Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1921)
- Date
- 1921-09-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 3 Nr. 88 Der JSraelit. 22. September 1931. Gefahr herau^beschworen werden, die heute wie ein schwarzer Schatten über aller jüdischen Palästina-Arbeit hängt, und die eine unmittelbare Frucht der zionistischen Wirksamkeit, insbesondere der veröffentlichten Balfour-Erklärung ist. Im Angesichte der Gefahr haben auf dem Kongreß zwei politische Richtungen mit einander gerungen, die aber beide wenig Aussicht auf Erfolg haben dürften: Jabo Lins ky und Buber waren die hervorragendsten Exponenten dieser beiden Strömungen. Jabotinsky hat sich wieder einmal als ein verantwortungsloser Fanatiker gefährlichster Art aufgeführt. Seine Anträge auf Bildung einer jüdischen Legion in Palästina, die ganz aus militaristischem Denken geboren sind, und deren Verwirklichung den schließlichen Untergang der jüdischen Palästina- Siedlung in einem Bluibade bedeuten würde, sind erfreulicher Weise mit starker Mehrheit abgelehnt worden — aber daß man einen Mann, der sich nicht entblödet, die Araber auf offener Kongreßtribüne als „Schwarze" zu beledigen und sich 'nachher mit der Ausrede drückt, er habe „moralisch Schwarze" gemeint, daß man einen solchen Mann am Ende in die Leitung wählt, ist ein Skandal, gegen den schließlich die jüdische Gesamtheit (die die Kosten zu zahlen hat) protestieren sollte. Buber hat sich, wie man auch sonst zu ihm stehen möge, ein Verdienst um Klall Jsroel erworben, daß er die versuchte Durchschmuggelung der Jabolinsky'schen Desperado-Pläne in der Veschwiegenheit einer Kommission durch sein energisches Auftreten zu verhindern wußte. Wenn die Buber'sche Richtung nun die Lösung des Araber-Problems in einem sozialen Bündnis der jüdischen Arbeitermassen mit den arabischen gegen die Effendis und Kapitalisten erblickt, so bietet die Geschichte der letzten Jahre keinerlei Beleg dafür, daß die nationalistischen Instinkte durch das sozialistische Klaffenbewußtsein überwindbar sind. Der Buber'sche Aussöhnungsplan ist graueste Theorie, zumal er einen Kulturstand der arabischen Fellachen voraussetzt, von dem diese wohl noch Jahrzehnte wett entfernt fein werden. So scheint uns denn für denjenigen, der politische Fragen mit nüchternem Wirklichkeitssinn anzuschauen gewohnt ist, keine andere Methode für die Behandlung der Araberfrage möglich zu sein als diejenige, die ganz offenbar der in Karlsbad so heftig befehdeten Herbert S a m u e lschen Politik zu Grunde liegt. Wir sagen: „zu Grunde liegt", weil wir von der an Herbert Samuels Rede nach dem Pogrom geübten Kritik nichts zurücknehmen möchten. Dort schwieg das Herz in ein^m Augenblicke, wo auch der kühlste politische Kopf vor offenen Gräbern sich als Mensch und Jude geben mußte. Sieht man jedoch von dieser Entgleisung ab, so läßt sich Herbert Samuels äußere Politik doch kurz dahin zusammenfaffen, daß er sich bemüht, der Balfour-Erklärung ihrem den Arabertum bedrohlich sch einen den Sinn zu nehmen und sie zu einem Instrument arabisch-jüdischer Verständigung zu machen. Das mag nicht der Meinung entsprechen, die die zionistischen Politiker hegten, als sie Herrn Balfour veranlaßten, die maßvolle Deklaration der englisch-jüdischen „Notabeln" abzulehnen und mit der zionisti'chen Formulierung die oftjüdischen Massen diesseits und jenseits des Ozeans in den kurzen Rausch einer nahenden Erlösung hineinzustoßen,' das ist auch sicherlich nicht der Gefühlseindruck, den Herbert Samuel selbst hervorrtef, als er beim großen Abschiedsdtner in London die unmittelbar bevorstehende Erfüllung des alten Wunsches "B'tntfT.'a NX2N verhieß — aber es ist die einzige praktische Möglichkeit für das jüdische Volk, aus den Fehlern der zionistischen Politik herauszukommen und aus der sichtlichen Gottesfügung, die der Uebergang Palästinas in englische Hände darstellt, die für sein nationas Dasein heilvollen Konsequenzen zu ziehen. Der zionistische Versuch, Herbert Samuel zu stürzen, der in Karlsbad, gegen die Warnungen Weizmanns, deutlich zu Tage trat, entspringt Empfindungen, die zwar menschlich begreiflich, aber politischer Wahnsinn sind. Man braucht in keiner Weise zu der bedenklichen Hypothese zu greifen, Samuel stehe gänzlich unter dem Einfluß antijüdischer Generäle und Politiker, um die Grundtendenz — nicht jeden einzelnen Akt — seiner arabisch-jüdischen Politik zu verstehen. Sie bedeutet den Versuch, die arabischjüdischen Beziehungen und die ganze Verfassung Palästinas unter Vermeidung äußerlichen Umsturzes geräuschlos in den Stand zu versetzen, den sie ohne die allzuweit getriebene zionistische Aktivität mit dem Uebergang Palästinas an England von selbst angenommen haben würden. Ein „nationales Heim" in einem arabiich-jüdischenglischen Palästina bei unbestrittener arabischer Vorherrschaft — alles weitere bleibt der Zukunft überlassen. Wären die Massen nicht künstlich aufgestachelt worden, man könnte sich damit zufrieden geben, und man wird lernen müssen, es zu sein. Daß Erez Jtsroel auf diesem Wege, wenn nur das sittlich-religiöse Palästina- Problem in seiner ganzen Tiefe erfaßt wird, dereinst so „jüdisch werden wird wie England eng- Ans dem D’&Dn nno von Miner Samson Thenen in Verlad (Rumänien). Von A. Mannheimer in Dettelbach. (Forts.) nvnil nan» fttö/ Menschenliebe. Dos Gebot der Nächstenliebe, wie es in prägnanter Kürze durch drei Worte die heilige Thora lehrt (3 B. M. 19), wird von Talmud und Midrasch bis in die letzten Verzweigungen und Ausläufer verfolgt. Abaja verlangt, daß man den Frieden allenthalben pflege, nicht etwa nur gegenüber dem Bruder oder den Anverwandten, sondern auch mit dem Heiden auf der Straße. So wird man beliebt und wohlgelitten „oben und unten", (im Himmel und auf Erden). So konnte man dem Rabbi Jochanan ben Sakkai nachrühmen, daß kein Mensch ihm im Gruße uvocgekommen sei, nicht einmal ein Heide. Bekannt ist folgende schöne Erzählung: Ein Heide, der zum Judentum übertreten wollte, ka n zu Hillel und sagte: „Lehre mich das ganze Gesetz, während ich auf einem Fuße stehe, das heißt in aller Kürze. „Was dir nicht gefällt", faxte Hillel, das füge auch keinem Nebenmenschen zu. Dies ist „das ganze Gesetz, das Uebrige bildet nur den Kommentar hierzu. Gehe hin und lerne!" Die Talmudweisen gebrauchten folgenden Abschiedsgrutz: Der Wiederbeleber der Toten schenke dir ein langes, gutes und süßes Leben! Werktätige Liebe, die man mit seiner Person und Kraft nusübt, übertrifft das Almosenspenden ln dreifacher Hinsicht: Jene vollführt man mit der Körperk aft und der Persönlichkeit, letztere mit dem Gelde. Elftere an Reichen wie Armen, letztere nur an Armen. Elftere an Lebenden wie Toten, letztere nur an Lebenden. rVP“Qn -1122, Ehrung der Mitmenschen. Sieht man eine Beerdigung, beteiligt sich jedoch nicht daran, so hat man nach dem Schriftwort (Mtschle 17) sich verfehlt: „Wer des Armen spottet, lästert seinen Schöpfer". Auch nach dem Tode schone man die Menschenehre und Menschenwürde. Eine Leiche, in einen Sack gehüllt, auf dem Rücken eines Lasttieres zu befördern, muß als eine Verächtlichmachung des Menschen erachtet werden. „Lasse dich lieber in einen Kalkofen werfen, als daß du einen Menschen beschämest". (Verachot). Leiht jemand dem Nächsten Geld, so ist das ehrenhafter als Schenken und noch besser ist es, in geschäftliche Gemeinschaft mit ihm zu treten. (Beachot). Der Name des „Holzauflesers" in der Wüste, (1. B. M. 15), der wegen Verletzung der Sabbatheiligkeit bestraft wurde, ist nicht näher angegeben. Rabbi Akiba meinte, es sei Zelofchad gewesen. Da ' lisch", das wird die Zuversicht der jüdischen Gesamtheit -leiben, auch wenn die kleinen Mittel der Diplomatie und der politischen Technik versagen. Von der ausschlaggebenden Bedeutung dieser religiös-sittlichen Momente für das Schicksal des Volkes vom Sinai war in den langen und bangen Stunden der Karlsbader Beratungen nicht allzuviel zu merken. Zwar fehlte es nicht an den üblichen „Kultur"-Debatten — aber die Kultur des Neuhebraismus trägt (übrigens sehr zum Mißvergnügen der politischen Führer) noch immer den Stempel der bewußten Auflehnung gegen die ewige Bestimmung des Volkes der göttlichen Offenbarunges ist der Geist des Sklaven, der die Ketten bricht, des Bachurs, der dem Beshamtdrasch entläuft, was in den Chaluzim und ihren geistigen Führern als treibende Kraft lebendig ist. Gegenüber diesen negativen Elementen und einer nach tausend Spielarten von religiöser Einstellung nüancierten mtttelparteiltchen Masse hatte der „Mtsracht" sein religiöses Programm zu vertreten. Die Zugehörigkeit des „Mtsracht" zur zionistischen Organisation bedingt von vornherein die Anerkennung des perlamentarischrn Mehrheitsprinzips mit seinen Kompromissen, und der „Mtsracht" konnte, nachdem er seit dem zehnten Kongreß seine frühere Forderung: „Ablehnung aller religionswidrigen Kulturarbeit durch den Zionismus" grundsätzlich geopfert hatte, naturgemäß nicht mehr die Preisgabe der eigentlichen Brutstätten der Leugnung und des Abfalls, der palästinensischen Gymnasien und Mitteschulen, vom Kongresse fordern. Das konnte umso weniger seine Absicht sein, als er im Gegenteil zu den wärmsten B efürWörtern eines ausgiebigen Schulbüdgets gehörte. Ist er ja zur Erhaltung seiner eigenen Schuten — im wesentlichen der früher von der „Freien Vereinigung" unterhaltenen Nezach Jtsroel-Anftalten — auf dieses Budget angewiesen und muß tragischer Weise die Pflege des mD'rtp12iO DU1» mit in den Kauf nehmen, ja geradezu fordern, um dadurch andrerseits die Mittel für die religiöse Erziehung der eigenen Schutzbefohlenen zu erlangen. Auf diesem Gebiete, dem Gebiete des eigentlichen Geistes, hatle die Misrachi-Leitung daher nur den einen Wunsch, fortan die Gelder des „Waad Hachinuch" in einer Pauschalsumme zu empfangen, um nicht mit jeder einzelnen Lehrerstelle. von den Bewilligungen des obersten W^ad abhängig zu sein. Öb dieser Wunsch Erfüllung fand, ist aus den uns bisher vorliegenden Berichten nicht ersichtlich. Darüber hinaus haite der Misracht jedoch gpfordert, daß die sonstigen von der z'onisttschen sagte man ihm: „Akiba, darüber wirst du ein,r zur Rechensbast gezogen. Solltest du im Irrtum sein, dann hast du den Namen jenes Mannes zu Unrecht befleckt. Aber auch angenommen, deine Behauptung sei richtig, so ist immerhin zu bedenken, daß die Thora den Namen des Sünders mit Stillschweigen bedeckt, während du ihn veröffentlichst". Die erste Mahlzeit, welche der Trauernde nach der Beerdigung genoß, brachte man anfänglich ihm in silbernen und goldenen Gesäßen. Die Armen konnten nur Körbe dazu verwenden und fühlten sich oft dadurch beschämt. Da traf man allgemein d'e Anordnung, den Imbiß nunmehr in Körben zu reichen. „Alles Verborgene füh-t Gott ins Gericht". Diese Schriststelle erläutert der Talmud dahin, daß auch eine versteckie Beleidigung geahndet wird. Das kann beispielsweise der Fall sein, wenn man einem Armen öffentlich ein Almosen reicht und ihn dadurch beschämt. So sah Rabbi Janai einst einen Mann, der öffentlich einen Sus (Münze), einem Armen übergab. „Es wäre besser gewesen", sagte Janai, „du hättest dem Armen überhaupt nichts gegeben, als ihn dadurch zu beleidiaen". Rabbi Hosia hatte für seinen Sohn einen erblindeten Hauslehrer. Jeden Tag aß dieser am Tische mit der Familie gemeinsam. Eines Tages lud man ihn nicht zur Mahlzeit, da Rabbi Hosia Gäste halte und dem Lehrer etwaige Beschämung ersparen wollte. Mit Worten der Entschuldigung teilte er das dem Blinden mit. Dieser meinte: „Du verschafftest Seelenruhe demjenigen, der wohl gesehen wird, aber selbst nicht sieht. So möge der Unsichtbare, der aber selbst alles sieht, dir wohltuende Beruhigung schenken". Wer seinem Nächsten ein freundliches Angesicht zeigt, hat mehr geleistet als jener, der Milch aufwartet unter mürrischem Gesichtsausdruck. (Ketubot 111).