Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 41-42 (13.10.1921)
- Date
- 1921-10-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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13. Oktober 1921. Der Israelit. Nr. ll u. 12. Sette 3 Organisationen wichtige Verhandlungen im Interesse der jüdischen Organisationen geführt hat. Zunächst versuchte er, mit der vom „Völkerbund eingesetzten „internationalen Auswanderungskommission" unter dem Vorsitze von Lord Ullswater über eine organisierte Fürsorge für die jüdischen Flüchtlinge zu einem Abkommen zu gelangen. Indessen stellte sich bald heraus, daß die genannte Kommission keinerlei wertvolle Kompetenzen besitzt, sondern ledigllch der nächstjährigen internationalen Arbeitskonferenz Anregungen unterbreiten soll. Lu eien Wolf wandte sich daher an den Völkerbund selbst und zwar an eine Sektion, die auf Veranlassung Frankreichs sich, mit dem Schicksal, der auf 2 Millionen geschätzten Flüchtlinge jeglicher Konfession und Nationalität aus Rußland befassen soll. Unter diesen 2 Millionen Menschen befinden sich 200000 Juden, die in den russischen Randgebieten, insbesondere in Polen, Litauen, Rumänien und Beß-Arabien konzentriert sind. Die drei hauptsächlichsten Anträge, die Lucien Wolf im Aufträge der hinter ihm stehenden Organisationen stellte, waren: 1 daß der zu ernennende Oberkonlmissar des Völkerbundes für russische Flüchtlinge in eine dauernde und legale Verbindung mit den jüdischen Hilfsgesellschaften treten soll, daß er 2. mit den großen Einwanderungsländern wegen Zulassung einer größeren Zahl der unglücklichen jüdischen Auswanderer verhandeln möge und daß 3) das schwere Problem der Paßbeschaffung für die legitimationslosen Flüchtlinie einer gründlichen durchgreifenden Lösung entgegengeführt werde. Inzwischen war Nansen, der heute im Vordergrund aller internationalen humanitären Hilfsarbeit stehende norwegische Dichter, zum Oberkommissar des Völkerbundes ernannt worden. Er interessierte sich sofort außerordentlich lebhaft für das Schicksal der jüdischen Flüchtlinge und es wurde von der Völkerbunds-Sektion der Beschluß gefaßt, einen Beirat zur Unterstützung des Oberkommissars zu bilden, m den die jüdischen Hilfsgesellschaften einen Vertreter entsenden sollten. Beteiligt sind bisher die „JCA", sowie eine Reihe andere amerikanische und englischjüdische Unterstützungsgesellschaften, außerdem das Internationale Rote Kreuz. Die Mitwirkung anderer jüdischer Hilfsgesellschaften, soweit sie über beträchtliche eigene Geldmittel verfügen, wird gewünscht, da die Völkerbund-Kommission selbst sich nicht mit eigentlicher Unterstützungstätigkeit befassen kann, sondern nur die internationalen Rechtsgrundlagen und Verwaltungsmaßnahmen schaffen bezw. herbetführen soll, die zur Ausübmlg einer gedeihlichen Arbeit im Sinne der Eingangs erwähnten drei Anträge unentbehrlich sind. Man darf sagen, daß hier in stiller, geräuschloser Arbeit ein Werk geschaffen wordeo ist, daß sich unter günstigen Umständen für hunderttausende von unglücklichen Menschen von reichem Segen erweisen kann. Die neuen VundeÄaseln des Herrn dialik. Für den hebräischen Dichter Chajim Nachman Bialik scheinen auch die zweiten Bundes- Tafeln in die Brüche gegangen zu sein. In einer schönen, poetischen Rede auf dem letzten Karlsbader Zionistenkongresse sagte er nämlich u. v. a.: „Und nun möchte ich ein paar Worte unseren Führern widmen. Wir haben sie gewählt und haben ihnen unser Vertrauen ausgesprochen. Wir müssen sie aber bitten, daß sie genau so wie das Volk zu ihnen Vertrauen hat, auch zum Volke Vertrauen haben. DaS Volt wird sie nicht im Stiche lassen. In der Stunde der Not mögen sie sich an das Volk wenden, das sich hinter sie stellen wird. Das wird aber nur dann geschehen, wenn wir dem Volke ein neues Ideal geben werden, wenn wir nicht blos schlechte Nachahmer von kleinen Völkern sein werden. Das Fundament unserer Wiedergeburt muß ein hohes Ideal werden, eine bessere Lebensform als die, in der sich unser Volk befindet. Wenn wir uns aber nicht von diesem hohen Ideal leiten lassen werden, wird Gott nicht in unserer Mitte weilen. Bei dem Auszüge aus Aegyten, in der Wüste, auf dem Wege nach Palästina, gingen die Priester voran, das Volk folgte ihnen in Stämme geteilt, jedoch von einem Führer geführt. In der Mitte aber über allen erhob sich die Bundeslade, in der sich die Tafeln des Gesetzes befanden. Auf unserer jetzigen Wanderung müssen wir uns neue Tafeln geben, auf denen ein neues Lebensideal geschrieben steht. Und nur dann wird das Volk den Führern folgen." Wir möchten Herrn Bialik, der gerne an alte Tr^te an knüpft und auch ein guter Kenner der talmudischen Agadah ist, an das bekannte Midraschwort erinnern, wonach Moses im Anblicke des Götzenkalbes fühlte, wie den Tafeln die Schrift entschwunden war. Ohne Schrift, ohne Inhalt, ohne Sinn, waren es nur St eine. Und Steine sind schwer. Sie sielen und zerbrachen . . . Es bedarf keiner neuen Tafeln. Herr Bialik wirke bei der zionistischen Leitung vielmehr dahin, daß den alten Tafeln ihre Schrift, ihr Sinn, ihre volle Geltung wiedergegeben werden. Und sie werden dann nicht mehr als bloße Steine empfunden, nicht als Steine des Anstoßes bet jeder Kulturdebatte, in der man über min abstimmt und nicht als schwere Last bei der Aufbauarbeit, die man einfach fallen läßt... Das Vekelinlnis eines Heimkehrenden. I. In zwei stattlichen Bänden hat der bekannte Prager Dichter, Max Brod, seinen Ideen über „Heidentum, Christentum und Judentum"?) genauer ausgedrnckt, seinen Eindruck vom Judentum, in Unterscheidung von der Grundtendenz heidnischer und christlicher Weltaufassung, niedergelegt. Es wirkt, das sei von vornherein gesagt, erfreulich und versöhnend, daß der Dichter sein Werk, trotzdem es schwerste wissenschaftliche Probleme behandelt, ein B ekenntntsbuch nennt; er entwaffnet damit alle diejenigen, die einem in judaicis und hebraicis Ungelehrten etwa nicht die Kompetenz zugeftehen, möchten, über den in Bibel und Talmud niedergelegten Geist des Judentums ein eigenes Urteil zu fällen. Grade die Tatsache, daß Brod offenbar erst in reifen Jahren nach mancherlei seelischen Irrfahrten aus dem Ozean der Assimilation und der Kuiturvergötterung von der nationalen Welle zum alten Judentum hingetragen wurde — gibt seinen individuellen Bekenntnissen ihren besonderen Wert. Mit aufgeschlossenem, von tausend Fragestellungen beunruhigtem Gemüte, mit wachem, au fremden Kulturen geschärftem Geist ist er an den Schatz der uralten Gotteswetsheit herangetreten und siche da: ein hohes Maß von dichterischem Divinationsvermögen läßt ihn trotz naturgemäß begrenzter Quellenkenrrtnts aus Bibelversen und vor allem talmudischen Agudastellen überraschend richtige Schlüffe ziehen, die gerade darum auch solchen Lesern, die geistig ganz im jüdischreligiösen Leben und im btblisch-talmudischen Schrifttum wurzeln, zwar nichts fundamental Neues, aber umso mehr wertvolle Anregung und Befruchtung gewähren. Wenn man die Einzel-Auseinandersetzung mit dem paulinischen Christentum, mit Dante und Kierkegaard — die Brod als die relativ jüdischsten Geister des christlichen Weltanschauungskreises betrachtet — außer acht läßt, lassen sich die wichtigsten Grundgedanken Brods etwa wie folgt zusammenfassen. Das Heidentum geht gänzlich in der diesseitigen Welt auf,' in ihr ist auch das Göttlich- Geistige beschlossen und gefangen. Das Christentunl hat in ungeheurer Reaktion geg>n die grandiose Einseiiigkeit der heidnischen Weltlichkeit sich ganz ins Jenseits zurückgezogen und auf diese Weise die nun einmal nicht zu ignorierende *) Heidentum, Christentu m und I u d e nt u m. Ein Bekenntnißbuch. Von Mar Brod. 2 Bre, Leipzig. Km t Wolfs, Vertag. der „Deutschen Tageszeiinng" einzngehen und sie uin ihre Riehligleit zu prüfen. Vielmehr ersehe'»! es m-.c wichtiger Nom religiös sittlichen, also auch bvm rein gefühlsmäßige» Standviintt aitv, und, ganz allgemein die ..Popularisierung", richtiger, die ’ P r o s n u i e r u u g religiöser Melodie» an öffentlichen' und bau zahlreichem lrurfesfiouell gewischten Publikum besuchten Plätze» einmal zur Sprache;,it dringen. Gerade j ü tu l ch e;> e i r u n g e n luiiton schau längst eine sulche Pflicht erfüllen und darauf Hinweisen müssen, das; die tiiustlerische Wiedergabe religiöser Melodien Var eine»! schwatzenden, schmatzeirden, essenden und trinkenden, rauchenden oder Zeitung-lesenden, oder Larten-svielendeii Casöhansvublilnin und!>in und her eilenden .kellnern eine unerhörte Entweihung bedeutet. Tag gerade eine Gebetsmeludie wie das >:ol st idem, das den erhabensten Festtag der Fudeuheit einleitet und die hehrste Stimmung in uns au^läfi, an stnrproiur naden und in Easös und dergl. Plätzen, zwischen Walzern, Gassenhauern, Eoupleie proiestlos arrfgespielt wird, ist so defchämerrd für uu-ö, das; man denn dach nicht länger stillschweigend. an einer sulchen Blasphemie vorübergehen darf. Tie betlageiiswerten Vorkommnisse in ziissüigeir rnrd Zovpot sollten dach endlich de», jüdischen Publikum znnr klaren Bewußtsein dringen, wohin es führen inns;, loenn heilige Lieder an öffentlichen Plätzen, au denen alles andere eher er Warle! wird, als religiöse Erbauung, zu Zerstrenumis nnd Verdaiinilgsmelodien herabgewürdigt werde''.: zum Spott aller Andersgläubigen. jene ‘ jüdischen v.'-rgäste in Lisfingen und Zovpot, ans deren „allgemeinen Wunsch" das Vau Nid Ai im .gnrgarten gespielt ward, haben der jüdischen 'Allgemeinheit einen recht schlechten Dienst geleistet. Man kann wohl verstehen, das; laut geäußerte Beleidigungen irgendeines schlecht erzogenen'Menschen Var einer» zahlreichen Publikum die s i n g e n , ist es zwischen jüdischen urrd christlicher: l>lnrgästen zu höchst unliebsainen Arrstritten gekanrmen, sogar zn Prügelszenen. Kurz darauf haben sich ähn- >iclse Szenen in, Seebad 3 v p p v t zngetragen. Zur ersteren Falle fall ein christlicher Negierüngsbannrerster sich in schwer beleidigender Weise gegen die jnden benarninen; irr Zvppvt ein Primaner'durch Pfeifen inniitten des Beifallsklatschens der Juden nach dem Kol kstidrüi-Lied den allgenieirren Unwillen erregt haben. Ueber beide Vorgänge bringt die „D e n t s ch e T a g e s z e i t u n g " in allerdings nicht unparteilicher Form unter dem Titel: „Nach Kissingen, Zoppot", folgenden Bericht: „Die „Deutsche Tageszeitung" berichtete kürzlich von einem seltsamen Vorfall in Bad Kissingen. Dort wurde ein RegierungSbauiueister in der ungehörigsten Art nnd Weise van Juden belästigt nnd sogar verprügelt, als er um sstamensfeststelluiig bat. Er wurde von ettna 100 Juden bedroht, die ihm bedeuteten: „Christen haben hier das Blaut zn halten, hier sind wir in der Mehrzahl." Das Seebad Zoppot im Freistaal Dan-';ig scheint sich ein Beispiel an Kissingen genominen zu haben. Gestern nachmittag wurde im Kurga.'Aen von dem Solo-Cellisten Mar Mütter das jüdische „Kol tzlidräi" von Mar Bruch ovrgetragen: „ans allgenreiuen Wunsch", wie die „Zoppoter Zeitung" ankündigte. Wer den „allgemeinen Wunsch" zum 'Ausdruck gebracht hat, ist nicht gesagt, versteht sich auch Vau, selbst.; stirißte die Wahl dieses Cellosolos in Anbetracht der ' herrlichen deutschen Stücke befremdend aus jeden deutschen Besucher des K Irrgartens wirken, so lvurde ffe geradezu unberstündlich int Hinblick daraus, daß das Spielen des Deutschland-Liedes im .sturgarten in Zoppot verboten ist. 'Ans der einen Seite wird also „schonende Rücksicht" genommen aus jeden Ausländer, der sich durch die deutsche Nationalhhmne in einem „internationalen" Bade getroffen fühlen tonnte: aus der andern Seile wird das jüdische Gebet, das auch etrva eine 'stalioualhpmiie darstell!, nicht verschmäht, sondern mit vorheriger 'Ankündignug in der Zeru-ng „arrs allgemeinen Wunsch" als Cello-Solo zum Vortrag gebracht. Von einem altgenieinerr Wunsche kann man wohl eher sprechen, wenn einmal deutsch-.' 'Armeemärsche gespielt werden solle». Wer die Begeisterung,'den Fnbel miterlebt hat, den die Schupokapelle trotz des Verbots mit altvreußrschen Müitärmärschen und „Deutschland über alles" anslöste, wird erkannt habe», daß das deutsche Cinpsinden, die Sehnsucht nach deutschem Lied nnd völkischer ,Stiiitft noch immer in Zoppot vorherrscht. Wenn trotzdem das ,,.<ho1 N'idru" ungestört zu Ende gespielt werden konnte, so war das eben der .deutschen Gemütsrnhe and Gerechtigkeiksliebe znzuschreiben. Erst nach de», Schluß, als sich auch zu de,» nötigen Beifall genug Hände fanden, versuchte ein Primaner zu pfeifen. 'Man inag über diese 'Art des Mißfallens verschiedener Meinung sein, sie war »Wenfalls durch die völkische Erregung zn verstehen. Während aber bei der deutschen Nationalist»»»:: oft genug Konzertbesucher durch Sitzenbleiben ihre Tellnahinslvsr'gkeit ausdrücken. sprang in diesem Falle ein Fude ans den Primaner zn und versetzte ihm zwei Lhrß'igerr. f s2lli sich „im,pickst elstegte Merrschemnenge ütni me stskUelitzen sammelte, ergingen sich diese in den unslntigstei! Schiiirpfworten gegen de» Primaner und ließen sich auch von den eingreisenoen Beamten nicht zur Ruhe bringe», jedenfalls rührte der sonst so seltene Acut von der Ueberzengung her, daß die christlichen stouzerkbesucher zu viel 'Aiistandsgefrihl besitzen, um sich an diesen „geistigen" Verteidigern ihrer völkischen ststnst zn vergreifen." ES ist hier nicht beabsichtigt ans obige Darstellung