Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1921)
- Date
- 1921-11-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Gelte 3 Nr. 44 Der JSraellt. 3. November 1921. stoffenen 7 Jahre ungefähr 40 Millionen Dollar für die Juden Mittel- und Osteuropas ausgegeben hat. Engelman hat diesmal die wichtigsten Städte Deutschlands^ Ungarns, O-sterreichs, Tschecho-Slowakiens, Jugoslaviens, Transylvaniens und Russo-Karpatiens bereist und in vielen Fällen auch die kleinsten Dörfer und Flecken aufgesucht, um die wirtschaftliche Lage genau zu studieren und der amerikanischen Jndenhrit ein genaues Bild von dem, was nottut, zu erstatten. Er weist vor allem darauf hin, daß man sich von der ungeheueren Verschwendungssucht einer dünnen Obeschicht von Kriegsgewinnern nicht über die furchtbare Not und äuße te wirtschaftliche E'schöpfung hinwegtäusch-n lassen dürfe, unter der Hunderitausenve und Millionen von jüdischen Seelen aus der sozialen Mittel- und Unterschicht leiden. Dabei selln gerade die führenden Schichten der mitteleuropäischen Judenheit im Gefühle ihrer gewaltigen jahrzehntelangen Leistungen für die jüdische Gesamtheit vielfach zu stolz, um sich jetzt hilfesuchend nach Amerika zu wenden. Man dürfe daher in Amerika derartige Gesuche erst gar nicht abwarten. Am schlimmsten sei, daß eine große Menge von kulturellen, sozialen und religiösen Institutionen in Mitteleuropa aus Mangel an Mitteln ihre Betriebe einschränken oder einstellen mußten, was wiederum katastrophal auf dir ohnedies notleidende minderbcmittelte Bevölkerung wirkt. Engelman gibt charakteristische Beispiele für die neben nomineller Einkommenserhöhung einhergehende entsetzliche Notlage der Familien des Mittelstandes, der geistigen Arbeiter und des Kleingewerbes, sowie vor allem der Beamten. Er stellt schließlich eine Rechnung auf, wonach zur Aufrechterhaltung der jüdischen Institutionen Zentral-Europas (Ungarn, Jugoslavien, Ruffokarpatien, Tschecho-Slowakai, Transylvanien, Westungarn, Oesterreich, Litauen) im Ganzen 1.290.000 Dollar, außerdem darlehensweise für Aufbau-Zwecke, 1.465.000 Dollar erforderlich seien. In den elfteren Betrag ist die Fürsorge für Waisen und Kranke, sowie die Unterstützung von Schulen und religiösen Institutionen einbegriffen. Der Bericht schließt mit dem Vorschläge, daß das Jo'nt Distriabution Committe eine großzügige Propaganda für Aufbringung von mehreren tausend Zeichnungen zu je 1000 Dollar veranstalten soll. Es wäre herzlich zu wünschen, daß der Appell Engelmans wiederum das wirksame Echo findet, wie sein Aufruf im ersten Kriegsjahre. Der falsche Schachzug in Ungarn. Der Schachzug mit dem König cuf dem ungarischen Schachbrett ist gründlich mißlungen Aus dem Suche „Orchoi Lhajim" des Ä. Nieser b. Isaak.*) Die Wege des Lebens. Gib, mein Svhn, Gott die Ehre und zolle ihm denLDank, denn er ist es, der dich gebildet und in diese Welt gebracht hat,' du bedarfst seiner, er aber nicht deiner. Vertraue nicht deinem leiblichen Wohlergehen hienieden! Mancher hat sich niedergelegt und ist nicht wieder aufgestanden; mancher ging fröhlich zu Bette gesund und wohlgemut uid erwachte unter Schmerzen und Schrecken. Fürchte den Herrn, den Gott deiner Väter, unterlasse nicht abends das Sch'ma, morgens die Tefilla zu lesen,--heilige dich allst deinem Nachtlager und entweihe deine Seele auch in 5eV vertraulichsten Stunde nicht durch unreine Worte. Sei rein an deinem Leibe, versäume früh nicht das Hände- *) Aus dem von L. Elbogen mit Anmerkungen neu herausgegebenen „Littenlehrer" von Dr. Zunz I. Kauffmmm, Verlag, Frankfurt a. M. j und es sah beinahe so aus, als würde mit ihr Schwarz unterliegen. Zu den KompromiLierten und als Landesverräter Verhafteten gehören auch Stefan Friedrich und einige leitende Persönlichkeiten der „Erwachenden Ungarn." Aber kann Weiß siegen unter dem falschen Gegenspiel eines Horthy? Die Pester Israelitische Religionsgemeinde hielt knapp vor dem Königsputsch eine feierliche Generalversammlung ab, in der der Präsident der Gemeinde, Franz Szokely, in einer ergreifenden Ansprache die Leiden des Judentums in den letzten zwei Jahren, die gehässigen Anschuldigungen, die von gewissen Seiten strastos gegen das ungarische Judentum erhoben werden, beleuchtete und ermahnte, all diesen traurigen und schmachvollen Erscheinungen gegenüber Kaltblütigkeit und selbstbewußte Würde zu wahren. „Bedenken wir, daß gröbliche Gewafttätigkeiten, gesetzwidrige Handlungen, nicht für Jene beschämend sind, gegerf die sie Mgangen werden, sontecn für Jene, die sie begehen." Der Gemeindevorsteher Dr. Samuel Glücksthal berührte auch die Angelegenheit der von der ungarischen Hauptstadt entlassenenLehrer und gemaßregelten jüdischen Schuldirektoren und meinte, was den Lehrern gegenüber geschah, finde ein Pendant in all dem, was ans wirtschaftlichem Gebirte gescheh'. „Ob nun Armut, Teuerung besteht, ob es im wirtschaftlichen Leben drauß n was immer für ein Übelstand gibt: wir haben ihn verursacht! Wir werden dafür verantwortlich gemacht, was die unglückselige Politik, kulturwidrige Handlungen und unwissende Menschen verschuldet haben." In Ungarn könne es keine produktive Arbeit geben, die doch die Grundlage jeder Entwicklung bildet, so lange nicht die Sonne des Verständnisses leuchtet. Das alles wurde, wie schon bemerkt, vor dem Habsburger Abenteuer gesagt. Wird man nicht jetzt auch für dieses die Juden verantwortlich machen? Oder werden nun die Horthy Männer endlich einsehen, was in der von ihnen geschaffenen dumpfen Atmosphäre dem Lande alles erblühen kann? 'Wird Ungarn mit der Abschüttelung der „Erwachenden Ungarn" endlich erwachen? Ein Ordenstag der deutschen Sene-Srich-Logen. Die deutschen Bene-Brith-Logen sind seit längerer Zeit mit der Ansammlung eines sogenannten Kulturfonds beschäftigt, der dazu dienen soll, einerseits die kleinen Gemeinden bei waschen und die reinen Hände falte zum Gebete; preise deinen Schöpfer, wenn du deine Kleider anlegst und wenn du deine Nahrung zu dir nimmst. Sei einer der ersten im Gotteshause, gehe mit Ehrfurcht hinein, bedenke, vor wem du daselbst stehest. Im Leh-Hause unterlasse jede eitle Rede, merke auf die Worte der Weisen, schätze nichts für zu gering und verachte niemanden. Den Kranken besuche, zeige ihm ein heiteres Gesicht, belästige ihn aber nichts die Trauernden tröste, weine über die Frommen und du wirst nicht nötig haben, den Tod deiner Kinder zu beweinen. Ehre den Armen durch geheime Gabe, steh ihn nicht an, wenn er an deinem Tische ißt, sei nicht taub gegen sein Flehen, fahre ihn nicht an mit harten Worten und gib ihm von deinen besten Speisen. Wenn du betest, sei klein und demütig vor dem Allmächtigen, bekenne deine Sünden und heilige dich mit angestrengter Kraft, deine böse Begierde zu zügeln. Grüße jedermann, sprich die Wahrheit, sei schamhaft, im Essen mäßig,' iß lieber Kraut, ehe du dich von den Menschen abhängig machst und jage nicht nach Macht und Herrschaft. Von einem bösen Nachbar, einem übeiberüchtigten Menschen halle dich fern, verweile nicht unter Leuten, die von ihren Nebenmenschen Böses reden; sei nicht die Fliege, die stets die kranken Stellen aussucht: erzähle von dem Nächsten nicht die Fehler. Nimm leine deiner unwürdige Frau und halte deine Söhne zur Kenntnis der göttlichen Lehre an. Frohlocke nicht, wenn dein Feind fällt; aber gib ihm zu essen, wenn er hungert; hüte dich, Waisen und Witwen zu kränken, sei nicht Zeuge und Richter in einer Person und richte nie allein. Tritt nicht plötzlich in dein Hans hinein und mache nicht, daß deine Hausgenossen sichallzusehr vor dir fürchten: tu ab den Zorn, das Erbteil der Toren, liebe die Weisen und strebe nach der Erkenntnis deines Schöpfers. Wisse, daß die Hoffnung der Frommen Bedarf zu unterstützen, andererseits die Pflege der jüdischen Wissenschaft und die Erhaltung der ihr dienenden Institutionen und Persönlichkeiten in Deutschland zu fördern. Das Unternehmen selbst, von so hohem Idealismus es auch getragen ist, kann nach unserer Ueberzeugung die Unterstützung gesetzestreuer Kreise nicht beanspruchen, weil unter dem Titel „Wiffettschaft" aus den hier zu sammelnden Geldern vieles gefördert und gekräittgt werden wird, was der jüdischen Lehre als Verleugnung der Gotteswahrheit gilt und daher von dem gewissenhaften Juden nicht gefördert werden darf. Anlaß zu dieser Bemerkung gibt uns die von der Großloge für Deutschland herausgegebemn Fe st nummer zu dem für die Zwecke des Kulturfonds am Rosch hrschonoh veranstalteten Ordenstag. Die Verquickung von Gut und Böse, von echtem allgemein menschlichem und jüdischem Empfinden mit einer für uns unerträglichen Niederreißung aller Grenzmaurrn zwischen Bejahung und Leugnung jüdischer Wahrheit, tritt in diesem Hefte klar hervor. Dr. Jsmar Elbogen schreibt eine hübsche Uebersicht über die Juden Deutschlands in der jüdischen Kulturgeschichte, in der er sich einerseits in glühenden Worten für das Judentum der alten „Frommen Deutschlands" begeistert, das eindringende , selbstverleugnende Talmudstudium feiert, um gleich darauf mit dem schlimmsten, auch wissenschaftlich nicht zu rechtfertigenden Ueb.rtreibunqen das talmudische Lehrhaus Polens mit seinem Pilpul zu beschimpfen und alsdann die kritische „jüdische Wissenschaft" der Neuzeit in den höchsten Tönen zu preisen. Ungeteilte Anerkennung verdient dagegen ein prachtvoller Aufsatz von Fritz Kahn „Neue Wege jüdischer Kultur", der die künstlerische Darstellungsweise dieses Autors in glänzendem Lichte zeigt. Man lese die folgende Gegenüberstellung von Zivilisation und Kultur, die wir uns nicht versagen können, aus dem kleinen Aussatze wiederzugeben. „Zwei aus tauftnd Bildern. Unsere Groß" stadttempel mit ihrem mustergültig programmatischen Gottesdienst, der Fülle der schwarz gekleideten Männer mit Zylindern auf den Häuptern und der Galerie der Frauen im Glanze ihrer neuesten Garderoben verraten die hohe zivilisatiorische Stufe, die eine Gemeinde erreicht hat. Es ist auch nicht zu leugnen, daß unter dieser Decke der Zivilisation das warme Blut der Kultur dahinrennen kanndaß auch hier Empfindungszauber die Seelen umspinnen mag und heiße Gefühle aus lebendigen Herzen wie aus Opserschalen zum Himmel steigen. Aber wir haben keinen Grund, mit Nasenrümpsen auf jenes verborgene Paradies ist, das vor der Welt erschaffen, die Ruhestätte der reinen und heiligen Geister ist. Kleines Feuilleton. „Min Kind". Ein prächtiges Büchlein gibt Heinrich Einstädier den jüdischen Eltern in die Hand?--) Es sollte von ihnen gelesen und immer wieder gelesen werden. Denn ein Freund des Kindes und der jüdischen Sache und dazu ein bewährter Pädagoge ist es, der aus reicher Erfahrung hier mit dem Herzen spricht und Winke erteilt auf dem Wege, den wir unser Kind zu führen haben, von der Namensgebung bis zur Berufswahl. Mit welch sittlichem Ernste werden da die Fragen des Kindersegens und der Aufklärung behandelt. Mancherlei Wahrheiten bekommt man hier in den 16 Abhandlungen zu hören. Aber keine derben Wahrheiten. Die Sprache ist leicht und fließend, die Form schön und gefällig. Man liest es gern und zieht reichen Nutzen daraus. *) „Mein Kind", Pädagogische Winke für jüdische Eltern von Heini ich E i n st ä d t e r. Vertag von Sänger und Friedberg, Frankfurt a. M. n Der Kopfzoll für berliner Juden. M oses M e n d e l s s o h n kam am 16. August 1776 mit seinen Damen nach Dresden. Fremde Inden, mußten damals in Dresden Zoll und Ge-