Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1921)
- Date
- 1921-11-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Her Israelit. Nr. 44. Seite 8 ' 3. November 1W1. Betstübchen des Ostens herabzuschauen. Freilich Zivilisation verrät es nicht. Es trägt keine Samtportieren und draußen stampfen keine Equipagenpferde, indes drinnen die Ntziiahkerzen niederbrennen. Schulter au Schulter r ihen sich die Männer. Jeder steht in seinem Totenkittel, bewußt, daß einst Lies Linnen als letzts Erdenkleid den toten Leib umhüllen wird, und nun schreien sie, . als seien sie schon im Sterben, in Ekstase zu ihrem Gotte, werfen sich zerknirscht zur Erde und senden aus dem Staub des Bodens mit dem Ruße ihrer armseligen Kerzen heil.ge Gelübde zum Himmel empor — noch hat sich das glänzende, aber auch beengende Kleid der Zivilisation nicht über diesen Raum gebreitet,.. aber liegt in dem Schrei der Inbrunst weniger Kultur als in der Kantilene der gepflegten Stimme? Zivilisation verraten die Massenfriedhöfe unserer Millionenstädte, die uns als Häusermeere entgegenragen, weil jeder nach dem Maße seiner Güter sich ein Denkmal setzt, von denen in goldenen Lettern weithin leuchtet, wie viel Würde hier begraben liegt, und an. deren wohlgepflegter Blumenfülle man ermessen kann, welch hohe Jahresraten die Verstorbenen in ihren Testamenten zur Pflege ihres Grabes festgesetzt haben. Kultur? Kultur verrät der altjüdische Gut-Ort, darin die Menschen, wie sie gleich geboren, im Tode gleich beisammen liegen, darin der Stein des Reichen nicht das Grab des Armen überragt und nicht mit Blumen und Bosketts ein flacher Totenkult getrieben wird, sondern über allen Gräbern symbolisch ties-bedeuisam nchts wächst als Gras-„Wie Gras des Feldes ist des Menschen Leib, er dorrt und welket hin ..." „Zivilisation umrauscht uns, wenn wir mit der elektrischen Bahn durch das Gewühl der Straßen fahren, auf erhelltem Platz den Ruf der Abendtelegramme, die der Funkjpruch über Meere trug, vernehmen, Flammenschriiten wie Menetekel über den Dächern erscheinen, 60pferdtge Mercedes elegant an uns vorübersurren und wir hinter dieser Welt voll Leben das wundervolle Phänomen Europa wie eine dämonische Suggestion auf uns wirken fühlen. Aber wenn wir in das Haus getreten, die Klinke fassen und drinnen über gedektem Tisch die Sabbatkerzen uns entgegenstrahlen, wir mit dem Alltagemantel draußen vor der Türe auch Welt und Arbeit von den Schultern streifen und nun eintreten in einen Raum, aus dem der Tag gesperrt ist, und in dem nur Friede, Freude, Heiligkeit und Himmel wohnen, und der durch Jahrtausende geheiligte „Schir hamalaus" tönt, er, der Alexander entgegenschallte und den die Vorfahren in ken Mauern des von Vespasian belagerten Jerusalem leite, und wenn sie sich über einige Tage, anfhielten. auch Nnhrungsgeld an die Generalakziseeiunahnie zähsten. Mendelssohn lachte zuerst taut auf, als am Morgen nach seiner Ankunft der Judennufwürter Löbel Schir bei ihni eintrat und 20 Groschen forderte, um einen Zoll- und Geleitszettel für die Gesellschaft zu holen.. Dann aber sagte er bitter: „Nun seh' ich erst ein, wie gut es Labater mit mir meinte!" Nachdem dies erledigt, besuchte Mendelssohn die damals noch in einem Salon des Zwinger ausgestellte lnrsürstliche Bibliothek. Der Bibliothekar Dnstdorf konnte sich nicht glücklich genug schätzen, den berühiutm Philosophen zu führen. Zum Schlüsse fragte er Mendelssohn, wie ihm Dresden gefalle. „Ihre Stadt ist herrlich", antwortete dieser, „ihr Land noch herrlicher, aber" — und nun erzählte er dem verdutzten Beamten, was ihm kurz vorher in aller Herrgottsfrühe vaffierte: ..daß man hier Berliner Inden und polnische Ochsen im Range gleichstellt!" Dahdorf stand dabei wie auf feuerigen Kohlen, entschuldigte den Zöllner mit strenger Pflichterfüllung, tröstete Mendelssohn, das; der laux PN8 wieder gut gemacht werden lallte, doch dieser bat, einer . Sache sticht Weiler zu gedenken, die kaum der Rede wert fei, und ging. Doch kaum war er fort, so nahm auch Daßdorf Stock und Hut und eilte, um die ärgerliche Geschichte gleich vor die rechte Schmiede zu bringen, zu dem Geheimen Finanzrat Freiherrn v. Ferber, in dessen HlUlse ernartzoOrÄster gewesen ivnr. Ferber, nicht blvs ein tüchtiger Staatsmann, sondern auch ein Freund und Kenner der Literatur, fand die Geichlchte ebenfalls höchst verdrießlich. Er teilte vollkommen Daßdorfs Furcht, daß die Berliner Gelehrten sich öffentlich darüber lustig machen würden, und eilte, sogleich den Kabiuettsminister Freiherrn v. Gutschmio davon in Kenntnis zu setzen. Der Dcsolg war, wie gesungen, den die Kreuzfahrer hörten, als sie mit unheiltgen Waffen gegen die Tore der verschlossenen'Tempel klirrten, und den Napoleon aus den niederen Judenhäusern russischer Städte vernahm, als er an der Spitze seiner Mtllionenarmee gen Moskau marschierte — in dieser Stunde umstrahlt uns, nicht nur von außen, auch von innen wie odisch Feuer lohend — Kultur." Den Schluß machen kurze Aufsätze von Jacob Pleßner über die jüdischen Künstler ur.d Dr. Robert Hirschfeld über den Lehrerftand. Korrespondenzen u. Nachrichten, Deutsches Reich. Jüflifcftes Arbeiferfürforfleamf- Königsberg i Ar-, 29. Oktober. Das Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands hatte zur Besprechung verschiedener mit der Ostjudenfürsorge in der Provinz Ostpreußen zusammenhängenden Fragen das Mitglied seines Generalsekretarials, Herrn Dr. Senator, nach Eydtkuhnen und Königsberg entsandt. Der Besuch in Eydtkuhnen ergab, daß die Fürsorge für die ostjüdischen Flüchtlinge, trotzdem die jüdische Gemeinde dort nur 40 Familien zählt, von den Gemeindemitgliedern tn vorbildlicher Weise ausgcübt wurde. Tue Gemeinde Eydtkuhnen erklärte sich bereit, zu den Kosten der Jüdischen Arbeitersürsorgestelle in Königsberg monatlich Mk. 300.— beizutragen. In Königsberg fand am 8. Oktober tine Versammlung von Mitgliedern des Vorstandes und der Repräsentanz der Gemeinde Königsberg sowie Vertretern der jüdischen Organisationen und einzelnen Persönlichkeiten statt, tn der die Versammelten mit Interesse von den Darlegungen des Herrn Dr. Senator Kenntnis nahmen. Insbesondere herrschte Einigkeit über die Notwendigkeit einer geordneten politischen Vertretung, wie sie das Arbeiterfürsorgeamt und seine Zweigstellen darstellm, sowie einer möglichst weitgehenden sozialen Fürsorge. Herr Dr. Senator führte ferner au-, daß, da die amerikanisch; Hilfe nunmehr ausgeblieben ist, das deutsche Judentum zunächst, um sich de Unterstützung der Amerikaner zu er sich denken läßt. Sogleich an: nächsten Morgen uumv; dein Geheimen Finanzkollegium mittels allerhöchsten Refkrivtes anbesvhlen, „dem Berliner Gelehrten mosaischer Religion Herrn Mofes Mendelssohn die ihm abvertangten zwanzig Groschen zurück und zugleich zu erkennen zu geben, daß er mit ferner Familie in Dresden nach Belieben sich aufhalten könne, ohne die mindesten Abgaben zu entrichten." (Wieviel Juden gibt es auf der Erde?) Die Anzahl der Juden aus der Erde veranschlagt jetzt die Zeitschrift „The American Jsraelite" mit löl/2 Millionen oder ungefähr der Volksmenge von Mexiko. Die Halste aller Juden wohnt im alten Russenreiche, allein in Polen und der Ukraine je 3,3 Millionen; im eigentlichen Rußland einschließlich Sibiriens nur 900.000; in den Vereinigten Staaten wohnen 3.100 000, in Rumänien rund 650,000, in Deutschland nur nach Abtrennung des Elsaß und der deutsch-polnischen Gebiete 540.000, in Ungarn und der Tschechoslowakei 550.000, in Großbritannien und Oesterreich je 800.000; die Anzahl der Juden in Kanada, Argentinien, der Türkei und in Palästina schwankt je um 100.000 Seelen. (Eine willkommene Bereicherung der Hirsch- Literatur). Der unseren Lesern van früher her wohlbekannte geistvolle ungarische Hirsch-Jünger, Oberrabbiner Fischer in Sarospatak kündigt die Herausgabe einer Sammlung seiner auf S. R. Hirsch bezüglichen oder in seinem Geiste geschriebenen literarischen Arbeiten, unter dem Namen „In seinen Spuren" an. Das Werk soll tn einer Stärke von 20 bis 25 Bogen großen Formates in schöner Ausstattung erscheinen und wird zum Preise von 10 Mk. deutscher Währung beim Verfasser, derVorausbestellunglen erbittet, zu beziehen sein. Der Inhalt des Werkes sichern, selbst erhebliche Summen aufbringen muß. Die Versammlung, die einstimmig der Ansicht war, daß die erforderlichen Mittel zur Erhaltung der Arbeiterfürsorgeftelle in Königsberg aufgebracht werden müssen und aufgebracht werden können, nahm einstimmig eine Resolution an, in der sie die Aufrechterhaltung der Arbeiterfürsorgestelle Königsberg für unbedingt erforderlich erklären Die anwesenden Vertreter der jüdischen Organisationen erklären sich bereit, sich bet ihren Organisationen dafür einzusetzen, daß in analoger Weise wie bet den anderen Arbetterfürsorgeftellen der Arbeiterfürsorgestelle Königsberg laufende monatliche bezw. vierteljährige Beiträge zur teilweisen Deckung des Etats nach Maßgabe der zur Verfügung stehenden Mittel überwiesen werden. Sie erklären ferner die Aufrechterhaltung des Hilfswerks für die ostjüdischen Flüchtlinge als eine unbedingte Notwendigkeit. Denn die Tätigkeit des Arbeiterfürsorgeamtes liege nicht nur im Interesse der Flüchtlinge, als vielmehr auch in dem der eingesessenen deutschen Judenhett. Es wurde in Aussicht genommen, zur Erhaltung der Arbeiterfürsorgeftelle Königsberg folgende Faktoren heranzuztehen: einmal die Jüdische Gemeinde Königsberg, die Provinzge» mcinden, die Organisationen, endlich herrschte Einigkeit darüber, daß auch eine Privatsammlung, werde erfolgen müssen. Herr Kommerzienrat Marx hat bereits zu dieser Sammlung 5000 Mk. gezeichnet. In der am nächsten Tag stattgefundenen Tagung der Gemeinden Ostpreußens wurde nach eingehender Darlegung des Referenten, Dr. Senator, über den Ernst der Situation eine Resolution angenommen, in der Erkenntnis der dringenden Notwendigkeit einer produktiven Fürsorge für die cstjüdtschen Flüchtlinge sich bei den Gemeinden für eine laufende monatliche bezw. vierteljähiliche Subventionierung der Arbeiterfürsorgestelle Königsberg einzujetzen. Der Synagogenverband Ostpreußen wird gebeten, diesen Beschluß allen angeschiossenen Gemeinden zu übermitteln und zur Durchführung zu empfehlen. Oesterreich. Men, 26. Oktober. Es ist nicht festzustellen, wieviel von Nervenüberreizung auf jüdischer und von Stimmungsmache auf antisemitischer Seite an den Gerüchten über Pogromvorbereitungen war, die sich vor Jomkippur hier verbreiteten. Jedenfalls herrschte in manchen Synagogen trotz aller beruhigenden Versicherungen der Polizei Erregung. In der Hauptstraße des Prater (mitten im Judenviertel) ging am Jomkippurtage ein Wagen, der mit Handgranaten vollveladen war, tn Flammen auf, wird wie folgt angegeben: 1. Beiträge zur geschichtlichen Würdigung S. R. Hirschs s. A; 2. Aus den Papieren eines neuzeitlichen Jeschiwabachurs; 3. Briefe eines Rabbinatskandidaten an einen evangelischen Vikar; 4. Gesammelte Aussätze und Zeitungsartikel; 5. Homiletische Arbeiten; 0. Erste Predigten und Prediglskizzen; 7. Betrachtungen und Reden. Wir hoffen, daß zahlreiche Leser des „Israelit" sich beeilen werden, den Verfaffer durch Vorausbestellung zur Herausgabe des Buches zu ermutigen. (Das neue Gebet.) Der Synagogenvorsteher, Herr Kommerzienrat Wasserkopf, ist strikte gegen lange Dauer des Gottesdienstes. Er kommt eines Sonnabends — es war bald nach Simchas Thora — zur Synagoge und findet, daß der Vorbeter nicht weit genug hält. Zur Rede gestellt, weiß dieser den Herrn zu nehmen und beschließt, ihm einen Denkzettel zu geben. So gesteht er denn, er habe ein neues Gebet „Maschiv horuach" eingefügt. „Und das tun Sie.^ohne mich zu fragen?" ereiferte sich der Gewaltige. „Wie können Sie sich unterstehen, die Liturgie ohne meine Erlaubnis zu ändern? Ich befehle Ihnen, das neue Gebet künftig wegzulassen!" Bald kommt Herr Wasserkopf wieder zur Synagoge, diesmal etwas früher, um zu sehen, ob man seinen Befehl befolgt habe, mutz aber zu seinem Befremden das neue Gebet Mieden. hören, weiß , aber nicht, wo öasselbe schließt. „Ich .werde dem HerrnEandrabbiner melden, . daß Sie eigenmächtig neue Gebete einstigen", donnert er ergrimmt. Die Meldung geht ab. Aber über die erhaltene Aufklärung hat der Herr Kommerzienrat nichts verlauten lassen und das „neue Gebet" nicht weiter beanstandet. I. P.