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Der Israelit · 1921-09-22 · Heft 38 (22.9.1921) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 38 (22.9.1921)
Date
1921-09-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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22. September 1921.__ Organisation unterstützten Instituttonen in „Führung und öffentlichen Handlungen" das Religionsgesetz nicht verletzen dürften — eineForderung, die durch frühere Erklärungen der zionistischen Leitung prinzipiell längst als berechtigt anerkannt war. Trotzdem löste sie Entrüstungsstürme auf der Linken aus, die sich die ersehnte Emanzipation vom Joche des Thoragesetzes, den eigentlichen Inbegriff ihrer Palästina-Sehnsucht, nicht durch die „klerikale" Abneigung gegen trefene Arbeiterküchen verkümmern lassen will. Mit 11 Stimmen Mehrheit wurde der Misrachi- Antrag unter ungeheurer Erreguug durch Uebergang zur Tagesordnung verworfen, um schließlich, nachdem der „Misrachi" mit Budgetverweigerung und Boykott des „Keren Hajeßod" gedroht hatte, in abgeschwächter Form (nur öf fentliche Handlun ge n, nicht oie Führung müsstn der Tradition entsprechen) doch noch Annahme zu finden. Der ganze Vorgang sollte auch dem eingeschworenen Partei-Misrachisten dieBerechtigung des Standpunktes beweisen, den in diesen Dingen die selbständige Orthodoxie vertritt. Giebt es ein beschämenderes, den ganzen historischen Adel des ThoravolkesschwererkomPromittierendesSchauspiel als diese Abstimmungen über die Beziehungen des jüdischen Volkes im heiligen Lande zum Gottesgesetze? Ist es wirlich erlaubt, die eigentliche Daseins-Grundlage dieses Volkes,die Unterwerfung unter denGottesw illen, das fiteste dem Wellenspiel des Parlamentarismus mit all seinen grotesken Zufällen und faulen Kompromissen anzuvertrauen? Hundertfünfundfünfzig erwählte „Abgesandte des jüdischen Volkes" lehnen die rnifi als Notionalgesetz ab, hundertvierundvterzig genehmigen sie — oder umgekehrt! Ist nicht ein Abstimmungs-Sieg in diesem unwürdigen Spiel der Ziffern genau ebenso unerträglich wie eine Niederlage? Für uns sind diese Fragen keine Fragen. Den „Misrachi" sollten sie eines Tages zu erneuter Gewissensprüfung aufwkcken, wenn er in der Vielgeschäftigkeit der parlamentarischen Fraktionspolitik dazu je Muße findet. An einem dünnen Fädchen hat die Zugehörigkeit des „Misrachi" zur zionistischen Gesamtorganisation wieder einmal gehängt — denn daß Budgetverweigerung nnd Steuerverwetgerung mitten in einer lebensgefährlichen Krise mit dem völligen Bruch fast gleichbedeutend sind, wird niemand leugnen. Parlamentarische Tausendkünstler haben die Gegensätze glücklich wieder verkleistert — kein Wunder, die Partei hätte in ihrer derzeitigen Verfassung das Ausscheiden des Misrachi überhaupt nicht überleben können —, und man wird Keines Zeuillelon. Ein neuesLernbuch/' An Stoff für Vorträge an den Sabbatnachmiuagen und für die Freitagabende herrscht von jeher ein großer Mangel. Namentlich die älteren Lehrer, Rabbiner und Kultusbeamten leiden darunter gar sehr. Die bekannten Werke des Dubner Maggid, des Kle jvkor, des Aulelos Efrajim und auch die, neueren Sachen von Goldschmidt, Schwarzstein, Hirsch, Nobel nsw., sind alle schon zu sehr ausgebeutet und das bochwohllöbltche Publikum möchte doch immer wieder Neues hören, denn es gibt Manche mit einem nur allzu guten Gedächtnis, deren Unwillen sich darin äußert, daß sie nach dem Vortrag weithin verkünden: Ach der, der sagt ja immer dasselbe. Dieselbe Geschichte habe ich schon vor zwei Jahren von ihm gehört. Da tü es denn mit Freuden zu begrüßen, daß Herr Rabbiner Dr. Felix Kanter in Zittau in Mähren es unternommen hat, uns eine Reihe neuer Gleichnisse und Erzählungen aus dem jüdischen Schrifttume in einem kleinen Werkchen zu bieten. Wir finden da wirklich einige recht originelle Sachen, die weder der Dubnoer noch Rebbe Zodek vor ihm gesaat haben und die allen Vortragenden auf das wärmste empfohlen werden können. Alle Zetten des Jahres sind da vorgesehen. Für Elul, Roschhaschono und Jom Kippur finden wir prächtige Sachen. Der Schreiber dieser Zeilen hat selbst schon mit großem Erfolg einiges daraus vor einem Zuhörerkreise sowohl vor Damen ritte Herren zum Vesten gegeben. Auch die übrigen Feiertage und Der Israelit. _' nun gewiß durch mancherlei Ehrenstellen und Konzessionen die schon der Mandatarmacht gegenüber unentbehrliche Religions-Fraktion zu versöhnen trachten. Aber lohnt ein derartiges, an das Prophetenwort von der „genagelten" Verbindung gemahnendes Verhältnis wirklich die ungeheure Zerklüftung der gesetzestreuen Judenheit, für die der „Misrachi" durch seine Existenz und seine Politik verantwortlich ist? Gewiß — innerhalb des „Misrachi", namentlich in Polen und unter seiner Jugend auch in Deutschland, befinden sich zahlreiche Elemente, die innerlich keineswegs zur Orthodoxie gehören und mit Recht als konservative Nuance einer religiös-neutralen Volks-Organisation sich betätigen. Aber von einer großen Reihe der Führer, namentlich der deutschen, die ja geistig bestimmend sind, muß man doch sagen, daß sie ihrer religiösen Gesinnung nach völlig aus dem Boden der „Agudas Jisroel" stehen und daher den Widersinn der jetzigen Lage, wie er sich auf dem Kongresse offenbart, lebhaft empfinden müßten. Stände dem religiös-indifferenten Zionismns eine starke, in sich geschlossene und dah?r auch finanziell leistungsfähigere Orthodoxie gegenüber, so würde auf dem Boden von Erez Jisroel nicht nur ein freier geistiger Wettbewerb der Weltanschauungen in friedlichen Formen ohne unwürdige Kompromißleret in die Erscheinung treten, sondern es wäre auch die notwendige Zusammenarbeit der beiden Organisationen auf politischem und wirtschaftlichem Gebiete bedeutend leichter als heute zu erzielen, wo der gegenseitige Streit um die Legitimation zur Vertretung des historischen Judentums den Kampf vergiftet und verewigt. Zeitungsartikel werden an der traurigen Lage nichts ändern — aber es mußte anläßlich der Karlsbader Tragödie wieder einmal ausgesprochen werden, was in dem Strom der alltäglichen Partei-Fehden allzuleicht in Vergessenheit gerät. — So bietet denn eine Betrachtung der Karlsbader Tage, einerlei ob sie unter politischen, wirtschaftlichen oder religiösen Gesichtspunkten erfolgt, wenig Erfreuliches. Dennoch liegt für die jüdische Gesamtheit kein Grund zur Verzweiflung vor. Der Zionismus als Bewegung hat seine provtdentielle Aufgabe erfüllt und wird sie weiter erfüllen, denn die geistigen Kräfte, die er zum Guten, wie zum Bösen im jüdischen Volke ausgelöst hat, wirken weiter und sind durch wirtschaftliche oder Politische Fehler und Mißerfolge nicht zu lähmen. Die zionistische Partei-Organisation aber mit ihrem Mechanismus und ihrem Beamtenkinige andere religiöse Thesen sind da recht gut behandelt. Recht zeitgemäß ist das Gleichnis von der Valuta, auch manche alte Sachen sind gut modernisiert. Der Verlag bittet uns mitzmeilen, daß der Rabatt , für Wiederverkäufe:- bis zu 10 Exemplaren, 20 pCt. bis 20 Exemplaren, 25 pCt. bis 50 Exemplaren ist. Erschienen ist das Büchlein im Verlag „Haivrl", Dr. R. Färber, Mähr.-Ostrau. O. L. (Töllinger gegen den Antisemitismus.- Ter bekannte Kämpfer gegen das Uusehlbarkeitsdogma Töliinger trat 1849'als Abgeordneter für die Inden eiiianzipativil ein. ''Nachdem er 1879 Präsident der Mlinrijerrer Akademie der Wissenschaften geworden war, hielt er 1881 den Portrag „Tie Juden in Europa", den er drucken lies; und der bald darauf vergriffen war. Ter Philo-Perlag hat nun eine Reuherailsgabe des Vortrages veranstaltet, der infolge der ^antisemitischen Welte "unserer Zeit besonderes Interesse beansprucht. Tvllinger entwirft in ihm zunächst eine Geschichte des jüdischen Volkes. Er weist daraus hin, das; nach ursprünglicher Duldung der Juden narnentlich seit dem Ausgang des elften Jahrhunderts unter Mitwirkung des Papstes die Jude» überall verfolgt wurden. Ter stärkste Ausbruch des Judenhasses fand in den Zeiten der Kreuzzüge statt. Die Kirche nahm aus das entschiedenste gegen sie Partei. Tie Erklärung Jnnveenz' III, das; das ganze Volk seiner Schuld wegen zzu immerwährender Sklaverei vM Gott bestimmt sei, führte zu der Theorie, das; dm Fürsten über das Vermögen der Juoeu ohne weiteres verfügen können. Seit dem vierzehnten Jahrhundert gelten die Juden als „Knechte der Kammer des Kaisers". Lie wrrrdeu dadurch völlig rechtlos, und es handelte sich nur um die augenblickliche Lage des Kaisers bezw. des Lan- Nr. 38. Seite 8 apparat, ihrer Diplomatie und ihrem Terroris mus ist keine unentbehrliche Vorbedingung für das langsame, geräuschlose, unpolitische Wachstum einer jüdischen Siedlung in Erez Jisroel, die wiederum, wie in bjen Tagen der Vorzeit, öW nuatP nn** dk unter den Augen der göttlichen Vorsehung zu ungeahnter Blüte gedeihen kann. Konzentrieren wir alle Kräfte auf diese Pflanzung jüdischen Lebens in seinen alten Mutterboden und harren wir des Segens, den kein Geld und keine Politik, den nur die unbedingte Hingebung an Gott und sein Gesetz gewährleisten kann: fTOiOn DKH DK rft in in Wochenrnndschai». Verfall der guten jüdischen Sitten. Was jeden, der den Uebergang von der alten in die neue Zeit miterlebt hat, am meisten schmerzen muß, das ist der merkliche Verfall der vielgepriesenen guten jüdisch m Sitten in Stadt und Land. Wer erinnert sich nicht der lieben, warmen Gastfreundschaft, die einem, zumal in Landgemeinden, bet Glaubensgenossen stets zuteil "wurde? Wie war doch in früheren Zeiten insbesondere auf kleineren Plätzen das Verhältnis zwischen Chef und A»gestellten auf dem Gedanken aufgebaut, daß,,Em un o h" im religiösen Sinn zugleich Treue in allen menschlichen und geschäftlichen Dingen bedeutet. Es hat sich darin leider vieles sehr zum Schlechteren geändert. 11ns liegt der Brief eir.es Frankfurter Lesers vor, in dem er in bitteren Worten erzählt, wie sich in Neus. im O. zunächst keine einzige jüdischeFamiliedazu bewegenließ, ihm und seiner Frau — gegen zeitgemäße Bezahlung — ein paar Tage Koscherkost zu verabreichen, bis sich endlich, nachdem er an sämtlichen jüdischen Häusern nngeklopft hatte, eine Familie der Fremden an nahm. Der Einsender meint, man sollte es doch anerkennen, wenn noch Leute auf rituelle Kost Wert legen und ihnen dies nicht erschweren. Dieser Meinung sind wir nicht ganz. Die Einhaltung der Speisegesetze ist heilige religiöse Pflicht, die man auch unter schwersten Opfern erfüllen muß, ohne Anspruch auf Anerkennung und Belohnung zu erheben. Aber auch Gasts r eund sch aft ist heilige jüdische Pflicht, die man in Neus. im O. wenigstens gröblich verletzt hat. Noch deprimierender ist ein Dokument, das uns ein Leser in Marktbreit zur Verfügung stellt. desfürsten, vb sie für ihre Duldung int Lause ungeheure Abgaben z» zahlen hatten oder ihres Verinögens völlig beraubt wurden. Tie Jndenversvlgäugen galten als Galt wohlgefälliges Werk. Als drittes. Motto gegen sie wirkten ihre Geldgeschäfte. Tie Päpste Hallen den Gläubigen verbale», überhaupt Geld ausznleihen: sv ergriffen die Juden das Zinsverleihgewerbe, nnd nun'wurde van ihnen behauptet, das; sie die Christen aussaugten. Allerdings luaren die van ihnen gesvrderlen Zinsen vsl hvch, aber das lag an dein danlauge» gering,Geldwert. Ilebrigens lva'r die Persalgnng der Juden auch in den übrigen euro päichen Ländern die gleiche, namesutlrch in Spanien wurden sie geradezu ansgerottel. Wetteifernd Voten alle eurapäischen Rauonen alles ruf. um die. Juden als Gottesleugner au den Pranger vi dringen. „Tre Inden hat der Christ erst so gemacht". Das stellt Tölliuger an den Schluß seiner Anssührnngrn. Er erklärt aber auch, das; der Einfluß deutscher 'Gedanke,, und Lruuesweise in der neuen Z-nk stärker nute: den Juden sei als jeder andere, das; der deutsche Jude in allen Fragen des geistigen und sozialen Lebens wesentlich deutsch denkt. Und so fordert er seilte Mitbürger ans, die „Länder Europas" nicht mehr ..mit den Greueln nnd Schandtaten zu beflecken, von denen wir uns schaudernd abweudeu". Famlliennachrichten. Barmizwoh-Feier. Arthur, Sohn d-.r Frau Samuel Kohn, Würzburg. Gestorben. Rcgine Heß, geb. Hecht, Gelnhaustn.

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