Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1921)
- Date
- 1921-09-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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22. September 1921 Ler JAraeUt. ft«. 38 Sette K Lebensmittelschieber gerichteten Krawalle, die die Antisemiten geschickt auf jüdische Geschäftsleute abzulenken verstanden. Weder Dr. Sicius noch sonst jemand weiß etwas Positives gegen Rosenbaum, das Opfer der Hetze, vorzubringen. Dr. Sicius erklärt, er habe den Juden an den Pranger stellen wollen. Die Volksstimmung sei sozusagen reif dazu gewesen, zum Mittel der Selbsthilfe zu greifen. Der Vorsitzende: „Sie haben zu Arbeitern, die mit Herrn Günzburger debattierten, gesagt: „Das ist auch so ein Kapitalist, der könnte den Arbeitern etwas hergeben." Auch gegen Max Guggenhetmer wurde noch nachts demonstriert und versucht, die Haustür mit einem Beil zu öffnen. Das erweckt den Anschein, daß die Leute so Vorgehen sollten, wie es nach Ihrem Sinne war, gegen die Juden." Der Angeklagte behauptet, es handele sich nicht um einen politischen, sondern um einen volkswirtschaftlich en -Kampf. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob ihm von Rosenbaum mehr bekannt gewesen sei, als daß 9 Zentner Butter beschlagnahmt wurden, antwortete der Angeklagte: „Nein, aber in der Stadt hat man allerlei gemunkelt." Auch der Angeklagte Hail ergeht sich in allgemeinen Beschuldigungen. — Dr. Sicius und Hail wurden zu je einem Monat Gefängnis verurteilt, alle anderen Angeklagten freigesprochen. Miauen. Deputierter N 5rie9mann- Kowno, 12. September. In Kissingen, wo er sich zur Kur aufhielt, verstarb dieser Tage der früher in Rußland sehr populäre Dumadeputierte N. Fried mann. Ein unermüdlicher Arbeiter von größtem Verantwortungsgefühl, diente Friedmann Jahrzehnte lang der jüdischen Sache unter den widrigsten Umständen in der zaristischen Zeit und kämpfte für das jüdische Recht. In der Du.na stand er ganz allein, und konnte nicht einmal auf Hilfe der liberalen Kadettenpartei rechnen. Dort mag er sich den Keim zu der Krankheit geholt haben, der er jetzt auf fremdem Boden erlegen ist. In Rußland und in Litauen, wo inzwischen andere Verhältnisse eingetreten sind, wird man diesem treuen stillen Arbeiter und Kämpfer ehrendes Andenken bewahren. Die DJilnaer Srage im Jüdifcfien llafionalraf von Litauen- Kowno, 8. September. In der letzten Sitzung des Jüdischen Nationalrates für Litauen erstattete der Vorsitzende Dr. Rosenbaum einen Bericht über die Wtlnaer Frage und führte aus, daß die Frage für die Juden nicht als Bürger Litauens, sondern vielleicht noch mehr als Juden wichtig sei. Ohne Wilna sind die Juden sowohl absolut als auch im Verhältnis zur übrigen Bevölkerung zu schwach. Daß das Gebiet von Wilna zu Litauen gehören wird, ist, wie Dr. Rosenbaum aussührt, fast beschlossene Sache. Es ist nur die Frage, wie sich die Beziehungen zwischen den beiden Teilen Litauens und zwischen Litauen und Polen gestalten werden. Ueber die Verhältnisse der Juden in Litauen selbst äußerte sich Dr. Rosenbaum dahin, daß das Verhältnis in der letzten Zeit ein wenig verschärft wurde, da die Rückwanderer aus Rußland einen Strom von Antisemitismus mitgebracht hätten und da ferner die Polen, welche sich in Litauen den Juden gegenüber feindlich verhalten, aus gewissen politischen Gründen sich bemühen, Feindschaft zwischen den Juden und Litauern zu säen. Ueberdies habe die junge litauische Regierung während ihrer Konsolidierung die alten Beamten verwenden müssen, welche den Antisemitismus vom zaristischen Regime geerbt haben. Wenn Litauen tatsächlich ein Staat von freien Bürgern werden wird, dann wird sich sowohl die allgemeine Lage als auch die der Juden verbessern. Nach der Richtung arbeitet jetzt die Konstituionskom miss ton des litauischen Sejm, deren - Arbeit allerdings noch längere Zeit in Anspruch nehmen wird. Ueber das innere jüdische Leben in Litauen teilte Dr. Roser bäum mit, daß die Gemeindesteuer fast überall durchgeführt ist, die Juden zahlen freiwillig, ohne Zwangsmittel. Die Htlfsarbeit des Joint in Litauen geht jetzt zum System der konstruktiven Hilfe über. Die jüdische Bevölkerung stehe in lebhafter Beziehung zu ihren Gemeindeverwaltungen. An den jüdischen Gemeindewahlen hätten auch die Arbeiter teilgenommen. Die Juden haben aber auch an den Wahlen in die Stadtverwaltung lebhaften Anteil genommen. Die Gründungsarbett der jüdischen Zentralbank stehe vor dem Abschluß. Das 6emein9effafuf für Palästina. Jerusalem, 3. September. Der Delegierten-Versammluno liegt nun ein Entwurf eines Gemeindestatutes "für die jüdischen Gemeinden Palästinas vor. Der Entwurf enthält 13 Hauptparagraphen. 1) Wo an einem Platze mindestens 30 erwachsene Inden beiderlei Geschlechts wohnhaft sind, organisieren sie sich zn einer Gemeinde. Orte, Die die nötige Zahl nicht austveisen, schließen sich der Nächstliegende»» Gemeinde an. 2) Alle Gemeindemitglieder haben gleiche Rechte unt> gleiche Pflichten. 3) Tie Gemeinde hat den Charakter einer juristischen Person »nd kann als solche Genusnnd anderes Cigentnm erlverben nnd verwalten, Verpslichtrrngei» übernehmen und ihre liechte vor der Behörde wahren. 4) Aufgabe der Gemeinde ist, für Befriedigung der gemeinsameit Bedürfnisse, der geistigen wie materiellen,' zu sorgen. Dazu gehören die religiösen und Erziehungs-Institutionen, Wvhltätigkeitsnnd SnnitätslnefenI Biatrilelführnng, Verwnliung des Gemeinde- Vermögens nnd, sofern'es sich um eine rein jüdische Bevölternng handelt, alle allgemeinen öffentlichen Arbeiten. 0) Tie Einnahmen der Gemeinde fließen ans der Iwangsstener. ans dom Grundeigentum, ans den 7»n ftitnti'vnen, ans Spenden nnd Regiernngszufchässen. 0) Tie Stenern werden nach den allgemeinen ^andesgeseßeu erhoben und in ihrer .Jähe von der Telegierten-Bersammlnng festgesetzt. 7) Alle Gemeindeangelegenheiten werden verwaltet nnd geleitet durch die Gemeiudever;a>ninl.i".g nnd durch ein gewähltes .nvmitee. In größeren Gemeinden tritt an Stelle der allgemeinen Gemeindeversammlung ein gewählter G e m e i n d e r a i. 8) Tie Körperschaften gehen ans a l! g e m i n e r Wahl hervor. "Aktives Wahlrecht hat jedes Mitglied, das das 20. Lebensjahr erreicht hat, gewählt kann jeder werden, der ein Blindeftalter von 23. I-ihren hat und die hebräische Sprache in Wort und Schrift beherrscht. (Wie steht es mit dem passiven Wahlrecht der Iran? Diese Irage scheint schon in $ 1 restlos erledigt zu sein. Red.) 0) Tie allgenieine Gemeiitdeversaminlung, beziehungsweise der Gemeinderat gilt als oberstes Organ der Gemeinde, dem die Aufstellung des Budget Ivie die Organijicrnng des Rabbinates obliegt. Tie Gemeinveverwaltnng ist dem "Annviialrnt gegenüber verantwortlich. "Ansehnliche Minoritäten ha Rn Anrecht ans Befriedigung ihrer Bedürfnisse von weiten der Gemeindeverwaltung nach Verhältnis der Steuerlast dieser Minderheiten nnd sofern die allgemeinen Geineiu.deangelegenheiten nicht darunter leiden. In Iällen vrnr Streitigkeiten zwischen Majvrität und Minvrität entscheidet der "Abnivnalrat. 10) Tie Geiiieiudeversammlungen oder der Gemeinderat betraut einer Kommission ans jenur "Witte mit der Verwaltung der Gemeindegefchäfte und deren Vertrelttttg vor den Behörden. 11) Tiefe Statuten gelten als obiigatvrische Grundlage für weitere "Anssnhrnngsbestimmnngen über Wahlmodns, Steuereinziehung, Budget nfw. Jeder Gemeinde steht das Recht zn, neue den O»nsVerhältnissen entsprechende Vorschläge zum "Awrnuil-Ge'etz einznbringen. 12) Tie Ientralregiernng von Palästina nber- Ivacht die Verlvaltnngsarbeit der Gemeindi' auf Grund ihres allgemeinen Anfsichtsrechtes. 13) "Aendernngen dieser Statuten können nur von der Delegierten - Versammlung vorgenonnnen iverden. Wir werden auf diesen Statutenentwurf noch zurückkommen. i*i». Jerufatem °r Brief. Jerusalem, 17. September. Die Sicherheit und Ruhe ist b'.s zu einem gewissen Grade wiederhergestellt, doch ist es deprimierend, wie ungastlich die paar hie und da in Jaffa neuankommenden Juden empfange« werden. Polizei muß in Bewegung gesetzt und die Straßen abgesperrt werden, um Ueberfällen vorzubeugen. Dabei vermindert sich die Zahl ter Juden durch Abwanderung so zusehends, daß man in dem neu zu wählenden Regierungsrate, der jetzt den Namen „Palästinensisches Parlament" tragen wird, leider mit einer nur geringen Zahl jüdischer Deputierten rechnen muß Tragikomisch, aber bezeichnend für die schwierige Situation, in der sich Herbert Samuel befindet, ist der folgende Ausweg, den er bet einem neuerlichen Konflikte im Regierungsrate gefunden hat. Die jüdischen Deputierten wünschten, daß die eingebrachten Anträge nicht nur englisch nnd arabisch, sondern auch in hebräischer Uebersetzung verlesen werden. Um Streitigkeiten darüber aus dem Wege zu gehen, entschied der Oberkommissar, daß die Dokumente vor einem kleinen Kreise, der das Arabische und Englische nicht versteht, le i s e und unauffällig auch ins Hebräische übertragen werden . . . Der Agudas Jisroel-Gedanke ist hier in dent Maße im steten Wachsen als die Erbitterung gegen die zionistische Organisation, die die Massen mit Geulohhoffnungen abspetst, ohne merkliche Arbeit zu leisteu, immer mehr zunimmt. Der Besuch des „Gerer Rebbe" beginnt gute Früchte zu zeitigen. Insbesondere lst es erfreulich, daß infolge seiner Vermittlungsarbeit und seines bekannten Briefes sich hier auf allen Seiten der Wille zum Frieden kundgibt. Wie der Korrespondent des Warschauer „Jud" skinem Blatte zu berichten weiß, trafen sich vor kurzem Rabbi Sonneufeld und Oberrabbiner Kuk auf der Straße und unterhielten sich freundschaftlich. Der Konflikt hat an Schärfe verloren und scheint sich zu legen. Es ist in den gesetzestreuen Kreisen gut ausgenommen worden, daß, einer Depesche des Rab. Fischmann von Amerika aus zum Trotze, die beiden Oberrabbiner Kuk und Jakob Metr beschlossen haben, von einer Reise zum Zionistenkongreß abzusehen, ebenso hat es Oberrabbiner Kuk abgelehnt, sich durch aktive Beteiligung an einer Herzlgedenkfeier nach dieser Seite hin zu exponieren. Es ist hier eine „Z e i r e A g u d a s I i s r o e l" ins Leben gerufen worden, die tätigen Anteil an allen Arbeiten der Agudas Jisroel nimmt. eine Rabbinerbelegafion nach Hmeriha- Jerusalem, 5. September. Eine Abordnung von Rabbinern, der u. a. die Rabbiner I. Charlap, S. Epstein, I. G- Hurwttz und I. Porath angehören, begibt sich nach Amerika, um dort zu Gunsten der in einer schweren Krise sich besindenden orthodoxen Erziehungsanstalten in Jerusalem wirksam zu sein. Personalien. Frankfurt a. M., 18. Sept. Am ersten Tag Roschhachodesch Elul hat eine edle Frau, Emma Blumenthal, geb. Morgentau aus Flörsheim a. M., kaum 45 Jahre alt, ihre Seele ausgehaucht. Sanft erlöst kehrte ihre geläuterte Seele zum Urquell zurück. Wie oft äußerte sich die anspruchsutld selbstlose Frau im Danke gegen Gott, der sie die Kriegs- und Nachkriegszeit glücklich mit ihrer Familie überwinden ließ und wie dankbar und froh war sie, als bessere Tage aus dem dichten Gewölke der entbehrungsreichen Jahre ihr jetzt ent- Zabbat-Nnlang und Umgang. Ort: Anfang Datum Ausgang Uhrs wtii. 11)211 5081 Uhr Mn. Frankfurt a. M. 5 50 24. 21. 7 10 Berlin .... 5 :>5 Sept. Elul 6 44 München . . . 0 — 6 47 Strasrburg . . — — — — Stuttgart. . . 5 45 7 — Posen .... — — — — Nürnberg. . . 5 45 0 40 Hamburg. . . — — — —