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Der Israelit · 1921-09-22 · Heft 38 (22.9.1921) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 38 (22.9.1921)
Date
1921-09-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Gette 4. No. 38. Der Israelit. 2L September 1921 Ein Herr, gesetzestreuer Jude, bewarb sich für seinen Sohn um eine Stelle bei der jüdischen Firma O. S. in Köln, unter der Voraussetzung, daß der Angestellte von der Sabbatarbeit befreit werde. Der Herr Chef mit dem schönen jüdischbiblischen Namen geriet aber über diese „ungeheuerliche Zumutung" dermaßen in Wut, daß er sich, unter Außerachtlassung aller primitivsten Anstandsregkln, in folgendem Schreiben Luft machte: „Herrn M. R.! Ich freue mich, daß Sie eine Freimarke beigefügt haben, da ich ja sonst selbstverständlich nicht geantwortet hätte. Also Ihre bestutzle Frommheit geht noch dahin, daß Ihr Söhnchen Samstags und Sonntags bummeln kann; so etwas zieht bei mir nicht mehr, ich arbeite Samstags feste weg und ist für mich Frommheit ein Ekel, nur nicht -aß Sie meinen, ich wäre schlechter als ein frommer, nein, ich glaube behaupten zu können, daß das Gegenteil der Fall ist. Ich habe genug Erfahrungen gemacht mit der verdammten Frommheit, meine Religion heißt: „Tue Recht und scheue niemand/' So, nun kennen Sie meine Ansicht von einem Freidenkenden. Hochachtungsvoll O. S." Wir wissen nicht, ob Herr O. S. wirklich „Recht tut", aber wahr ist es, daß er „Niemand scheut", er scheut weder Gott noch die Menschen und scheut auch nicht davor zurück, in ganz ungezogener und ungeschliffener Weise, Menschen, die ihm nichts getan, zu beleidigen und ihre religiösen Gefühle aufs Tiefste zu verletzen. — Schlimm wäre es, wenn man auch diesen Exzeß als Symptom für den Verfall der guten jüdischen Sitten nehmen müßte. Gegen den Liirus in Palästina- Bor kurzem berichteten wir über eine Auslassung des Papstes über den überhandnehmenden Luxus in Palästina, die Vergnügungssucht und die damit verbundene Lockerung der frommen Sitten und der Bräuche des Landes. Alle Schuld wurde auf die eingewanderten Juden abgewölzt. Wir verwahrten uns damals gegen diese ungerechte Verallgemeinerung und die krassen Uebertreibungen, die sich nur mit der Hrtze erklären ließ, in deren Bann auch der „Heilige Stuhl" gezogen wurde. Beiden gespannten Beziehungen zwischen Juden und Arabern in Palästina, war es nur erklärlich, daß der Oberkommissar Herbert Samuel die Zensurstellen angewiesen hat, die Veröffentlichung und Verbreitung der römischen Kundgebung zu verhindern. Das gibt dem obersten Kirchenfürsten in Palästina, dem Patriarchen zu Jerusalem, Anlaß, mit scharfen Worten gegen die Palästina-Regierung hervorzutreien und die Beschuldigungen gegen die Juden in der erwähnten Note noch im verstärkten Maße zu wiederholen. Daß auch in jüdischen Kreisen in Palästina Auswüchse einer europäischen Ueberkultur zu beobachten sind, ist leider nicht zu bestreiten. Gegen diese einzelnen Elemente, die schweres Unheil über die jüdische Gesamtheit bringen, wendet sich jetzt ein Schreiben des Herrn Oberrabbiner Kuk im Namen des Oberrabbinaies, von dem man nur bedauern könnte, daß es nicht schon vor einem halben Jahre, bevor noch Papst und Patriarch das Wort genommen haben, ergangen ist. Herr Oberrabbincr Kuk spricht von der Zerstörung der jüdischen Seele, die angerichtet wird in einer kritischen Zeit, da wir der Kraft und der Einigkeit so nötig bedürfen. Tie Sabbatentweihung, wie sie von mancher Seite sogar öffentlich und offiziell begangen wird, wird bei dieser Gelegenheit als das traurigste Symptom des geistigen Niederganges gekennzeichnet. Dann geht das Schreiben auf die V e r g n ü g u n g s s u cht, Tanzwut und die Modevecirrungen über, die, wenn auch bei einem ganz kleinen Teile der Judeuheit Eingang gefunden, doch zu jenen Verleumdungen und „Entweihung des göttlichen Namens" führen. Auch der Verletzung der Speisegesetze wird Erwähnung getan. Das Anrecht Israels auf Palästina, heißt es dann weiter, ist in der Bibel verbürgt und verbrieft. Wie sollte aber von der SSSdt und den Völkern dieses Recht des jüdischen Volkes anerkannt werden, wenn in seiner eigenen Mitte die Lehren und Gesetze der Bibel verletzt und mit Füßen getreten werden?! Wir sind dessen gewiß, daß diese Frage dem Herrn Oberrabbiner ernstliche Sorgen und Schmerzen bereitet.' Doch scheinen uns die Wurzeln des Uebels tiefer im öffentlichen Leben des neuen Jischuw zu liegen, als daß ihnen mit solchen schriftltcheuKundgebungen abgeholfen werden könnte. Auf alle Fälle wäre zu wünschen, daß diese Mahnungen allgemeine und volle Beachtung auch über Palästina hinaus finden. Der zwölfte Zionistenkongreß. 15. September. Am Montag, den 13. ds. M. wurde, wie schon kurz berichtet, über den Keren Hajessod verhandelt. In der Hauptsache wurde über die Verwendung der Mittel beschlossen. Für den jüdischen Nationalfonds fallen 20%, für nationale Anlagen und das regelmäßige Palästinabudget 50% und für wirtschaftliche Anlagen 30%. Die Gelder sollen durch Abgaben vom Vermögen auf Grundlage des Maasser aufgebracht werden. Das Bekleiden von Ehrenämtern in der Organisation wird von der Erfüllung dieser Abgabepflicht abhängig gemacht. BeidieserGelegenheit hatteMisr a ch iseine erste Kraftprobe zu bestehen. Misrachi stellte den Antrag, daß kein eJn ft itutton ge fördert oder unterstützt werden dürfe, die nicht den Forderungen der Tradition entsprechend eführt werden (unrituelle Volksküchen). Die inke beantragte unter großem Lärm Uebergang zur Tagesordnung. Die am Dienstag vormittag erfolgte namenliche Abstimmung ergab 144 Stimmen für und 155 Stimmen gegen den Antrag des Misrachi, der somit abgelehnt ist. Die ganze Exekutive, einschließlich Jabotinskys, stimmte für den Antrag. Der dadurch entstandene Konflikt übertrug sich aus die daraus folgende Budgetdebatte. Misrachi lehnte die Anträge der Budgetkommlssion, über die satzweise abgestimmt wurde, ans Opposition Punkt für Punkt ab, auch die 600 Pfund für das ortdodox gedachte Lehrerinnenseminar, blieb aber in der Minderheit. Es führte außerdem in der Debatte zu einem Zusammenstoß mit Mossinsohn, der für das Schulwesen im Budget 100000 statt 90000 verlangt und im verneinden Falle mit einlm Boykott der Lehrer droht. Herrn Simon, der eine Gegenbemerkung macht, zeiht er der Unwahrheit. Das Budget wird angenommen gemäß den Anträgen der Kommission. Darauf ergreift Oberrabbiner Dr. Chajes das Wort zu dem Konflikte mit dem Misrachi. Er spricht versöhnend und vermittelnd und schlägt einen Kompromißantrag vor, wonach in den öffentlichen Handlungen der von der zionistischen Organ isation geschaff enen, erhaltenen und subventionierten Institutionen nichts geschehen darf, was gegen die jüdische Tradition verstößt. Die zionistische Organisation habe die Durchführung des Beschlusses zu überwachen. Dr. Weitzmann unterstützt diesen Vermittlungsantrag warm. Von der Linken verwahrt sich aber Schweizer dagegen, daß „die Arbeiter einem religiösen Gewissenszwang (?) unterworfen werden". Die Abstimmung wird verschoben. Karlsbad, 16. September. Dienstag arbeiteten die Kommissionen eifrig und als man abends wieder zur Plenarsitzung zusammentrat, war alles für den Wahlakt bestens vorbereitet. Vier Tage lang hatte dc'r Permanenzausschuß an den Wahlvorschlägen herumlaborteet, um einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Strömungen herzustellen. Die Vorschläge werden angenommen und sind danach in die Exekutive gewählt: Als Präsident der Organisation Dr. Chaim Weitzmann, Präsident der Exekutive Nahum Sokolow, Mitglieder der Exekutive Co wen, Dr. Eder- Palästina, Jabotinsky, Lichtheim, Mozkin, Professor Pick, Spri nzak-Palästtna, Professor Rosenblatt-Palästina, Dr. Artur Rupptn- Palästina, Minister Soloweitsch ik. Ussischkin hat die Berufung noch nicht angenommen. Im Aktionskomitee, das 25 Mitglieder zählt, sind alle Landsmannschaften vertreten. Vom Misrachi gehören ihm an: Hermann Struck, M. Berlin, Rabbiner Fischmann, Epstein und Farbstein. Der Finanz- und Wirtschaftsrat besteht aus sechs Miigliedern. Die Rechte ist in ihm mit einer Stimme (Barth) vertreten. In der nächsten Sitzung wird nach Ueberweisung eines Antrags auf Gründung eines offiziellen Organs in hebräischer Sprache an das A. C., zur Abstimmung über den Vermittlungsantrag Chajes in Sachen des Misrachikonfliktes geschritten. Die Linke schlägt wieder Lärm. Locker sagt: „Wir werden den Kampf gegen jeden Klerikalismus in Erez Jisroel und im Zionismus mit den schärfsten Mitteln führen. Die Arbeiter werden nicht zulassen, daß aus Erez Jisroel ein Kirchenstaat gemacht werde." Hermann Struck antwortet, daß er und seine Freunde, Locker in seinem Kampfe gegen Klerikaltsmus unterstützen werden, da Klerikaltsmus unjüdisch sei. Er bestreitet Locker das Recht, im Namen der Arbeiter Palästinas zu sprechen. Die Resolution Chajes wird dann gegen die Linke, die sich der Abstimmung emhält, angenommen. Struck begleitet dieses Resultat mit einer Erklärung, daß er von der Leitung erwarte, daß sie durch Taten den ernstlichen 'Wille beweise, ein wahrhaft jüdisches Leben in Palästina herbeizuführen, da nur durch solche Taten „die Schaaren der religiösen Massen in die Reihen des Misrachi zu bringen seien"' Es folgt daun das Referat Marburgs über die N ati o n al s on ds ko m Mission. In einer Resolution steht an erster Stelle die Forderung, das Hauptbüro des N. F. so rasch als möglich nach Erez Jisroel zu verlegen. Gegen diesen Antrag wendet sich Ltchthetm, während Simon und Ussischkin ihn warm unterstützen. Der Antrag wird schlteßlrch angenommen, alle anderen Anträge der Warburg'- schen Resolution an das A. C. überwiesen. Dr. Josef Vierer hält darauf das Santt ä tsreferat. Es wird beschlossen, in Palästina ein Sanitätsdepartement etnzurtchten. Die Sitzung dauerte bis 12 Uhr nachts. Am Mittwoch den 14. September beriet man von 11 Uhr vorm, bis 8 Uhr abends über Kolonisations- und Emigrationsfr agen. Referate hielten Dr. Rufeisen und Dr. Korn» grün. — Gegen Simon, Nacht und andere wird ein Antrag Hantke angenommen, den Zertifikatinhabern des Keren Hajessod, für 30°/» ihrer Zeichnungen nach Ablauf von fünf Jahren, wenn möglich, eine Dividende zu zahlen. Sodann tritt um V211 Uhr nachts der Kongreß in der üblichen feierlichen Aufmachung zur Schlußsitzung zusammen. Saal und Tribünen sind überfüllt. Es halten Schlußreden Btalik, Schemarjahu Lewin, Dawid Jelltn, Dr. Chajes, Weitzmann und Sokolow, die alle in gehobener Stimmung angehört werden und mit Absingen des Hatikwohltedes wird der Kongreß, der sich auf volle 14 Tage und 26 Plenarsitzungen erstreckte, gegen 2 Uhr nachts geschloffen. Lomsponaenren u. Hacbricbten. Deutsches Reich. Der Küfe-Poorom In Memmingen- Memmiugen, 16. September. Vor dem Memmtnger Volksgertcht begannen die Verhandlungen wegen Landfriedensbruchs gegen den deutschvölkischea Arzt Dr. Sic ins und elf Genossen. Der Eingang zum Gerichtsgebäude ist durch Gendarmerie abgesperrt, da man Unruhen befürchtet, weil der Führer der hiesigen Kommunisten, Stadrat Mohring, mit auf der Anklagebank sitzt. Es handelt sich um die gegen

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