Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1921)
- Date
- 1921-09-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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29. September 1921 Chemismus ist aber nicht irrevclcmt, und cs ist ft in wiffenschciftlichcr Standpunkt, die Ann'yse in den Retonen zu vcrockter. Will tin?Uuor das 9^i;cUin für das Z«trirum ics GfickchrN' a'^cheiZ dann must er es sich gefallen loss n, dast man diesen Stoff in Strffwecksi! und N torte verfolgt. Schleichs Theorie brdeu:er eineLokaliiarior srheorie, die ober wiederum von ihm selbst wieder c-bgeschwächt wird, weil er nur die „rhythmische Nebertragungskraft" des Nreleins berücksichtigt. Diese beruht nach ihm auf seiner Unzerstörbarkeit, die weder tatsächlich vorhanden, noch theoreti ch bedeutsam ist. Nachzutragen ist, daß dos Pro'o plasma, das doch keine Chromosomen enthält, für viele Formbildungsprozesse die größte Bedeutung hat und auch in der Vererbung sich als materieller Träger (jedenfulls nach der Auffassung vieler Autoren) beteiligt. Es ist hier nicht möglich, das ganze P oblcn, des Viialismus aufzuioll-n, ich gedenke das demnächst im Jeschur un zu tun. An di-ser Stckie must ich mich sachlich mit dem becnügen. Ma> cher Leser steht nun v elle cht, einer Emscheidui g unfähig, vor den Ausführungen Herrn Schleichs und den meinen. Da ist cs dcnn wohl angebracht, auf die Urteile einiger Männer hinzuweisen, deren wissenschaftliche Bedeutung außer Zweifel sielt. Gr o st-Hrieelberg schreibt, w'e ich nachträglich in derD. med. Wocherrschrlfr ( ir[er Jahrgang, S. 83) finde, zum s lben Buch Schstlä.s n. a. folgendes: „Zar Begründung gibt er (Schleich) in ei? er sehr eindrucksvollen, aber an entscheidenden Stellen Stellen oft unklaren Ausdrucksweise eine ganz neue Auffassung von den Vorgängen beim Tode . . . und nebenbei noch einige Anschauungen über wichtige physiologische und pathologische Vorgänge, die völlig dem widersprechen*«, was als dir verhältnismäßig am besterr gesicherten Bestandteile unseres Wffsius über diese Gebiete allgemein gilt". — Ferner: „Wer überhaupt Einblick hat in die durch lange muhevolle Einzelarbeit gewonnene Grundlagen unserer physiologischen und pathologischen Anschauungen, si-ht ohne wettercs, aus wie vielen tatsächlich u n r i ch t i g en oder u nbewiesenen Annahmen dieses Phantasiegebäude Schleichs errichtet ist/-*) Und Th. Zieher?, der frühere große Psych-crter in Beritn, jetzt Philosoph in Halle, also doppelt zum Urteil berufen, sagt ibid über Schleichs „Bewußtsein und Unsterblichkeit/: „Die anschauliäe von geistreichen Vergleichen durch etzte Darstellung des Verfassers kann nur den oberflächlichen Leser darüber h in weg r ä u j dj en, daß ihm halt lose, unklare Hypothesen vor gesetzt werden"/*) — und zitiert die uriglaubliche Behauptung Schleichs, daß die epileptischen Dämmerzustände auf periodischen Neuroglioverleirnungkn beruhen. Herr Professor Schleich maß cs mir verz ihen, daß ich Driesch, Haberlandt, Ziehet! u. a. aus biologischem und pH lofophischem Feld für maßgebender halte. Der Leser des „Jsra-l t" ober vergebe mir, daß ich ihn mit io vielen bolognchen und meUzlnischen Erörterungen belästigt ha^e. Doch , ist dies nicht meine Schuld: der I; itiattve der Redaktion dieses Blattes verdankt diese Kontrcv.rse ihr Entstehen. Ich mußte antworten. Und betone, daß ich dabei bleibe: religionsphiloioplsiiche Betrachtungen sollten nur ganz sicher fundierte naturw ssenschaftliche Lehren zur Basis machen. Bler sich einmal in die Arena der Naturso.schung begibt, muß mit ihrer Methode vertraut sein und aus die Angriffe derer rechnen, die sie zu handhaben verstehen. Ich schätze Rrligons- Philosophie zu hvch, als daß ich es mit ansehcn kann, daß sie mit solchen Fehlgriffen belastet Wird. Während die Wissenschaft die Schlcichiche Lchre überging, haben sie B r o d und der //Israelit" als gesicherten Bestand angesehen. Dies zu bekämpfen, nicht Herrn . So le ch zu kränken, war und ist dt2 Zweck meiner Kritik. li" Nachde m erkung der „Redaktion": Wir haben Herrn Dr. Wolfs derg das Wort *) Bon mir gesperrt. Der Verfasser. Der JSraeUt. i fiCßiben, well er sich, wie aus dem Chco akier fein-r Erwiderung hervorgeht, durch die Entgi-gl-ung Pros. Schleichs rfstr.br.-r in seiner w-sstrrschastticken Würde vtrlrtzt sofühlt h tu. Zur Sache stillst habcn wir Verschieber es zu bemerken: 1. Es ist eine für polemische Zun cke zwarbrgueme, aber sai z willkürliche B'hauptrmg Wolfsbrrgs, daß wir (in Gern, irstchafl mit Max Brod) die Cchleichsche Lehre a!s „gesicherten Bestand" angesehen und gewertet batten. Wir Huben sie tut Gegenteil von vornherein unter die „wechselnden Hypothesen" der Nattirphilosephi? rubriziert, die für den Ausbau der religiösen U> be zengung keine entscheidende Bedeutung haben dürsten. (Nr. 16 des „Israelit" vom 21. April 1921). Wern ober eit e Reibe von überlieferten religiösen Ideen und gesetzlicher Tatsachen durch eine reue uarurphilo vphrsche Hypothese überraschende Beleuchtung und Begründung empfangen, so ist es Pflicht der jüdi'chen Publizistik, darauf nachdrücklich aufmerksam zu machen. Wir gestehen ganz offen: Für uns als überzeugte Juden gewinnen die Schleichschen Ideen grade darum erhöhten Anspruch aus liebevollste Prüfung und Beachtung, weil sie mit dem, was ms als Wahrheit gilt, in einer so merkwürdigen Harmonie stehen. Die Me/hode des Herrn Tr. Wvlssberg in seiner Rezension dagegen, einem Alaun von den gewaltigen wisse,.schädlichen P^rdienst«n Schleichs von oben herab als „Phantasien" abzutun, schien uns daher nicht nur unpassend, sondern auch nicht im Einklang ,n't den Bedürfnissen der religlousphitosophischen Apologetik zu steh n uud muß daher bekärnpft tverden. Dies gilt selbst' für den Fall, dag die Mehrheit der wissenschaftlichen Forscher auch in zehn Jahren der Hypothese Schleichs noch ebenso ablehnend gegenüberftohen sollten, wie d-'cs nach Herrn Mvlfsberg einige von ihm zirierte Amoriäten heute tun. 2. Wer indessen die Geschichte der Wisst nschaftrn einigermaßen kennt, wird sich van den illnflren Namen, mit denen Herr Dr. Wolfsberg in die Arena tritt, nicht unbedingt imponieren lassen, von seinen eigenen Argumenten garnicht zu reden. Es wäre nicht das erste Mal, daß der intuitiv erfassende, künstlerisch veranlagte Forscher Wahrheiten vorausahnt, zu deren Begründung die wissenschaftliche Kärrnerarbeit Jahre iwb Qat}v$ei)nte bvaud;t Fast alles, was heute „gesicherter Bestand" so mancher Wissenschaft ist, war gestern noch , Phantastik" - selbst den Grundlagen der Schleichscheu Lokalanästhesie haben die „Detallsorscher" zuerst jede Anerkennung versagt und ihre praktische Anwendbarkeit bestritten. Es ist also von unserem Standpunkt aus ganz unnötig, zu einer Urteilsbildung in der vorliegenden Kontroverse zu gelangen. Daß Prof. Schleich die Tatsachen nicht ebenso gut kennen sollte wie sein Gegner, wird dieser selbst nicht behaupten wollen. Es wird sich also im Grunde doch immer wieder um die Deutung und Auffassung dieser Tatsachen handeln, wobei es für unsere Zwecke vollkommen genügt, daß eine ernst zu nehmende wissenschaftliche Größe eine Auffassung vertritt, die b.rauchbaren Denkstoff zur tieferen Erkenntnis der uns ohnedies feststehenden religiösen Wah?heit bietet. Endlich ist es gelungen, ein schon vor 10 Jahren in Angriff genoruirrer:es Werk, das nrit großer Spannung in Getehrtenkreisen erwartet war, zum Anschluß zu bringen. Herr Dr. Benjamin Lew in, der Leiter der Nezäch-Jisroel-Schule zu Haifa, hat seinen Aufenthalt in Europa benutzen können, um die letzte Hand an sein Werk zu legen. So ist uns zu Ende des Jahres das Buch „Jggeret dt, Scherira Gaon" in der stanzöfiichcn und spanischen Version, unter Benutzung alter Handschrtsten mit erklärenden Noten geschenkt worden. Der Verfasser und die Jüdisch Literarische-Gesellschaft in Frankfurt a. M. (auf deren Kosten es gedruckt wurde), haben damit der Wissenschaft einen wertvollen Dienst geleistet. Was der gelehrte Verfasser auf dem Titelblatt erklär", daß er alle Handschriften beruht hat, ist nicht zuviel gesagt. Sowohl Berliner als Pariser, als Londoner und Cambridger Handschriften, sowie auch die alten Diucke, die Ausgaben von Goldberg, Phillpowsky, WaUerstein, Neubauer und Heimann hat er für seine Ausgabe herangezogen und kritisch beleuchtet. Endlich hat er auch eine neue Handschrift, die in Aleppo lag und die für ihn von der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft angekauft wurde, benutzt und war dadurch Nr. 89 Seite 7 imstande, die französische und spanische Version des berühmten gaonnischen Sendschreibens nebeneinander zu stellen und uns in korrekter Ausgabe zugänglich zu machen. Er' hot mit besonderem Sche.rjsinn die Werke, die die Gaonim-Pe rode -'eharideln und s«rch die er kritisch über die richtige Lesart enischeiden konnte, gebraucht. Es ist lei dem großen Fleiß des Verfassers und der tiefen Kenntnis, die er vor allen Dinren von der Gaonim-Periede besitzt, nicht verwunderlich, daß eine besonders wertvolle Arbeit hier entstanden ist. Die Drucklegung des W.rles, nie schon vor dem Krieg begonnen wurde und irm die sich besonders Herr Rabbiner Dr. Bawberger s. A. bemühte, muhte schließlich unterbrochen werden. Und da es inzwischen unmöglich geworden war in Frankfurt a. M. weiter zu drucken und die Typen, die die Jüd sch-Literarische Geiollschasr gekauft hatte zu benutzen, konnte die Ausgabe erst jetzt unter großen pekuniären Opfern bei der Anwesenheit des Verfassers in Deutschland vollendet werden. Das Buck) enthält zunächst eine Einleitting, die fünf Kapitel, die den Namen r^N, die Veranlassung, die der Verfasser hatte, seine rciBT zu schreibtn, b‘e Verschiedenheit in der Auffassung Snaija Gavris und Scherirns, den Aufbau drs Scherira Brieses und die früheren Ausgaben desselben zum Gegenstand haben. Darauf folgt eine Abhandlung über die spanische und frnrizösische Version des Brieses, eine kurze Biographie des L'L) "2 zpjr ans Kairuon, der die Arif-age an Scherira gerichtet hatte, endlich nebeneinander gesetzt und sehr übersichtlich gedruckt, der Text der spanischen und srunzüsischen Version, mit kritischen Zioien versehen. AiS Schluß bringt der Verfasser eine Einleitung in die Geschichte des zweiten Scherira-Brirses uud eine Reihe von RePonsen Scherrras und seines Sohnes Hui, die znr-l Teil aus der Geniza in Kairo, zum Teil aus Cambridge stammen. Der Preis des Buches ist auf 1.'/« Pfund gleich 000 Mark festgesetzt. Der Verfasser hat jedoch für die Atitglieder der Jüdischen-Literarischen Gesellschaft den Preis bei Bezug durch die Gesellschaft um ' erntäßigt. Die Interessenten si-.d aber gebeten ihre Bestellung bald zu machen, da der Verfasser nur 00 broschierte Exeu plare in Frankfurt a. Al. zurückgelassen und den Rest rach Haifa überführt hat. Meir Wiener, die Lyrik der Kabbala. sDie geistliche Lyrik der Jriden, 1. Teil). R. Löwit, Verlag. Wien n. Leipzig 1920. 1d9 S. Der Verfasser unternimmt es, die lyrischen Dichtungen der Kabbellsten, der auf der einen Seile so viel veriästcr len, auf der andern über Gebühr gerühmten Vertreter der Mystik in Judetttuni, nachzudichten und so dem deutschen Publikunt vahezubringen. Denn wie er ausdrücklich betont, rvill er nicht eine tvissenschaftlich zuverlässige Uebersi tzung geben, er tviU riicht die Worte, svneern ihren „Gesühlslverl' übermitteln, um so ein Nachempfinden zu etrriöglichen. An diesem Maßstab gerr.essc,', wird man zugeben müssen, daß dein Verfasser seine Ausgabe oft gut gelungen ist. Alan suhlt zuweilen in seinen Dichtungen einen Httlch jener mystischen Welt, die, den Erdenstanb tief unter sich lassend, den Menschen zu den höchsten göttlichen Regionen emportragen will. Ob Wie er dabei von den Lizenzen des diachdichlers rrichl manchmal allzu reichlichen Gebrauch gemacht hat. ble-be dahingestellt. Wir werden durch den sasetischen Kreis geführt, ivobet besonders die Tischlieder von R. Jizchnk Lurja zu erwähnen sind, weiter dinch die Bcrbecei und Jemen, druck) Polen und Italien, und in einem Anhang wird auch noch das geistliche Lied der Karäer behandelt. Allerdings wird man den Titel „die Lyrik der 5kabbala", nur bedingt gellen lassen dürfen) denrt das „Laischarim Tehilla" von R. Mosche Charm Luzatto ist wohl von einem Kabbalisten verfaßt, hat aber mit $tab:a!a licht das mindeste zu tun. Ilud ähnlich verhält es sich mit einigen anderen Dichtnngitt. Hütte Wiener sich darauf beschränkt, Uebersetzer oder Nlachd'chter zu sein, so hätte man sonach sein Buch als ein wertvolles bezeichnen können. Ihn gelüstete aber rtach den Lorbeeien des Archäologen und Philosophen und so hat e> srii en Ueberiragungeu „zur Einführung' eine umfttrzreiche Abhandlung vorangehen lassen, worin .er uns seine Ansichten über Kltitus, Gebet urtd Religion im allgemeinen, ferner über das Wesen des jüdischen Gebets und über die ntuere geistl'che Lyrik der Inden mitteill. Und hier muß man nun sagen: auch bei den Neueren und Neuesten, von denen man doch schon manches gewohnt ist, wird man selten ein solches Gemisch von philosophischem Dilettantisrnus und von maßloser Ueberhebr.'ng vereinigt finden, wie in dieser Abhandlung des Herrn Meir Wiener. Hier einige Proben. „Ein Mensch, der sich dem Geiste gegenüber kraftlos suhlt, während seine Muskeln von Körperkrafl geschwellt sind, folgt rasch entschlossen der Einflüsterung des Willens und proklamiert das körperliche Tun als Erfüllung der Sehnsucht nach dem Geistigen. So ungefähr beginnt die Geschichte des Rstüals". Danach stehen Religion und Sittlichkeit tat Gegensatz zu dem Ritual, und sie müssen, wenn sie zu neuem Leben erwachen, an die „Eliminierung des Wahnes von der Erfüllung durch das Gesetz" gehen. Andere Menschen werden vielleicht der Meinung sein, daß das Ritual als Symbol