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Der Israelit · 1921-10-13 · Heft 41-42 (13.10.1921) · page 16

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 41-42 (13.10.1921)
Date
1921-10-13
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Der Israelit. 13. Oktober 1921. Seite 16. Nr. 41 u. 42. Isidor nahm die Zeitung und las folgende Annonce. Gesuch. Ein tüchtiger junger Mann, rechtschaffenen Charakters, streng religiös und von guter Zamile, Ende der Zwanzig, findet Gelegenheit in ein gutgehendes Kolonial- und Schntilwarengcschäst einzuheiraten. Das belr. Mädchen ist achtzehn Jahre alt, hübsch, häuslich erzogen. Bewerber wollen sich wenden an I s t d o r L o b in B. Persönl. Vorstellung erwünscht. Isidor las mtb las? wieder. Endlich blickte er auf und sagte: „Glaubt Ihr mir, wem: ich Euch sage, daß ich von der Annonce nichts weiß, daß mir da ein Schofel einen schlechten Streich gespielt hat! Aber Sonntag, s. G. tu., werde ich an bie 'Zeitung schreiben und mir Aufklärung verschaffen. Bis dahin glaubt uceinem Worte." „Ihr habt Euch bei nur deshalb nicht zu entschuldigen," versetzte die Frau spöttisch. „Jeder cut das, was ihm richtig und gut erscheint. Ihr werdet schon wissen. —" Isidor hörte sie nicht zu Ende. Mit einem „Gut Schabbos" verließ er das Zimmer und begab sich in die Synagoge, die mittlerweile geöffnet worden war. Tie Andacht, mit der Isidor sonst betete, wollte sich nicht einstellen. Immer wieder mußte er an die Annonce denken und an das, was' mail von ihm sagen würde. Denn, daß er dieser Annonce wirklich fern stehe, diese Versicherung, das wußte er, wird keinen Glauben finden. Um jeder Frage zu entgehen, entfernte sich Isidor gleich nach dem Kiddnschgebet, uoch bevor der Gottesdienst sein Ende erreicht hatte. Mit finsteren Blickerl schritt er seinein Hanse zn. Als er aber in das Zimmer trat, in welchem die sechsarmige Sabbatlampe hell brannte urrd seine Frarc und seine Tochter ihn mit freundlichen und glücklichen Gesichtern, ans denen die Labbatsreude thronte, empfingen — da wich der düstere Ernst nrid der Aerger ans seinem Herzen und jubelnd wie. sonst hieß er der: Sabbat in seinem Hanse rvillkornmen, empfing e r „Malachei haschores, Malachei eljann." Ihm schmeckte sein Essen heute auch rricht schlechter als sonst und als er den 8chir hamalaus anstimmte, dachte er rricht mehr arr den Verdruß, den er gehabt hatte. Nach Tische erschallten die 8omrran8 Gesänge, dann las er den rrwrg^l zu verlesenden Thoraabschnitt durch und begab sich zu Bett. Anr folgenden Tage sah man Isidor äußerirr der Synagoge nirgends. Er wollte nichts hören und niemand sehen, derrn er fürchtete neugierige Fragen urrd unverschämte Frager. So verging der Sabbat rrrrd der Sonntag kanr. Ungeduldig erwartete ihrr Röschen, weil sie sich großes Vergnügen davon versprach. Mit .Herzklopfen und nervös ansgeregt sah ihm Isidor, der arrr liebsten sich versteckt hätte, entgegen, ivährend Frau Löb, eine der Situation entsprechende Würde bewahrte und die Ehre des Hauses zu rvahren hatte. Scharr des Morgens früh saß sie rvie eine Königin auf dem Stuhle, sie hatte ihr bestes seidenes Kleid arrgezogerr, und errvartete das Kommende oder vielmehr die Kommenden mit der größten Ruhe. Ihre Geduld rvnrde ans eine harte Probe gestetll, denn es ivar fast Mittag, als sich der erst? Kandidat einstellte. „Gilten Tag, tarrn ich Herrn Isidor Löb rprecherr?" Mit diesen Worten führte sich der elegant gekreidete junge Mann ein. Frau Löb musterte ihrr recht genau. Seine tadellose Eleganz mißfiel ihr. noch mehr aber fand das goldrre Lorgnet ihr Mißfallen, welches arr einem feinen goldnen Kettchen angebnnderr auf der rüstigen Habichtsnase des jungen Mannes saß. Das rvar kein Mann für ihre Tochter und sie sagte: „Bedaure recht sehr, mein Herr, mein Mann ist jetzt gerade beschäftigt." „O, bitte", versetzte der jnnge Alaun höflich, „ich kann warten. Wenn man ein solches Geschäft vor hat, ist man rricht pressiert. —" „Geschäft? Was für ein Geschäft haben Sie vor?" „Ich komme infolge Ihrer Annonce." „Sie wollen sich also bei uns um die Stelle eines Kommis bewerben?" „Davon steht nichts irr der Annonce. Dort las ich, Sie suchen einen Mann für Ihre Tochter."' „Und da meinten Sie, mein Herr, Sie seien der Gesuchte! Unsere Annonce ist falsch abgedrnckt worden." Tor jnnge Mann errtfernte sich. Laut anslachend ging er die Straße hirrab. Ta sah er einen anderen jungen Mann daherkommen und auf das Haus zuschreiteir, das ec eben verlassen hatte. Sollte er ihn warnen? I' was! Laß auch ihn sein Heil versuchen und die Schwiegermutter in spe kennen lernen. Frau Löb rieb sich lächelnd die Hände. Teilt hatte sie das Geschäft versalzen; der konnte zufrieden seilt. Doch'horch! da klopft es wieder an die Türe. „Herein!" Ein jllllger Marin tritt ein. Ein echter Commis voyageur. dem man es am Gesichte schon ansieht, wes Geistes Kind er ist. Als er sich der Frau Löb gcgenübersieht, zieht ein feines Lächeln über sein Gesicht —- er hielt sieh für unwiderstehlich. ,,'n Morgen, sti Morgen", sagte er eintretend, „mein Name ist Mayer, Mayer mit ay, ich erwähne es nur der Adresse halber, der Name ist selten. Sind wohl die Frau Mama rvie? Uitb das Fräulein Tochter, die Hauptperson? Ach so, wird später erscheinen. Also ich komme —" „Bitte, mein Herr", sagte Frau Löb, „die Stelle in meinem Hanse ist schon besetzt. —" „Was? Stelle ist schon besetzt! Suchen Sie denn nicht einen zärtlich liebenden Schwiegersohn, der das Töchterchen vergöttert, ans Händen trägt, der Schiviegerinntter die Kur schneidet - ich meine, Sie könnten keinen besseren finden als mich." „Bedaure sehr, Herr Mayer mit ay, wir suchen einen Commis zum Verkaufe von Zucker, Kaffee, Häring, Syrnp, Wichse wie. auch von Bnkskin etc. und diese Stelle ist besetzt." „Aber Ihre Annonce lautet doch ganz anders." „Das ist nicht unsere Schuld." — „Ich verlange Entschädigung — Reisegeld und Tagesspesen." „Wenden Sie sich an die Zeitung, die den Fehler gemacht hat." „Fehler? So haben Sie am Ende gar keine Tochter —" „Das kann Ihnen einerlei sein. Sie geht meine Tochter nichts an und damit basta. Adieu Herr Mayer!" „Vielleicht kann doch noch was daraus werden, Frau Löb: ich bin ein seltener Mensch. Ich kann alles und bin, wenn ich in ein Geschäft einheiraten kann, mit eitler bescheidenen Mitgift zufrieden. Tie Frau ist ja doch immer die Hauptsache, nicht wahr. Ter Dichter hat Recht, wenn er singt: Ja die Frnustt, Fran'n, Fran'n Nicht schöneres gibts zu schan'n. Sv lange nvch die Welt besteht. Sv lang der Erde»ball sich dreht." Mit eitler guten Tenorstimme hatte der junge Mann diesen Vers aus irgend einer Operette heransgesungen, sodaß Isidor aus dem Laden herbeigesprungen kaiit und mit offenem Munde an der Türe stand, während Röschen, die gelauscht hatte, in der Küche sttnd uitb sich die Leiten hielt. ''Als der jitnge Mann Isidor so dastehen sah, konnte er sich des Lachens Nicht enUiitLnt und int Uebermnt rief er! „Schwiegervater, machen Sie tum Mund zu, es zieht.'" Ta erhob sich Frait Löb in ihrer ganzen Größe iiltd mit der 5pand nach der Türe deutend schrie sie: „Hinaus! Unverschämter!" Herr Mayer folgte diesem kategorischen Imperativ mtb beeilte sich, ans der gefährlichen Nähe zrl verschwinden. Krau Löb hatte jetzt scholl genug. Um keinen Preis der Welt hätte sie die übrigen Kandidaten empfangen. Sie ging in ihr Schlafzimmer, zog ihr seidenes Kleid aus und sagte zu. Isidor: „Iß Tn jetzt aus, was Dn eingebrockt hast, ich bin satt." „Ich habe garnichts eiugebrockt," sagte Isidor ärgerlich, „das hat die Zeitung getan, sie soll sofort einen Brief habet:. Röschen, schließ das Tor zu, daß keiner mehr kommen kann mtb komme dann herein. Du sollst 'nett Brief schreiben". Und Röschen tat, was! ihr der Vater besohlen, die Kandidaten, die kamen, ftanbeii vor verschlossener Türe mtb mußten unverrichteter Sache wieder abziehem. Die Zeitung erhielt einen geharnischten Brief und Löb schwur sich zu, nie mehr zu inserierett. Schot: am nächsten Tage antwortete die Zeitungsexpedition, daß leider eiue Zeile Volt eitler Annonce in die andere gekommen, daß der Fehler aber bald bemerkt und korrigiert wordetl sei und sie sandte ihm etttett Beleg, tu welchem das Inserat in der Fassung stand, iti welcher Isidor es aufgegebetl hatte. Sie entschuldigte sich deshalb und sagte, daß nur zirka dreihundert Exemplare mit der fehlerhaften Annonce, die schotr expediert wordetl Umreit, nicht mehr hätten znrückgeholt werden können. Nur dreihundert Exemplare, jammerte Löb — es wäre scholl getlng an denr einen gewesen, das der Schammes bekommen hat. Aber ich kann mich rechtfertigen. Hub ehe eine Stunde verging, war dieses geschehen mtb war noch mehr geschehen. Ter Lohn des Schammes, ein tüchtiger, frommer, junger Mann mürbe mit Röschen verlobt und half an den Tagen, an welchen int Geschäft viel zu tun war, int Laden mit, während er an anderen Tagen für Isidor Löb reiste mtb sehr gute Geschäfte machte. Bald lvnrde die Hochzeit gefeiert mtb der Chronist hatte ein glückliches junges Paar mehr zu verzeichnen. Als später Isidor seinen Schwiegersohn einmal fragte, nmntnt er gerade an jenem Tage um Röschen angehaltert habe, erhielt er zur Antwort: „Durch die Anuonee habe ich erfahren, ivas Dn für einen Schwiegersohn suchst, und als ich sah, daß ich Trinen Ansprüchen genügen. | konnte und mit mir einig war, daß ich Röschen lieber hatte, als alles ans der Welt, da trat ich als Brautbelverber auf." „Also nur tu Folge jener Annonce, jenes D rncksehelrs?" „Nur infolgedessen." „Tann", setzte Löb hinzu, „hat auch der Druckfehler sein Gutes gehabt und ich sage mit dem weisen Talmudlehrer: „Garn su letauwoh." Eilte Laubhütte in Aew-Nork. Ein Lebensbild von Schaloni Asch. Mitten zwischen den aneinander- und aufeinander drängenden Zinshäusern iu einer Gasse auf der Eastseile gab es ein kleines viereckiges Stückchen freien Platzes: keiner weiß, wie das znging, daß ein Stückchen Platzes leer und unbeitütst in'New-Avrk stehen kann. . . Cs hieß, der Platz gehöre minderjährigen Waisen und könne nicht verkauft werden: andere sagten, er sei cm Erbstück eines von den Groß-Millio nn'ren der ü. Avenue, welcher ihn unberührt lasse. Doch wie immer es sei — wer vorüberging und das Stückchen Platz ans einer der belebtesten Indengnssen leer gähnen sah, dessen Herz zog sich vor Kränkung zusammen und er schmiedete Pläne, wie er zu Mem Stückchen Platz kommen könnte. Aber das „zn kommen" rvar nicht möglich. Wie immer es sei, niemand wusste, warum, aber der Platz wurde nicht verbaut. Er stand eben leer. „Leerstellen" ist leicht gesagt, aber so mir nichts dir nichts „leer gestanden" ist der Platz nicht.

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