Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 41-42 (13.10.1921)
- Date
- 1921-10-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 12 No. 41 u. 42 Der Israelit. 13. Oktober 1931 Abr-ohttv' Steinhäuser ist in dem unteriränktschen Marti fl ecken Oberlauringen als Kind frommer Eltern geboren. Schon früh entwickelte er ein scharfes Geistes' leben und interessierte sich bereits als Junge sehr für rumun irnm Mit seiner Barmizwoh siedelte er nach Höchberg bei Würzburg über, wo er zu Füßen des Rabbi Elosor Ottenseler b Xi lernte, hierauf vervollkommrieie er sich bei Rabbiner Fromm Wt, Homburg v. d. H., um später als Lehrer, nachdem er in Würzburg das Seminar absolviert hatte, in deren Sinn in' Magdeburg und verschiedenen Orten des Harzes zu amtieren. Sein schweres Leiden zwang ihn sehr früh, den Lehrerberuf aufzugeben; solange es aber sein Gesundheitszustand znließ, übte er das Amt eines ehrenamtlich aus. Seine liebste Beschäftigung, die ihn auch alles Le>d vergessen lieh, war min iiv'd. Eine seltene Geistesschärfe, ein bewundernswertes glückliches Gedächtnis zeichneten ihn aus. Er beherrschte nicht nur die sämtlichen Gebetstücke auswendig, nein, alles, was er in früher Jugend einmal gelernt hatte, hastete fest in seinem Gedächtnis. Wer ihn an einem 8iv:-Lernen teilnehmen hörte, glaubte nicht, einen •’vns *;c vor sich zu haben. Dabei kam sein scharfer Geist und sein humorvolles Wesen so recht zum Durchbruch. Unentwegt war er bestrebt mnNii'tt min In unserem „Ahawas-Thauro Verein war er unermüdlich rege. In seiner Wohnung scharte er die Thorabeflissenen um sich, um mit ihnen zu lernen. Keine Stunde war ihm zu früh oder zu spät. In vorgerückter Nachtstunde kamen während des Krieges säst täglich lernbegierige Soldaten zu ihm. Und da war er in seinem Element, da vergaß er alles irdische Leid. Und so lernte und lehrte er noch wenige Tage vor seiner Abberufung. Ebenso gewissenhaft war er aber auch in der Erfüllung der Diib. Ein echter ’“?n» von altem Schrot und Korn ist von uns gegangen. Hanau, 8. Olt. Der Tod löst das Leben ab und die Lebenden die Toten. Doch uns beherrschten andere Gefühle am Freitag abend. Dr. Bamberger lebt stets in uns und sein Wirken geht unaufhaltsam über den Augenblick hinweg, wo er von uns gerissen wurdenicht zu verkennen ist es, daß nur der von ihm scharf vorgezeichnete Weg weiter gegangen wird. Zu wollte man nicht führerlos sein und die Worte entbehren, die aus seinem Munde so freundlich, so treu und aufrichtig immer sprudelten. Und so hatte man die Einführung seines Nachfolgers, Se. Ehrw. Herr Dr. G r a d e w i tz noch,auf den Freitag abend vorher festgesetzt. Nach nn ns^, das gleichzeitig die Einleitung bilden sollte und bei dem zum ersten Male der Chor frischer Jungens — wie man merkte durch Herrn Lehrer Sulzbacher sachkundig vorbereitet und gut geleitet — hervortrat, begrüßte der Kreisvorsteher Herr Dr. Koref, namens des Vorsteheramts und der Landgemeinden die Ehrengäste. Besonderen Dank widmete er dem Herrn Landrat und preußischen Landeskommissar Dr. Voigt, der mit besonderem Interesse die Ncuberufung eines Rabbiners verfolgt hat. Nach ihm ergriff für die Gemeinde der Gemeindeälteste B. Nosenberg das Wort und begrüßte mit warmen Worten den neugewählten Führer der Gemeinde. Ein Lichtstrahl fällt wieder auf die Gemeinde, die solange verwaist war. Neue Hoffnung zieht in ihr Herz ein. Der Lichtstrahl wird uns sehr schnell zur leuchtenden Flamme werden. Herr Landrat Dr. Voigt richtete Worte der Begrüßung an Herrn Rabbiner Dr. Gradewitz. Er brachte den Wunsch zum Ausdruck, daß Herr Dr. Gradewitz bei seiner Gemeinde auch die Liebe zum deutschen Vaterland pflegen möchte. Herr Landrabbiner Dr. Walther, Caffel, hielt dann die Jestpredigt. Nach schönen Worten des Gedenkens an Rabb. Bamberger ging er auf den Synagogenumbau über und wandrc sich an Herrn Dr. Gordemitz. Kraft und Stärke möge Gott ihm verleihen, um den schweren Aufgaben seines Amtes gerecht zu werden. Nach diesen Begrüßungsreden sprach Heir Rabbiner Dr. Gradewitz zu seiner Gemeinde. Ec sei sich vollbewuht der Schwere der Aufgabe. Doppelt schwer, denn es beißt das Erbe e>nes Mannes antreten, der eine Leuchte in seiner Gemeinde und eine Zierde des Nabbinerstandes war. Ausgehend vom Psalm 121 usw. dankte er nv3pr, der ihn bisher so glücklich geleitet, der ihm seinen Schutz immer gewährt und bat diesen Beistand auch ferner ihm angedeihen zu lassen. Aus welchen Zweig er sein besonderes Augenmerk richten müsse, das könne er nach den paar Tagen seines Aufenthaltes in Hanau noch nicht genau sagen, der Jugend wolle er sich aber auf alle Fälle besonders widmen. Denn beute habe mehr denn je der Satz Gültigkeit 'n in wnys. Die Jugend marschiert an der Spitze. Kraftvoll und klar waren die Worte aus dem Munde unseres Raw. Möge seine Arbeit im neuen Wirkungskreis uns zum Segen gereichen. Dresden, 5. Okt. Am Dienstag nachmittag verschied infolge eines Gehirnschlages während einer Börsenkommisnonssitzung der Vorsitzende der hiesigen Religivnsgesellschast, Bankier Richard Mattersdorf, Mitinhaber des seit dem Jahre 1849 bestehenden hiesigen Bankhauses S. Maltersdorf. Der Verstorbene war seit mehreren Jahren Vorsitzender des Vorstandes der Dresdener Fondsbörse, gehörte der Dresdener- Handelskammer als Mitglied an und bekleidete das Amt eines stellvertretenden Handelsrichters. Als Gemeindevorsteher der hiesigen israelitischen Religionsgesellschaft hat er sich um die Gemeinde sehr verdient gemacht. Paris, 30. Sept. Rabbi Israel Sertun, der Oberrabbtner von Tunis, ist im Alter von 73 Jahren gestorben und unter Teilnahme von vielen Tausenden zu Grabe getragen worden. , Jerusalem, 7. Okt Vor kurzem verstarb hier Frau Rola Marx, die Frau des Leiters des „Schaare Zedek-Hospital", Herrn I. Marx. Die Verstorbene genoß infolge ihres reinen Charakters und ihrer unendlichen Güte und Liebe, die sie jedem Notleidenden und Hilfsbedürftigen zeigte, höchste Wertschätzung in allen Kreisen. Ihrem Manne stand sie in seinem schweren Berufe so tapfer zur Seite, daß nach Ansicht aller, diese aufopfernde Tätigkeit ihre bis dahin so kräftige Gesundheit erschütterte. Die Teilnahme am Schmerze der Familie ist allgemein. n'sm Vermischtes. Berlin, 16. Septbr. Das Ministerium des Innern hat das national-sozialistische Organ, den „Völkischen Beobachter", verboten. Berlin, 23. Septbr. Ein Zusammenstoß zwischen H a b e rr k r e n z l e r n und jüdi sch cn Pa ssa n - ten des Kiirsürstendainms bildete den Ausgangs-- Punkt eitler Anklage wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt, die gestern den Studenten^Walter Krot v s ch i n e r vor das Charlottenburger Schöffengericht führte. Wie seinerzeit berichtet wurde, war es iin Februar bei dem Svnntagsbummel, den Gruppen von jungen, mH Hakenkreuz geschmückten Leuten den Kursürstendainm und die Taucntzinstraße zu unternehmen pflegten, zu Erzessen mit antisemitische nt Einschlag gekommen. Einer davon hatte sich fast zu einem Sturm aus die S ch i l l i n g s ch e K o n d i t v r e i ausgewachsen, so daß der Besitzer der Konditorei sich gezwungen sah, fein Lokal vorübergehend zu schließen. Auch Ilm 25. Februar kani^es am Kurfürstendamm gelegentlich eines solchen sonntagsbummels zu einer unliebsamen Szene. Als der Angeklagte den Kurfürstendamm etttlangkant, stieß er auf eine Ansammlung von etwa 200 Menschen, aus der, wie er behauptet, antisemittische Schimpfworte heransklairgen. Nach seiner Tarstetlung habe er sich in den Menschenknänel hiueingerissen gesehen; plötzlich sei ein Mann von hinten auf ihn zugekommen und habe ihm das Wort^ „Judenjunge" zugerufen, Als er sich umdrehte, seien einige Hakenkreuzl'er aus ihn eingestürmt, und als er seinen Stock erheben wollte, um sich zu wehren, fei ein Mann in Zivil, der sich nachher als Kriminalbeamter vorstellte, gegen ihn eingefchritten und habe ihm erklärt, daß er ihm zur Wache folgen solle, weil er jemand schlagen wollte. Entgegen der Bekundung des .ViriiimmlDenhiteii behauptete'der Angeklagte, daß ihm die Erkennungsmarke erst vorgezeigt worden sei, als er sich weigerte, dem Zivilisten, der ihn am Arm gepackt hatte, zu folgen. Sein Perlangen, daß auch sein Angreifer mit zur'Warhe müsse, habe der Beamte ignoriert, ebenso das Perlangen mehrerer jüdischer Augenzeugen, die ans der Wache vernommen zu werden forderten. In der mehrere Stunden wahrenden Perhandlung, zil der 15 Zeugen geladen waren, machten die Zeugen, die nicht Polizeibeamte sind, in vielen Punkten widersprechende Aussagen, aber auch die Anssagen der Pvlizeibeainten stimmten nicht in allen Punkten überein. Ter Auitsauwalt hielt einen Widerstand sür erwiesen und beantragte gegen den Angeklagten 150 Mark Geldstrafe. Das (Bericht erkannte' nauf Freij p r e ch u n g , weil der Tatbestand nicht genügend zu klaren war.' Berlin, 5. Okt. An das preußische Kultusministerium ist eine kleine Anfrage gerichtet, was es dagegen zu tun gedenke, daß Schüler und ßeörer des Gymnasiums in Neu Stettin auf ihren Ausflügen mehrfach ein Lied mit dem Refrain gesungen haben: „Wir brauchen keine Judenrepublik"! Berlin, 7. Okt. Vor einigen Togen wurde im Reichsarbeitsministerium ein „Reichshilfsausschuß für Oppau" gegründet, dem Vertreter der höchsten Behörden, der Industrie, der organisierten Arbeiterschaft, der großen Wohlfahrtsverbände interkonfessioneller wie auch konfessioneller Art ongehören. Als Vertreterin jüdischer Interessen ist die Z entra lw oh lsahrtsstelle der deutschen Juden, Berlin, dem Reichshilssausschuß beigetreten und richtet daher an die gesamte jüdische Bevölkerung in Stadt und Land die Bitte, sich an dem Hilfswerk für die Opfer des Dppauer Unglücks aufs Wärmste zu beteiligen. Spenden werden entgegengenommen auf Postscheckkonto Ludwigshafen Nr. 15 000, Frankfurt a. M. Nr. 55 000 und Berlin Nr. 117 000 (Reichshilssausschutz für Oppau). Königsberg, 16. Sevtbr. Das antjfemitisch-völkische Wochenblüttcheu in R a st e n b u r g, die „Deutsche Arbeit", ist durch den Regierungspräsidenten auf 14 Tage verboten worden. Rotterdam, 30. Sept. Die holländische Königin stattete dieser Tage gelegentlich Ihres Aufenthaltes in Rotterdam auch dem jüdischen Ghetto einen Besuch ab. Sie wurde in ihrem mitten im jüdischen Viertel haltenden Wagen von Vertretern der jüdischen Bevölkerung begrüßt und erwiderte in freundlichen Worten auf die an sie gerichtete Ansprache. Walld irren iBaden), 5. Okt. Ein Noschhaschonofeft von seltener Bedeutung wurde unserer israelitischen Gemeinde nach langer Pause zuteil. Nachdem unsere Kehilla seit fast 30 Jahren ohne Minjän war, können wir seit kurzer Zeit wieder öffentlichen Gottesdienst abhalten, da die Gemeinde in letzter Zeit Zuzug erhalten hat. Für die Alteingesessenen ist es wirklich eine hohe Freude, erleben zu dürfen, wie sich unsere Gemeinde wieder erholt hat. Möge es manch anderer Gemeinde, die auch ohne Minjan ist, ebenfalls vergönnt sein, ihre Kehilla zu vergrößern. Karlsruhe, 9. Okt. Der „Bund Israelitischer Wohlfahrtsoereinigungen in Baden (Geschäftsstelle Karlsruhe, Kronenstraße 15), hat sich in diesem Jahre mit der Entsendung erholungsbedürftiger Kinder in Kinderheime, auf das Land und in die Schweiz, mit erfreulichem Ergebnis betätigt' 126 Kindern konnte ein Erholungsaufenthalt verschafft und zu körperlichen Kräften verholsen werden. Weitere 21^ zum größlenteil herzleidende Kinder waren in dem Israelitischen Kindererholungshetm Nauheim untergebracht, vier Kinder auf dem Lande und 53 Kinder in drei Abteilungen unter eigener Leitung in einem jüdischen Gasthaus auf dem Lande. Eine ziemlichgroße Anzabl Kinder, die in der obengenannten Zahl nicht inbegriffen sind, gebrauchten eine Kur im Friedrich Luisen Hospiz in Bad Dürrheim. Außer diesen Entsendungen wurden von den Ortsgruppen in Mannheim, Heidelberg, Pforzheim usw, direkt Kinder aus das Land und in Ktnderh ime geschickt. Neben dieser Kinderentsendung bearbeitete der Bund alle die übrigen an ihn gestellten Anforderungen, wie die Entsendung erholungsbedürftiger Fraucn und Mädchen im Erholungsheime, die Stellenvermittlung, die Gewährung von Ausbildungsbeihilfen und anderes mehr. Sprechsaal. Neues ans Baden. Der Titel klingt verführerisch. Als ob es in Baden aus dem Gebiet der Landessynagoge etwas Neues gäbe! Aber abgesehen daron, daß einer unserer Gesinnungsgenoffen nun einen recht bedeutsamen Posten beim Oberrat bekleidet und eine Tätigkeit ausübcn wird, die, wenn er sie richtig versteht, dem Badischen Judentum recht wertvolle Früchte bringen kann, — abgesehen von dieser zunächst rein formalen Veränderung, kann man sehr wenig berichten. Das ist sehr bedauerlich, denn zunächst warten wir schon monatelang darauf, daß das Werk der neuen Landesverfassung unter Dach und Fach komme, daß also endlich einmal die Synode einbcrufen werde, der diese Aufgabe obliegt. Dann aber — und das ist nicht minder wichtig — steht der Winter vor der Tür mit seinen ungeheuerlichen Ausgaben für den täglichen Bedarf und die Lehrer wissen wieder nicht, wovon sie ihre Einkäufe bestreiten sollen. Anstatt hjese Frage und Plage, die sich wie eine Krankheit nun jahrelang fortschieppt, noch einmal vor den Feiertagen gründlich zu behandeln, verschiebt man die Einberufung der Synode zum November. Anstatt den Lehrer und Schliach Zibbur gerade in diesen Tagen ein wenig von seinen materiellen Sorgen durch entsprechende neue zeitgemäße Teuerungszulagen zu entlasten, läßt man ihn ruhig über die Jomim noroim hinweg dem freudlosen, embehrungsvollen Winter entgegensehen. Das hebt feine Simcho schel mizwo in seinem Beruf sicher nicht. Nun ist ja das ganze Problem mit vielen Schwierigkeiten verknüpft und manche Wenn und Aber werden von „kompetenter" Seite vorgebracht. Aber mit diesen Wenn und Aber bringt es der Oberrat allmählich soweit, daß ein Teil der Lehrer sich anderen Berufen zuwendet, ein anderer Teil sich mit nicht eben gerade erfreulichen Nebenberufen abglbt, und die Folge? Ter Oberrat wird sie wohl kaum herbeiwünschen. Die Gemeinden — von den Zwerggemeindea abgesehen, verlteren ihren Lehrer, damit den Faktor, der den Zusammenhalt noch gewährleistet. Das ist eine bedenkliche Entwicklungdenn, ist auch bei weitem nicht jeder Lehrer eine Führerpersönlichkeit (die sind auch sonst rar), so darf man doch nicht verkennen, was er für die Gemeinschaft bedeutet. Das wird sich freilich nicht hemmen lassen, daß immer mehr Lehrer von den Landgemeinden verschwinden, und diese zerfallen. Hat der Oberrat schon eiwas dafür getan, um auf solchen lehrerlosen Orten jüngere Leu!e in der Schechito, in der Ausübung des Balkoredienstes, in der Abhaltung des Gottesdienstes überhaupt, ausbilden zu lassen? Das ist eine sehr notwendige Ausgabe. Leider ist es sodaß an vielen Orten nur noch wenige, ältere Leute da sind, die den Schliach-Zibbur (den Lehrer der Jugend, freilich in den seltensten Fällen) ersetzen. Diese Dinge hängen alle eng zusammen, aber damit daß man die Zeit verstreichen läßt, ohne sich ernstlich mit ihnen zu beschäftigen (und nicht nur in ergebnislosen Debatten), damit löst man sie nicht. Es wird gut sein, wenn die leitenden Männer, die doch das Vertrauen der Landessynagoge genießen, praktische Arbeit leisten. Die Zeit drängt dazu. 6.