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Der Israelit · 1921-09-08 · Heft 36 (8.9.1921) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 36 (8.9.1921)
Date
1921-09-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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8. September 1021. einiges aus den Gebeten für die „Hohen Feiertage", und wie er fertig war, zählten wir einige Tausende für den gedachten guten Zweck.- Die „guten Zwecke" spielen auch sonst keine geringe Rolle im Badeleben. Man kann kaum drei Schritte gehen, ohne von irgend Jemand für irgend einen „guten Zweck" angehalten zu werden. Man wird aber in vielen Fällen gut tun, sich erst zu informieren, für wen der Zweck gut ist . . . In der Trinkhalle verkauft ein Mann im Frack Programme für eine Zaubervorführung zu einem „guten Zwecke". Der Zauber, den die Einladung ausübt, ist nicht groß. Es gibt hier der Zauberkünstler genug, die Gegenstände in ihren Händen verschwinden lassen, auf nimmer wt-delsehen . . . Kleine Druckereien und die „Saalezettung" leben davon — sie haben andauernd Inserate und rote Zetttel zu drucken des Inhalts: „Gestohlen ein . . . Dieb ist erkannt, und wenn er nicht bis . . . (gegen hohe Belohnung . . .) wiederbringt, dann . . ." Das macht Eindruck. Ein junger jüdischer Herr aus Berlin, Kollege von der Feder, verteilt Zettel an sämtliche Tische, die zu einem Vortrage über seine Reiseerlebnisse in Tunis, Marokko und sonst in der Welt und Umgegend einladen. Die Erträgnisse des Abends fließen wirklich einem „guten Zwecke" zu. Es ist leider nichts geflossen . . . Wie der Mann abends antrat, war alles da, beleuchteter Saal, Stühle, Rednerpult und das obligate Glas Waffer . . . Nur die „Hörer" waren alle „weg", in Tunis oder Marokko oder sonstwo in Allerwelt (die Meisten wohl bei „Messerschmidt"), nur nicht im Saale. Der Mann des „guten Zweckes'^ macht Spesen und keinen Eindruck! . . . Tie Loge sammelt abwechselnd je an einem Abende der Woche in einem der jüdischen Hotels ihre Mitglieder. Dort sitzen die würdigen Herren bei Bier und Zigarre und sprechen über die jüdische Not. Und das sprechen tut den Guten ach so wohl! . . . Und wäre Wort Tat, im Handumdrehen wären hier jeden Mittwoch abend bei Bier und Zigarre alle jüdischen Probleme restlos gelöst und jüdische Not wäre nur noch schwache Spur eines bestens ausgewaschenen Flecks auf dem Mantel der Liebe, der alle, ja alle umhüllt . . . „Aller Haß, alles Mißtrauen auf deutscher Erde, sie werden in Rauch verfliegen", wie die abgebrannte Zigarre des prächtigen alten Herrn mit dem schönen jgrauen Kopf und den gütigen am blauen Himmel froher Hoffnungen hängenden Augen, der am Borstandstische sitzt . . . Derweil findet in einem der größten Festsäle Kissingens ein großes Wohltätigk.'el tsfest statt „zu Guusten der Kinderhtlfe". Kinderhilfe ist ein Wort, das zieht. Vor dem Krankenbette eines Kindes, so sagen Kundige, sollen sich alle Mütter zum Verwechseln ähnlich sehen . . . Mütter hungernder Kinder dürften somit ebenfalls in allen Weltteilen und bei allen Konfessionen verwandte Züge tragen . . . Darum ist weiter nichts dabei, wenn die vordersten und teuersten Stühle im Festsaale von Juden eingenommen sind; weniger begreiflich ist es, daß der Hofrat, der täglich im Kurgarten für Mcyerbeer, Moskowski, Bruch und Strauß den Taktstock schwingt, hier ein Couplet vorträgt, das in Borkum helle Frende auslösen würde . . . Wer lacht da?! . . . Auf den vordersten Sitzen wird nicht gelacht, aber es erhebt sich von keiner Sette Protest. Die Demonstration auf den Vorderbänken hätte ja auch eine friedliche sein können, etwa so, daß sich die „Besungenen" zu Ehren des Herrn Hofrat und Dirigenten der nach dem Wetter sich drehenden Schiebebühne von ihren Plätzen erhoben und den Scial verließen . . . Aber es geschah nichts dergleichen. Es war ja ein „guter Zweck" . . . Gewiß können viele Juden auf Kissingen nicht verzichten, und sie werden trotz allem und allemßwiederkommen. Aber auf „Wohltättgkeitsfeste" solcher Art sollten sie nächstens ruhig verzichten. _»er JSraelit_ VIII. KWvgen, 4. August. Im chassidischen Minjan trifft man am Sabbat vormittag die Rabbiner alten Schlages, auch sonst Chaffdim und Mtsnagim aller Landsmannschaften, freundnachbarlich beisammen. Ueber dieses Chassid im minjan fei noch ein Wort gesagt. Bayern ist das Land der Ein gemeinde und privrten Gottesdiensten nicht wohlgeneigt. Allein, der Ostjude, der im Sommer nach Kissingen kommt, kann sich sein Minjan nicht ganz nehmen lasten, auch wenn er dafür kämpfen oder dafür, wie hier, gar blechen muß. Es gab es mir einer von ihnen sehr drastisch wie folgt zu verstehen: „Die Daitschen", sagte er „seinen gut un frumm un klug, ober sie weißen nit, wie me kocht Fisch, wie me trinkt Tee un wie me dawnet. . ." All diese drei Dinge werden ihnen in Deutschland zu wenig scharf, zu wenig heiß geboten. Fische müssen stark gepfeffert sein, Tee muß überkochen. Hier aber ist alles kalt und fad, ohne Salz, ohne Pfeffer, ohne innere Glut. Diese kann man beim „Dawnen" am wenigsten entbehren. In der Synagoge zu Kissingen wird aber jeder, der nicht einfach schwätzt, sondern ein lautes Gebetwort von sich gibt, von einem eigens dazu bestellten sehr braven Manne zur Ruhe und Ordnung verwiesen . . . Kommt noch hinzu, daß die meisten dieser Leute nach sefardtschen Ritus beten und sich in die deutsche Gebetordnung nur schwer hineinfinden. Aus all dem ergab sich die Einrichtung des chassidischen Gottesdienstes im Sommer von selbst. Man hat auch für denselben einen Raum im zweiten Stock des Gemeindehauses gegenüber der Synagoge gewährt. Aber für jeden Gottesdienst erhebt die Gemeinde eine Art Kopfzoll von 40 Mark. An dieser „Sanktion" trägt die fliegende Sommergemeinde der Chassidtm nicht leicht. Der Gottesdienst kann nur am Sabbat stattfinden. Das Geld wird durch Spenden aufgebracht, die aber eigentlich für Kurhtlfe an würdige Heimatgenoffen bestimmt sind, und es werden Opfer gebracht! Im übrigen ist die Gemeinde autonom. Bon Zeit zu Zeit werden vor dem Ausheben für einige Wochen die Vorsteher, die „Gabajim" gewählt, und es entwickelt sich zuweilen eine kleine Wahlschlacht, in der um das Einwochenkönigtum mit allen aus den europäischen Wahlkampagnen bekannten Mitteln gekämpft wird. Auch hierin ist alles gepfeffert und überkochend . . . Die gewählten Vorsteher haben auch für Aufbringung der nötigen Gelder zu sorgen, das heißen sie „schaffen". Sie schaffen es es, indem sie die nötige Vorsicht in der Wahl der „Aufzurufenden" üben und außerdem dafür sorgen, daß ihnen keiner der „Sabbatspender" in der Kuranlage entschlüpft. Aber bet aller Zweckmäßigkeit ist das System auch sehr demokratisch. Nicht nur der Geldbeutel, auch die Stellung und besonders die Gelehrsamkeit kommen vor der aufgerollten Thora voll zur Geltung ... Das Problem wird einfach so gelöst, daß d:r ganze Wochenabschnitt durch drei dividiert wird und so viele aufgerufen werden, als es dieses Rechenexempel gestattet ... So kommt jeder auf seine Rechnung. Kapital und Geist sind versöhnt... Als ich diesen Gottesdienst besuchte, kam es mir wiederum zum Bewußtsein, wie wenig es im wesentlichen des Trennenden zwischen Juden und Juden gibt! Leute, die in Warschau und Wilna sich wohl in weitem Bogen aus dem Wege gehen, fanden sich hier Seite an Seite. Das Blld ist international und zugleich jüdisch einheitlich. Am Borbeterpult stand der schwarzbärtige Chassidim- Rabbi, den Toltth tief über den Kopf gezogen, und sang und schrie mit wohllautender Stimme, und flehte und seufzte und jauchzte imb klaschte in die Hände, und löste ein Echo aus, das durch den Raum dröhnte und sich durch das offene Fenster wie ein Wirbelsturm durch den ganzen Hof trug. Das „Hakaul-Jauducho" wird mir ewig unvergessen bleiben. Ein begeisterter Zusammenklang I von Stimmen, deren jede doch für sich allein _Sette 9 Nr. 36 sang ... Da es Wahl-Sabbat ist, entsteht vor dem Ausheben ein kleiner unschöner Streit, der aber bald behoben ist. Das Laienen besorgt mit der sonoren Stimme eines Burengenerals ein Oberkantor aus I ohannisburg. Den Ehrenaufruf (Schelischi) erhält ein ganz nüchterner, sachlicher, ruhig betender litauischer Rabbiner, Die Haftorah wird von einem „Deutschen" herge»agt, mit Frankfurter Schwung, und findet bet den Kraukauer und Lodzer Chassidim Anklang ... Es ist „Rauschchaudeschbenschen". Ein rotbärtiger Rabbiner aus Kolomea weint das „Jehtrozaun" vor und hinter dem Verschlage — einem einfachen Balkonschirm, der zum Entsetzen der Rabbis jeden Augenblick umfällt — schluchzt herzzerreißend ein Dutzend Frauen. Das Mussas-Gebet wird mit vielen Trillern von einem ungarischen Latenchasan verrichtet. Und zum Schluß lernt ein greiser Thoragelehrter aus Würzburg eine Mischnah vor, damit der „Owel" aus Riga Kaddisch sagen kann . . . Wenn hier der Gottesdienst aus ist, ist drüben im Hauptqottesdienste der Synagoge gerade Predigt. Die Synagoge ist gut besetzt. Der Ortsrabbiner spricht über die Not der ukrainischen Kinder und gegen den überhandnehmenden Luxus. Ich wünschte, die Pforten würden sich öffnen und die Stimme würde durch die Kuranlagen bis an diejenigen gelangen, die es angeht . . . Allein, die Männer und Frauen des großen Luxus leisten sich nur selten den Luxus eines Gottesdienstes und einer Predigt. (Schluß folgt.) Die gute Ernte. Im „Bert. Tageblatt" schreibt Arnold Hüll - riegel-Wien: Aus den Feldern stehen die Garben, »rüge es eine gute Ernte sein und möge wenigstens irgendwo in dieser Wett, an einem einzigen Fleck, sich das Erntewunder der gleichen Garben wiederholen! Einst, so erzählen die Araber, gab es vor den Toren Jerusalems ein fruchtbares Feld, das hatten zwei Brüder gemeinsam bebaut. Ter eine war ein verheirateter Mann, der andere lebte allein. Als die Ernte kam, gingen sie miteinander aus das Feld, dns sie von ihrer Mutter geerbt hatten, und banden die Garben, dann teilten sie das Gewonnene in zwei gleiche Haufen und ließen die Garbenhaufen auf dem Felde, für jeden Bruder einen. Aber in jener Nacht sagte der jüngere Bruder zu sich selbst: „Niein Bruder hat ein Weib und Kinder zu ernähren, ist es gerecht, daß mein Anteil dem seinen qleicht?" Er schlich aufs TVcIt» hinaus, nahm von seine», Garbenhansen einige Garben und legte sie auf den Hansen des Bruders. Aber in der gleichen Nacht sprach der Bruder zu seinem Weibe: „Mein Bruder ist jung und nllein: wenn er, den keine Gefährtin tröstet, gleiche Arbeit wie ich geleistet hat, sollte ihm größerer Aufwand möglich sein; ist es gerecht, daß er, den keine Kinder erfreuen, nur so viel von der Ernte erhalte wie ich?" Und der ältere Bruder schlich sich hinaus aufs Feld, nahm Garben von seinem Haufen und fügte sie zu den, Anteil seines Bruders. Am nächsten Morgen aber waren die beiden Habfen wieder ganz gleich, denn was der eine hinzngefügt, hatte der andere fortgeuommen. Jeder der Brüder prh die Hansen mit Erstaunen an: „In wenig habe ich dem Bruder gegeben," sagte jeder. „Ich warte wieder die Nacht ab und bringe ihm. mehr." Sie taten es beide, so waren auch nach dieser zweiten 'Nacht die beiden Hausen gleich. Tie dritte Nacht kam, wieder schlich ern Bruder zum Haufe» des andern, schwer gebeugt unter den Garben, die er ihm heimlich scheute» wollte. Ta begegneten die beiden einander in der Tunkelheit und "erkannten, wie sie beide den gleichen guten Gedanken gehabt. Tas Volk aber sprach: „Tas Feld, auf dem zwei Prüder jo gute Ernte zu batten wußten, wll geweiht sein, hier und nicht anderswo erhebe sich Gottes Ijeilige Stätte!" Und Salomo, ^ohn Tabids, baute ans diesem nämlichen Feid seinen Tempel; und nachdem ward dort die Moschee Omar-el-Sakara gebaut; sie ist so heilig, daß selbst ein «»gläubiger Ehrist oder Jude, betet er dort, von Allah Erfüllung erhallt: n> l r aber zweifellos Böses gegen die Muselmanen uno den Islam erstehen wurde, sträuben sich die Nechtglünbigen sehr, ihn dort eintreten zu lassen. Insofern hat sich die Brüderlichkeit zu Iernsaie», entwickelt, auf dem Feld, wo Bruder und Bruder einst gemeinsam die gute Ernte hielten. Sb die Getreidefelder, ans denen später der Pölkerbundspalast bock Gens, der Friedenspalast vom Haag nnd die Spiegelgalerie von Versailles erbaut worden find, ob sie zu heiligen StcitSn gemacht wurden, weil dort jemals während der Ernte ein Bruder gerecht oder gut gegen seinen Bruder gewesen ist, davon wissen die alten Sagen der Araber nichts zu berichten.

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