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Der Israelit · 1921-11-10 · Heft 45 (10.11.1921) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 45 (10.11.1921)
Date
1921-11-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Set» 2 Nr. 45 -I! Stürt'cr. 9(itc?ü[)rUcl)cr deshalb, lueil erstens einum! Stöcker der Pater der wfleuannten „Berliner Be-" wegnttg" gewesen ist und man daher ans den Beziehungen Mischen Bismarck nnd Stöcker die öesten Rückschlüsse über die Stellring des Kanzlers znm Judentum ziehe» kann nnd zweitens, weil gerade auf diesem Gebiete die öffentliche Meinung ganz besonders irre geführt worden ist. Sollten doch, wie von antisemitischer Seite behauptet wird, nicht weniger als 200 Broschüren gegen Stöcker geschrieben worden sein! Sb diese Zahl richtig ist, habe ich nicht kontrollieren können, trotz der großen Zahl der Pamphlete, die ich in meinem Leben gerade auf diesem Gebiete gelesen habe. Will man sich klar darüber werden, wie die Beziehungen Bismarcks zu Stöcker gewesen sind, daun muß man dabei auch den Schleier lüften, der über der Persönlichkeit Stöckers liegt. Das ist aber uw so schwieriger, tveil eine objektive Darstellung der Persönlichkeit dieses Mannes bis je nt fehlt. Von seinen freunden als ein Märtyrer gepriesen, mit Luther verglichen und in den Bimmel gehoben, von seinen Gegnern als „Hetzkaplan"." .mij» „Meineivspfäffe" verschrieen, so steht bis "histse? Stöcker ist der'politischen Literatur da. Ich werde daher versuchen, -in nachstehenden feilen Stöckers politische Arbeit so objektiv zn schildern, wie es möglich ist. Ich stehe ihm absolut neutral gegenüber, aber ich kann schon jetzt sagen, dar, das Gefühl der Sympathie, das ich anfangs für ihn als den mutigen "Mann hatte, im Laufe der Zeit immer mehr verblasste, als ich feine Akte»», feine Briefe nnd Reden durchsah, wobei ich ausdrücklich bemerke, das; ich nur den Politiker Stöcker hier im Auge habe. Was dieser Mann auf anderem Gebiete, insbesondere der Seelsorge geleistet hat. scheidet für unsere Betrachtungen von vornherein ans. Für Stöcker gilt in Wahrheit das Wort Schillers: „Nicht hoffe, wer des Drachen Zähne fät, Denen lich es zn ernten." Din Kämpfer ist er gewesen, aber keine ritterliche Natur und für einen Mann wie Bismarck hatte Stöcker kaum etwas, was ihn anziehend machte. Aber gerade wegen der Bedeutung, die Stöcker im politischen Leben der bismarckisrhen Periode eingenommen hat, erscheint endlich einmal eine gründliche .cklärnng des Problems Bismarck-Stöcker notwendig und das um so mehr, als ja auch, wie der ' dritte Baud der „Gedanken nnd Erinnerungen" zeigt, das „.gapitel Stöcker" ein keineswegs zu unterschätzender Abschnitt im Leben des Reichskanzlers gewesen ist. Stöcker gehört mit zu den Männern, die Bismarck manche Stunde des .Basses verursacht haben, was natürlich nicht ansschiof;, daß Bismarck auch ihit da ansnützte, wo er ihn für seine vvlitischen Zwecke gebrauchen konnte. In jüdischen .greisen hat man sehr oft die Verlnntung gehabt, als ob die Beziehungen des Fürsten Bismarck zn Stöcker besonders enge rimren. Ja man nahm dort an, das; Stöcker bei Bismarck ansnnd einging, mit zn dem vertranten Kreise gehörte und von Bismarck besonders bevorzugt wurde. Wie war es in Wirklichkeit'? Ans einwandfreier Quelle habe ich festgestellt, das; Stöcker in seinem ganzen Leben nicht eine einzige private Einladung von Bismarck erhalten hat. Er ist niemals mi Bismarcks Faniilientafel gewesen, auch niemals persönlich vvrr Bismarck empfangen worden! Er war lediglich einige Make auf den parlamentarischen Abenden, wo regelmäßig einige hundert "Abgeordnete eingeladen wurden. Sv sahen in Wirklichkeit die „Beziehungen" zwischen Bismarck und Stöcker ans. Das bestätigt übrigens Stöcker selbst in seinem Buche: „13 ' Jahre Hvsprediger nnd Politiker", wo er sagt: „Unser Verhältnis bestand in Wahrheit darin, daß wir gar kein Verhältnis zu Der ISrarltt. einander hatten. Niemals habe ich mit dem Fürsten Bismarck etn Gespräch geführt, nie an 'ihn einen Brief geschrieben oder erhalten, nie von ihm oder einem seiner Beamten einen'Auftrag erhalten. Ich war als Abgeordneter einige Male in seinen Gesellschaften, bin aber niemals von ihm mit einer Unterhaltung beehrt worden. Demnach wird man nunmehr glauben, das; ich weder in Sachen der Berliner Bewegung, noch in der Iudenfrage sem Werkzeug gewesen bin." Die letztere Bemerkung ist besonders wichtig. Stöcker -st nicht nur nicht das Werkzeug Bismarcks gewesen, sondern er bestreitet auch, in seiner Broschüre mit Recht, das; „der Kanzler gegenüber den Dhristlich- Svzialen eine freundliche Stellung einnehme." Stöcker beklagt sich darüber, das; Bismarck "Adolf Wagner wenigstens einmal empfangen habe, ihm aber habe er niemals fein Ohr geschenkt. "Auch hier haben wir wreder einen Beweis für die berühmte Menschenkenntnis von Bismarck. Ein Adolf Wagner stand turmhoch über Stöcker. Er war eigentlich niriit in einen; "Atem mit Stöcker zn nennen. Für ihn hatte Bismarck ein Ohr, für den agitatorisch tätigen Hosprcdiger dagegen nicht. Stöcker behauptet sogar, daß „eigentlich gerade der .ü'ainpf gegen das Judentum die'Ursache für die Feindschaft Bismarcks gegen Stöcker gewesen" sei. * Wenn man daraus hinweist, das; Bismarck ursprünglich Stöcker nicht unsympathisch gegennberstand, sö hängt das damit zusammen, daß Stöcker sich zunächst ans die Bekämpfung der Sozialdemokratie beschräntte und unter dem Deckmantel der „chriftlichsozialen Bewegung" seine wirklichen Ziele nicht klar erkennen ließ. Rur so erklärt es sich, daß die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" im Jahre 1878 noch der Stäckerscheii Bewegung gegenüber eine gewisse Sympathie bekundete, wobei sie freilich ausdrücklich Wert auf die Bekämpfung der sozialistischen Bewegung legte. Wie Bismarck anfangs politisch über Stöcker dachte, geht ans den Aufzeichnungen von Moritz "Fusch ans dem Jahre 188l hervor. Gelegentlich der Wahl hatten sowohl Busch als auch Lothar Bücher Stöcker gelvählt. In einen; Gespräch von; 12. November kam dann Bismarck ans die Wahlen zu sprechen und betonte, „daß das wrtschrillUch sezesslvnierte Jude»tun; mit seinen; Golde jetzt das Zentrum sei." Alsdann führte er wörtlich ans: „Ich wollte eilt diese Agitation für Stöcker als Antisemit nicht, <rie war >> " u»b flu?»» und ging zn weit. Jetzt aber freue ich :nich darüber, daß der Hofprediger gelvählt ist. Er ist ein tätiger, furchtloser, standhafter "Mann nnd hat ein Maul, das nicht tot zn mache» ist. Die Wahlen haben bewiesen, daß der deutsche Philister noch lebt, der sich mit Phrasen nnd Lügen bange machen und irre machen lüßt."^ Ein sehr charakteristisches Wort Bismarcks über Stöcker hat Bvoth ausgezeichnet unterm ID Juli 189:2: „Pirchvw, groß als Natnrfvrfrher, ist znm Politiker nicht berufen. Ltöcker habe ich gedeckt, so lange ich konnte, nicht, weil ich in den vor; ihn; vertretenen Dingen seine Ansicht hatte, sondern weil er sich tapfer und mutig paukte, und mit einem Dapferen muß man sich nie brvnillieren, aber "Agitator nnd Hvfprediger passen nicht zusammen." - Diese Warte fielen in jener berühmten Unterredung, in der u. a. Bismarck den Satz aussprach: „Wenn schlecht regiert wird, kann der nächste Krieg ein siebenjähriger lverden, wenn gut regiert wird, kann er vermieden werden." In der vvlitischen Literatur lvird sehr häufig Bezug genommen auf einen angeblichen Brief, den Stöcker an Kaiser Wilhelm I. geschrieben haben soll, in dem er sich darüber beklagt habe, „daß Bismarck gegen 10 November,1921 . alle seine Blicke - geschleudert"habe, itur MUß gegen Indent;;,;; und Iüdenpressc." Ein / solcher' Mief existiert, wie ich In den Akten feftacfteClt habe, nicht. Dennoch find diese Worte, die vielfach' als „Brief Stöckers" wiedergegeben werden, von Stöcker selbst geschrieben worden, allerdings nicht in einen; Schreiben an den Gaffer, sonvern in feiner Broschüre: „13 Jahre Hvsprediger". Dort heißt es wörtlich: „Offen gestanden, ist es mir immer unklar geblieben, daß'der Fürst de» Kampf gegen die jüdische Uebermacht an der Börse, wie im Handel,;n der Presse, wie in; öffentlichen Leben nicht willkommen hieß. In der inneren Politik bereitete der mit den; radikalen Judentum eng verbundene verständnislose Fortschritt, in den auswärtigen Angelegenheiten die mit der Demokratie verschwisterte Jndeuvresse, in der sozialen Reformarbeit der unter dem Beifall des Judentums Mflrfchierende Umsturz so viele Hindernisse, daß eine Bekämpfung dieses über allen Umfang tretenden jüdischen Einflusses eine notwendige Gegenwirkung gesunder nationaler Politik gewesen wäre. Ter Fürst griff im Parlament nacheinander so ziemlich alle Richtungen an, Fortschritt nnd Sozialdemokratie immer, Zentrum und Polentum häufig, av.ch Koche rvative und Rativnalliberale, wenn sie seiner Polfttk" in; Wege standen. Er schleuderte feine Blitze auf alle' Gegner. Indent;;;;; und Judenpresse hat er meines Wissens nicht ein einziges Mal erwähnt. Er muß ihre Macht für so bedeutend, ihre Feindschaft ffir so gefährlich gehalten haben, daß er sich zu den vielen Schwierigkeiten, die er schon hatte, nicht eine neue anfladen wollte." Die Feststellung, daß Bismarck „Judentum und Jndeuvresse" niemals öffentlich angegriffen hat, ist richtig, die Schlußfolgerung Stöckers aber völlig falsch, es mär nicht die Furcht vor möglicherweise eiitsteheriden Schwierigkeiten. Bismarck war eine viel zn große .v'raftnatur, als daß er — wenn er innerlich von der Berechtigung des Antisemitismus überzeugt gewesen wäre 'dies nicht ganz klar »uo in aller Oeffentlicht'eit znn; Ausdruck gebracht hätte! Aber diese Ueberzengung hatte er niemals gehabt von dem Augenblicke wo' er als Staatsmann 'das Steuer führte. Und lediglich in dieser Tatsache haben wir die Ursache zn sehe';;, daß er wie Stöcker mit Recht sagt, „Inoentum und Zudenpresfe" niemals öffentlich erwähnt hat." Ist man durch all die Aufregungen der politischen Arena in dieser Schrift gegangen, so findet man im Schlußkapitel eme Erholung bei dem Alten in Sachsenwalde und erfährt mit Genugtuung, daß er auch hier den Antisemitismus entschieden abgelehnt hat. Dr. Julius Keppes, der den Reichskanzler a D. in Kisnngen interviewte, erklärte er: „Das Märchen von meinem Antisemitismus muß in die Kategorie der Gerüchte etngereiht werden, die darauf hinausgehen, zu beweisen, daß ich kein guter Deutsch er bin. Ich war immer bestrebt, die Sitten dtests klugen Volkes zu bessern, ohne ihm je etwas zuleide'zu tun. Das wäre auch unchriftlich gehandelt. Sollten die Juden aussterben, so bin ich überzeugt, daß es für den Fortbestand des Christentums eine ungünstige Prognose wäre. Ich wußte genau, Herr Doktor, daß S:e der israelitischen Religion angehören, aber dieser Umstand beeinflußt meine Gesinnung nicht." mm An Stelle der Sonne. Von Abraham sagt der Midrasch: n’rn 'n naiE |: ein Edelstein hing on seinem Halse (wörilic in seinem Hase). Wer an Krankheit und Gebrech litt, sah zu dftjem Edelstein am Halse Abrahams hina und genas. Nach den; T> de Abrahams wurde dies Kleinod an das Sonnenrad gehängt und es übt seitde von dort die gleiche heilende Wirkung aus.- Die Erklärer finden es eigenartig, daß hier ni, der Ausdruck sondern „in seine gebraucht wird. Ferner wird darauf aufmerkia gemacht, datz, nach einer Talmudstelle, bis zu d> Zeiten Jakobs die Menschheit von Krankheiten jeglich Art verschont blieb. Wer sollte «omit heilunqsuche; zu Abraham hinaufgeschaut heben'? Diese Fragen bringen die späteren Dorschani auf den Gedanken, datz cs sich hier nicht um körperlic Letden handelt, sondern um seelische. Die Menschh« war seit den Tagen des Enosch im Suchen na einem Halt, nach einem Ruhepunkt, nach einem Go zu dem sie sich mit ihrem Leid und Hoffen niede werfen konnte, irregegangen und an Fremdgött geraten. Diesen Irregeleiteten trat heilend und wegweisend Abraham entgegen. Was sie aus dem täglichen Auf- und Untergang der Sonne, aus der Natur und ih>en Erscheinungen nicht genugsam zu lernen vermochten, schöpften sie aus dem belehrenden Munde Abrahams. Mit seinem Wesen, mit seiner aus riesster Erleuchtung strömenden Redegewalt nahm er die Massen gefang'n und wuhte sie an Gott uyd seinen Willen zu bannen. Er hatte Seelen gemacht,? Seelen geworben, -itrs rsn nxi. Das leuchtende und heilbringende Kleinod lag rxtta in seiner Kehle, in der Kraft des Gedankens und seiner Beredsamkeir, die dem Gedanken allbezwingenden Ausdruck zu geben verstand. Nach dem Tode Abrahams gab es keinen, der in diesen; Matze die Gabe des Ueberzeugens besatz. Die Menschen mutzten ln ih;em Suchen nach Gott und Glück w ed?r den Blick zur Sonne lenken und sich von Tag und Nacht das stille unhörbare Wort vom Wesen und von der Waltung Gottes zuflüstern lassen, vv rjn mn» nW -<ßst r-' ci^. Das Kleinod hing wi der am Sonnenrad und war nach der vorgegangeben Arbeit eines Ab;aham, und der Fortsetzung seines heiligen Erbes durch die anderen Erzväter, wohl imstande, die Suchenden hffmzuwcisen und die Gebrechen der Zeit zu heilen. Vielleicht ist dies auch der tiefere Sinn des Talmud-? Ausspruchs 'w, non?2: „Wurden nicht die Geräusche des Sonnenrades die Welt erfüllen, man Hörle das Tosen und Toben Roms von einem Weltende bis zum andern!" Rom mit seinem Imperialismus, mit seiner Menschenknechtung, mir seiner Eroberungssucht und seinem gottabgekehrten Gemeinschaftsleben ist der natürliche Feind der Gottessache, sucht mit seinen schrillen Tönen der Gewalt, die Sprache der das Gottesdasein verkündenden Sonne zu verwischen, wird aber von dieser übertönt ... Endlich kann dies auch Koheleth mit dem Satz gemeint haben: Pötpn rinn ‘new fey bzz cn&6 p-im no. Es mühte dieser Satz im Sinne von Frage und Antwort verstanden werden: „Wo und wann wird bleibender Gewinn der Mensch bei all' seiner Mühe und Arbeit finden? Pm cns2? pw na. Antwort: v'!2L>n nnn „Wenn er so lebt und wirkt, datz seine Arbeit an Stelle (nnnj der Sonne, And re zum Guten leit^. einem Abroham gleich, der seine Aufgabe darin sah, die Sonnenstrahlen der Liebe, der Wahrheit und der Gotteserkenntnis bis in die dunkelsten Eckm erkalteter menschlicher Seelen hineind;ingen zu lassen. Aotiz zu ra ’b ix. 24. „Und Noach erwachte von seinem Weine und erkannte, „was ihm sein kleiner Sohn getan". Dieser „kleine" Sohn bot den Auslegern seit jeher viele Schwierigkeiten,' von den midraschischen Deutungen ganz abgesehen. Unter diesem „tleinen" Sohn Ham zu verstehen FHirfchh hat nichftnfir' genealogische Schwierigkeiten: es jwtddrsprichldtzür äuU der nächste Vers, der voraussetzt, s-dätz Ken'ckan (Nöas Enkel), der Missetäter war. Also ist in der Kenaan zu erkennen. Worauf bezieht sich aber 1:3? Nach einigen auf Noach (D'JD vz c'jZZ). Das Erzwungene dieser Erklärung liegt auf der Hand. Andere (Eben Esra) beziehen es auf Haar: Ham sah, was sein jüngster (vierter) Sohn getan. Das wäre aber ein bedenklicher Subjektwechsel gegen das vorausgehende pp”! und das folgende na#'",.

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