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Der Israelit · 1921-10-13 · Heft 41-42 (13.10.1921) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 41-42 (13.10.1921)
Date
1921-10-13
Page
– (sequence 17)
Language
German
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13. Okkobe 1921. Der Alteisenhändler von gegenüber hat vorläufig einen Teil seines „Warenlagers" dort anfgestapett. Bis man kommt und ihn es abzusiihren heißt, wird er es schon abführen. Der irische Bäcker, welcher auch in der Nachbarschaft des Platzes wohnt, hat dort einen Taubenschlag aufgestellt, in dem er seine Tauben hält. Die Kinder des ganzen Viertels spielen auf dem Platz Ball. Und da der Ball nicht viel Bewegungsfreiheit hat, schlägt er jedes Mnt gegen das Zeniter eines anderen Inden in der Nachbarschaft, schlügt eine Scheibe aus, wirft Eßtöpfe herab, welche auf den Fensterbrettern stehen, und die Nachbarn ringsum verwünschen das leere Stückchen Platz und wünschen ihm einen raschen Tod dadurch, das; einer kommt und es verbaut, damit es schon nicht mehr die Tauben des irischen Gvj und die gefährlichen Bälle der jüdischen Straßenbengel beherberge. Bor ein paar Jahreil hat ein kleines Männlein aus Odessa von irgendwem eine Pachtlizenz auf den Platz herausgekriegt und dort einen „Gefrorenes-Salon" errichtet. Eine kleine Bude, grüngestricheu, mit ein vaar Blumentöpfen geziert, wie es für einen Gefrorenes-Salvir paßt.' Ein Schild wurde angebracht niit der Aufschrift: „Sommerparadies". Blumentöpfe vor einem Gefrorenes-Salon waren eine Neuigkeit in Der Jndengassc und die Hvlzbude init der Aufschrift „sommerparadies" wurde berühmt in der ganzen Umgebung. Aus dem ganzen Viertel kamen ,'Bohs" arid „Girls" ins „Sommerparadies" frische Luft schöpfen and Eis essen, so daß das „Sommerparadies" bald in diesem Viertel dem „Concv-JSlnnd"*) erfolgreiche Konkurrenz bot. Oft sagte ein Jude seiner Frau: Wozu sollen wir uns erst mit dem Omnibus nach „Coneh- Island" schleppen, wir gehen ins „Sommerparadies". lind obwohl voii den Blumentöpfen langst nicht einmal mehr die Erimicrung geblieben war — die Blätter, hat der Schmutz und" der Staub aufgefresfen und aus den Näpfen starrten bloß noch schmutzige Stengel, von denen niemand weiß, wozu sie dienen -- so hat doch das „Sommerparadies" einen so festen Nus im ganzen Viertel, daß von weit und breit Besucher zur „Erholung" komme». Weil es eben im freieen steht, wurde es so berühmt. Viele Juden versuchten dem „Sommerparadies" Konkurrenz zu machen, doch sie tonnten es nicht: denn keiner konnte ein Stückchen freien Platzes in dem ganzen Viertel finden, wo er ein zweites „Sommerparadies" hätte aufstellen können. Im Sommer ist das „Lvmmerparadies" eine Eis¬ und Svdnwasserhalle. Wenn aber ^uktvth-Zeit kommt, io verwandelt sich das sommerparadies in eine Laubhütte. Zum ersten Male geschah dies folgendermaßen. Als die Vereinigung „Ansche-Emeß" in Professor, Landhaus Tanzsaal ihr Bethaus eröffnet, wo ihre Mitglieder an jedem Freitagabend und Säbbalmvrgen ihre 'Andacht verrichteten, da suchte sie eine Laubhütte für ihre Mitglieder, wo sie am Morgen an den Sukkoth-Tagen Kiddusch machen könnten. Der Tanzsaal besaß keinen Balkon und in der ganzen Gegend ringsum gab es keinen leeren Platz, um dort eine Laubhütte uufzustellen. Da kam der Schammes auf eine Idee; er ging zu dem Juden ans Odessa, dem Besitzer des „Sommerparadies", und mietete das Sommerparadies für die Sukkvth-Tnge, Zwei kleine Dachfenster hatte das Paradies von früher her, also hatte der Schammes nichts weiter zu tun, als ein wenig Reisig aufzulegeu, und die Laubhütte war fertig. Die Laubhütte im „Sommerparadies" war ein Riesenerfolg. Hinein kamen nicht bloß die Mitglieder der Vereinigung „Ansche-Emeß", sondern alle Inden ans der Umgegend, welche eine Laubhütte für den .Kiddusch am 'Feiertagmorgen suchten. Im nächsten Jahre überlegte der Jude ans Odessa: „Wozu brauche ich die Vereinigung „Ansche-Emeß": Ich werde selbst aus dem Paradies eine Laubhütte machen und den Gewinn aus dem Feiertagsgeschäft selber einstecken." Einige Tage vor Sukkvth heftete der Odessaer Jude ein großes Plakat an sein „Sommerparadies": Laubhütte zu vermieten! 25 Cents für einen Kiddusch. Schönste Laubhütte vom Groß-New-Aork. Billiger als überall! Und als die Juden aus der ganzen Ilmgebnng das Viatat lasen, erinnerten sie sich/daß Sukkoth-Zeit sei. Sie dachten an ihre Laubhütten in der alten Heimat, in denen sie behaglich gesessen hatten, schmackhafte wische und Fleisch gegessen^und sich zusammen gefreut liatten: und jeder hatte Sehnsucht nach einer Lanbl'tztte, nach frohen, hellen Festtagen. Viele erinnerten '!ch ihrer Kinderjahre, als sie dem Vatergeholfen ballen, eine Laubhütte zu bauen. Seit sie in Amerika waren, hatten sie keine mehr vor 'Augen gesehen. 'An den Tagen vor dem Feste tanien^ die Leute und lösten sich die Karten. Und ani ersten Sutkottz-Morge» kam ein Zug von Juden aus dem ganzen Viertel mit Weinflaschen und Gläsern ln die Laubhütte, um Kiddusch zu machen. Das Innere '-var nicht sehr geräumig, es konnte nicht viel Leute auf wttinnl fassen: und da waren viele Inden, von allen Vereinigungen des Viertels und auch solche, die einfach Re Sehnsucht Hertrieb, ni:> Sukkoth-Fest in einer Bucht,litte zu sitzen. Sv stellten sie sich denn mit den -Laschen und den Bechern in den Händen in einer *) Ein Park in New-Pork. Der Israelit. langen Reihe vor der Laubhütte an. Der Jude aus Odessa stand bei der Tür und achtete darauf, daß jeder Eintreteude ihm die Karte vorzeigte. Und sv tritt maic ein, macht Kiddusch und geht wieder heraus. Langer als eine Minute läßt der Odessaer Jude keinen "in der Laubhütte weilen: denn die anderen warten. .Und manchmal, wenn ein Frommer ein wenig länger in der Laubhütte verweilt, da er das Gebet "mit Inbrunst spricht, bevor er Kiddusch macht, ruft der Jude aus Odessa herein: „He, Vetter, vorwärts! Die Laute warten!" „Gleich, gleich," bittet der fromme Jude, „nur noch eine Minute!" Minderecke. GS war Suttaus. Voll Heinrich Einstüdter. Scholl früh hatte sich der tiefblaue Abendhinnnel mit einem Heere flimmernder -^teilte geschmückt. Straften und freie Plätze waren still geworden. Das Leben hatte sich hinter geschloffene Türcll und Fensterläden zurückgezogen. Im Hofraume eines stattlichen Hauses standen zwei Hütten. Als ob sie sich absichtlich gemieden hätten, so kam es fast vor; denn sie befanden sich in gegenüberliegenden Enden. Aber das war noch jedes Jahr so gewesen und hatte seinen Grund in dem Umstande, daß einige im'il ausladende Bäume die Mitte des Hofes für sich beanspruchten. Tic Hüttcnbcwohncr aber ivoUteu ausschließlich im Schatten der Lanbdächer weilen, die sie mit Sorgfalt geschichtet und mit viel Geschmack geziert hatten. Wenn also auch nicht gerade Feindschaft die Ursache der räumlichen Entfernung war, so begrüßten es die beiten Fairiilien doch, daß die Verhältnisse sie zwangen, etwas auseinanderzurücken. Seitdem nämlich die Frauen vor einem Halden Jahre infolge eines Streites ihrer Dienstmädchen eilten Wortwechsel gehabt hatten, imrrde zwischen ihnen keinerlei Perkehr mehr gepflogen, und obwohl inzwischen - jede Partei eingefehen hatte, daß eigentlich der Anlaft des Zwistes ein ganz nichtiger gewesen war iutf> jede schwer das frühere freundliche Verhältnis entbehrte, so besaß trotzdew keiner soviel Selbstverlengntmg, daft er den ersten Schritt zu einer Annäherung getan hätte. Unter der Entfremdung litten besonders die Kinder, die es nicht begreifen konnten, worum sie mit beit Leuten, die ihnen stets so freundlich geweterl ivaren, nicht mehr sprechen sollten. Ihre Fragen wurden aber häufig unwirsch zurückgelviesen, da die Eltern ja selbst nach befriedigenden Erklärungen verlegen - waren, und so schwiegen sie nach und nach. Als aber der Jomkippur nahte, faßte sich der Aeltefte ein .Herz und sprach zu seinem Vater: „Lieber Vater! Man soll sich doch vor Jomkippur mit den Nebenmenschen anssöhnen. Wollen wir da nicht auch wieder mit Langens gut werden?" Da legte ihm der Vater sanft die Hand ans die Schulter und antwortete freundlich: „Wir haben uns im Herzen längst wieder mit ihnen versöhnt und wünschen ihnen alles Gute. Aber mir wollen ihre Wohnung nicht betreten, bevor sie wieder einmal hier bei uns gewesen sind." So verging auch der heilige Bersöhnnngstag. ohne daft eine Annäherung erfolgt war, und nun feierte man schon das Lanbhüttensest. In -Mohrs Sncko herrschte die iveihevolle Stimmung, die dem ersten Festabend eigen ist. Es mar noch alles so neu, so frisch. Das Laub duftete, die Kränze prangten, die Lichter glänzten, das Tafelgeschirr blinkte, die Angen strahlten. Und als das Kiodnschgebet zum Ausdruck gebracht hatte, was aller Herzen erfüllte, und ein. herrliches Mahl anfgetragen ivnrde, da kam auch eine fröhliche Unterhaltung in Fluß, mto mit Behagen gab sich Alt und Jung den gebotenen Genüssen hin. Die Kiltder meinten, daft es nirgends so gut schmeckte als hier in der Sncko. Die Snpüe w kräftig? Die Fische so würzig! Und erst die Bratgans, sie bildete den Mittelpunkt der Tafel. Nr. 41 u. 43. Sette 17 So viel aitch die Köchin auftragen mochte — es verschwand alles restlos in diesen! heiter gestimmten Kreise. „Geh, Jda," sprach da die Mutter, „mtb hole noch etwas Bratensauce!" Sogleich erhob sich das Kind, um das Gefäß in der Küche nochmals füllen zu lassen. Jda musste an der anderen Sncko vorüber. Da kam gerade Langens Mädchen mit einem dicht beladenen Servierbrett. Sie hatte keine Hand frei, und rasch öffnete ihr darum das höfliche Kind die Tür. Als es sich aber dann im Lichtfeld des Eingangs sah und aller Angen sich nach ihm wandten, da erschrak es doch ein wenig, und schüchtern kam ihm das „Gut Jomtom" über die Lippen. Desto fröhlicher erschallte von der ganzen Tafelrunde die Antwort. Frau Langen stand sogleich auf, reichte Jda die Hand und zog dis verlegene Kind über die Schwelle. Wie auf ein verabredetes Zeichen drängten sich die Kinder nur Jda, um sie mit großer Freundlichkeit zu begrüßen. Die Mutter nahm ihr schnell die Sauciere ans der Hand, sonst wäre sie wohl im Gedränge in Scherben gegangen. Was sollte Jda sagen? „Ich wollte noch etlvas Bratensauce holen," kam es verlegen über ihre Lippen. „Die kannst du hier haben," erwiderte Frau Langen. „Unsere ist ttoef) ganz heiß." ' Sie fültle schnell das Gefäß, und mit man Auftrag, die Eltern schön zu grüßen, wurde Jda entlassen. In der andern .Hütte hatte man gerade die Tür geöffnet, um dem zurückkehrenden Kind den Weg über den Hof zu erleuchten. So waren die letzten Worte Frau Langens gehört worden. Als Jda init der Bratenbrühe kam, sah sie daher erstaunte Gesichter. „Was war das? Wo kommst du her?" — Das Kind erzählte. Sichtlich mar die Verlegenheit der Eltern, aber selbst für die Kinder erkennbar dabei ihre Freude darüber, daß das Eis endlich gebrochen war. Und als die schlauen Buben und' Mädels das erst gewerkt hatten, da brachen sie auch schon in einen wahren Jubel ans. „Jetzt gehen wir alte wieder zu Langens!" Kaum konnte der Vater den Lärm, den mau im ganzen Hofe hörte, dämpfen. Endlich wandte man sich wieder dem Essen zu, und als dann ein Schokolade-Pudding anfgetragen wurde, flüsterte die Mutter leis dem Vater zu: „Ich muß mich doch bei Langens bedanken. Soll ich den Kindern nicht etlvas Pudding hinüberschicken?" Der Vater nickte. Und nun entstand fast ein Streit unter den Kindern, wer den Ueberbringer machen durfte. Endlich war das auch entschieden. Der Jüngste, Gustav, war auserkoren worden. Aber fast wäre der Pudding von der Platte gerollt als er mit strahlendem Gesicht zur Hütte hineinstolperte. „Die Eltern lassen „Gut Jomtow" wünschen und schicken euch etwas vom Nachtisch." Und dann fügte er, einem plötzlichen Einfall folgend, noch schnell von sich ans lnnzn: „Wenn nach dem Essen Snkel und Tante hinüber zu uns gingen, da hätten mir Lindec hier freien Platz znm Spielen." Das war ein guter Gedanke gewesen. In der Tat kamen gleich nach dem Tischgebet Herr ltnb Frau Langen in Mohrs Sncko, und die Kleinen wurden hinüber z» ihren Käme raden geschickt. Und während hier fröhliche Kivderr wacker dem Obst zusprachen, das jür sie hingestellt worden war, ltnb sich in ver lang entbehrten Gesellschaft ergötzten, unterhielten sich dort die Männer und Frauen so gilt miteinander, daft die Stunden mir im Fluge verslo'sen. Es war spät, als an diesem Abend die Kinder zu Bett gingen. Ans der Treppe sang Leo noch: „Hapanres Snckas Scholanm." Und mir wissen, was tzas bedeutet.

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