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Der Israelit · 1921-09-29 · Heft 39 (29.9.1921) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 39 (29.9.1921)
Date
1921-09-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
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29. September 1921 aus unserem Gebet die Antwort so deutlich, so überzeugend: BisFurcht und Angst, Ehrerbietung und Unterwerfung von allen Menschen der Stelle zugewandt werden, bei der allein die wahre Gewalt, die höchste Macht und der endgültige Sieg tft; bis alle Ges ch öpfe Gottes gleich uns es wissen, daß' bei ihm allein die Wahrheit und ihre Erfüllung zu suchen sind, bei ihm, dessen Ruf erhaben ist über allem Geschaffenen. Bis sie gleich uns es wissen. — Ein Grauen und ein Schauder befällt den Sprecher, während er diese Worte wiederholt. Wie weit, wie weit entfernt davon sind leider auch wir noch, das Volk, das er sich auserwählt hat, Träger und Lehrer seiner Thora zu sein. So viel der Götzen bestehen und erstehen, sie alle finden unter uns ihre Anbeter und sogar — was noch viel schlimmer ist — ihre Priester. Vor allem der Götze Eitelkeit und der Götze Mammon. — Eitelkeit! Was ist es anderes als Eitelkeit, was Juden Religion, Familie, Gefahr, Verantwortlichkeitsgeftihl, kurz jedes natürliche Empfinden vergessen läßt und sie in die extremsten Lager treibt, um sich als Führer dahin zu stellen, wo sie in Wirklichkeit die Verführten sind? Was jede Strebung, die immer gerade modern ist, unter ihnen die ersten Anhänger und Verkünder finden läßt? Was sie dazu bewegt, dem „Stuotum" den „Schabbos", dem „Nationalismus" die „Thauro", der „modernen Kultur", ihre „echte Jüdischkeit" zu opfern? Sind nicht all die scheinbaren Gewalten, vor denen sie sich beugen, nur verschiedene Formen des Götzen Eitelkeit? Und der Mammon! Ihm gebührt zumindest der zweite Rang. Wenn Werte, die seit Generationen als solche galten, ihm den Weg versperren wollen, dann müssen sie weichen. Die Heiligung der Festzetten, die Wahl der jüdischen Ehegatten, die Art der Geschäftsführung, dies und noch vieles mehr wird von diesem Götzen bestimmt. Und das ist so selbstverständlich geworden, daß man ohne Erröten sagt: Es geht ja doch nicht anders. Und die Folge? Unehre, Schande! All das Unrecht, das man uns antut, der ungeheure Schimpf, den man auf uns wirft, die Bedrückung, unter der man uns seufzen läßt, sind — wenn auch nicht gerade von uns verschuldet — doch gewiß nicht ganz ohne unsere Schuld entstanden. Möchten wir bescheidener sein, unsere Hauptkräfte unserer Hauptaufgabe widmen, die Wahrheit dort aufsuchen, wo sie zu finden ist, und unser Heil von daher erwarten, von wo es in Wirklichkeit zu erhoffen ist, dann würden wir nicht vergeblich flehen: „O Herr! Gib Ehre Deinem Volke, Freude Deinem Lande! Ein herrliches Ziel, ein hohes, ein hehres! Und — trotz allem — ein nicht unerreichbares! Noch ist der Funke der Begeisterungsfählgkeit der einst am Sinai zur Hellen Flamme des „Naasej ^enisclimo" angefacht worden ist, nicht in der jüdischen Brust erloschen. Der Atem des Gottesgesetzes muß ihn aufs Neue auflodern taffen! Hierin liegt unsere nächste Aufgabe. Laßt uns unsere Kinder jüdisch erziehen! Jüdische Eltern! Stattet eure Kinder mit allen Tugenden, Fähigkeiten und Kenntnissen aus, die dazu nötig sind, daß sie ihre Lebensaufgabe als Juden erfassen und erfüllen. Widmet ihnen eure Hauptkraft und seht hierin euer Hauptziel. **) **) Anm. d. fflebattion: Wir machen bei dieser Gelegenheit darauf aufmerksam, daß soeben vom Vers. d. Art. ein Buch erschienen ist, Mein Kind. Zeitgemäße ß pädagogische Winks für jüdische Ellern. (Verlast von Sänger u. Friedberg, Frankfurt a. M.j Dann wird ihnen Ruhm, Hoffnung, Wonne und Glück werden! Dann wird Freude und Friede in ihre Herzen einziehen. Dann werden mit der Zeit die Götzen, dann werden Bosheit und Unrecht wie Rauch hinschwinden, wenn die Herrschaft des jN' von der Erde weicht. Ein hohes Ziel — und doch nur ein Teilziel. Aber es führt za dem höchsten, zu dem eigentlichen, das wir ersehnen mit jeder Faser unseres Herzens und im Geiste erschauen, wenn wir an den crsCtf D'IS'' verzückt zum Allmächtigen aufblicken und unsere Lippen die Worte formen: „Dann wirst Du regieren, Ewiger,-Du allein über all Deine Wesen auf dem Berge Zion!" „Dann wirst Du im unvergleichlich sieghaften Glanze Deiner Macht erscheinen über allen Bewohnern Deiner Erdenwelt!" „Dann werden sie alle wissen, daß Du, der Ewige, der Gott Israels, der König bist, dessen Reich alles umfaßt, Du, der Gott der Wahrheit, dessen Wort Wahrheit ist und für alle Zeiten bestehen bleibt, der Du Israel heiligst und den Tag des Gedenkens." VerichtiMg. Die verehrliche Redaktion dieser geschätzten Zeitung hat in der vorigen Nummer eine Episode aus meinen gesammelten Humoresken, die unter dem Titel: „Gut Jomtob" bet Gustav Engel in Leipzig erschienen sind, zum Abdruck gebracht und mit einigen liebenswürdigen Worten begleitet. Zu meinem Bedauern wurde das Vorwort des Büchleins übersehen, worin ich bemerkte, daß ich diese Satyre aus einer Festschrift, die im Jahre 1889 der „Verein der Freimütigen in Berlin" he'ausgegeben, entnomnien habe, die durch ihren geistvollen Humor verdient, der Vergessenheit entzogen zu werden. Ich halte es für meine Pflicht noix stt>z lO'i^oixn dieses hier zu berichtigen. Tempelburg, Sept. 1921. Lion Wolsf. mss-esm inderecke. Das sprechende Schausor. *) Es war einmal am Erew Rousch-Haschonoh. Die Schule war geschlossen, und die Kinder halfen den Eltern bei den Vorbereitungen zum schönen Jaumtauw. Im Hause wird geputzt und gewaschen, denn der Jaumtauw ist ein hoher Gast, und man muß ihn würdig empfangen. In der guten Stube liegt des Vaters Rausch- Haschonoh-Staat. Das Sargenes oder der Kittel, das schöne Tallis, mit Seidenfäden durchwirkt, die Machsaurim und ein Schausordenn der Vater ist der beste Schauforbläser im Städtchen. In der Stube steht der achtjährige Ernst und sieht sehnsüchtig nach dem schönen Schausor. Er möchte es so gerne einmal probieren, aber der Vater hat ihm gesagt, daß er erst groß werden müsse, bis er blasen könne, und bis dahin ist es noch gar so lange. Heute ist er acht Jahre — in fünf Jahren ist er Barmizwoh, und dann dauert es immer noch eine lange Zeit, bis er wirklich groß ist. — Wie wäre es, denkt er, wenn ich es doch einmal versuche? Gesagt, getan- Ernst geht leise zum Tische, nimmt das schwere Schausor in die Hand und führt es zum Munde. Aus Leibeskräften bläst *) Aus Hermann Schwab: „Kinderlräume". (L. Sänger Verlag, Frankfurt a. M.) Seite 11 Nr. 39 er in das Mundstück, aber nach einer kurzen Weile läßt er die Hand mit dem Schausor wieder sinken, denn kein Ton wird hörbar. Der Vater hat recht gehabt, und so wird er doch wohl warten müssen, bis er groß ist. — Er legt das Schausor wieder zu den Machsaurim und dem Tallis und geht schnell zur Tür hinaus. Er läuft in die Küche, wo die Mutter am Herde steht, von der Küche zum Hofe, wo schon die Bretter zum Bau der Sukkoh stehen, und vom Hof auf dte Straße. Ernst fürchtet sichdenn der Vater hatte ihm nicht nur gesagt, daß er nicht blasen könne — er hatte ihm das Blasen auch verboten. Das aber hatte er ganz vergessen — oder — vielleicht auch nicht? Hat er vielleicht nur vergessen wollen? Ernst fürchtet sich. Er war ungehorsam, heute am Erew Rausch-Haschonoh, wo man doch so ganz besonders gut und gehorsam sein soll. „Aber es hat ja niemand gemerkt," tröstete er sich, „ich war ja ganz allein im Zimmer, und sprechen kann das Schausor doch nicht . . ." „Ernst, Ernst", hört er Plötzlich des Vaters Stimme. Schnell läuft er ins Haus zurück. In der guten Stube steht der Vater, das Schausor in der Hand. „Du hast mit dem Schausor gespielt, Ernst?," fragt er. Ernst sieht betroffen zu Boden. Wieso kann es der Vater wissen, denkt er. „Du brauchst es mir nicht zu sagen!" fährt der Vater fort, „das Schausor hat es mir selbst erzählt." Fassungslos sieht Ernst auf das S chausor Ist es wahr? Kann es wirklich sprechen? „Nun passe auf", spricht der Vater weiter, „und vergiß es nie wieder. Das Schausor hat eine Stimme wie ein Mensch und kann vieles erzählen, Gutes und Schönes und auch Trauriges, und wenn du groß bist, wirst du seine Sprache kennen lernen." „Ich wollte es aber heute schon", entfuhr es Ernst unwillkürlich. „Nun höre, ob es Ungehorsam zu strafen weiß. Du kennst doch seine Stimme und hast mich in diesen Tagen oftmals blasen hören. Nun spricht es anders — ganz anders." Der Vater hatte dte letzten Worte beinahe traurig gesprochen und setzte nun das Schausor an dte Lippen. Und wer beschreibt Ernsts Verwunderung und Entsetzen — als statt eines langgezogen, schönen Tones nur ein Aechzen aus dem Schausor herauskam. Der Vater setzte nochmals an, aber wieder war nur ein kurzer, häßlicher Ton zu hören, und Ernst traten vor Bangen Tränen in die Augen. „Hörst du", sagte der Vater, „hörst bu das Schausor?, es weiß von meinem Verbot, und dein Ungehorsam tut ihm wehe. Es möchte weinen wie wir Menschen." „Ich will es nie wieder tun", beteuerte Ernst unter Tränen und legte seine kleine Hand in dte Hand seines Vaters. — „Ich will es dir glauben", sagte der Vater, „und vielleicht hört auch das Schausor deine Versprechungen." Von neuem nahm er es zur Hand, und als er wieder zu blasen begann, kamen die alten, reinen, lieben Töne zum Ohr des kleinen Ernst. Das Schausor hatte verziehen.- Ernst war glückselig. Ernst ist ein guter Schauforbläser geworden. Das Schausor hat ihm der Vater nach vielen Jahren zur Erinnerung an diesen Erew Rausch- Haschonch geschenkt, und als er selber einen kleinen Soh * hatte, da hat er ihm diese Geschichte erzählt: dte Geschichte vom sprechenden Schausor. Kimter, hilf et Klirr Ettern, ihiss sie Enr/i ,'.n Itosch hiisebono den neuen JaUrijnnij der / I I) / S C HEX ./ r<7 EX DB L Ä TT E bestellen. Abonnement {vierteljährlich 4.50 Mk.) durch jede Bostansto.it,

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