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Der Israelit · 1921-10-13 · Heft 41-42 (13.10.1921) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 41-42 (13.10.1921)
Date
1921-10-13
Page
– (sequence 13)
Language
German
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13. Oktober 1921 Der JSraelit. Nr. 41 u. 42. Seite 13 düchervesprechimgen. Die Judenfrage auf dem Wiener Kongreß. Auf Grund von zum Teil ungedruckten Quellen dargestellt von Dr. Salo Baron. Wien ».Berlin 1920. R. Löwtl, Verlag. 2ll S. Dieses mit der Unterstützung der historischen Kommission der israelitischen Kultusgemeinde in Wien herausgegebene, gründlich wissenschaftliche Buch verdient die Aufmerksamkeit aller gebildeten, nicht nur jüdischen, Kreise und ist geeignet, das Interesse der Leser, die in ihm Unterhaltung und Belehrung finden, zu fesseln. Was nun unser Buch besonders interessant macht, das ist, daß aus der Tätigkeil dieser Versammlung, die ein gewaltig großes politisches Material zu verarbeiten haue, ein kleiner Ausschnitt uns hier vorgelegt wird, eine Cinzelfrage, die allen andern politischen Fragen gegenüber als recht winzig erscheint und doch wurde sie eingehend in vielen Sitzungen verhandelt. Wie kommt dies? Es war dies dem Mute jüdischer Männer zu verdanken, die sich sagten: Hilf dir selbst, so hilft dir Gott, und der Einsicht und der liberalen I Denkweise zweier hervorragender Staatsmänner, des > Kanzlers Hardenberg und Wilhelms von Humboldt, I welche die Juden in ihren Bestrebungen, endlich als > gleichberechtigte Bürger anerkannt zu werden, unter- I stützten. So war es Preußens Vertreter aus dem I Kongreß und merkwürdiger Weise im Verein mit diesem, i Oesterreichs Vertreter, Metternich, welche die Emanzii pation der Juden forderten. Aber die Juden arbeiteten I selbst für ihr Recht und zwar die Juden der vier freien I Städte, jedoch die drei Hansastädte für sich undFrank- I furt für sich. Die Hansastädte durch einen tüchtigen, f freiheitlich gesinnten jungen christlichen Rechtsanwalt \ Buchholz und die Frankfurter durch Jakob Baruch, den Vater Ludwig Börnes, und Isaak Jakob Gumprecht. Der Bedeutendere undGewandtere war unstreitigBaruch. Diese setzten nun alle gesetzlichen Mittel in Bewegung, auf die einzelnen Mitglieder des Kongresses für die günstige Auffassung der jüdischen Frage zu wirken und [ durch treffliche Denkschriften dem Kongreß die Berechj tigung ihrer Forderungen zu unterbreiten. Kräftigen Widerstand setzten diesen Bestrebungen der Gesandte der drei Hansastädte, am kräftigsten der Gesandte Frankfurts entgegen. Freilich mar Frankfurt im Boneil, denn hier war es eine anerkannte Regierung, die des Fürsten Primas, welche den Juden die Gleichberechtigung erteilt hatte und es mußte geradezu als ein Rechtsbruch angesehen werden, wenn man ihnen ihr erworbenes und teuer erkauftes Recht ohne Federlesens nehmen wollte. Schließlich schlossen sich aber Sachsen und Württemberg und dann noch einige kleinere Staaten dem Widerspruch an und unter der Begründung, der Kongreß habe nur die allgemeine Verfassungssrage Deutschlands zu lösen, aber nicht Einzelfragen wie die Judenemanzipation, die zu lösen, der Deutschen Bundesregierung verbleiben müsse, setzte man die Judensrage von der Tagesordnung ab, jedoch mit der Bestimmung, die Juden sollren bis zur Lösung der Frage in der Bundesregierung vorläufig in den Rechten verbleiben, die ihnen in den betreffenden Bundesstaaten bewilligt worden waren. Mit diesem Schlußproiokoll ging aber etwas Merkwürdiges vor, scheinbar eine Kleinigkeit, aber mit weittragender Wirkung. Man fand das „in" in „von" verwandelt und dies nutzten Bremen und Lübeck bald aus, indem sie die dort während der Napoleonischen Zeit eingewanderten Juden auswiesen, denn diesen waren die Rechte doch nicht von ihnen bewilligt worden. Wer dieses Quidproquo begangen, ist selbst durch die versuchte Erklärung des Verfassers nicht aufgeklärt. Dies alles führt uns der Verfasser in klarer, übersichtlicher Weise vor, gestützt aus reiches Quellenmaterial und erweitert durch Mitteilungen aus bisher nicht gedruckten Quellen. Wenn man vom Wiener Kongreß spricht, so ist es nicht allein die diplomatische Tätigkeit der Kongreßmitglieder, welche man in Betracht zieht, man denkt ganz besonders auch an den vergnüglichen Teil, den zu absolvieren die Mitglieder jrecht ausgiebig sich beinühten. Was das lebenslustige und fröhliche Wien s'inen Gästen bot, war nicht wenig: Soupers, Diners, Hausbälle und öffentliche Bälle gab es in reicher Abwechslung, kein Tag ging leer aus und auch die jüdischen Salons boten alles, ans, die hohen Gäste in ihren Räumen zu sehen und sie kamen alle ohne Ausnahme, auch die, welche von der Judenemanzipation nichts wissen wollten und darum die Frage als nicht zur Kompetenz des Kongresses gehörend, von sich abschoben und ihre Erledigung dem zu bildenden deutschen Bundesrate zuwiesen. Aber sie kamen, denn die Weine der jüdischen Gastgeber tranken sie gern und die ausgesuchten Gerichte mundeten ihnen gut. Dies aber gab gerade dem Verfasser Anlaß, auch diesen Vorgängen, die anscheinend mit der Judensrage nichts zu tun hatten, ein Kapitel zu widmen. Denn man muß sich fragen: War den jüdischen Veranstaltern dieser Feste nicht oft genug Gelegenheit gegeben, durch das gemütliche Beisammensein, mit Erfolg wenigstens den größten Teil ihrer Gäste für die Judensrage zu interessieren uud ihre Absetzung von der Tagesordnung zu verhindern? Was haben nun die Herren von Arnstein und sein Schwager von Eskeles für ihre Glaubensgenossen im Deutschen Reich getan? Was tat die seingebttdete Frau Fanny von Arnstein, die nach Muster ihrer Landsmännin Henriette Herz einen Salon in Wien etablierte? Der Verfasser gibt uns die Antwort: Nichts, so gut wie nichts. Daß die Herren, die für das Judentum kein Interesse hatten — Eskeles hat schon seine Kinder taufen lassen, bei Arnstein hielt das Judentum noch bet der Tochter aus — einmal ihren Namen zur Unterschrift unter einer Eingabe an den Kongreß hergaben und Frau von Arnstein einmal sich an den Kaiser Franz persönlich gewandt haben soll, fällt nicht ins Gewicht. Aber eines hat die Frau von Arnstein getan: sie hat außer den gewöhnlichen Salonabenden, den preußischen Kongreßmitgliedern am Weihnachtsabend ein Fest gegeben und jeden der Gäste reichlich beschenkt. Ausgerechnet, Frau von Arnstein, die Tochter des Judenältesten Daniel Jtztg in Berlin, in dessen Beth Hamidrasch, R. Joseph Teomtn, der, wenn ich nicht irre, auch der Hauslehrer war, seinen aniö n& verfaßt hat! Wie dieses wohl von den beschenkten hohen Diplomaten mag aufgefaßt worden sein? Prinz Radziwtll, so bemerkt der Versaffer in einer Fußnote, schreibt an feine Gemahlin am 23. Dezember 1814: „Hier ist eine Feier am Weihnachtsabend nicht Sitte und das Haus Arnstein das einzige, wo die Frauen die Berliner Gewohnheit festhalten und für morgen abend alle Preußen eingeladen haben, von denen jeder ein Geschenk erhält". Nach dem Feste schreibt er: „Frau von Arnstein hat sich da wirklich in große Kosten gestürzt". Der preußische Finanzrat Stägemann schreibt: „Einige lausend Taler kostete der Scherz wohl". Konnte diese schamlose Aufdringlichkeit Männern von Charakter gefallen? Für solche Juden konnte man nichts übrig haben; mögen sie sich gleich taufen. Wer weiß, wieviet gerade dieses Gebühren dazu beigetragen hat, die Mühewaltung der Sachwalter der jüdischen Gemeinden der freien Städte zu paralysieren! Prof. A. Sulzbach. * * * Einleitung in Talmud und Midrasch, von Herm. L. Strack. Fünfte, ganz neu bearbeitete Auflage der „Einleitung in den Talmud". München 1921. C. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck- XI!. u. 233 S. Eine fünfte Auflage eines wissenschaftlichen Werkes, dessen Interessentenkreis nicht allzugroß ist, in unserer Zeit, die nach ganz moderner Literatur hascht, spricht allein schon für sich, auch wenn nicht Hermann Strack, von dem nur Gutes und Wertvolles zu erwarten ist, der Verfasser wäre. Der Kritik bleibt hier wenig zu tun übrig, sie braucht nur auf das Erscheinen des vorliegenden Werkes aufmerksam zu machen, das eine Ergänzung und Erweiterung der bekannten „Einleitung in den Talmud" des Verfassers bildet. Die Erweiterung besteht in einem Kapitel über die Tosephta und einer Einleitung in die Midraschim, wie auch in einem alphabetischen Verzeichnis derjenigen Kapitel des babylonischen Talmuds, welche Gemoro haben; die Ergänzungen in dem Nachtrag der Literatur der letzten 12 Jahre und der Ergebnisse der neuesten Forschungen bis in unsere Zeit. Was der Verfasser hier geleistet, geht ins Erstaunliche. Man kann sagen, daß er fast nichts hat liegen lassen, was an Neuem die Studien der Gegenwart hervorgebracht haben; nicht allein hervorragende neu erschienene Werke haben Berücksichtigung gefunden, sondern auch gelegentliche Kleinarbeit ist berücksichtigt worden. Das weithin zerstreute Material in Zeitschriften hat hier Beachtung gefunden und die vielfach eingestreute Kritik beweist, mit wie großem Fleiße der Verfasser das Material gesichtet hat. So haben wir hier ein Werk, das uns eine klare Uebersicht über das Gefüge von Talmud und Midrasch gibt und Einsicht in den Geist dieser Werke, über die 1 o viele schon geschrieben haben, in der glücklichnn Lage, mit Kenntnis und Verständnis ihres Themas nicht belastet gewesen zu sein. Jedem, der sich für talmudische Forschung interessiert, sei dieses Werk empfohlen, er findet hier überreiches Material für weitgehende Forschungen. Auf den Universitäten wird es den Studierenden ein gutes Hiifsbnch sein und zwar besonders den christlichen Theologen, da ja ein richtiges Verständnis vieler Partien des Neuen Testaments und der patristischen Schriften erst durch die Kenntnis der talmudischen Schriften erlangt werden kann. Dem in Arbeit befindlichen Werke, dessen baldiges Erscheinen der Verfasser uns in der Vorrede ankündet, „Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch", sehen wir erwartungsvoll entgegen. Prof. Sulzbach. * . * Der Wunderrabbiner von Barcelona, von Else Lasker-Schüler. Berlin 192l. Verlag von Paul Eassirer. Die literarische Ehrlichkeit verlangt zu bekennen/ daß dieses Büchlein trotzdem drtz es mit seinen 38 Seiten sich äußerlich geschmackvoll präsentiert, nicht mehr und nicht minder als ein grober Unfug ist. Die Verfasserin chreibt ein Deutsch, das wohl charakteristisch sein soll, n Wirklichkeit aber in völliger Willkür und Gesetzlosigkeit dahin brandet. Der Wunderrabbiner ist ein aus bev Phantasie geborenes Schattenbild, das nie und nirgends in der jüdischen Geschichte Gestalt gewonnen hat, und ein ebenso toller Spuk sind die Figuren aus der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung Barcelonas, die in dem Büchlein auftreteu. Es wäre wirklich an der Zeit, daß Unberufenen, die keine Ahnung von Kabbalah und Judentum haben, ihre Hände von derartigen Stoffen ließen. Frankfurter Krrichte. Der Statiner Uevöe Der „Stminer Robbe", Rabbi Jisroel. der sich hier seil Wochen zur Kur nushiclt und die Roschhaschnorage in Nauheim verbrachte, verstarb dort am Mittwoch und wurde hier am Donnerstag vormittag ans den, Friedhöfe der Israelitischen Neligivnsgesellschaft unter großer Beteiligung, besonders seitens der östlichen Kolonie zur letzten Ruhe gebettet. Der verstorbene Rabbi gehörte zu den gefeiertsten Männern in Rußland. Der Stvliner Rebbe war der einzige Rebbe in L i t a u e n. Seine Ahnen wurden von den Mismagdim aus Pittsk-Karliu Vertrieben und siedelten sich in der Nähe, in Ltolitt, an. Cr gehörte der Familie der Friedman u s (Naschiner) an und hatte als solcher schon als Kind den Rabbistnhl bestiegen. Seine Anhänger zählten nach Hunderttausendeu. Ein Mann von großer Gelehrsamkeit, hervorragender Intelligenz und gewandter Weltklngheit, war er Helfer und Beraten seiner Chnssidlin in einem Jeitranm Vvit vielen Jahrzehnten und genoß auch in nichtchassioischen Kreisen höchste Achtung. Wer bei der der sponianne Teilnahme im Hause eines hiesigen Anhängers des Rabbi und auf dem Friedhöfe war, konnte es erfahren, wie es der jüdische Osten immer noch versteht, seine Großen zu ehren. y"n. Navviner H'inchas Zanger Am zweiten Tage starb Rabbi Pinchas Zanger im Alter von 78 Jahren. Eine von einem weiten Kreise gefeierte Größe ist mit ihm hingegangen und unsere Stadt wurde um einen V2N TDSn ärmer, wie sie heute auch in der östlichen jüdischen Welt von dieser Bedeutung nur sehr gezählt sind. Als Lehrer und Letter einer großen galizifchen Gemeinde und einer der Führer des galizifchen Judentums, kam er vor sechs Jahren, da ihm der Krieg die Wirkungsstätte zerstörte, als Flüchtling zu seinen Söhnen hierher und er erreichte auch hier bald als crn und besonders als nxvn byz von erstaunlicher Gewandtheit und Beherrschung der ganzen für den nzbrt (5BB in Betracht kommenden rabbintfchen Literaturgroße Berühmtheit. An der Bestattung auf dem Friedhofe der Israelitischen Reltgionsgesellschast nahmen viele Hunderte teil. Herr R. A. G. Posen und auch andere Redner hielten ergreifende Hespedim. y''n. Weiötiche Jürsorge. Samstag, den 17. September 1921 beging der Verein „Weibliche Fürsorge", die Feier seines 20jährigen Bestehens. Eine stattliche Anzahl von Gästen füllte beit kleinen Saal der „Frankfurt Loge." Rach einleitenden Harinvnitimklängen und Gesang: „Höre, Israel" berichtete die Gründerin und Vorsitzende des Vereins, Fräulein Bertha Pappenheim, über Entstehung, Entwicklung und Tätigkeit des Vereins. Sie erinnerte in dankbarer Anerkeunnng an die Persönlichkeiten, die längst uni? lange vor der Gründurrg der „Weiblichen Fürsorge" in Frankfurt jüdische Wohltätigkeit geübt hatten. Aber es kam die Feit, in der Wohltätigkeit Wohlfahrtspflege werden mußte, die Frauenfvrdernngen, die auch von jüdischen Frauen nicht anverstanden blieben, verlangten, nach dieser Umgestaltung und Erfüllung ihrer Postulats. In diesem Gedanken wnrzelteu die ersten Versuche zur Gründung der „Weiblichen Fürsorge". Die Hemmungen, die sich dem jungen Verein, der einige Jahre lang nur als Abteilung des israelitischen Hilfsvereins »eben durfte, entgegenstellte, waren nidst unbedeutend. Aber immer deutlicher kristallisierten sich die beiden Leitmotive: Wohtsahrtspslege und Fraueninteressen. So ent wickelte sich das „Rückgrat der „lveiblichen Fürsorge", die wöchentlichen Arbeitssitznngen, oeren Bedeutung darin liegt, daß sie die praktische Wohlfahrtspflege ohne je Unterstützungen zu geben, zur Fürsorge ansbauen und darin, daß sie den Teilnehmerinnen eine Schule werden. Die Frauen lernten in diesen „Tonnerstagfitznngen" nicht nur soziale Pflichten im Sinne jüdischer Nächstenliebe üben, sondern sie lernten auch beobachten, denken, urteilen und disponieren, sich in Wort und Schrift kurz klar und sachlich ansdriicken. Ans diese» Arbeilssihungen entwickelten sich die bedeutendsten Zlveige der Wohlfahrtspflege: der minder schütz, im Zusammenwirken mit der Sammetvornliind schaft und den BekleidungssteUen und das Kinderhans der „Weiblichen Fürsorge".

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