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Der Israelit · 1921-11-03 · Heft 44 (3.11.1921) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 44 (3.11.1921)
Date
1921-11-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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3. November 1921. Der Israelit. Seite 9 Nr. 44 hatten sich verbunden, um dem Straßen-Publtkum etne Augenweide ganz eigener pikanter Art zu bieten. Ein Maler, der das Bild gezeichnet hätte, hätte es gerade, so gut „der Fastnachtzug" wie „der Todesmarsch" oder auch „das Totengeleite, wobei der Verstorbene selber mit im Zuge ist", bezeichnen können . . . Sechszehn Schatten, bewegliche Gestalten aus einer anderen Welt, führten den Zug an. Sie selbst gaben den Ton an und die unzähligen Klagestauen hinter ihnen her weinten bitterlich und rangen die Hände. Unter den Männern im Zuge regte sich zuweilen der Lachretz über die Komik der Situation, der aber am Ende doch verscheucht ward von Mitleid und von Erbitterung über die blöde Grausamkeit der Behörden, die nichts anderes zu tun hatten, als diese „landesgefährlichen Feinde" aus dem Lande zu zerren. Nur die Araber, Moslims und landeingesessene Nazarener, lachten aus vollem Herzen und hatten ihre helle ungemischte Freude an dem herrlichen Anblicke. Die Europäer, d. h. Deutsche und Oesterreicher, die noch allein von der internationalen Kolonie sich auf der Straße zeigen dursten, schimpften im Stillen, und von den Juden schlich sich der etne nach dem anderen beschämt davon. Der Zug nahm um 10 Uhr morgens seinen Anfang und erst um 12 Uhr erreichte er das Jaffa-Tor, für den Weg von einer Viertelstunde gebrauchten die Frauen volle zwei Stunden. Von dort ging der Weg weiter auf der Landstraße von Hebron nach der Station. Es war vorauszusehen, daß sie mit Sonnenuntergang das Ziel erreichen würden. Da trat aber etwas Unerwartetes ein. Man wandte sich auf der jüdischen Seite, nachdem alle Stränge gerissen waren, an den deutschen Kommandanten selbst, der unter einem türkischen Titel, richtiger, einer Kombination von deutschem und türkischem Titel der eigentliche Herr von Jerusalem war. Und siehe, die Mühe war von Erfolg Der Herr Pascha von Beck schickte einen Beamten hin, der sich die Sache ansehen und Bericht erstatten sollte. Der blonde junge Mann kam, sah und — die alten Frauen siegten. Nach wenigen Minuten kam ein Soltzar von der deutsch-türkischen Kommandantur des Herrn Vonpascha mit einem schriftlichen Befehl, die Greisinnen zurückzubringen, noch vor Sonnenuntergang. Wer aber glaubt, -daß damit die Sache ihr Ende erreicht hat, kennt eben die türkischen Verhältnisse von dazumal nicht. In Wirklichkeit fängt die eigentliche Geschichte erst an. (Schluß folgt.) Aus den Kmdheitstagen unserer Großen. II. R. Aktba Eger. Vierzig Jahre später endete in Posen ein anderer jüdischer Geistesfürst: R. Aktba Eger, der am.11. Cheschwan 1762 in Etsenstadt in Ungarn geboren war. Sein Vater hieß Mosche Gins und war der Abkömmling eines Rabbiners in Frankfurt a. M., der durch sein Werk E.TOK „Eiche Abrahams" bekannt wurde, und seine Mutter war die Tochter des Preßburger Rabbiners R. Aktba Eger, dessen Werk 'TT weite Verbreitung fand. Von ihm bekam Akiba seinen Namen. Noch bevor ihm die Weinberge seines Heimatortes und die freundlichen Feldwege bekannt waren, hatten sich in ihm die mächtigen Folianten eingeprägt, unter denen auch jene Werke seiner Ahnen waren, die in der Familie wie ein Heiligtum gehalten wurden. Die Bilder der Großeltern, die das östliche Ghetto in seiner schönsten Gestalt, aus seiner besten Zeit repräsentierten, mußten sich in ihm bis auf den kleinsten Rest untilgbar festsetzen, denn es wurde von ihnen nicht nur viel gesprochen, sondern auch nach ihnen gelebt. Stundenlang konnte er vor dem Titelblatt der Talmudbände verweilen. Die krausen, unbegreiflichen Zeichen, die roten großen Buchstaben und die wunderbaren Bilder zogen seinen Geist mächtig an. Durch die lange, fortgesetzte Anschauung prägte sich das rein Aeußerliche einzelner Formen fest ein. So kam es, daß sein Vater, der ihm schließlich, dem ungestümen Drängen des kindlichen Geistes nachgebend, die geheimnisvolle Kunst des Lesens beibrtngen wollte, nicht mehr viel zu tun fand. Es war, als ob der Geist nur auf die Nennung der Buchstaben gelauert hätte, um aus dem kindlichen Dornröschenschlaf erlöst zu werden. Vom Stddur wandte sich sein reger Geist dem Chumesch, von ihm dem Talmud zu. So groß sein Eifer aber auch war, so schienen doch einem raschen Fortkommen schier unüberstetgltche Hindemisse, vor allem seine Konstitution und seine Kränklichkeit, entgegenzustehen. Aber zum großen Erstaunen aller, zum Entzücken seiner Eltern, deren Liebling er war, obwohl er noch zwei jüngere Geschwister hatte, überwand er mit Geduld und Ausdauer all jene Störungen und machte überraschende Fortschritte im Lernen. Seine zähe Gründlichkeit und fast pedantisches Pflichtbewußtsein gaben ihm schon in seinen frühesten Jahren einen Anschein von Unkindlichkeit und Frühreife. Bescheiden und sanft, still und geräuschlos im emsigen Vorwärtsstreben, ist er das Muster eines Schülers, von den Altersgenossen scheu bewundert. Spielgefährten hatte er nie gekannt und nie vermißt, schon darum, weil er fürs Spiel keinen Sinn und keine Zeit hatte. Bis zu seinem 12. Lebensjahre blieb er im Hause seiner Eltern, die ihren vielversprechenden Sohn mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln ermunterten und förderten. Bald mußten sie sich sagen, daß Eisenstadt dem strebenden Geist keine genügende Anregung mehr biete. Alle Sorge der Eltern war nunmehr darauf gerichtet, für Akiba die richtige Bildungsstätte zu suchen. Nun hatte die Mutter zwei sehr gelehrte Brüder. Der eine von ihnen wohnte damals in Breslau im Hause des Oberrabbiners und stand an der Spitze einer berühmten Talmudhochschule, die Sammelpunkt für viele lernbegierige Schüler Deutschlands, Polens und Ungarns war. Dieser Onkel hörte, auf eigenartige Weise von seinem Neffen. Eines Tagewurde nämlich in Eisenstadt während eines öffentlichen Vortrages im „Beth-hamtdrasch" eine höchst schwierige und verwickelte talmudische Frage erörtert, um deren Lösung sich allenthalben rabbtnische Autoritäten vergeblich gemüht hatten. Da machte sich Akiba über die Frage her. Ganz insgeheim studierte er alle einschlägigen Stellen, bis er seinen Vater mit der richtigen Lösung in freudiges Erstaunen versetzen konnte. Dieser sandte die Lösung „im Namen seines Sohnes" an seinen Schwager in Breslau. Dieser wollte nun unbedingt den Knaben bei sich haben, und die Eltern verehrten in dem ganzen Vorfall einen Wink von oben. Die Uebersiedlung nach Breslau, die bald darauf erfolgte, war in der Tat für seine ganze Zukunft von Bedeutung. R. Wolf ließ den jungen Gelehrten mittels Equipage nach Breslau abholen, wo er gar bald einen Gelehrtenkrets um sich sammelte. Schon am ersten Tag seines Eintreffens überraschte er seinen Onkel durch seine außerordentliche Verstandsschärfe und Vertrautheit mit der talmudischen Literatur, daß er ihn noch einmal herzlich umarmte und den bekannten Segen sprach: „Gepriesen sei der, der von seiner Weisheit denen mitteilt, die ihn ehrfürchten." Dreizehn Jahre war Akiba alt, da wurde er von seinem gelehrten Onkel seinen Bachurim mit den Worten vorgestellt: „Hier empfehle ich Euch einen jungen Mann, der mich in dringlichen Verhinderungsfällen in meinem Lehramte vertreten wird." Diese Ansprache liefert den glänzendsten Beweis für die hervorragende geistige Begabung des Bar-Mizwoh-Jüngltngs. Jahre vergingen, und aus dem „Jllui" war der berühmte Rabbi Akiba Eger, Rabbiner von Posen geworden. So manche Enttäuschung hatte ihm die Zeit der „Aufklärung" gebracht, aber seine Persönlichkeit, seine Arbeit für das Wohl Gesamttsraels und seine Schriften wirkten über seinen Tod hinaus. (Schluß folgt.) Ainderecke. Ein jüdisches Pferd. Bon Heinrich Einstädter. Ephraim iunmm steht im Hofraum seines Hänschens. Tie Mvrgensonne umfließt den spitzen Giebei, unter dem sich ihr ans dem Taubenschlag ein langer Finger entgegenstreckt, streift gerade noch das Schennendnch, dessen ^Ziegel weiß in rot — die mächtigen Buchstaben M. K. hinansteuchten lassen, und spielte übeide», Haupte des Mannes, der seine glücksprechenden Blicke zufrieden nach allen Seiten über all' das sendet, was er jetzt seiil Eigentum nennen darf.. War doch noch vor acht Tageit ein armer Schlucker gewesen, dieser Ephraim Klamm, bis ganz unerwartet sein Onkel Maier gestorben und er'laut Testament in den Besitz oer Hinterlassenschaft gelangt war! Beides ganz unerwartet, denn Onkel Maier war noch ein rüstiger Sechziger gewesen, und seine Briese hatten in den letzten Fahren so viel Vorwürfe und Bemängelung enthalten, daß der Neffe niemals geglaubt hatte, von ihm als Erbe eingesetzt zu werden. Ephraim hatte schon früh seine Eltern verloren und daher fast seine ganze Kindheit im Hause des Onkels verlebt. Als dann auch die Tante gestorben war, hatte die Berhältnisse ihn frühzeitig in die Fremde gedrängt, in eine kalte, freudlose Fremde, die den jungen Menschen in eine harte Schule nahm. Not, Bersührung und wohl auch jugendlicher Leichtsinn ließen denn da im Laufe der Jahre manche Handlung geschehen, die des fronunen, braven Onkels Billigung nicht fand und eine Kluft zwischen ihn, und seinen Neffen schuf. Als dann aber die Nachricht vom Ableben seines Vatersbruders eintras, da bedauerte es Ephraim aufrichtig, daß er manchmal nicht nach seinen Wünschen gehandelt und ihm nicht mehr Freude bereitet hatte. — Während Ephraim jetzt sein neues Besitztum mit Wohlgefallen überschaut, gedenkt er niit Rührung des alten Mannes, dessen Liebe er mit Unrecht'zuweiten verkannt hat. Er sieht jetzt ein, wie unklug er gewesen ist, als er die Vorwürfe unb Ermahnungen als Zeichen einer Unfreundlichkeit genommen, und erinnert sich mit Wehmut der Jahre, die er als Kind im -schütze dieses alten Hanfes verbracht hat. Endlich wendet er sich dem Stalle zu und führt ein Pferd heraus. Frennolich klopft er ihm den Hals, läßt es am Brunnen nochmals trinken und spannt es dann an den Wagen, n»i die erste Geschäftsreise als Besitzer der „Eiserrhandllkng von Maier .w-lamm" zu unternehmen. Er kannte noch ganz gut die Dörfer der Umgebung und die Kunden seines Onkels. Hans findet den gewohnten Weg allein, und so kann Ephraini ungestört seinen Gedanken und Träumen nachhängen. Da bleibt ans einmal das Gütlichen mitten ans der Landstraße stehen. Ueberrascht blickt der Mann um sich. Aber bald geht ein Lächeln über sein Gesicht. Er hat den Grnno des Anhaltens bemerkt: Auf einem Seitenweg nähert sich ein hinkender Greis der Straße. Das Pferd ist gewohnt, daß sein alter Herr ihn anssitzen ließ, und wartet daher ans ihn. Als der ''Alte die Straße erreicht hat, grüßt ihn Ephraim freundlich und lädt ihn ein an'fznsteigen. Ter Greis ist angenehm berührt nnd spricht seine Freude darüber ans, daß der „gute selige Maier" einen so würdigen Nachfolger gesunden habe. — Um die Mittagszeit kommen sie in ein größeres Torf. Ephraim will vor einem Wirtshanfe abfteigen, um etwas zu genieße», aber das Pferd geht weiter. „Aber Hans, was hast du denn vor?" spricht erstaunt sein Herr. Doch schon bald macht oer von selbst Halt und zwar - vor einer anderen Wirtschaft. Tn erinnert sich Ephraim, daß der Besitzer derselben ein Jude ist. Hans erhält ein Stück Zucker als Anerkennung dafür, daß er anstatt des Verstorbenen feinen jungen Herrn sv deutlich gemahnt hat. — Am Freitag geht es endlich wieder heimwärts. Als der Wagen das letzte, nur noch einen Kilometer von der Heimat entfernte Dorf durchführt, läßt der jüdische Kaufmann gerade den Fensterladen vor dem Geschäfte herunter. Ta setzte sich Hans in Galopp. „Ein jüdisch Pferd", murmelt Ephn'im, und nimmt sich vor, nächstens zeitiger heimznkehren.

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