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Der Israelit · 1921-10-13 · Heft 41-42 (13.10.1921) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 41-42 (13.10.1921)
Date
1921-10-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 41 u. 42 »u SffetAClit 13. Oktober 1921 sie für den einzelnen notwendig ist, vereinigen müssen? Darum muß in schärfster Weise gegen den Vorschlag Stellung genommen werden, den Profanunterricht aus einen derartig geringen Umfang herabzusetzen, daß arr einen auch nur einigermaßen nennenswerten Erfolg kaum zu denken ist. Der Ostjude muß als Einwohner des deutschen Reiches imstande sein, sich je nach den Bedürfnissen seines Berufs in angemessener Weise der deutschen Sprache im schriftlichen und mündlichen Verkehr zu bedienen; die Heranwachsende Generation soll hier in Deutschland nicht jiddisch sprechen. Wie man das, und noch einiges andere Nötige in den vorgeschlagenen 12 Wochenstunden erreichen soll, ist mir unerfindlich. Eine allzuhohe Wertschätzung der in einer Volksschule zu leistenden Arbeit spricht nicht aus dem Vorschlag. Hier können zwei scheinbar nicht hierher gehörende Fragen n cht unterdrückt werden. Wie soll es denn mit der Mädchenbildung gehalten werden? Und weiche Stellung wird der Knabe, der solchen Volksschule: satz genossen hat, mit seinen geringen Kenntnissen als gewerblicher oder Handlungslehrling in der späteren Fortbildungsschule einnehmen, für die der Schulzwang auch für die Ostjuden auf Rerchsgesetz beruht. Langjährige Erfahrung gibt mir das Recht, ohne mehr sagen zu wollen, warner b auf diesen Punkt hinzllweisen. Man muß überhaupt feststellen, daß der Vorschlag das Wesen der Schularbeit ganz falsch anffaßt. Er geht — unbewußt vielleicht — von dem Gedanken aus, die Schule sei vornehmlich Lernschule, in der .ein mehr oder minder großes Wissensgnt vermittelt werden muß- Das ist die Schule längst nicht mehr —"sollte sie wenigstens nicht sein. Uns Lehrern ist die Schule vor allem Erziehungsanstalt, der Unterricht ein Erziehungsmittel. Das würde, wendet man vielleicht ein, die geplante Talmudthoraschute — warum übrigens nennen wir das Kind nicht beim rechten Namen? — also das würde das Cheder auch sein. Das aber ist zu bestreiten. Das Cheder ist keine Erziehungsanstalt und wird keine sein. Diesem, durchaus nicht einseitig und ans Voreingenommenheit ausgestellten Urteil wird wohl kein jüdischer Lehrer Deutschlands widersprechen. Man erlasse mir die Begründung. Nur das eine sei gesagt: Gerade das,' was der geordnete Schulbetrleb einer Volksschule an erzieherischen Werten erzeugt, wird dem Zur Talmudthoraschule umgewandelten Cheder fehlen. Aber ist denn nicht die von der Talmudthoraschule zu vermittelnde größere Thorakenntnis ein Ziel, aufs innigste zu wünschen? Begeht nicht der ein Unrecht, der sich einem Plane, wie dein vorgeschlagenen entgegenstellt? Ist es nicht eine Tatsache, daß wir durchaus nicht stolz zu sein brauchen auf das, was wir im hebräischen Unterricht leisten? Ist nicht der Abstand zwischen Erstrebtem und Erreichtem oft ein recht schmerzlich großer? Ich bin der letzte, einen wirklichen Mtßstand beschönigen zu wollen. Nur glaube ich, daß die stillschweigende Voraussetzung, die dem bekämpften Vorschlag zu Grunde liegt, daß es nur einer richtigen, in ostjüdischer Art geleiteten Talmudthoraschule bedürfe, um alle viel beklagten Schäden zu beseitigen, irrig ist. Statistisch genommen sind die Resultate der Talmudthoraschule, so wie diese eben beschaffen ist, durchaus nicht so glänzend, wie man meinen sollte. Ich kenne das Cheder nicht genügend, um ein maßgebliches Urteil zu haben. Aber ich darf mich aus das gereiste pädagogische Urteil sachverständiger ehemaliger Chederschüler stützendemnach steht auch dort Arbeit uud Erfolg in einem starken Mißverhältnis. Die Ursache liegt klar zu tageich will sie durch ein jedem Fachmann verständliches Beispiel illustrieren. Fast überall wird im -altmodischen Cheder das hebräische Lesen nach der sogen. Buchftabiermethode gelehrt. Das ist ein Unterrichtsverfahren, das in deutschen Schulen seit Menschengedenken mit Recht strengstens untersagt ist. Es gibt keine größere Quälerei für die Kleinen, keine den einfachsten psychologischen Grundsätzen und der Ktndesnatur mehr widersprechende Unterrichtsmethode. So vernachlässigt die ganze Arbeit im Cheder — wie sollte sie anders verfahren mit ihren für ihren Beruf gänzlich unvorbereiteten Lehrern — die selbstverständlichen methodischen Forderungen einer auf die Kenntnis der Kindesseele sich gründenden Pädagogik, mißachtet sie vor allem den Grundsatz, die Schüler zur möglichst weitgehenden Seibsttätigkeit anzuhalten und zu erziehen. Und wie dort, so hier. Wollen wir umfangreichere, tiefer begründete Kenntnisse im hebräischen Unterricht erzielen, so müssen wir uns entschließen, unsere Unterrichtsmethoden zu ändern. Die Erkenntnis dieser Notwendigkeit ist weit verbreitet, die Wege zu neuen Lehrmethoden geebnetuns fehlt nur zur energischen Durchführung der — Mut. Mit zu viel Altem, durch Gewohnheit und Ueberlieferung Ltebgewordenem und scheinbar Geheiligtem müßte gebrochen werden. Es wird wohl manches gebessertmit Freude sieht der ältere Lehrer wie sichs allerorten regt, um eine bessere Behandlung unserer hebräischen Unterrichtsstoffe zu erlangen. Aber im Grunde genommen handelt es sich immer nur um Flicken auf ein verschlissenes Gewand. Brächten wir den Mut auf zu einer Radikalkur, es stünde ganz anders um unsere Erfolge. Gerade unsere größeren jüdischen Schulsysteme wären berufen, bahnbrechend vorzugehen. Im Grunde genommen unterrichten wir aber immer noch in der Methode — des Cheders. So kommen wir nach entschiedener Ablehnung der mit etwas profanem Oel gesalbten Talmudthoraschule wieder zum eigentlichen Gefahrpunkt, der bestrittenen Schulpflicht der ausländischen Schüler, zurück. Man kann dabei den Oftjuden, sofern sie sich nicht schw-rfte Unannehmlichkeiten zuziehen wollen, nur raten, ihre Kinder als pünktliche und gewissenhafte Schüler den örtlichen Volksschulen zuzusühren. Es liegt da freilich eine andere Gefahr vor, sie verursachen den Kommunen größere Kosten als andere Volksschüler, und es ist anzunehmen, daß die Städte versuchen werden, die teuren Einwohner los zu werden, wenn sie nicht imstande und willens sind, ein hohes Fremdenschulgeld (bis zum Betrage der Selbstkosten für je ein Schülkind) zu entrichten. Es erscheint darum empfehlenswert Schritte gegen das oft erwähnte Kammergerichtsurteil zu unternehmen, um die Ausländer der Schulpflicht zu unterstellen. In welcher Weise das geschehen könnte, ist an dieser Stelle nicht zu erörtern. Ein guter Ausweg aus allen Schwierigkeiten ist heute schon gegeben. Sobald die jüdischen Erziehungsberechtigten auf öffentliche kommunale jüdische Bekenntnisschulen verzichten, besteht für sie die Möglichkeit, private Volksschulen einzurichten. Dadurch erlangen sie auch einen gewissen Einfluß auf den Geist der Schule. Ter größte Teil der Kostenlast wird allerdings den jüdischen Gemeinden obliegenes ist aber nicht daran zu zweifeln, daß aus Gründen der Billigkeit und — soweit Kinder der deutscher Staatsangehörigkeit in Frage kommen — des Rechts, die Kommunen einen angemessenen Beitrag zu den Schulen leisten. Sie kommen dann immer noch billiger weg als mit eigenen jüdischen Kommunalschuien. Dieser gemischte Betrieb müßte als Volksschule alles leisten, was billigerweise von einer städtischen Volksschule geleistet werden kann. In größeren Systemen ließe sich wohl ein Einheitsschulsyftem auf den Grundklaffen aufbauen und gerade dann, wenn nun die einzelnen Klassen eine nicht allzugroße geistige Differenzierung ihrer Schüler aufweisen, kann' Besseres erreicht werden als durch die als gefährlich charakterisierten Vorschläge. Der Schule, die als Schule des allgemetnen Wissens jeder entsprechenden anderen gleichsteht, werden unter Ausnutzung der namentlich von der Reichsverfassung gebotenen Vorteile, Einrichtungen organisch angegliedert, um den Schülern außerhalb der Unterrichtszeit einen ihren Fähigkeiten entsprechenden intensiven Thoraunterricht zu erteilen. Verbesserungen an dem baufälligen Grabe vorzunehmen. Und was noch bedrückender ist: die Zenrralregierung in Jerusalem unterbreitet die Sache der arabischen Stadtbehörde in Bethlehem, die es, wie berichtet, für gut findet, mit einem groben Brief an Rabbi Jakob Meir die geplanten Arbeiten zu verbieten. Man begreift die Aufregung in Palästina, die in einem schönen Artikel unter dem Titel „Muttergrab" im „Daor Hajaunr" ihren kräftigen Ausdruck findet. Mit Recht wird die ganze Diaspora zur Abwehr dieses Angriffes aus unser heiliges Recht aufgerufen. Kol Wrei. Aus: „(5inc Tvrfgesthichle." Von >2. Vrirckheimer, Marktbreit. Es war me iciite M'uiilstunde nur meiner Sam njcmiu', eie it!i am (5mde der Eriche antremu mailte, (rin wenig Abschicwsschmerz lag über ihr. Clla Mar mir sanft, und ihre seiiigeschnittenen Rippen 'Bienen merklich, alcsie mich zwischenhinein nach moiiuMi Wanwerzinen fragte. Mer wie sie nun das Taium unseres nächsten cstifammenspieis ausrechucte,!>ig!n ihren stillen Rehaugeii ein lachendes Gwnzen. I" den feinen A'üaueieruiigeu ihrer Begleitung Mar heule mehr nach wie sanft tiefes seelisches Erlebe» :,n atcmum. Und wie ein Lins, denn die Erfiillnng eines Bsuniches im Augenblick sein ganzes Leben ausmacht, ststn sie mich um die Wiederholung dieser oder jener 'icUc in den Etüden, die sie ftestm'- ders aiisprachen. Mar der Nachmittag schon weit aargeschritten: und die sich neigelide Laune spann durchs ganze st,immer schimmernde Goldfäden. Ich wallte abhrechen. „Sic müssen heute als Ersatz für die lammenden Wochen etwas länger bleiben," sagte da Ella schnell > und legte mir aus mein^Pnlt die Vialinstimme der Lvi-RidrenLo»,pvsilivn. ^chaii erklangen vom Llavier her die ballen Mollakkorde der einleitenden Takte. Mein Bogen schien ganz selbständig über die Saiten zu streichen.?Ich war ganz im Banile dieses Leideusgefanges des jüdischen' Volkes. Diese schwermütige Melvdie mit ihrem herzbrechenden schluchzen, diese wilden Sehnsuchtsschreie nach Rettung und Lösung der Leidestette, diese erschütternden ^elbstanktageü betvegten mich auf eine bisher noch me in dieser Gesühtsstärke aerspürterr Weise. Tie Roteiireiheu wurden lebendig. Wie eine unruhige Volksinasse brodelten zu einem erregten chemisch die Rvtentvpse uud formten sich endlich zn iir lange Bnstgewünder gehüllten Menschen, die nun in nnabsehbareir Letten hintereinander Herzogen. Die Geißel, mit der sie sich selbst bis aufs Blut 'gepeitscht hatten, schwangen sie nun über angstberstörte Tranen und Männer mit solch fanatischer Unerbittlichkeit, daß diese Hilflosen entweder den Qualen erlagen oder sich vor dem .nrenz beugten, das ein Träger hochragend im Buge in der Hand hielt .... „Unsere chetübde, o Herr, sie seien keine Gelübde, o Herr, sie seien keine Gelübde!". In tiefen Leitern sah ich gebeugte Gestalten, schmcrzdnrchwnhlte, fahle Gesichter betend, meinend jüdische Teste begehen..^ Mtyrnd vor dem„nuerbilt-!ichen Temgeriehte, Vor wem5 sie den. Glanbenmthrer - Väter abgesthmoren, imt der Marler und Folter zn entl geben. Und weil sie nicht ebenso stark waren wie jene, ' die ihre Neberzengnng mit ihrem Blut besiegelt hatten, klang ans allen 'Ecken dieses chetnffes: __ „Unsere Schwüre, Tn Allerbarmer, lasst sie keine schwüre sein!" . . . Pöbelmasstnr, ruilde Soldateska durchzogen russische Dörfer, gatizianische Städtchen, podolische Orte. Rachsucht im (Besicht, verruchte Gier im Blick. Jüdische Türen wurden zertrümmert, jüdisches Gut^ geplündert, Merstchenleiber mißbraucht und aus der Ltrage dauu zertreten: „Unsere uns selbst anserlegten Strafen tind Bannsprüche,. 0 Gott, sie seien getilgt, gesühnt!".. Ter letzte Ton war lvie ein Wimmern verklungen. Mir war es, als hätte er sich in eine der Zimmerecken geflüchtet, sofort aber bereit, das Lied der Knechtung, den Schrei der ewigen jüdischen Not gleich wieder von vorne beginnen zu lassen." (Kaurim am Simchas-Thora). Man kann im Osten und speziell in Litauen, nicht etwa wie in Süddeutschland, von durchgreifenden Minhogim sprechen. Einigermaßen zusammenhaltend sind die Minhogim des Rabbi Elia, des „Wilnaer Gaon", die in bestimmten Kreisen in Litauen bis auf den heutigen Tag hoch und heilig gehalten werden. Dieselben sind gesammelt im Buche „Maase Raw", herausgegeben von Schülern und Zeitgenossen des Gaon und von ihnen mit Anmerkungen versehen. Im Bes-Hamidrasch des Gaon in Wilna sind an der Innenwand auf der Westseite mehrere Gebräuche des Gaon auf großen Marmortafeln angebracht. Freilich zirkulieren im Lande Ueberlieferungen des Gaon, deren Authentizität sehr anzuzweifeln ist. Im Ganzen sind es nur drei Plätze, die als Hochburgen der Wilnaer Traditionen gelten können: a) In Wilna, oder präziser ausgedrückt, in der sogen. Gaons-Klaus dortselbst/ b) In der bekannten Thora-Filiale Wilnas, in der Jeschiwa zu Wo ko sch i n; c) In Jerusalem, wo die Schüler vom Gaon ein Bes Hamidrasch auf seinen Namen (früher in Saffed) gegründet haben. In diesen Lehr- und Bethäusern herrscht heute

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