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Der Israelit · 1921-09-08 · Heft 36 (8.9.1921) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 36 (8.9.1921)
Date
1921-09-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 36 des „Braeltt". Linier den neuen Einwanderern. (Aus dem Hebräischen von Abraham Frischer ) Im Hafen zu Jaffa. Die Straße, die zum Hafen führt, ist voller Leute, die gedrängt stehen, um die Aus- und Einwanderer zu betrachten. Einige kamen, um ihre Bekannten oder Verwandten zu sehen, andere aus dem einzigen Grund, weil sie Zeit hatten. Beim Pfiff der Schiffspfeise steigen sie zum Hafen hinab, um Augenzeugen davon zu sein, wenn die Zahl der Juden in Erez Jisroel sich vergrößert. Unter ihnen befinden sich auch eingewanderte junge Leute, die erst vor ein, zwei Wochen mit den letzten Transporten gekommen und noch nicht zur Arbeit eingereiht sind, und auch solche, die schon zurückwandern — die versuchten, zu arbeiten, — denen aber die Arbeit nicht zusagte. Düster, vergiftet und zur Hälfte verzweiselt schauen sie aus ihre neu angekommenen Freunde, die das Ufer betreten, mit einem Ausdruck des Bedauerns. — Das Schiff kam von Triest und brachte 320 jüdische Seelen, unter ihmn 210 Chaluzim. Die Bewegung ist sehr groß. Die Polizei ist ratlossie kann nicht unter der Menge Ordnung erhalten. Die „Zofim", die sich freiwillig meldeten, bahnen sich einen Weg durch das Gedränge. — Aus dem Hafentor tritt eine Gruppe. Alles jubelt ihnen entgegen — Schalom! — Schalom! — Schalom! „Ist niemand aus Kowno gekommen?" „Vielleicht ist jemand aus Oswtettm in Galizien gekommen?" „Befindet sich nicht auf diesem Schiffe ein Rosenblüth, ein Blonder?" Die Unruhe steigert sich. Man hört kaum eine Antwort. — Abermals öffnet sich das eiserne Hafentoreine neue Gruppe von Einwanderern tritt heraus! „Schomrim!" .„Hurra! Da ist unsere Lemberger Gruppe, hedaö!" „Schoschana! Chazak weemaz! Ist auch unser Führer gekommen? Sind viele gekommen?" In der Ecke, bei den Stufen, umarmt eine alte Mutter unter Freudengewein ihren Sohn. Der Sohn, der schon zwölf Jahre als Arbeiter im Lande weilt, trifft seine aue Mutter, die aus ihre alten Tage zu ihrem einzigen Sohne nach Erez Jisroel kommt. Die Mutter trocknet ihr tränennasses Antlitz und er steht betroffen, bleich, die Tränen (in der Kehle) verschluckend — und Vater? . . . In der Menge ringsherum ein Flüstern, eine leise Bewegung. In manchem Auge blitzt eine Träne. Dieses Bild durchzuckte scheinbar die Menge wie ein elektrischer Strom — wer hat denn keine Mutter oder Schwester, keinen Vater oder Bruder unter den Pogrom- und Hungeropfern? Wer sehnt sich denn nicht nach seinen Nächsten? Der Mutter um den Hals zu fallen?... Es nähert sich noch ein volles Boot. Das hebräische Lied der Chaluzim mengt sich mit dem Brausen der an die Felsen von dem Ufer schlagenden Wogen, die das Boot schneller, schneller dem Gestade zutrecben. . . . „Die Arbeit ist unser ganzes Leben!" „Sie errettet uns aus jeder Not! . . . Ais das Boot das Felsentor passierte und die tosenden Wellen hinter ihm blieben, hörte plötzlich der Gesang auf. Der weißbärttge Greis, oer sich unter der Gruppe befand, erhob sich und sprach mit lauter wohlklingender Stimme, Wort für Wort betonend: „Gepriesen seiest Du . . . der uns am Leben erhielt und uns dies erreichen ließ!" „Amen!" antworteten alle. Behend steigen die Beine aus dem Boot — und machen den ersten Schritt auf dem Boden Erez Jtsroels. In der Einwanderstation, im zweiten Stock, sitzen die angekommenen Gäste Erez Jisroels, Gesicht und Kleider vom langen Weg beschmutzt und trinken Tee. Unter sie mengen sich Alteingesessene und führen mit ihnen längere und kürzere Gespräche. In der Ecke auf der Bank unterhält sich ein neu Angekommener mit einem, der vor etlichen Monaten etngewandert war, der schon sowohl in der Kolonie als auch auf der Chaussee gearbeitet, eine Arbeit verlassen und eine neue gesucht. Jetzt schlendert er in Jaffa hcrum, erwartet jedes angekommene Schiff im Hafen, vergiftet das Herz der Etnwandernden und begleitet jedes von Jaffa abfahrende Schiff mit sehnsüchtigen Blicken. „Was glaubst du? Werde ich in der Kolonie Beschäftigung finden?" „Was? Arbeit? Glaubst .du denn wirtlich, daß du arbeiten wirst? Daß ich nicht lache! Deine Begeisterung wird bald verfliegen, wenn du nur zum ersten Mal den Spaten in den Boden treiben wirst. Du wirst dich noch freuen, wenn du von hier wirst weg können." „Wie, kann man denn nicht von der Arbeit leben?" „Nun ja, du wirst fünf Schilling täglich verdienen, gerade genug, „um die Seele zu erhalten". Aber kann man sich denn damit begnügen? Lebt denn der Mensch vom Essen allein? Bon Morgen bis Abend schwer arbeiten und nie einen Heller in der Tasche. Und überdies noch das Fieber und andere Krankheiten, daß einem übel zu Mute wird ..." „Kann man Arbeit um fünf Schilling erhalten? Wenn ich nur das bekomme, dann schätze ich mich glücklichnach mchr habe ich kein Verlangen ... Ich bin hergekommen, um zu arbeiten und in der Arbeit werde ich auch Lebensinhalt finden." „Du wirft sie nicht bekommen!" Hier senkte der Einwanderer das Haupt. Im Korridor, an die Wand gelehnt, stehen wieder zwei, ein neuer und ein alter Einwanderer. „Wo arbeitest du, Jaakow?" „Beim Kwisch (Chaussee) — Steine klopfen und graben." „Und deine Schwester?" „In der Küche." „Wie fühlt ihr euch?" „Sehr gut. Die Befriedigung ist nicht vollkommenes ist keine Feld» und Gartenarbeit - trotzdem nicht schlecht. Ueberhaupt die Arbeit hat Sinn." „Genügt euch der Lohn auch zum Anschaffen von Kleidern?" „Nicht immer. Aber die Kleider des Arbeiters in Erez Jisroel sind nicht aus Seide - daher ist es möglich, manchmal auch für sie etwas Geld beiseite zu legen." „Werde ich Arbeit bekommen können?" „Merke dtr ein für allemal: Der Arbeiter, der arbeiten will, findet immer Arbeit!" DerEinwanderer drückte setnemFreunde dieHand. In dem Arbeit- und Einwandererbüro. Ein älterer Jude tritt herein. Einwanderer - die üblichen Fragen und Antworten: „Wie heißt Ihr?" „N . . ." „Woher?" „Aus K. . . „Wie alt? „Verheiratet?" „Jawohl, Frau und fünf Mädel." „Atter?". „Die Frau 44. Die ält sie Tochter 15, die zweite 12, die dritte 8, die vierte 5, die fünfte 1*/»." „Beschäftigung?" „Ich war Kaufmann in meinem Städtchen." „Was gedenk Ihr hier zu tun?" „Ich bin nach Erez Jisroel gekommen, um auf dem Felde zu arbeitenich will, man soll mir eine „Kolonie" geben . . „Habt Ihr denn zu Hause vernommen, daß man hier Kolonien verteilt?" „Jawohl. In unserem zionistischen Verein hat man gesagt, daß jeder, der nach Erez Jisroel einwandert, eine „Kolonie", ein Haus, Küche usw. erhält. Drei Monate vor meiner Abreise habe ich ein wenig Landwirtschaft gelernt, daß ich kein „Grüner" auf diesem Gebiet sei." „Es ist mir sehr unangenehm, daß mir die Rolle zufällt, Euch auf einen Irrtum aufmerksam zu machen. Der Tatbestand ist nicht so. „Kolonien" verteilt man nicht, speziell nicht an solche, die erst das Schiff verlassen haben. Wenn jemand mehrere Jahre gearbeitet hat, darf er hoffen, sich in seiner Ecke niederlaffen zu können, ob auf einem Landstück einer Aktiengesellschaft, oder in einer Arbeitskolonie, oder in einer Kwuzah. Nach dem jetzigen Stand der Dinge ist auch das nur eine Hoffnung." „Wenn dem so ist, warum habt Ihr in allen Versammlungen mitgeteilt, daß man jeder Familie Kolonien zuteilt?" „Ich weiß nicht, wer und was man euch mitgeteilt hat. Wir haben auf keinen Fall so etwas verlautbart." „Wozu ist denn dieses Büro, welche Aufgabe erfüllt es?" „Es reiht die Einwanderer zur Arbeit ein." „Auch mich werdet Ihr einrethen?" „Gewiß, wir werden uns bemühen, auch Euch etnzureihenaber Euch, als Vater einer zahlreichen Familie, tut Anstrengung nicht immer gut." „Vielleicht werdet Ihr mit dem Waad doch über meine Einreihung in eine „Kolonie" sprechen, wenn es auch keine große ist, nur, daß mir allein eine „Kolonie" gehöre. Schaut, wieviel Geld ich zugunsten des Zionismus ausgegeben habe! (Und der Jude zieht oabei einen ganzen Stoß von verschiedenen N.-F. Quittungen hervor, von Schkalim von fünf, sechs Jahren, ein Empfehlungsschreiben von fernem Verein.) Nehmet das mit und zeigt das dem Waad. Ick bin sicher, wenn Ihr alle me.ne Dokumente geprüft haben werdet, werdet Ihr mir eine „Kolonie" etnrtchten." „Aber Freund, so versteht doch, daß wir auch beim besten Willen nichts in dieser Richtung tun können." „Nun gut, wie lange muß ich arbeiten, bis ich eine „Kolonie" bekomme?" „Lassen wir die Frage für nächstens. Wenn Ihr zu arbeiten beginnen werdet, werden Sie das Leben kennen lernen, das Leb.n von Erez Jisroel, das Leben der Arbeitdann werdet Ihr auch alles ( selbst wissen und verstehen." „Nun gut, so lassen wir's. Wann kann ich zur Arbeit gehen? „Hm . . . Ihr versteht, die Sache ist noch nicht geregelt ... cs ist eine Schwierigkeit . . . eine große Famllie, Frage einer paffenden Arbeit, Lvhnfrage, Wohnungsfrage . . . Kommt nach zwei, drei Tagen zu uns, inzwischen werden wir Nachdenken, wie wir Euch zu etablieren haben." „Gut, ich komme. Aber bitte teilt mich in eine Kolonie ein, zur Feldarbeit. Sollen sich meine Töchter zum Dorfleben gewöhnen, Schalom." „Schalom!" Kissinger Va-ebrlefe. VII. Kissingen, 3. August. D^ß die Herren Kantoren über etwas verfügen, um deffentwillen allein wir sie schon hochachten müssen, nämlich über den goldenen Schlüssel zum jüdischen Herzen, zeigte ein kleines „Wohltättgkeitskonzert", das wir an einem Abende ad hoc improvosierten. Der Oberkantor einer holländischen Gemeinde, ein Mann von zartem Empfinden, ansehnlichem Wissen und einer Stimme, die für das jüdische Chasonus geschaffen und gebildet ist, sang vor geladenen Gästen

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