schielen gern nach fremden Taschen und Tischen, in und ' Der-JSraelir. Statistik nicht glauben, daß unter je hnndertzehn Bewohnern Deutschlands nur ein Jude ist. Aber der Haß jutb die Hakenkrenzerei von hellte ist nickst von der stippe bewirkt worden, die sich dort im Frack- Hemd brüstet oder am Lürustrog Dialnanten und Perlen ansftellt. Die ist gar nicht unbeliebt: lind,, als Ganzes genommen, viel kleiner als das Gekribbel reinblntig deutscher Emporlömnltingeaus der Zeit von Krieg, Niederlage und Stantsumsturz. . Israel war diesmal durchaus nicht der Tickberdienec, nach den: Zusammenbruch nicht der Hauptnepper: icud unter den Verarmten finden Lie mehr Juden als unter den Ronveaur Riches. Allem, was Intelligenz nicht zu festlich erhöhtem Tarif von Tag zu Tag umsetzen kainl, gehts schlecht. Wer Ware, Korn, Blusen, Milch, Ltrümpse, Leder, Papier, Kabeljau, Leinwand hatte, war, einerlei, welcher Nasse, schön.heraus. Jede Jndenhrtze kommt ans dem Wunsch, für sch:uerzen des Unglück Andere, Artfremde verantwortlich 5» machen. Dieser Wunsch heizte die Wlit der Vvin Nmstlirz der Staatsform Geschädigten. Tie vaar Baroergrnndsenliteii im Bolschewismus (denen die Masse der Inden erzfeindlich ist), dann bei uns Frau Lnrembnrg, Eisner, Hanfe, Cohn, Lebst Landauer und Ge. nofsen: daraus ließ sich Allerlei machen. .s{einer von chnen hat irgendwie wesentlich zu der Soldatennnd Matrvsenmenterei borgewirkt, deren erster kurzer Ateinstnrm zwei Tntzend Dynastien wegblies. lieber Menscheiikraft hinaus verlängerter Krieg, Heer nnd Volk todmüde nnd schleclstgeiiührt, jeder nnbegnen: Störrige an die Front abgescbvben, nach dein Platzen der K onserven lüge vom sicher nahen Endsieg die ^Niederlage dicht vorm Auge: der rote Noveniber lvar das natürlichste Gewächs. Doch höher klang und liefer drang das Lied von den landfremden Jude», die arglosen Gerinanen die angestammten Fürste!: raubten." Das ist nicht neu, aber schön gesagt! Zeichen der Zeit. Kin Wort zur Knischeidung über Hberschtesien. Vorüber Feftesstimmung und verwelkt des Festes Strauß) dem Alltag heißt es wieder gerecht zu werden. Und da tritt manches vor unser Auge, was während dieser Periode stiller Beschaulichkeit uns nicht so recht ins Bewußtsein treten sollte und konnte. War doch vorher die ganze Welt, nicht nur Deutschland und Polen, in atemloser Spannung, wie der Völkerbund, zum ersten Mal seit der Zeit seines Bestehens, zum erstell Mal seit geschichtlichem Denken zum Richter berufen, entscheiden würde. Die Entscheidung ist gefallen) sie nach ihrer politischen Bedeutung zu werten, ist nicht Aufgabe dieser Blätter. Es dürfte hüben und drüben Enttäuschung geben, die sich früher oder später in geschichtlichen Wandlungen auswirken wird. Aber wenn gutgläubige Menschen gerade mit ethischen Dithyramben den Völkerbund begrüßt haben, so dürfte ihnen einiges Nachdenken empfohlen sein. Seit dem vermessenen Spruch Moltkes, welcher dem Allmächtigen seine Stellung auf Seite der stärkeren Bataillone zuwies, ist Nr. 45. Sette S es so allmählich gang und gäbe geworden, ein mittelbares, geschweige denn ein unmittelbares Walten einer höheren Macht aus dem Gang des Geschehens auszuschalten. Da kam der Völkerbund und auf ihn setzte man neue Hoffnung, daß er, unbeeinflußt von jeder politischen Nebenabsicht, nur die Gerechtigkeit im absolutem Sinne des Wortes, nur der von der Welt so feierlich proklamierten Idee der Befreiung der Völker ohne jede Rücksicht auf wirtschaftliche Jdeeugänge dienen würde. Allein, wenn der Ausdruck gestattet ist, es ist dieser Völkerbund wider Willen eine Demonstration der Allmacht des Ewigen, eine sehr deutliche sogar. Nicht als ob wir im Geringsten an dem ehrlichen Willen des Völkerbundes zweifelten, aber Vorsehung spielen, geht eben über seine Kraft. Es ist eben Menschenrecht, das er seiner EntscheidMg.zu,Hxüzide legt und das offenbar zur Wahrung .,)im£‘ zstr's P§rietdtgstng immer wieder Waffen und Vernichtung brauchen wird. Wieso wir gerade jetzt auf diesen Jdeengang verfallen? Nun: in vielen Gemeinden ist es Sitte, am Stmchas Thora-Tag den 147. Psalm zu beten mit dem Akkord, der die Weltgeschichte charakterisiert mit dem Worte: DW ba Es ist eben nicht das absolute, von Gott gegebene Recht, das in den Entscheidungen der Mcllschen lebt. Menschen, vom besten Willen beseelt, aber Menschen, welche die Neberwindung des pK3 D'taSNP l'8 getrost späteren Geschlechtern überlassen. Es ist unser, der Jubelt, Fehler, daß wir selbst zu wenig nach diesem absoluten Recht leben, daß wir dieses Recht nicht verwirklichen, denn würde nur einmal in der Welt ein Beispiel des aus diesem Rechte geborenen Glücks gegeben, dann müßte die jetzt aus Zion in eine geduldete Ecke verwiesene Thora Zion meistern und von Zion aus die Weit beglücken, dann würde man wenigstens in jüdischen Fragen das inoan 38 verstehen und bewähren. Ein jüdischer Lehrer warf die Frage auf: War denn bloß im Geschlecht der Sintflut ehernem, ist nicht das ganze geschichtliche Bild irr seinen Kriegen und seinen Verträgen eine stete Wiederholung des chomos; warum also die furchtbare Vergeltung gerade den Zeitgenossen des Noa? Antwort: Grade jenes Geschlecht der Sintflut stellte wunderschöne, höchst ethische Prinzipien auf und warf zu Boden.alle, die diesen Prinzipien vertrauten) das Wort voll Liebe, die Hand voll chomos. Und es mußte wohl so sein in einer Zeit, in denen Kains Enkel den Satz von der Vergeltung als das erste ansahen und sich sehr wohl darin gefielen, Stellvertreter Gottes auf Erden zu sein. Aber an uns ist es, der Welt zu zeigen, daß es neben der Vergütung eine Versöhnung gibt. Und das hat der Ewige geschworen, daß letzten auf denen sie etwas vermuten, was sie selber nicht hätten. Koheleth, der Sammler der Erfahrungen und Enttäuschungen aller, sagt aber: „Eitel und nichtig, alles ist eitel"! Im Jagen nach der» Gut. Der Grundherr ruft den Bauern, den Leibeigenen, herbei und spricht: „Deines Lebens höchster Wunsch möge in Erfüllung gehen, du sollst Land nnd Grundbesitz dein eigen nennen"! „Was und wieviel gehört mir, gnädiger Herr"? „Soviel du willst, das beißt, soviel du dir erlaufen kannst. Du sollst dir dein Gebiet abschreiien, richtiger ablaufen und soweit du gelaufen bist, gilt als dein Eigentum". Der Bauer hört es und seine Augen strahlen vor Glück und Seligkeit. Und nun läuft er, er rennt und jagt, ungeachtet dcr Mattigkeit, die ihn befällt, nngeach et der dicken Schweißtropfen, die fein gerötetes Gesicht herunterrtnnen. Er läuft und rennt noch, da ihm der Atem auszugehen droht) noch ein Stückchen, noch ein Endchen. Und dann noch diese Ecke, die so gut, so blühend scheint. Auch das Aeckerchen drüben noch und die Wiese jenseits des Baches. Er jagt und rennt weiter und fällt kraftlos zu Boden. Im Fallen überblickt er voll innerer Wonne die ganz gewaltige 'Strecke,, die er sich-erlaufen hatte. Abec er steht nicht -auf,„sein Auge erlischt, sein Herz bricht und eine Leiche liegt er — aus eigenem Grund und Boden. Wie Manchem ergeht es in diesem Leben gl: ich jenem landgierigen Bauer. Und bei Vielen geht die Jagd nicht einmal nach Gut und Grund, sondern nach Schein und Tand. Koheleth fragt aber: „Welchen bleibenden Gewinn hat der Mensch bei all' der Mühe und Arbeit, der er sich unterzieht unter der Sonne"? Das Gold. Einem Jüngling, der Tag und Nacht von Gold und Gut, von Glanz und Reichtum träumte, erschien in einem dieser nächtlichen Träume ein Engel und sprach.- „So du in dem Momente, Sa der Sonnenboll gegen Abend im westlichen Horizonte untergeht, einen klaren Wütt'ch äußerst, soll dieser in Eifüllnag gehen." Am folgenden Tag bestieg der Jüngling gegen Abend den Gipfel des Berges m d hcfleie seine Blicke an den Sonnenball. Und im Moment, d.r dieser untertauchte, schrie er zum Himmel hinauf: „Laß o Gott alles, was in meine Hand kommt, zu Gold werden"! Der Wunsch wurde, wie cs der Engel vorausgesagt hatte, erfüllt. ° Mil Entzücken sah der Jüngling, wie der Stock, den er in der Hand hielt, sich plötzlich vergoldete. Und wie er einen Stein von der Straße aufhob, da hielt er einen Goldklunipen in der Hand. Selbst seine Kleider, die er berührte, erhielten Goldglanz. Alle seine Wünsche und Träume sah der Jüngling restlos erfüllt. Der Glückliche betrat nun eine Herberge und bestellte sich ein gutes Essen. Kaum hatte er Messer und Gabel in die Hand genommen, da blinkten sie schon im schönsten Goldesglanze. Aber was war das? Der Bissen, den er in den Mund tat, war so hart, daß er ihn nicht bewältigen konnte, als wäre er Stein. Nein, Stein war es nicht, er war zu Golde geworden . . . Er halle viel, viel Gold, der glückliche Jüngling. Er wandelte auf Gold und was er mit seinen Fingern berührte, es war Gold. Und bei all dieser Goldjüüe verhungerte und verdurstete der arme Mensch und ging elendiglich zugrunde. Wie Vielen in unserer Nähe geht es nach Erfüllung ihrer Goldwünsche ähnlich wie diesem glücklichen unglücklichen Jüngling? . . .

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