Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1921)
- Date
- 1921-09-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 8 Nr. 37___ Türme, deren pittoreske Spitzen über verwischten Sonnenuhren in den Himmel weisen. Aus einer Häusergruppe ragt ein Mogettdovidstern. Eine -.erlassene Synagoge. Arbeiter und Bauern gehen sonnenverbrannt, die Jacken auf die Schulter gelegt) mit Gabel und Spaten zur Mittagsarbeit zurück. Einer grinst mich an: „Schi eb er!"... Ich freue mich aufrichtig über diese Ehrung. Me muß sich mein Aeußeres in der kurzen Erholungszeit sehr zu seinen Gunsten verändert haben! ... Die kleinen Mädchen am Wege grüßen aber höflich und winken mit dem Taschentuch. Auch Gänseliesel, die am Bachrande mit den zwei dünnen Zöpfen barfüßig. und die Gerte in der Hand, wie aus dem Bilderbogen geschnitten, unter ihren Gänsen steht, winkt so freundlich, daß sie darüber ihre Schutzbefohlenen vergißt, die schnatternd und flatternd, halb fliegend, halb rennend noch mit knapper Not den Rädern entschlüpfen. Im Dorfe ist die Straße so eng, daß sie für unser Auto und den uns entgegenkommenden, von zwei Kühen träge gezogenen vollbeladenen Erntewagen keinen Raum hat. Die Kühe kauen gemächlich, im Gefühle ihrer Bodenständigkeit, die Straße gehört ihnen und sie überlassen dem wütend schnaubenden und fauchenden Vehikel neidlos den Graben . . . Aber unser Hindenburg macht einen geschickten „strategischen Rückzug" und die Lösung von Kuh und Bauer und Wagen geht reibungslos vor sich. Auf der Brücke brüllt irgend ein Beamteter: „Pflasterzostl!", worauf der Schlachtenlenker auf dem Vorderplatz: „Halts Maul!" Und der Wagen rast Wetter. Dieser Wechselgruß wiederholte sich im Laufe der Fahrt noch öfters. Es wird mir allgemach klar, daß dies wohl üblicher Gruß zwischen Dorfpolkzei und Automobolisten sei, das Allheil der Kraftfahrer: „Pflasterzoll!" und „Halts Maul!" . . . Das breite Silberband verschwindet wieder, die Luft wird stiller, ruhiger und duftiger, vor Winden geschützt durch steile, schroffe, dunkel bewaldete Berghänge. Ein buntes Gewirr abgerundeter Kuppen rechts und links wie eine in Bewegung geratene sich drängelnde Riesengemeinde. Wir sind im Spessart, im „Orber - Reisig", und all feinen Riesenkoüegen über die Achseln schaut stolz der H orst mit seinen 550 m ins Tal . . . Wir rasen durch Bad Orb. Auf der Straße sind vor den ländlichen Häusern die Holzhaufen fein symmetrisch zum trocknen geschichtet. Auf der Bank vor dem neuen Häuschen mit dem verschlungenen Holzgicbelwerk sitzen lässig einige Herren und Damen — die Kurgäste... Die Holzbalken in einiger Ferne deuten die Saline an. Das Auto, das noch vor zwei Stunden Kissingen, seinen Kurgarten und seine Saline gesehen hat, rast vorbei, ohne diese „Kindereien" nur eines Blickes zu würdigen. Wie aus den Bergen gehauen taucht Gelnhausen unvermittelt auf, Glocken türme, Zinnen alter Kirchen, graue Reste verfallener Stadtmauern werden sichtbar. Mitten aus der Kinzig wachsen, beschattet von schwarzen Bergrücken, die Ruinen der Kaiserpfalz heraus. Wer fragt nach all diesen bautechnischen Anstrengungen früherer Generationen, den Prachtstücken alter ornamentaler Skulptur'? Das römische Haus soll ein Alter von 1000 Jahren haben und das älteste Rathaus Deutschlands noch von der Karolinenzeit her sein, die viertürmige Marienkuppel aus dem 12. Jahrhundert herstammen. Auf dem Markte ist aber ein Neubau, der, wie heute überall bis ins kleinste Dorf, all jene altehrwürdigen Bauten in ben Ratten stellt und Mittelpunkt allen Interesses ist: eine Reichsbanknebenstelle ... Das Auto rast weiter südwestlich dem Maintal zu. Ueberall das gleiche Bild. Vor dem Dorfe am Bache aufgeschreckte Gänseschwärme, in der Dorfgasse herumtollende Kinder, die freundlich grüßen. Auf der gemähten Wiese wie eine dürre, schmalstämmige Palme mitten in grauen sich bewegenden exotischen Pflanzen — es ist aber bei näherem Zusehen ein Schäfer in kurzem ver- •_Der JSraeltr._' fchliffenemKaifermantel bei seiner friedlich grasenden Gemeinde. Ein graugelber Punkt hebt sich vom sonnenbegoldeten Grün der Landschaft ab, als hätte jemand aus Unvorsichtigkeit einen häßlichen Klex auf die herrlichgestickte Decke hingeworfen: ein Zigeunerhaufen. Auch an diesen Kindern der Straße ist die Zeit nicht spurlos vorübergegangen. Anstelle des früheren Leiterwagens mit dem schmutzigen Segeltuch steht jetzt ein ganz niedlicher gelber Zeltwagen mit grüngestrichenen Fensterlädchen, und die halbnackten Kinder sagen nicht mehr: „Bitte, bitte, Err, ein Groschen", sondern „Bitte, bitte, Err, eine Mark! ..." Vor dem Wag?n sitzt die braune Familie, die aus drei Generationen zu bestehen schett und hält am offenen Feuer große Tafel. Leicht werden sie es nicht haben auf der Straße zwischen Bayern . und Hessen-Nassau, wo das Betteln streng verboten .ist und das Stehlen von der Feldgendarmerie sehr übel ausgenommen wird. Im Dorfe, wo man seit Kriegszeit auf ganz andere Hamsterer eingestellt ist, dürfen sie sich nicht blicken lassen, und die Fremden rasen, wie wir, im Auto vorbei, daß der Ruf „Bitte, bitte Err!" im Staube ertrinkt und in der Luft verhallt ... In einem Dörfchen wird im Herrenzimmer der „Traube", an dessen Wänden Hirschgeweih vonWetdmannslust spricht und dessen Tische und Kommoden allerlei interessante Kannen, Bierkrüge und alte Bilder schmücken, Rast gemacht und Kaffeetafel gehalten. Es kommt mit uns Leben ins stille Idyll. Im Hofe bellt der Hund und es muht die Kuh im Stalle, die .vor unseren Augen gemolken wird, und in der Küche „geht" die Kaffeemühle, daß es durchs ganze Haus knarrt. Eine Talmudstelle fällt mir ein: „Geräusch der Handmühle in Burni bedeutet Familienfest." Im Speffartdorf hat es immer noch etwas festliches, wenn „die Mühle geht" und echten Bohnenkaffee anzeigt . . . Und weiter faucht das Auto, der Heimat zu. Der gute Main ist wiedercha, nicht mehr als Bffion unter ragenden Bergen und farbigen Tälern, sondern in Permanenz, als Helmatfluß. Ist den Heimkehrern ein Stück entgegengeeilt und läßt sie nicht mehr aus dem Auge. Hanau. Breite staubige Straßen, umsäumt von oletchmäßtgen grauen Mauern führen aus der Stadt. Riesige Schlote ragen empor, manche jagen noch dichte Rauchschwaden zum Himmel. Aber in Offenbach ziehen die Schaaren aus Fabrik und Arbeitsstätte heim und politisieren — über den letzten Eisenbahnerstreik in der Oftmark. Aus dem riesigen Häusermeer vor uns winkt der Dom. Wenige Hupensignale und wir sind am Ziele — von dem man sich ein paar Wochen entfernen mußte, um es von neuem lieb zu gewinnen und ihm sehnsuchtsvoll zuzustreben: es ist das Heim und das Leben der täglichen Arbeit . . . Personalien. Frankenau (Hessen)/ 7. Sept. Frau Esther B i ckhardt, geb. Lion, segnete im 93. Lebensjahre das Zeitliche. Ueber 58 Jahre verband sie eine harmonische Ehe mit dem vor 9*/, Jahren Heimgegangenen Gatten, dem in allen Kreisen hochgeachteten Abraham Bickhardt sel. A. aus Höringhausen. Durch den Tod dieser echt, jüdischen Frau hat nicht nur die Familie, sondern auch die Gemeinden Höringhausen und Frankenau ein schwerer Schlag getroffen. Aus einem frommen Hause stammend, als Tochter einer weit und breit ob ihrer Frömmigkeit und edlen jüdischen Tugenden verehrten Mutier, wandelte sie in gleichen Bahnen. Ihr Sinnen und Trachten ging dahin, Ihrem Gatten eine Eser kenegdau und ihren Kindern ein Vorbild jüdischer Lebensart zu sein. In ihrem Hause waltete und lebte jüdischer Geist und in diesem Sinne suchte sie ihre große Ktnderschar, von der nach acht ihren Verlust aufs Tiefste betrauern, zu erziehen. Wohltätigkeit zu üben und verschämten Armen in diskreter Weise beizustehen, betrachtete die Heimgegangene neben der Ausübung von Gastfreundschaft, als ihre heiligste Aufgabe. Trotzdem die Lewajoh Freitag nachmittag stattfand, ließ es sich eine stattliche Zahl von Verwandten und Freunden nicht nehmen, dieser herrlichen Frau das letzte Geleit zu geben. Möge ihr Sechus den Kindern, Enkeln und Urenkeln beistehen. n"3Xiri. Wiesbaden, 7. Sept. Einer der besten, edelsten und hilfreichsten Männer aus unserer altisraelttifchen Kultusgemeinde ist im kräftigsten Mannesatter von IS. September 1931. 47 Jahren plötzlich dahtngerafft worden) Hugo Wolff, Sohn des bekannten WjeSbadener.StädtrateS Benjamin Wolff, desäBeMWders der vorgenannten jüdischen Gemeinde, wurde in seiner Geschäftstätigkeit vom Tod? ereilt. Der Dahtngefchiedene war Vorstand des Israelitischen Unterstützungsverein'S, sowie.des Vereins zur Errichtung eines Israelitischen Krankenhauses- und. SchwesterphotmS und anderer hiesiger Wohltätlgkeitsinsttl'ute. Hn der Bahre sprachen Rabbiner Dr.Kähn und Dr. LüudSberg für die Loge, Max Heß für den Unterstützungsverein. Regierungsbaumetster Hetz; für das Krankenhaus: Der Heimgegangene hat auch aus eigenen Mitteln viel Werke der Liebe geübt. Di? Beteiligung bet der. Beerdigung war eine überaus starke. Herr Wolff hinterläht eine Witwe und einen jungen Sohn, die Gott trösten wöge. Halberstadt, 7. Sept. Unter Beteiligung der ganzen Gemeinde, sämtlicher Rabbiner, Vorstände der Vereine, - Behörden rc., feierte Herr Fabrikbesitzer Aron Hildesheimer am Sabbat seinen 70; Geburtstag. Als Sohn des berühmten Rabbiner Dr.. Israel Hildesheimers, des Begründers des Berliner Rabbiner-Seminars, wandelte er während seines ganzen seitherigen Lebens den schönsten Pfad der Tugend, Pflicht und Frömmigkeit und dem entspricht auch das Ansehen, dessen er sich in den weitesten Kreisen erfreut. Am Sonntage nach der Feier fand die feierliche Einweihung einer vom Jubilar gestifteten neuen Sefer-Thora statt, wobei viele Reden und geist. volle Thoraworle gehört wurden. Herr Hildesheimer war lange Jahre hindurch Vorsitzender und ist jetzt Ehrenvorsitzender der Halberstädler Chewra Kadischa. Von Nah und. Fern wären Gäste zu der schönen Feier erschienen, unter anderen bemerkten wir dessen Bruder Herrn Meter Hildesheimer, Berlin, Frau Dr. Hirsch Hildesheimer, Berlin. Herr Aron Hirsch, Berlin, Generaldirektor der Hirsch Kupferwerke stiftete dem Geburtstagskinde zu Ehren für das Halberstädter Altersversorgungsheim „N'we Memrchah" eine Gabe von 3000 Mark, vermittelst welcher Herr Hildesheimer zum dauernden Mitglieds des Vereins ernannt wurde. Gebe der Allgütige dem überaus rüstigen, geistig und körperlich ganz auf der Höhe stehenden Mann noch eine lange Reihe von Jahren ungetrübten Glückes im Kreise seiner Kinder und Enkel. Vermischtes. Berlin, 1. September. Das Arbetterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen (Abteilung für Legitimationspapiere) ist in der Lage für jüdische Ausländer die Beschaffung ven Heimätpässen in einer Reihe von Fällen zu vermitteln bezw. zu erleichtern, sowie auch die Legitimierung durch deutsche Personalausweise zu ermöglichen. Die Sprechstunden des A. F. A. finden täglich außer Sonnabends und Sonntags von9-1Uhr,Auguststr 17, i. Stock statt. Abterode, 15. August. Herr und Frau Lehrer Bach rach übernahmen mit dem 1. September die Verwaltung des Israelitischen Altersheims in Cassel. Bad Kreuznach, 4. Sept. Beim Gottesdienst in der Pension Aguintk hier, wurden für die Waisen der Ukraine Mk. 877 gesammelt. Es zeugt dies für den Opsersinn der Kurfremden, die sich hier aufhielten. Heidelberg, 18. August. Wegen der Verteilung von Flugblättern und unrechtmäßiger Führung des Privatdozententitels wurde der frühere Pcivatdozent Dr. Arnold Rüge vom Schöffengericht zu Mk. 300 Geldstrafe verurteilt. Während der Verhandlung ließ sich Dr. Rüge ausfällige Bemerkungen gegen den Gerichtshof zuschulden kommen und wurde deshalb mit 100 Mk. bestraft. Außerdem wird sich Dr. Rüge wegen Beamtenbeleidigung demnächst zu verantworten haben. Er nannte einen Amtmann des Bezirksamts einen Beschützer der Juden und auf einen Brief an das Bezirksamt schrieb er: „An das Bezirksamt, Judenabtetlung'. Cassel 6. Sept. Die Gründung einer Ortsgruppe Cassel des Reichsverbandes jüdischer Frontsoldaten fand am Sonntag in der Sinailoge statt. Der Bund bezweckt den Zusammenschluß der jüdischen Frontsoldaten Deutschlands zur Wahrung ihrer gemeinsamen Interessen, insbesondere zur Abwehr aller Angriffe, die auf eine Herabsetzung ihres vaterländischen Verhaltens ,m Kriege gerichtet sind. Mitglied des Bundes können jüdische Kriegsteilnehmer deutscher Staatsangehörigkeit werden, die zur kämpfenden Truppe gehört und in der Gefahrzone Dienst getan haben, .während ein Frontdienst von nur vorübergehender Dauer nicht in Betracht kommt. Zum vorläufigen ersten Vorsitzenden wurde Negierungsrat a. D. Rechtsanwalt Dr. Stern, Casiel, gewählt. Hofgeismar, 8. Sept. Am Sonntag fand in der hiesigen festlich geschmückten Synagoge durch Landrabbiner Dr. Walther die Einweihung der G e d e n ktafel für die im Weltkriege 1914/18 gefallenen Mi>- glieder der hiesigen israelitischen Gemeinde statt. Die Feier, zu welcher die Spitzen der Behörden, eine Abordnung des hiesigen Regiments usw. erschienen waren, nahm einen überaus würdigen Verlauf. Hannover, 6. Sept. Der „Sturm", ein deutschvölkisches Hetzblatt in Hannover, reffen Herausgeber der wegen Betruges mit 2*/, Jahren Gefängnis vorbestrafte Georg Quind el ist, wurde wegen hetzerische« Artikel vom Oberprafidente» für 14 Tage verboten»