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Der Israelit · 1921-11-03 · Heft 44 (3.11.1921) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 44 (3.11.1921)
Date
1921-11-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 44 des „Zsraelii". Sechszehn Frauen. (Eine tragikomische Geschichte aus der Kriegsleidenszeit Jerusalems.) Von J. Y. Eine wahre Geschichte mit sechszehn Frauen, sechszehn Jüdinnen, nicht Judenframn, sondern Jüdinnen, alt mid echt, aus dem Judenlande, aus Rußland oder Polen stammend, die in Jerusalem in Leid und Gefangenschaft bei den Türken geraten waren, soll hier erzählt werden. Alte Frauen, die dermaleinst vor undenklichen Zeiten vielleicht in einem litauischen Städtchen vor ihrem Ktamladen saßen und ihre armseltg'N Verkaufsartikei feilboten, waren es, die seit Jahren in der heiligen Stadt Jerusalem besseren Geschäften nackgingen. Sie weinten an der „Heiligen Mauer" und sagten in ollen Synagogen und Bethäusern von" Meah Schearim „Kedusckah" und „Bo^achu" mit ... . D>e jüngste dieser Damen zählte etwas über siebenz ig. Und es war mitten im großen Weltkriege. Eines schönm Hellen Tages, wie sie so klar und wolksnlos nur Jerusalem kennt, durchhallten alle Straßen des Viertels die Töne von Pauke und Tron-pete, also eine amtliche Bekanntmachung! Die schrillen und dumpseli Töne drangen durch alle Türen und Fenster und weckten Alt und Jung aus der Ruhe. Ter „Muchtara" (Vertrauensmann) oing dem Aufzug voran und verlas aus dem Akt: „Jeder Mann, oder jede Frau, die Staatsbürger eines feindlichen Landes sind, sich mögen sofort in der großen Synagogeeit finden zur Entgegennahme des türkischen Bürgerrechtes, widrigenfalls sie des Landes verwiesen werden!" Wie es die Leute in den verfallenen Häuschen der Hinterhöfe hörten, hüpften sie vor Freude. Die Aufnahmeze t für die Einbürgerung war verstrichen und viele hatten sie versäumt. Die Liste war abgeschlossen und sie blieben draußen. Wie bebten schon die Alten um ihre vier Ellen Grundbesitz auf dem Oelberg, um die man sie als feindliche Ausländer bringen wollte! Nun dieses Gtück! Sie werden in "bte Synagoge beordert, um „zwangsweise" ein. gebürgert zu werden. Das Grab auf dem Oelberg war gesichert . . . Nach einer Stunde befanden sich in der Synagoge von „Meah Schearim" sechszehn Frauen, die älteste zählte über achtzig und die jüngste einige und siebzig. Die Greisinnen kannten sich und füllten die Wartezeit mit anregender Unterhaltung aus. „Glaubt ihr", sagte die Aelteste, „ich wuße es nicht? Vetter Jsmael ist im Grunde nicht schlecht. Ich wußte, er jagt uns nicht, mir nichts dir nichts, von sich. Und nun kommt er selber, bittet und betet . . ." Die fünfzehn Gefährtinnen fielen der Alten ins Wort: „Sage nichts, Jentel, von Jsmael. Es ist der liebe Gott, gelobt sei sein Name, der uns beisteht und immer im letzten Moment die Rettung schickt." Die Unterhaltung konnte sich nicht allzusehr entwickeln, denn schon ging die Türe auf und die Beamten der Administration traten in den Raum. Sie eröffnten den alten Damen, daß sie jetzt mit ihnen aufs Revier zu gehen hätten. Natürlich konnte sich doch der Akt der Einbürgerung nicht hier in der Synagoge vollziehen. Die Frauen wurden stutzig. Die alte Jentel, die ihren Glauben an Jsmael nie aufgab, erhob sich und trat als Wortführerin für die ganze Gesellschaft auf: „Ihr lieben Herren, Gott verleibe Euch Gesundheit für ewige Zeiten, wie kann man von uns gebrechlichen Greisinnen, die schon bis znm Tode ermüdet sind, verlangen, daß wir jetzt noch einen so weiten Weg gehen sollen? Vielleicht machen wir es morgen. Morgen sind wir frisch und ausgeruht, mieten uns einen Wagen . . . es ist überhaupt spät geworden und wir versäumen in den Synagogen Mincho-Keduscho!.." Jentel war von jeher eine kluge Frau. Dem Revier traute sie nicht reckt und der Aufzug mit den Polizisten durck die Stadt glsiel ihr schon gar nicht. Zeit gewinnen war immer ihre Poiilik gewesen, schon in ihrer Jugend, als sie in Polen ihren Mann, der den ganzen Tag lernte, und ihre Kinder ernährte. Zeit gewinnen wollte sie auch heute. Wenn sie nur erst einmal zu Hau'e waren! Mit dem Wagen wird es wohl noch Ze t haben. Und beim nächsten Trompetenruf werden sie sich auch nicht mehr auf die Straße beeilen . . . Man suche sie einmal in den engverschlungenen Gassen und in den Löchern der Hinterhöfe ... Ihre Gefährtinnen waren mit ihr einig, sie waren auf einmal alle müde m d verspürten eine unwtüerftehliche Sehnsucht nach der „Keduscho" in der Mmchoschul. Aber nun waren es gerade die türkischen Polizisten, bet denen sonst immer „die Elle vom Satan ist", die eilten und drängten und die alten Damen nicht mehr freigaben. ' „Es muß heut' noch sein!" Und ohne weiter zu fragen umringten sie die Frauen, stellten sie zu Paaren auf und kommandierten: „Vorwärts!" - Keine verstand das Kommando und keine rührte sich vom Orte, sodaß die „Muchtaras" mir geltndcm Handgriff ein wenig nachhelfen mußten. Daß sie zu Paaren Schulter an Schulter wle oie Soldaten marschieren sollten, begriffen sie nun ganz und gar nicht, und es gelang auch nicht, die militärstche Front einzuhalten. Es hinkten und humpelten die Alten durcheinander und die Beamten mußten derb und gütig immer von neuem anspornen, daß sie überhaupt vom Flecke kamen. Endlich gelangte der Zug bis zum PoUzei-Revier von „Meah Schearim." Die Frauen wurden ins Polrzeigemach gelaffen. Und da eröffnet man ihnen in aller Gemütsruhe, daß sie zunächst verhaftet seien. Bon der Einbürgerung sprach man kein Wort mehr. Die Greisinnen verstanden nichts. Was meinten sie damit? Warum sollte man sie verhaften, nachdem sie all' die Jahre kein anderes Geschäft getrieben haben, als d e „Keduscho" in allen Bethäusern von Meah Schearim mitzusagen? In aller Gemächlichkeit verdeutlichten die Polizisten das Wort. Gewiß müßten sie die Einbürgerung erhalten. Da aber die Listen bereits abgeschlossen sind, so gäbe es keine Einbürgerung mehr, ergo wären sie Fremdländische aus feindlichen Staaten ohne Urkunde und müßten über die Landesgrenze . . . Zittern und Beben erfaßte jetzt die alten Frauen, nachdem sie nur lagfam der Situation inne geworden sind. Aber in der Stadt machte sich wie ein Blitz die Kunde Bahn : „Alte Frauen, fromme Jüdinnen eiugefperrt, ausgewiesen! Unerhörter Skandal!" Man lief und rannte und arbeitete durcheinander, und je mehr man redete und arbeitete, um so verworrener wurde die Geschichte. Und plötzlich eine neue Sensation. Von den scchszchn Frauen, die von der Synagoge aus nach dem Revier geführt wurden und Hand in Hand in Begleitung der Polizisten dahin gingen, fehlten auf einmal zwei. Sind plötzlich spurlos verschwunden^ als hätte sie die Erde ausgenommen. Wie war das nur möglich? Die Polizeibegleitung war ja dabei gewesen. Und schließlich waren es doch humpelnde Greisinnen, die sich kaum noch sortbewegen konntrn? Wie war da eine Flucht denkbar? Aber es war Tatsache, sie waren verschwunden. Und keiner konnte sich das Wunder erklären, wie von den sechszehn Frauen nur noch vierzehn da waren! Eine von diesen Verschwundenen war natür» lich die alte Jentel. Als die Gemeinde von dieser neuesten Sen» sation erfuhr, ging nach der ersten Verwunderung ein lautes Lachen durch die Reihen. Man mußte über die heldenhafte Polizei lachen, der zwei Greisinnen en!schlüpften, ohne daß sie es merkte oder verhindern konnte. Die ganze Jerusalemer Polizei war auf den Beinen, auf der Suche nach den zwei Ausgebrochenen, und da man auch die jüdischen Muchtaras (Gemeindebevollmächtigten) mit verantwortlich machte, so mußten diese mit hinaus auf die Jagd. Alle Mühe war vergebens, von den Frauen fehlte jede Spur. Alle Höfe, alle Häuser wurden abgesucht, alle Passanten ausgefragt, die Frauen waren und blieben verschwunden. Zum Unglück konnten die Polizisten gar keine besonderen Kennzeichen angeben, nicht einmal, — es war eine Schande zu sagen, — die Namen der beiden Frauen wußten sie. Es war vergessen worden, ihre Prsonalien aufzunehmen . . . Die Polizei suchte und schimpfte mit allen ihr geläufigen Koranversen. Inzwischen tat die Gemeinde das ihrige, und einflußreiche Persönlichkeiten legten sich ins Mittel. Gegen Abend waren auch die vierzehn gegen Kaution aus der Haft entlassen. Die Freilassung ging unter gewissen Kautelen und Bedingungen vor sich. Die erste Bedingung war, daß die'zwei flüchtigen Frauen noch emgebracht werden und daß dann alle sechszehn nicht die Stadt verlassen, als bis ihre Sache erledigt sei. Die Gemeinde haftete für sie. So kamen die Frauen von der Haft wiederum in Haft, diesesmal aber in jüdische Haft. Im Asyl des „Hachnoffas Orchim" wurden sie untergebracht und draußen war ein langer brauner Araber postiert, der zu wachen hatte, daß die Internierten nicht wieder ausdrachen. In der Nacht mußten die jüdischen Muchtaras von Haus zu Haus gehen, um ' die Vermißten ausfindig zu machen, und dieses Mal nicht umsonst, denn als die zwei Alten vom neuen Domizil hörten, liefen sie den jüdischen Muchtaras selber in die Hände und ließen sich willig im Asyl unterbringen. Die Haft daselbst gestattete sich jetzt zu einem wahren Paradies. Es gab kaum eine Frau in Meah Schearim und anderen Teilen Jerusalems, die es sich nicht als Ehrensache angerechnet hätte, den armen Inhaftierten etwas zuzustecken. So verblieben die Greisinnen einen und noch einen Tag in Haft. Erst am dritten Tag kam das Gericht zusammen und sprach das Urteil. Die Frauen wurden allesamt zur Landesverweisung verurteilt und sollten baldigst über die Grenze gebracht werden Und jetzt erst setzte fieberhafte Arbeit auf beiden Seiten ein. Das heißt: Laufen, Rennen, Durcheinanderreden auf der einen und die Vollstreckung des Ausweisbefehles auf der anderen Seite. Die Arbeit auf jüdischer Seite ging mit gewaltigem Geräusch vor sich, ohne daß sie etwas zustandebrachte, die Vollstreckung des Befehles bei den Behörden vollzog sich still und ruhig, kam aber, nach guter türkischer Sitte, ebenfalls nicht vom Fleck. „Eile ist vom Satan! . . ." Abermals wurden die sechszehn Frauen aus der Haft geführt und zwei und zwei in Reih und Glied wie die Soldaten aufgestellt. Damit die beschämende Flucht sich nicht wiederhole, wurde jetzt sogar ein ganzer Kordon von braunen Arabern zur Bewachung aufgeboten. „Vorwärts, zur Bahnstation!" Und die Prozession setzte sich in Bewegung. Ein solches Bild hatten auch die an Sensationen gewöhnten Straßen Jerusalems schon lange nicht gesehen. Grausamkeit, Tragik und Komik

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