Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1921)
- Date
- 1921-09-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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♦ // Eine zusammenaewachsene Zwilingsgeschichte. (Eine fast wahre Begebenheit.*) Es war zu Berlin an einem jener herrlich schönen Frühlingstage, deren das Jahr 18 .*. so wenig hatte. Von dem blauen wolkenlosen Himmel schien die Sonne lächelnd herab und spiegelte sich prächtig in den wogenden Fluten der Spree. Hier schwamm ein zerbrochener Topf, dort ein zu früh verendeter Besen, da eine in die zweite Beilage der Vussischen. Zeitung gewickelte, kaum zwei Stunden alte Katzenleiche. Ein himmlicher Friede lag auf diesem reichgesegneten Gewässer. An einem solchen Tage — es war vormittags zwischen 9 und 12 Uhr — erschien auf dem Standesamte Nr. V Herr Gottfried Leberecht Schultze und meldete dem diensttuenden Beamten, daß ihn in vergangener Nacht seine Gattin Diebecca geb. Veilchenfeld mit einem zusammen» gewachsenen Zwilltngspärchen beschenkt habe, dem er die Namen August uud Isidor zu geben beabsichtige. ‘ Der Beamte nahm hiervon vorschriftsmäßig Notiz, gratulierte dem glücklichen Papa de deux und entließ ihn. — Gottfried Lebrecht Schultze war Christ, seine Gattin, Rebecca geb. Beilchenfeld, Jüdin. Vor Abschluß dieser Mischehe waren die Brautleute übereingekommen, daß das erste zu erwartende Kind im Glauben des Vaters, im christlichen Glauben, das zweite im Glauben der Mutter, im Glauben Abraham, Isaak und Jakobs, erzogen werden sollte, und so umschichtig weiter/ den Fall einer zusammengewachsenen Doppelgeburt hatten sie nicht vorgesehen. Beide Kinder hatten zugleich das Licht der Welt erblickt. Welches war das altere? Die Sache lag schwierig. Die Hebamme gab den Rat, dasjenige, welches das erste Lebenszeichen von sich geben würde, als das erstgeborene zu betrachten. Noch aber hatte die weise Frau nicht ausgesprochen, als der Vater bemerkte, daß August bereits ein Lebenszeichen von sich gegeben habe/ er war also der ältere. Das Band, das die Brüder vereinigte, war ein festes, sie hatten zwei Köpfe, vier Arme, vier Beine, aber nur einen Leib, — da kamen sie zusammen. August war links, — Isidor rechts. Die Knaben wuchsen heran in Liebe und Verträglichkeit, einer kam nicht von des anderen Seite, wie die Kletten hingen sie aneinander. Sie hatten das sechste Lebensjahr erreicht, und die beglückten Eltern brachten die Knaben, von freudigsten Erwartungen erfüllt, in die Schule. Hier aber wendet sich das Blatt. August erwies sich als ein Fauler und beschränkter, Isidor als ein sieißtger und geweckter Schüler. Es ist schade, sehr schade, wären sie beide von regem Eifer, beide von guter Befähigung gewesen, man hätte nicht nötig gehabt, hier einen sehr guten Witz zu unterdrücken/ man hätte ihnen sagen können: sie seien ein Zwielicht. Es hat nicht sollen sein. *) Von dem bekannten greisen Schriftsteller und Pädagogen Lion Wolfs ist bei Gustav Engel ^ipzig unter dem Titel „Gut Jom tob!" eine Sammlung von Humoresken und Skizzen erschienen, vür die liebenswürdige Art -e- Verfassers zu erzählen, lassen wir obige kleine Satire sprechen, die wir dem prächtigen Büchlein entnehmen. Ein Semester war vergangen/ Isidor brachte eine I, August eine III nach Hause/ Isidor war versetzt worden, August sitzen geblieben. Isidor wurde gelobt und belohnt, August getadelt und bestraft. ' Das gab Zwietracht. Die Zwietracht wuchs mit den Jahren, sie wurden unzertrennliche Feinde. Von dem, was Isidor wollte, tat August das strikte Gegenteil. — Ein böser Bruder! — Wollte Isidor zu Tisch gehen, dann wollte August sich zu Bett legen, nahm Isidor ein Mittel, dann gebrauchte August schnell ein anderes, so daß der Magen, den sie gemeinschaftlich hatten, ganz konfuse wurde. Unter ewigen Hader erreichten sie das 20« Lebensjahr. Isidor hatte die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst und meldete .sich zum Eintritt beim II. Garderegiment zu Fuß, während August, der über Quinta nicht hinausgekommen war, als Dreijähriger bei den Pasewalker Kürassieren angesetzt wurde. — Die Mutter war längst dahingegangen, Gram und Kummer haten ihr das Herz gebrochen. Auch an den Vater trat bald Freund Tod heran. Es war an einem jener heißen Sommertage, deren das Jahr 18 .. so viele hatte. Die Sonne sandte ihre verzehrende Glut hernieder und versengte das Grün auf den Bäumen, den Halm auf den Feldern. Im Lande wütete die Cholera und raffte in ihrer Unerbittlichkeit Männer und Weiber, Kinder und Greise dahin. Auch den Vater unserer Zwillinge verschonte sie nicht. Er starb und konnte seinen Söhnen nichts hinterlassen als seinen guten Namen. — Wie der werte Leser weiß, hieß er Schultze. — Seine letzten Worte waren: „Geht ins Panoptikum!" Anscheinend friedlich umstanden die Brüder die Bahre des braven Alten. Kaum indessen hatte sich der Hügel über den irdischen Resten des Entschlafenen gewölbt, so begann die Fehde aufs neue. Aus Haß gegen Isidor war August in das Lager der Antisemiten übergegangen. Wollte sidor einmal Schalet essen und dteserhalb zu lkan oder Nry gehen, so zwang ihn August vermöge seiner größeren Körperkraft in den „Obelisken", kaum aber hatten sie die Schwelle dieses Lokals betreten, so erschallte der Ruf: „Jude raus!" und wer am kräftigsten in diesen Ruf rinsttmmte, war der leibliche Bruder. Was aber seinen Haß gegen Isidor am meisten nährte, war dessen Neigung zu Rosalie Jomtoffsohn, der Tochter eines angesehenen Kaufmannes, die er im Begriff stand zu ehelichen. Gegen diese Heirat, wie überhaupt gegen jede Heirat, sträubte sich August auf das Entschiedenste. Er liebte die Frauen nicht, er war ausgesprochener Weiberfeind. Isidor riß endlich die Geduld. Hier mußte Wandel geschafft werden. Es war an einem jener rauhen Herbsttage, deren das Jahr 18 . . so viel hatte. Der Himmel war düster, die Luft feucht und kalt, die Straßen sahen naß und kotig aus, und ein unaufhörlicher Wind peitschte die gelben Blätter von den Bäumen. An einem solchen Tage standen die Brüder vor Gericht. Isidor hatte auf Trennung geklagt, und heute sollte das Urteil gefällt werden. Ich will den verehrten Leser nicht mit dem ganzen Tenor des Erkenntnisses behelligen. Der Spruch lautete auf Trennung mit der Verpflichtung des gewinnenden Teils, auf seine Kosten dem verlierenden Teil einen künstlichen Leib konstruieren zu lasten. So geschah es. Der Würfel war gefallen, — Isidor der Gewtnner. Ein geschickter Chirurg vollzog die Operation, ein geschickter Mechanikus fertigte für August einen künstlichen Leib. Man gestatte mir freundlichst, hier eine Reihe von Jahren zu überspringen. Wir fthen Isidor in wohlgeordneten Verhältnissen an der Seite einer treuen, liebevollen Gattin, im Kreise einer Schar blühender Kittder. Der Segen ruht sichtlich auf seinem Hause. August hatte sich dem Laster in die Arme geworfen und kämpfte mit Not, Sorgen und Krankheiten. Es war an einem jener schaurig kalten Wintertage, deren das Jahr 18 . . so viele hatte. Der Sturm blies heftig aus Nordost und erstarrte mit seinem eisigen Hauche die Gewässer ringsum. An einem solchen Tage fand man August in einem Gestrüpp des Friedcichshains. — Er war nicht mehr. Kisfinger Vadebn'ese. IX. Kissingen, 8. August. Abschied. — Ein wehmutsvolles Wort, das Lösung von zarten Banden und liebgewordenen Beziehungen bedeutet, die V:rsetzung konkreter Erscheinungen in den Luftberetch der Vorstellungen, wo sie einen Schmerz auslöfen, den die Menschen Heimweh nennen. Was ist es, das den Abschied aus der Sommerfrische so schwer macht? Ist es der bevorstehende Uebergang von Ruhe und Wohlleben in das Grau des Alltigs oder ist es die Trennung von rasch liebgewordenen Menschen, von denen man nicht weiß, ob und wo man sie wieder im Leben sehen wird? Am Ende ist es das dunkle Gefühl, daß die Sommerfrische schlechthin das Leben ist. Ein wenig Amüsement, ein wenig Langweile, eine gehäufte Schale Aerger/ man stößt auf Freunde, mit denen man ein Stück Weg zusammenläuft. Und auf einmal läutet es Abschied! . . . Das ist die Sommerfrische, das ist das Leben! . . . Die weisen Talmudlehrer sagen: „Diese Welt gleicht einer Hochzeitstafel", die nur allzufrüh abgedeckt wird. Sie wußten freilich von der Institution der Ferienerholung noch nichts . . . Eine mir befreundete Frankfurter Familie hatte ein Auto für die Heimfahrt und lud mich ein, mit ihr zu fahren. Diese Autofahrt durch die Rhön, das Sinntal, den Spessart, bei prächtigem Hirumel und nicht allzu greller Mittagssonne, mit einem breitschultrigen Chauffeur, der sich rühmt, Htndenburg in der großen Zeit durch die masurischen Seeen gefahren zu haben, mußte für einen, der mit offenen Augen durch Gottes schöne Welt wandelt, ein tiefes Erleben sein. Wir fahren die uns liebgewordene Theresienstraße hinaus, südwestlich die Saale entlang, zwischen Wald und Wasser. Wo die Bäume den Blick freigeben, fällt er auf graugemähte Aecker, grüne Kohlrethen und halbverblühte endlose Kartoffelfelder, dann weit und breit dunkelbewaldete Hänge, zu deren Füßen sich die goldgelben Kornhaufen haushoch türmen / und mitten in diesem wundersamen Farbenkasten der Natur leuchtet bei Gemünden die breite Silberader des Main so herrlich auf, daß das Auge wie gebannt an diesem Farbensptel, zu dem die Sonne ihr schönstes Gold spendet, haften bleibt. Wir rasen durch saubere Dörfer,durch winkeligeGaffen malerischerStädtchen, wo neben Bauernhöfen jüdische Namen auf Firmenschildern über gutgebauten Geschäftshäusern auftauchen. Kahn, Cohn, Stein, Hamburger fallen ins Auge. Es gibt in diesen Ortschaften auf der Scheide zwischen Bayern und Preußen alte Kehilaus, die noch ansehnliche Spuren alter Blüte aufwetsen und auch solche, die mit ihrem wirtschaftlichem Aufstiege geistig immer mehr verblühen. Wir fahren durch alte Tore und