Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1921)
- Date
- 1921-09-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2450138-2450176--69256-2526429- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 10 Nr. 39._ war er es. Da kündigten ihm acht junge Leute ihren Besuch für nächsten Sonntag an, hoffend, daß sie Gnade finden würden vor den Augen der Fräulein Tochter und versprechend, was in ihren Kräften stehe zu tun, um in diesem Falle das Mädchen glücklich zu machen. Waren das Offerten auf seine Annonce? Sicher nicht. Welcher Kobold hatte ihm diesen Streich gespielt, den er nicht parieren konnte. Rasch eilte er an das Kopierbuch, um noch einmal den Wortlaut der Annonce durckzulesen. Er suchte und suchte. Mit zitternden Händen durchblätterte er das ganze Buch — o weh, die Annonce war zu kopieren vergessen worden. Eine schöne Geschichte hatte er sich da eingebrockt. Ihm graute, wenn er an Sonntag und an das Erscheinen der acht Heiratskandldaten dachte, was würde seine Frau sagen? So hatte er sich noch nie blamiert. Wenn das bekannt würde, würde er zum Gespött aller Leute. Es war ein Glück, daß jetzt Kunden kamen, die ihn fast zwei Stunden beschäftigten, so daß er die fatale Geschichte fast ganz vergessen hatte. Da brachte der Postbote abermals einen Pack Briefe und übergab sie lächelnd dem vor Schreck starren Isidor, indem er sagte: „Sie haben heute die stärkste Post, Herr Löö." Jsüor wagte es nicht, die Briefe anzuröhren. Er wußte, er sah es ihnen an, es waren Offertbriefe gleicher Art wie die vom Morgen. Jetzt kam Röschen, um den Vater zu Tisch zu rufen. Als sie die vielen Briese und das betrübte Antlitz ihres Vaters sah, erschrak sie. „Ei, Vater, was ist dir?" fragte sie leise) „man meint, du habest Angst vor diesen Briefen." . „Hab ich auch, mein Kind, Hab ich auch! Sei nur still, daß die Mutter nichts davon hört! Hätte ich ihr gefolgt!" „Aber wieso, was ist denn los?" „Ach, da ist der Satan mit im Spiel/ nach dem Essen, wenn die Mutter schläft, komm in den Lacen, dann sollst du es hören. Vielleicht weißt du Rat." Röschen konnte sich das Benehmen des Vaters nicht erklären. Kopfschüttelnd trug sie das Essen auf und wunderte sich im Stillen, wie überaus liebenswürdig heute der Vater war. Auch Frau Löb siel diese Liebenswürdigkeit auf und sie dachte bei sich: „Ich Hab doch einen guten Mann/ er ist heute noch so wie er als Choson war." Gerührt ob seiner Lieb nswürdigkeit wollte sie ihm eine Freude machen und fragte: „Sind noch keine Offerten auf deine Annoce gekommen? Im sehe ein, daß du eine Stütze im Geschäft nötig hast und wünsche nur, daß wir bald das finden, was wir suchen." Isidor wurde es heiß und kalt bei diesen Worten. Sollte er seiner Frau alles sagen? Wie ärgerlich würde sie werden. Ach, das hatte immer noch Zeit. Erst wollte er mit Röschen sprechen. Er tat deshalb, als ob er ihre Frage nicht gehört hätte, fing an das Tischgebet zu sprechen und ging rasch in den Laden, wo ein Kunde seiner harrte. Als sich der Kunde entfernt hatte, ging Isidor daran, die neu angekommenen Briefe zu öffnen. Er hatte sich nicht getäuscht — es waren wiederum Offerten. Wie zerschlagen saß Isidor da und starrte ins Leere, so daß er erschrocken aüffuhr, als Röschen kam und ihn anreöete: „Nun, mein Vater, was hast du?" Isidor sah sich ängstlich um, dann fragte er leise: „Schläft die Mutter?" Röschen nickte mit dem Kopfe. Der Vater nahm sie bei der Hand, führte sie hinter den Ladentisch und sagte, während er mit dem Finger auf die geöffneten Briefe zeigte: „Siehst du, mein Kind, das sind die Briefe, die mir Kopfweh machen. Mit unserer Annonce muß etwas nicht richtig sein." „Wieso, Vater." „Weil jeder von den jungen Leuten schreibt, daß er dich glücklich machen will. Wieso wissen Der J»rar!tt.__ die alle, daß ich eine Tochter habe? Vom Gehalt, was sie beanspruchen, schreibt keiner, dagegen wollen sechs oder acht am nächsten Sonntag sich dir und mir vorstellen." Röschen schüttelte den Kopf und sagte: „Hast du auch richtig gelesen, Vater?" „Da, lies selbst", und er reichte die Briefe hin, die Röschen nun aufmerksam durchlas. Stirnrunzelnd blickte sie in die Episteln. Doch jetzt brach sie in ein heiteres Lachen aus und sagte in einem fort: „Das ist köstlich, das ist amüsant, das ist ein rechter Purimscherz." „Wieso", fragte Isidor, „ich verstehe das ganze nicht und kann auch keinen Schtuß drin finden." „Aber, lieber Vater", sagte Röschen, sich vor Lachen die Seiten haltend, „das sind ja Offerten auf ein Hereitsgesuch." „Hei—rats—ge—such!?" Isidor stand da wie erstarrt. „Du hast die Annonce geschrieben, du wirst dir doch mit deinem Vater keinen solchen Scherz erlaubt haben." „Nein, gewiß nicht, Väterchen. Ich denke garnicht ans Heiraten." „Das will ich auch meinen und einen Chosen auf solche Weise — doch warum nicht. Du hasts Alter dazu. Vielleicht ist es min haschornajiin so bestimmt und Haschern jisborach gibt mir einen Wink, wie ich mir helfen soll. Ich annoeiere um einen jungen Mann fürs Geschäft und Huchem jisborach wills anderes haben. Haschern jisborach hat Recht. Was brauch ich das viele Geld an einen fremden Menschen zu geben. Dein Mann, mein Röschen, soll es verdienen und Sonntag s. G. w. wollen wir sehen, was Haschern jisborach ins Haus schickt." Röschen sah ihren Vater fragend an, dann fing sie wieder an zu lachen, und sagte: „Das muß die Mutter hören, wenn sie aufwacht " Isidor erschrak. An seine Frau hatte er gar nicht mehr gedacht, und jetzt fiel ihm der Gedanke an sie schwer aufs Herz. Er winkte Röschen mit beiden Händen, doch nicht so leichtsinnig zu sein und jagte: „Aber es ist mir unklar, wie ein vernünftiger Mensch auf unsere Annonce so eine Offerte schreiben kann. Es steht doch garnichts von dir und vom Heiraten drin." „Vielleicht ist es ein Druckfehler, Vater." „Ja laß mich in Ruhe mit den Druckfehlern. Ich habe den Schaden. Wie wird man sich luftig machen über uns! Und Sonntag, was mach ich Sonntag mit all den jungen Leuten." Röschen saß der Schelm im Nacken. Sie hatte eine Antwort auf der Zunge, aber die dem Vater schuldige Ehrfurcht ließ sie schweigen. Isidor, der einen Rat von ihr erwartet hatte, verdroß dieses Schweigen und ärgerlich sagte er: „Nun, du bist ja stumm wie ein Fisch! Keine Teschuwo ist auch eine Tschuwoh." „Was soll ich dazu sagen? Ich meine, wir werden uns Sonntag gut amüsieren." „Wir? Wie heißt wir? Ich werde mich nicht amüsieren, ich werde mich ärgern und die Leute werden mich verspotten." „Laß mich nur machen, Vater. Ich werde es der Mutter schon sagen, und du sollst dich gar nicht mehr drum bekümmern." Und Röschen teilte es der Mutter mit. Diese aber war gar nicht so aufgebracht, als sie die Sache erfuhr, sondern sie sagte: „Das ist ein Fingerzeig von Lehern jisborach. Was könne-« wir dabei verlieren? Sehen wir uns die jungen Leute an, efscher ist ja ein Choson für dich dabei. „Ach, Mutter", sagte Röschen, wie Purpur erglühend, „sprich nicht so. Noch habe ich lange Zeit, daran zu denken." „Wohl hast du Zeit", erwiderte die Mutter, „denn du bist noch jung. Aber wir, deine Eltern haben nicht mehr soviel Zeit. Wir sind über die Jugend hinaus und dann ist es gut, wenn man daran denkt, und zwar je eher, desto lieber, seine Kinder zu versorgen, sein Haus zu bestellen." T29. September 1921. Röschen erwiderte der Mutter nichts, sie d achte: „kommt Zeit, kommt Rat" und was in Gottes Ratschluß bestimmt ist, daran können die Menschen nichts ändern. Die Woche ging zu Ende wie alle vorhergehenden Wochen auch. Isidor war mit dem Geschäfte zufrieden und wäre nur erst der Sonnt ag vorüber, so wäre er ganz glücklich gewesen. _ (Fortsetzung folgt.); Die Tephi'llo von Rausch haschono in zeitgemäßer Beleuchtung. Von Heinrich Einstädter. Unsere Zeit birgt unser Los — bis auf das Zeitenlose. Früher sagte man oft: die Zukunft ist in Dunkel gehüllt. Heute ist auch die Gegenwart mit Nebelschleiern umkleidet. Die Politik und das Wirtschaftsleben bewegen sich in nie geahnten Bahnen. Für den Haushalt des Staates wie für den der emzelnen Familie haben die langgewohnten Gesetze und Regeln ihre Geltung verloren. Der Strom stürmt reißend dahin und nimmt die Ufer mi sich. t Wir schwimmen in ihm. Ohne Aufenthalt. Angsterfüllt blicken wir um uns und suchen vergeblich nach einem Halt. Was wir erblicken, ist uns fremd. Kein tiefwurzelnder Baum streckt uns einen rettenden Ast entgegen. Keine vertraute Stimme ruft uns zu: Bei mir findest du Rat und Wahrheit. Bis auf eine! Ihr Ton ist bald langgezogen, bald gebrechen, bald aufschreckend. Sie spricht zu uns, seitdem ter Sommer seinen Höhepunkt überschritten hat. Sie entquillt nicht allein dem Munde des Schaufor, Nein! Das Düster und die Kühle des Morgens, das zitternde Licht der ausgehenden Sonne, der herbe Duft des herbstlichen Laubes, der an vergangene Zetten mahnende heiße Mittag und der früher hereinbrechende, Zukunft ahnen lassende Abend — redet in ihren Tönen. Sie lenkt unser Auge vorwärts zu einer scharfen Wende: Rausch haschono! Rausch haschono? Kaum haben wir den Ruf begriffen, dann verbinden sich auch schon mit den Tönen wohlvertraute Worte, uns geläufig von Jugend an, von uns wiederholt von Jahr zu Jahr mit gleicher Inbrunst und mit wachsendem Verständnis. Haben sie ihre Giltigkeit auch für die Jetztzeit behalten? Der Schlag unseres Herzens antwortet: Ja! Der Atem, der sich befreiend unserer Brust entringt, haucht: Ja! Der Gedanke, der uns beseelt, ruft: Ja! — Was besagen denn jene Worte? Jene Wünsche, die wir an den heiligen Tagen zum Allmächtigen ewporsenden? Die Menschheit ist in viele Völker gespalten, die Völker in Parteien, die Parteien wieder in Sondergruppen. Sie stehen sich feindlich gegenüber, denn ihr Wollen trennt sie. Sie fürchten einander. Der Schwächere muß gewärtigen, daß der Stärkere seinen Willen mit Gewalt durchsetzt. Jeder rüstet sich. Ihr Sein ist Kämpfen. Aber der Sieg bringt nicht Ruhe und Befriedigung. Er ist vielmehr der Beginn eines neuen Krieges. Und so gibt es schließlich bet all den politischen und wirtschaftlichen Kämpfen keine Sieger, sondern nur Besiegte. Der einzige Unterschied unter ihnen besteht in der Reihenfolge ihrer Niederlagen. Der Triumphator von heute ist der Unterlegene von morgen. Darum vernehmen wir nirgends die Stimme wahrer Freude, echten Jubels. Seufzen, Klagen, Aechzen und Jammern, — und was sich dazwischen mischt und manchmal wie Jauchzen klingt, das sind die Mißtöne der Lasterhaften, die schwelgen in den Gefühlen der Rachsucht, der Wollust, der Sinnlichkeit, das ist ein Taumel, auf den ein schreckliches Erwachen folgt. Und fragen wir: Bis wann? so tönt uns