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Der Israelit · 1921-10-13 · Heft 41-42 (13.10.1921) · page 15

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 41-42 (13.10.1921)
Date
1921-10-13
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Feuilleton Beilage zu Ar. ii u. 42 des „Maelit". Simcha- Thora im Städtchen. Am Schemtnt-Azeres Nachmittag, da die Alten nach dem Mahle auf dem Kanapee ein wenig einnicken, ertönt schon von einer Seite der Straße der Gesang der Schuljugend, eine Art Begleitung für den Solo-Gesang von Salmen, dem Melamed. Salmen war Kleinkinderlehrer in der Talmud Thora und hungerte als solcher täglich drei mal. „Was wäre aus mir geworden?" Pflegte Salmen zu sagen, „wenn mir der Vater nicht das Häuschen hinterlassen hätte? Aufs Essen kommt es wirklich nicht an. Gibt es kein Frühstück, so hat man seine Pfeife. Eine Pfeife ersetzt drei Mahlzeiten. Aber bet Fremden in Miete wohnen, davor behüte einen Gott. Und so danke ich Gott dafür . . ." pflegte Salmen zu schließen. Dieses Erbhaus Salmens stand direkt am Niemen. Kam im Frühjahr infolge der Schneeschmelze Ueberschlmmmung, so war das Häuschen des Melamed das erste Opfer. Auch das Material des Hauses war nicht von bester Art. Die Bretter waren dünn und schmal und die Spalten dazwischen um so breiter, die Balken morsch, Wände und Fenster wiesen Lücken und Breschen auf, die man im Winter mit allem möglichen Papier- und Tücherzeug verstopfen mutzte, ohne daß sie den Wind verhindert hätten, ins Haus zu dringen und Salmen und seiner Ehefrau ganze Nächte die Ohren voll zu pfeifen. „Wenn uns der liebe Gott hilft", pflegte die ebenso geduldige Frau des Melamed zu sagen, „dann soll es unser Erstes sein, das Häuschen ein bischen herzurichten, daß der böse Wind nicht so ganz bet uns hausen kann." Es bedrückte Salmen sehr, daß er kein Plätzchen vor dem Hause hatte, um eine Sukkoh aufzuftellen und er auf des Nachbars Laubhütte angewiesen war. Aber er stand gut mit dem Nachbar, wie mit allen Menschen und er fand in den sieben Tagen des Festes in der fremden Laubhütte warmen Schutz vor den Winden, die ihm in seinem festen Hause keine Ruhe gaben... Wenn Salmen am Schemini Azeres nachmittag von Nachbars Sukkoh mit dem „Jehi Rozaün", Abschied nahm, stand draußen bereits die gesamte Schuljugend und harrte seiner. Sie kannte schon seine Art und wußte, daß jetzt lustig singend durch alle Straßen gezogen wird. Und sie alle durften und wollten intt. „Kadschenu-Heilige uns mit deinen Geboten! ..." So singt Salmen mit seiner dünnen schrillen Fistelstimme. Und die Jugend singt im Chore mit und klatscht in die Hände, daß es dröhnt durch alle Gassen. Das ist der Auftakt für die Simchas Thora- Freude. Inzwischen versammelt sich fast die ganze Gemeinde im Hause Rabbi Simchos, des ersten Ehewro-Gabbe, wo auf langen Tischen bauchige Schnapsflaschen, sowie Schalen und Schüsseln mit Obst und Leckereien stehen. Die Gabajim und Vereinsdiener tragen und warten aus und Freude rauscht durch den Raum. Am frohesten und ausgelassensten gebärdet sich Sußje der Major, der erste Schammes^ des Heiligen Vereins. Sußje hatte seineeigene Geschichte. Er wurde als kleines Kind von den Häschern, die damals die Aufgabe hatten, eine gewisse Anzahl von Soldaten den Behörden zu stellen, seiner Mutter, einer armen Witwe, entrissen. Die Greise erinnerten sich noch der traurigen Geschichte und erzählten mit Grauen, wie sich die arme Frau an die Räder des Wagens hängte, in dem ihr Kind in die Kreisstadt entführt wurde und nicht eher abließ, als bis sie ohnmächtig zu Boden fiel. Man hörte lange von Sußje nichts. Aber nach 25 Jahren kam er wieder ins Städtchen, groß, kräftig, gesund, dte Brust mit Ehren-Medaillen und Auszeichnungen aller Art bedeckt. Er kam, um seine Mutter zu suchen, aber er fand sie bereits aus dem Friedhof. Dort weilte er tagelang. Der Friedhof wurde ihm der liebste Aufenthaltsplatz. Im Städtchen stellte man sich sehr freundlich zu dem Hetmgekehrten, man rechnete es ihm hoch an, daß er nach 25jähriger Dienstzeit in Kasernen und auf Schlachtfeldern als Jude gekommen war. Man ließ sich von ihm erzählen, welche Qualen und Peinigungen er von Kindheit an über sich ergehen ließ, ohne von seinem Judentume zu lassen. Auf seinen Wunsch wurde ihm ein Lehrer bestellt, der ihm das Beten betbrachte, dann war man auch für seinen Lebensunterhalt besorgt. Aber von all' den ihm gemachten Vorschlägen, sagte ihm der Posten eines Chewro-Schammes am meisten zu. Konnte er doch in dieser Eigenschaft den größten Teil des Tages auf dem Friedhof, in der Nähe der Mutter zubringen. Mit Rücksicht auf seine Vergangenheit, auf seine vielen goldenen Medaillen und in Würdigung der Tatsache, daß er es bis zum hohen Vorgesetzten gebracht hätte, wenn er nicht seinem Glauben treu geblieben wäre, nannte man ihn bald im Städtchen allgemein Sußje, der Major. Aus seiner Dienstzeit hatte er die Fähigkeit zu trinken beibehalten. Er trank, wenn es sein mußte, und besonders bei freudigen Anlässen, unaufhörlich, ohne sich eigentlich einen Rausch anzutrinken. Sußje kannte jeden der Gäste und begrüßte jeden Einzelnen halb jüdisch, halb russisch, mit allen ihm gebührenden Ehren und Titeln. „Seine Durchlaucht Rabbi Nechemjo, der Hauptmann vom heiligen Regiment seid mcchabed mit Liedsingen!" kommandiert der Major. Und Rabbi Nechemjo, der schöne Greis mit dem wallenden Barte singt: „Was mir seinen, seinen mir . . ." Und die Gäste singen in freudigem Chorus nach jedem Satze den Kehrreim: „Was mir seinen, seinen mir Ober Jiden seinen mir! . . ." Mitten im Singen tritt aber wie lähmendes Schweigen ein. Die ganze Versammlung erhebt sich wie auf Kommando vom Platz. Der Rabbiner ist in den Saal getreten. Er wehrt mit der Hand leise ab. Man sollte doch nur weiter singen und er singt gleich selber mit. Und bevor er sich dessen versehen hatte, ist um ihn ein Kreis gebildet, in dessen Mitte Rebbe Nechemjo und Sußje Major einen lustigen Kosaken tanz zu Ehren des Festes und des hohen Gastes auf- 'ühren. Ein wildes Schreien wird von außen hörbar. Salmen, der Melamed, hat in Begleitung seiner hundert Jungen die Runde durch die ganze Stadt gemacht und ist jetzt mit seinem Zuge bis an das Haus des Gabbe gelangt. Die Türen werden geöffnet und alles geht dem Zuge entgegen. Der Rabbi selbst ruft den Kindern entgegen: „Zon Kodoschim! . . ." Und dte Menge der Kleinen brüllt: „Me, Me, Me!!! < . Und mehr wie alle schreit und tanzt und . singt und trinkt Sußje, der Major. Er teilt Leckereien aus und wirft Aepfel unter die Kinder, daß sie sich zu einem Knäuel verstricken. Und da er in hebräischen Worten kein Meister ist, teilt er seine Befehle in russischer Sprache aus und singt russische Lieder in jüdischen Melodien. Wenn sich die Sonne senkt, werden unter einem Baldachin der erste Gabbe und der Rabbi singend im Triumphzug durch die Straßen bis zur Synagoge geführt. Anführer des Zuges ist Sußje, der Major. Nur von Zeit zu Zeit wird der Massengesang unterbrochen mit einem lauten „Zon kodoschim! ..." Und die Jugend schreit: ,,Me, me, me! . . Die Synagoge ist in wenigen Sekunden überfüllt. An hundert Kerzen bestrahlen glückliche Gesichter von Menschen, die ihre kleine Not vollkommen vergessen haben und ganz in einem höheren Lichte schweigen. Hundert verschiedene Melodien trällern durch den Raum, bis sie sich alle zu einer Symphonie vereinigen. Der Vorbeter am Pulte stimmt nun mit großer Aufmachung das „Borachchu" an. Ein Druckfehler. Hmnorlstische Novelle aus der guten alten Zeit von H. B. (Fortsetzung.) Am Freitag nachmittag zur bestimmten Zeit schloß er seinen Laden, badete und zog seine Feiertagskleider an, um zur Synagoge zu gehen. Auf dem Wege dahin begegneten ihm einige Glaubensgenossen, die ihn freundlich lächelnd grüßten. Ihr Gruß deuchte Isidor ganz anders wie sonst, aber er achtete nicht weiter darauf, sondern schritt bedächtig dem Gotteshause zu. Es war noch etwas zu früh und dte Türen der Synagoge waren noch nicht geöffnet. Jstdor giiig deshalb, wie er bei solcher Gelegenheit zu tun pflegte, in die neben der Synagoge gelegene Wohnung des Schammes, um mit diesem oder mit dessen Frau noch ein paar Worte zu plaudern. Er wurde freundlich empfangen, doch merkte er, daß es nicht wie sonst war, ein unbestimmtes Etwas lag auch hier in der Luft, und er sollte nicht lange im Unklaren bleiben. „Nun, Herr Lob", sagte dte Frau des Schammes nach einigen Worten, „haben Sie schon einen Choson für Ihre Tochter gefunden?" „Ich? fragte Isidor, „was meinen Sie damit?' „Nun, Sie suchen ja durch Inserat einen Choson." Isidor lachte und sagte: „Ich glaub', die ganze Welt ist meschngge geworden." Das war zu viel für die brave Frau. Mit einem Ruck stand sie neben Isidor und sagte: „Nein, ich glaub' eher, Ihr seid meschuggo, daß Ihr einen blind und'dumm machen )vot(t. Wao ich gelesen Hab, das laß, ich mir nicht wegdisputieren." „Und was habt Ihr dann gelesen?" fragte Löb spitz. „Was ich gelesen Hab? Daß Isidor Lob in B. einen tüchtigen jungen'Manii zum Einheiraten in sein Geschäft sucht und daß persönliche Vorstellung erivünscht ist." „Das habt Ihr gelesen? Wo denn?" ..-Fragt mich auch noch wo! In unserer jüdischen Zeitung." „Seid mir's machet, meint ich das glauben soll, muß ich es selber sehen." „Ihr sollt es sehen und sollt es lesen." Mit eiligen Schritten ging sie ins Nebenzimmer und kam mit einer Zeitung zurück. Rasch hatte sie gefunden, wao sie suchte. Sie deutete mit dem Finger ans eine Stelle und sagte: „Da lest!"

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