Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 41-42 (13.10.1921)
- Date
- 1921-10-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Gelte 4. No. 41 u. 42 Der Israelit. 13. Oktober 1931 Sinnlichkeit des Weltlebens der Unheiligkett der Triebe und der Macht preisgegeben. Das Judentum dagegen ist die Religion des „Diessettswund ers". Ihm ist die Welt in allem ihrem Reichtum der Thron der Gottes Herrlichkeit. Im Getriebe des irdischen Lebens hat der Mensch durch sittliches Vollbringen das Göttliche durchzusetzen — aber keineswegs erschöpft sich dieses Göttliche in der irdischen Entwicklung. Vielmehr bricht es im Strahl der Gnade, im Kuß der Gottesliebe vollkommen irrational aus Himmelshöheir hervor,.um dem auf Erden wirkenden Menschen erst die rechte Kraft und Wardeiung für sein kleines, großes Alltagsleben zu verleihen. Diese völlig einzigartige Kombination des Himmels und der Erde, der zu Gott emporschlagenden Flamme des religiösen Gefühls und des die Erde aufbauenden nüchternen Intellektes und Willens, macht das eigentliche Wesen des Judentunis aus. Brod hat an verschiedenen Stellen seines Werkes auch in dem schönen Nachwort zu seinem „Lied der Lieder" (München. Hyperionverlag) als sprechendstes Sinnbild für diese jüdische Grundwahrheit die bekannte Erzählung von Rabbi Simon ben Jochai angeführt. Wir setzen sie in Brods Uebersetzung mit einigen daran geknüpften, für unsere Untersuchung wichtigen Bemerkungen hierher: „Rabbi Simon bar Jochai saß einst mit einigen Gelehrten beisammen. Da sprach einer von ihnen: Wie großartig sind die Meisterwerke der Römer, sie haben schöne Marktplätze eingerichtet, sie schlagen wunderbare Brücken über Flüsse, sie bauen Badeanstalten. Rabbi Simon bar Jochai erhob sich dagen und sprach: Alles, was sie eingerichtet haben, haben sic bloß aus Eigennutz getan. Sie haben Marktplätze errichtet, als Sammelstellen für ihre Huren, Badeanstalten um der Wollust willen und sie bauen Brücken, um Zölle einheben zu können. — Wegen dieser Aeußerung wurde Bar Jochai von den römischen Behörden verfolgt. Schließlich floh er mit seinem Sohne, und sie verbargen sich in einer Höhle. Da geschah ein Wunder. ' Ein Brotbaum wuchs in der Höhte, auch eine Wassergnelle zeigte sich. Tie beiden Flüchtlinge zogen ihre Kleider aus und saßen im Sande bis zum Halse. Sie beschäftigten sich den ganzen Tag mit Erforschung der Lehre, nur zur Zeit des Gebetes zogen sie ihre Kleider wieder an und beteten, hernach zogen sie die Kleider wieder aus, damit sie nicht verdürben. —- So verweilten sie zwölf Jahre in der Höhle. Nach Ablauf der zwölf Jahre kam Elia, der Prophet, stellte sich an den Eingang der Höhle und rief: Wer tut es dem Bar Jochai kund, daß der Kaiser gestorben und sein Befehl aufgehoben ist! — Die Gefühle der Beleidigten sv heftig erregen tonmen, das; es schließlich ,;u einem handgreiflichen Meinungsaustausch lammen mußte, Aus unsere Sympathien Wunen dennoch weoer die .Nissinger, noch die Ivpvvter jüdischen Kurgäste zählen, die in solcher ganz wider den <'>eiß des Judentums handelnden Weise den Ainisemilcn emgegeiigetreten sind. Iür uns, denen die Thera höher steht als Rasse, die lvir das ...Mnskeljndentiuir nur als Minel zu redlicher rörverlicher Arbeit uud nicht zuni Tausttnuips fördert! wollen, aber entschiede» für die Heuighaltnug des Heiligen. stets eiulrelen uud jede Cutweihung auch unserer Gesäuge entschieden ablehueu. fiir uns gilt: ,.lv dchajii, UUl' ch'chöUch," llUd wo tvir nicht n:cr ge-nHi'U und sittlichen Waisen tämvsen tönnen, überlasten lvir gern den Andern das Held, .unnvpeltunze sollte hei UNS nicht schule machen, tvenngleich es Ae denn unbeuvmiueu bleiben muß, auf eiueu groben .nlan '.nnen groben .»eil zu jenen. da lvir imu ei'umal wieder iu deu; Je i teil des staust rechts leben uud sich stedecnlann seiner Haut rvehreu muß, lvie es die 'Jcot gestieiet. s. ie hier oben erwähuten Borgänge wrechen aber eine;u ernste Sprache auch von der religiösen Bennilderuug in unseren eigenen Reihen, als naß wir länger Itiil'chloeigeud dariil'er hiutveggehen dürften. Nltd gerade das vietäclcne Hineintragen des uns Heiligen uud Attehrwiirdigeu. unseres religiösen langes iu nie ulU'riilüTiiititi'n Sammelpunkte des Publiklinv', hätte uns tchvi! längst ätif den Blau rufen müssen. Wie ganz anders hätten fich da «insere christlichen Zeitgenossen in gleichem Talle gezeigt! Welcher Cutrünnug würde fich tuthvtifcher Zuhörer bemächtigen, wenn' es sich eine Musikkapelle deitomme» ließe, in einem Prvnienadekvuzert die hohe Messe, oder in einem Casü den schönen Choral: „großer Gott dich loben wir," zu spielen! beiden traten hierauf aus der Höhle, Da sahen sie die Menschen Pflügen und säen. Und sie sprachen: „Wehe, diese Menschen vernachlässigen die Dinge des ewigen Lebens und beschäftigen sich mit dem zeitlichen Leben!" Und wohin Bar Jochai und sein Sohn die Blicke richteten, da verbrannte alles. Da erscholl eine himmlische Stimme aus den Höhen: Seid ihr deshalb aus der Höhle gekommen, um meine Welt zu Grunde zu richten? Kehret wieder zurück in Eure Höhle! — Sie kehrten also wieder in die Höhle zurück und blieben noch zwölf Monate daselbst. Nach Ablauf dieser Zeit wurden sie neuerdings von einer Himmelsstlmme berufen. Nun heilte der Vater, wo der Sohn verwundete. — Ein Verwandter kam ihnen entgegen und führte sie ins Bad, wo sie ihre Haut reinigten. Als er die vielen Geschwüre an Bar Jochais Körper sah, weinte er und ries: „Wehe mir, daß ich dich so sehen muß!" „Heil dir", versetzte Bar Jochai, „denn wenn du mich nicht so sähest, würdest du auch meine Seele nicht so antreffen. Da uns aber ein Wunder widerfahren ist, will ich eine gute Einrichtung treffen. So hat auch Jakob, der dem Esau durch ein Wunder nach Sichern entronnen war, dort Märkte eingerichtet. Andere berichten, er habe das Münzwesen verbessert, — noch andere, er habe Bäder gebaut." Ausklang und Anfang der Legende, sagt Brod, schließen aneinander. Was dort irdisch berechenbarer Eigennutz der Römer war, ist jetzt, durch das Wunder hindurchgegangen, wiewohl es äußerlich denselben Anblick bieten mag, eine aus dem Ueberirdischen fließende Tat des Frommen geworden, — bedeutsamer noch, wenn so menschlich Bedingtes wie Märkteeinrichtung demselben Bar Jochai zugeschrteben wird, auf den die Ueberlieferung das Hauptwerk der jüdischen Mystik den „Sohar" zurückführt. „Uns ist ein Wunder widerfahren", — nun erwartet man jedenfalls eine andere Fortsetzung und es klingt paradox, ja dem heutigen Schema von den letzten Dingen (auch die haben ein Schema, man täusche sich nicht!) dissonant, wenn der Kabbalist fortfährt: — „Daher will ich eine gute Einrichtung treffen." — Und damit soll natürlich nicht etwa gesagt sein, daß etwa jedes himmlische Wunder in die untere Sphäre menschheitlicher Beziehungen ausschwingen müßte. So viel aber doch, daß nützliche, auf Menschen bezogene Arbeit der Nachbarschaft eines Wunders nicht unwert zu erachten sei. Der heidnischen Diesseitsbejahung und der christlichen Diesseitsverneinung wird hier ein neues Ideal entgegengesteüt: Das Diesseitswunder. — Und das mit allem Recht uud ganz selbstverständlich. Uud lvir Juden? — Welch unerhörter Unfug übrigens mit dem vuU Aid A i bereits getrieben wird, habe ich vvr etwa zwei Mviiateu selber erlebt. Bei einem Gang durch die Siaijcr Wilhelmstraße in Berlin fiel mir au' einer Litfaßsäule ein Plakat svlgendeu Inhalts an;: Tentfch-jüdifcher Theaterverein. Smintag. den 10. Juli gelangt zur 'Aufführung d i e g r v ß e, u e u e i n st u d i e r t e Operette si o l N i d r ü i mit Gesang und Tauzeinlagen in -1 Ulkten unter Mitwirkung des ganzen Cufembles und napetlmeister Schmitt. Ciii .üvmineular erübrigt fich. Rur fei hinzugefügt, duß, nach 'Aussage eines Zuschauers, die Tanzeinlagen von todesmutigen Balletteusen ausgeführt wurden fein sollen. Reuerdings mehren sich die in geschlossenen .Siünzertsäieu veranstalteten jüdischen Konzerte, in denen Chöre. O.tmrrette und Solisten nur jüdische Melodien zu i'V.hnr beinegn. lieber diese jüdischeil Konzerte wäre manches z-c sagen. Jul Interesse svlvvh! der Erhaltung der Urmelvdieu als auch der Auswahl, die nicht immer mit der nötigen Rücksicht auf Inhalt uud Bedeutung getroffen tvird, möchte ich gerade üru die;)cit der hohen Iestrnge uvcb einmal in dieser Leitung d a s W v r t e r g reif e n.' Von der orthodoxen Presse. Seit Beginn dieses Jahres erscheint in Bratislava unter dem Namen „Jüdische Jugend" ein neues I Soweit Brod. Durch die scharfe Sonderung der Jenseits- Stimmung und Diesseits-Stimmung, zu der ihn sein Ausgangspunkt — die moderne christliche Theologie — besonders anregte, ist Brod dazu gelangt, nun auch auf der Kehrseite des positiven Ideals, auf der Seite des Bösen in der Welt, zwei verschiedene Einstellungen zum Bösen, ja noch mehr: zwei fundamental verschiedene Arten von Bösem zu konstruieren, deren Verhältnis zueinander weiterhin den Eckstein seiner ganzen Betrachtungsweise bildet. Er nennt sie seltsamer Weise das „edle Unglück" und das „unedle Unglück" und versteht unter dem ersteren Ausdruck das absolut gegebene, angeblich unüberwindbare Böse, alles, was natürliche Schwäche, menschliche Hinfälligkeit, Altern, Tod re. ist, unter dem letzteren das ganze Heer der sozialen Ungerechtigkeiten, heilbaren Krankheiten, unterdrückbaren Leidenschaften, Krieg und Machtrausch. Daß diese Unterscheidung, die Brod als Schlüssel zu der gänzlich verschiedenen Einstellung des Judentums und des Christentums zu den sittlichen Problemen betrachte:, an sich unhaltbar ist, scheint auch Brod geahnt zu haben. Er ist erfüllt von ihrer Problematik, aber er braucht sie zu methodischen Zwecken, um den Zwiespalt zwischen der nach dem Jenseits gewandten Heiligkeits- Stimmung und der in Ethik und Politik sich verwirklichenden Erdbejahung auszugleichen, Stimmungen, die er als „unvereinbar und doch zusammengehörig bezeichnet. Dem „unedlen Unglück" (sagen wir gleich rtchtigstellend: dem unedlen, überwindbaren Bösen) gegenüber ist kräftiges menschliches Freiheitsbewußtsein, schärfstes Erkenen, unbändiges Wollen des Guten und Hassen des Schlechten am Platze — da liegt alle Macht und darum alle Verantwortung auf des Menschen Schultern, und der Mensch hilft gleichsam dem Schöpfer. Vor dem „edlen Unglück" dagegen (dem metaphystisch fundierten Bösen) ziemt Demut, Bewußtsein der menschlichen Unzulänglichkeit, gänzliche Hingabe an Gottes Gnade, die allein in unkontrollierbarer Freiheit das gebundene Menschenwesen zu sich hinaufzuheben vermag, wann es ihr gefällt. Auf Gottes Gnade hoffen, wo rüstige Menschentat helfen kann, ist dem Juden ruchlos — auf die eigene Tat selbstherrlich pochen, wo nur Gotteshülfe zu erlösen vermag — gottlos. Wir werden später sehen, ob dieser Lösungsversuch in der Tat die ganze Tiefe der jüdischen Problemlösung erschöpft. (Fortsetzung folgt.) Blatt als Organ der tschechoslowakischen Jugendorganisation der Agudas Jisroel. Sehr erfreulich entwickelt sich auch das periodisch erscheinende Organ der polnischen Aguda-Jugend „Diglenu", dessen neueste Nummer nach einem Leitartikel von Rabbiner Guttentag in Sochatschin in reicher Abwechslung Beiträge politischen und belletristischen Inhaltes bringt. Besondere Erwähnung verdient die Roschhaschonoh- Nummer des Wiener Aguda-Organs „Jüdische Presse", die sich hervorragender Mitarbeiter erfreut und die Interessen der Orthodoxie mit großer Entschiedenheit vertritt. Das Blatt kostet für Deutschland 15 Mk. vierteljährlich. Nach kurzer Pause erscheint, wie dereits »ritgeteilt auch der Warschauer „Jud" wieder. Es um e dringend zu wünschen, daß alle begüterten Gesinnungsgenossen, insbesondere aber orthodoxe Vereine in Deutschland die einzige orthodoxe Tageszeitung des Ostens durch Abonnement unterstützen. Abonnements werden bei L. Sänger, Verlag Frankfurt a. M., Gwinnerstraße 18, entgegengenommen. Sukkos-Eindrvcke eines christlichen Arztes. Ein früher in einer süddeutschen Hauptstadt mit großer jüdischer Gemeinde wohnender Arzt katholischen Glaubens richtete einige Jahre nach seiner Uebersiedlung in eine ziemlich „judenreine" Provinz am Erew Sukkos 5079 das nachfolgende gemütvolle Schreiben an einen jüdischen Freund, der uns den Brief zur Verfügung stellt.