Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1921)
- Date
- 1921-09-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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euilleton-Veilage zu Ar. 39 des „Israelit" Von den Geheimniffen *1? ■ :rM Rabbi Qvi Jizchak aus Berditschcw, der treuer Sachwalter des „Baal Schrm tow", hatte die Gewohnheit, am Roschaschono-Ffste selber Schophar zu blasen. Da er sich in diesem Jahre unpäßlich fühlte und infolge e nes kleinen Haltleidens nicht im Stande war, selbst zu blasen, ließ er in der Synagoge bekannt machen, daß sich geeignete und würdige Mitglieder seiner Ge - meinde, die den Schophar zu beherrschen wissen, einen Tag vor dem Feste in seinem Z'mmer melden möchten. Es meldeten sich viele, die sich um diese Ehre bewarben. „Welche Gedanken und Ideen verbindest du mit den Tekiaus; welche Vorstellungen lösen die Schophar töne bet dir aus?" fragte er den zuerst Eintretenden. Der Chassid zählte all die tiefen Gedanken und Geheimnisse auf, die in den alten Schriften mit dem Schopharblasen in Verbindung gebracht werden. Aber der Rabbi fertigte ihn kurz ab; „Das ist es nicht!" Es trat ein zweiter ein, ein berühmter Gelehrter und Kenner aller kabbalistischer Schriften. Auf die Frage des Rabbi nach seinem „Kawonaus" während des Schopharblaseus Packte er mit allen Geheimnissen aus, die er aus dem heiligen Buche des Rabbi Mosche Kordowera kannte und nannte eine ganze Reihe von Engelnamen, deren Träger dazu berufen wären, die Posaunenftimmen zum Throne des Allmächtigen zu überbringen. Er war seiner Sache ganz sicher. Aber der Rabbi schüttelte mit dem Kopf: „Nein, es ist nicht was ich wünsche." So erging es einem dritten und einem vierten und noch vielen anderen. Da trat ein armer Kinderlchrer in das Gemach. Der Mann war als Chassid nicht so hoch berühmt und ebensowenig als großer Talmudkundiger. Seinen heiligen Beruf übte er aber in Liebe und Eifer aus. Auch fiel die große Inbrunst und Andacht aus, mir der er sein Gebet verrichtete, allgemein auf. Die Blätter seines Gebetbuches waren stets gelb durchnäßt von Tränen. „Was weißt Du von den Geheimnissen der Schophartöne?" fragte der Rabbi: „Geheimnisse?" erwiderte der biedere Mann, „was soll ich, einfacher Mensch, mit den Geheimnissen der Lehre und der Gesetze zu tun haben?" „Aber Du denkst Dir doch etwas dabei. So sage mir, welche Gedanken und Wünsche D ch erfüllen, wenn Du den Schophar an den Mund setzest. Es ist doch nicht wohl möglich, daß Du nur so dahinbläsest, wie der Hirte, wenn er seine Herde sammelt. Außerdem höre ich, daß Du so viele Tränen beim Blasen vergießest. Diese Tränen entströmen doch wohl einer Quelle von Wünschen uno Empfindungen?!" „Zu weinen", gab der Lehrer zur Antwort, „habe ich, heiliger Rabbi, Grund genug. Ich kenne die tieferen Geheimnisse der Tekiaus nletzt und überlasse düse den Größeren und Besseren, die ihrer würdig sind. Ich aber weine beim Schopharblasen —, da ich an den furchtbaren Winter denke, der vor der Türe, steht, an den r Hauswirt, der unerbittlich den Mietzins fordert, an die K in d er ch en, die nackt und barfuß heri mlnufkn und stlts Hunger haben, an die arme kranke Frau, deren Heilkosten ich nicht aufbringcn kann . . . Wenn ich an all dieses denke, dann entströmen die Tränen von selbst, aus den tiefsten Tiefen des Herzens. Und wie ich bin Sckophar mit zitternden Händen umklammere, schreit es aus meinem Innern zu Gatt hinauf: „Allbarmherziger König. So wie ich jetzt vor Dich trete, um Deinen heil gen Willen, zu. erfüllen, ohne zu fragen und ohne zu forschen nach dem Grunde dieses Gebotes, einzig darum, weil Du es besohlen hast, so sei es Dein Wille, Gott des Erbarmens, daß Du meiner, meines Hauses und meiner Kinder gedenkest und von Deiner Liebe und Gnade ollen Kindern Israels spendest, die, gedrückt und verlassen Deiner Hilfe, Herren. . . Lasse uns gesund und wohl erhalten ohne Krankheit, Leid und Nahrungssorgen durch die schweren Monate des Winters gehen. Frage nicht nach unserer Würdigkeit, so wenig wie wir nach den Gründen und Geheimnissen Deiner heiligen Gebote fragen . . ." „Das sind die „Kawonaus", die ich brauche..." nickte der Rabbi mit Befriedigung. „Rüste Dich, mir morgen Schophar zu blasen!" . . . Ein 'Druckfehler. Humoristische Novelle aus der gutrn alten Zelt von H. B. tFortsetzung.) Isidor konnte lange nicht einschlasen, er hatte sich wirklich über seine Frau geärgert. Er wußte, daß es weniger der Geiz war, der sie so widersprechen ließ, als das Unangenehme, eine Fremde in den Familienkreis aufzunehm'n. Aber er war auch wiederumsoviel Geschäftsmann, daß er voraussehen konnte, wie ihm die Arbeit über den Kopf zu wachsen drohe. Er sonn nach, auf welche Weise er die unbedingt nöiige Einwilligung seiner Frau erhalten könne, und konnte keinen Ausweg finden. Als Haustyrann mochte er nicht auftreten, das war gegen seine Natur, und so blieb ihm nichts übrig, als zu versuchen, mit List zum Ziele zu gelangen. Seine Frau schlief schon längst, was durch ein lautes Schnarchen bewiesen wurde. Am nächsten Morgen war Isidor krank, das erste Mal in seinem Leben. Er stöhnte und ächzte in seinem Bette, daß es seiner Frau und seiner Tochter angst und bange wurde. Dazu kam, daß an diesem Tage sehr viel in beiden Geschäften zu tun war, sodaß sich Mutier und Tächter kaum dem ungeduldigen Patienten widmen konnten. Kaum hatte ihn eine von seinen Lieben verlassen, weil sie im Geschäfte olnr in der Haushaltung zu tun hatten, so wurden sie auch schon wieder gerufen, sodaß Röschen sowie ihre Mutter fast verzweifelten, und als der Abend endl-.ch kam, waren sie müde zum Umfallen. Als Isidor auch am anderen Morgen sich noch so schlecht befand, da sandte seine Frau zum Arzte, der die Influenza diagnostizierte und vollständige Ruhe ankmpfahl. Isidor hatte starkes Fieber und der Arzt befürchtete eine Lungenentzündung im Gefolge der tückischen Krankheit. Röschen ließ sich die Pflege des Vaters nicht nehmen und so lag die Last des Geschäftes allein auf den Schultern der Mutter. Diese arbeitete gerne, aber eine solche Hetzjagd, wie jetzt in ihrem Hause war, brachte sie zum Verzweifeln. Isidor wollte Röschen keinen Augenblick entbehren und so blieb der Mutter nichts anderes übrig, als ein Nachbarsmüdchen zu bitten, ihr im Geschäft ein wenig zu helfen. Das ging zwei, auch drei Tage gut. Aber schon am vierten Tage schien es der mißtrauischen Frau, als ob die Kasse nicht recht stimme, als ob etn Teil des Zuckers fehle, kurz — sie traute der Nachbarin nicht mehr. Als diese das Mißtrauen seitens der Frau Löb merkt-, kam sie nicht mehr und ließ durch ihren Vater um Lohn für vier Tag? bitten. F au Löb rollte sich zuerst w.igan, abrr als der Nachbar mit Kla. e droh«?, gab sie ihm seufzend das verlangte Geld. „Nie mehr", sagte sie zu »"ch selber, „kommt mir eine Fremde ins Haris oder ins Geschält". Sie erzählte ihrem Manne von der Unversäämtheit des Nachbars und konnte nicht begreifen, wie er demselben recht geben konnte. Sie war böse, als er wieder den Vorschlag machte, eine Gehilfin ins Haus zu nehmen. „Damit ich und Röschen dieselbe bedienen können", sagte sie, sich ereifernd. „So Gott will, bist du bald wieder wohl und bis dahin mag es gehen wie es will. Ich kann nun einmal kein fremdes Mädchen im Hause leiden". „Nun gut," erwiderte Isidor, „du sollst deinen Willen haben, ich will aber auch den meinigm haben. Ein Mädchen nehme ich mir nicht ins Haus, aber einen jungen Mann, einen Kommis, der in der stillen Zelt auch auf dem Land reisen kann. Wir haben entfernt wohnende Kunden, die sich freuen, wenn sie ihre Bestellungen im eigenen Hause machen können. Ein solcher junger Mann verdient reichlich, was er kostet". „Also einen Kommis willst du anstellen, willst ihn sogar ins Haus nehmen, trotzdem du eine große Tochter hast. —" „Nun, was ist drnn dabei? Sie werden sich gegenseitig nicht beißen." „Meinst du? Ich Hab dich gewarnt. Man setzt keinen Marder in den Taubenschlag. Wenn du Scholaum im Hause haben willst, lasse jeden Fremden draußen." Aber Isidor Löb beharrte auf seinem Willen und am folgenden Tage mußte Röschen, welche Sekretärdlenste verrichtete, folgendes Inserat an die Expedition einer jüdischen Zeitung einsenden: Gesucht ein tüchituer junger Kaufmann für ein gutgehendes Kolonial- und. Schninwarengeschäfc in einem lebhaften Lmidstädiüen, welches am Sabbai u. Zomtow geschlossen ist. Junge Leute, die auch schon gereist haben, wollen ihre Zeugnisse mit Gehaltöansprüchen bet sreiee Station im Hause des 'Prinzipals einsenden an Isidor Löb in B. Persönliche Bvrstellntig erwünscht. Isidor Löb fiel ein Stein vom Herzen, als der Drtef mit der Annonce abgeschtckt war. Wenn er Glück hatte, und einen braven, tüchtigen Menschen fand, konnte er sein Geschäft vergrößern und selbst die Kundschaft gewinnen, die bisher ihren Bedarf in der nahen Stadt deckte. Acht Tage vergingen. Isidor war wieder wohl und hatte das Schnitwarengeschäft wieder selbst übernommen, trotzdem er sich noch recht matt fühlte. Jeden Tag erwartete er mit der Post Offerten auf seine Annonce. Endlich kam der Postbote und brachte lächelnd einen ganzen Pack Briefe. Indem er sie Isidor.gab, sagte er: „Ist wohl heute Geburtstag? Dann gratuliere ich auch schönsten ." „Unsinn," sagte Isidor, „es sind wahrscheinlich Offerten auf rine Annonce." Der Brtesbote entfernte sich und Isidor zog sich hinter den Ladentisch zurück, um die etngegangenen Offerten durchzusehen. Bedächtig nahm er seine Brille aus dem Futteral, putzte die Gläser und öffnete langsam den Brief, der ihm zur ächst tag. Langsam las er die Worte, aber es schien, als ob er dieselben nicht versiehe. Er schüttelte den Kopf und las wieder, ohne klüger geworden zu sein. Er legte den Brief zur Seite und öffnete den zweiten. Beim Lesen desselben ging es ihm gerade so wie beim Lesen des ersten. Kopfschüttelnd legte er auch diesen fort und so ging es ihnr bei den acht Briefen, die ihm die Post gebracht haue. War denn die Welt verrückt geworden, oder