Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1921)
- Date
- 1921-09-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Bette 4. No. 86. Der Israelit. 8. September 1881 lästinas. Mit diesen Waffen — und nur mit diesen gingen wir in den Kampf für unsere Anerkennung, als eine Nation, deren Ansprüche beim Friedensschluß ein Anrecht auf Berücksichtigung hätten, und mit dielen Waffen siegten wir. Das Ergebnis war die Balsoursche Deklaration, die Bestätigung dieser Deklaration durch die Verbündeten Regierungen, ihre Aufnahme in den türkischen Friedensvertrag und die Annahme eines Mandats für Palästina durch Großbritannr'en mit der ausdrücklichen Verpflichtung. die jüdisch-nationale Heimstätte zu errichten. Die Balfoursche Deklaration für sich — darüber seien wir uns klar — bietet uns nur die Möglichkeit, unsere Frage zu lösen, sie ist kein fertiges nationales Heim sic ist nur die Grundlage eines nationalen Heinis. Wenn Sie versucht sind, darüber zu klagen, das; auf der Grundlage der Deklaration nicht mehr geschaffen wurde, so vergessen Sie nicht das; der nahe Orient noch in ständiger Unruhe ist, daß der Ariedensvertrag mit der Türkei noch der Ratifizierung harrt, das; das Mandat noch nicht unterzeichnet ist. Diese Tatsachen beherrschen die Situation. Wir haben nicht ausgehört und werden nicht aufhören, aus die -Schaffung solcher Bedingungen zu dringen, wie wir sie in Erez Zisroel zu erwarten berechtigt sind. Ich vertraue darauf, das; wir Bedingungen erhalten, welche die Möglichkeit fruchtbringender Arbeit sichern. Die britische Regierung hat uns ihr Wort verpfändet, in voller Kenntnis der Verantwortungen und der Schwierigkeiten, die dies mit sich bringt. Die brit-sche Regierung will ihr Wort halten, davon sind wir überzeugt, Zu einer Welt, in der so vieles int Fluß ist, steht das Fundaiueut unseres nationalen Heims unerschüttert, vergessen Sie aber nicht, daß einstweilen noch keine gebahnte Straße nach Erez Jisroel führt. Wir dürfen nicht im Rückschlag nach übertriebenen Hoffnungen geringschätzen, was wir bereits auf diesem Fundamt gebaut haben und noch bauen. Die Einwanderungsbeschränkungen und die Schwierigkeiten, die unseren Unternehmungen manchmal in den Weg gelegt werden, geben uns manche harte Nuß zu knacken. Selbst heute, mehr als ein Jahr nach dem Beschluß von San Remo, tritt die dunkle Seite des Bildes noch scharf hervor und ich habe n.icht die Absicht, seine D ü st e r k c i t z u l c n g >: e n oder li lt r z it v erschleie r n. Aber unsere Arbeit geht vorwärts. Unsere Ehalnzim haben dem Jischuw \inb dem Lande .US Ganzem ein Element der Kraft zugeführt. Der Kongreß wird Pläne für eine Erweiterung unserer Koivnisationsarbcit beraetn und beschließen für die Festigung unserer bestehenden Siedlungen und für die Schaffung neuer Kolonien ans dem kürzlich in Nordpalästina erworbenen Boden. Ein großzügiges Projekt für die Bewässerung und der Plan zur Ausnützung der Wasserkräfte, wodurch eine stattliche Zähl jüdischer Arbeiter beschäftigt werden wird, nähert sich der Verwirklichung. Eine Hhpothekenbank ist in Bildung begriffen die das Tempo der städtischen Kolonisation und die Bautätigkeit beschleunigen wird. Der Kongreß wird den weiteren Ausbau unserer Finanzinftitute in gründliche Erwäguna zu ziehen haben. Ein ärztliches Lehrinstitut im Rahmen unserer geplanten Universität wird hoffentlich bald Tatsache sein. Wirbedauern auf das tiefste, daß wir zurzeit noch einen Teil der arabischen Bevölkerung zu den widerstrebenden Mächten rechnen müssen. Unsere Politik gegenüber den Arabern ist klar und geradlinig. Wir wollen kein Jota der uns durch die Balsoursche Deklaration gesicherten Rechte preisgeben und die Anerkennung dieser Tatsache durch die Araber ist eine wesentliche Vorbedingung für die tzerbei- » befriedigender Beziehungen zwischen Juden rabern. Ihre einstweilige Weigerung, diese Tatsache anzuerkennen, zwingt uns, auf Mittel zu sinnen, durch die wir unseren Jischow am besten gegen einen Angriff schützen können. Selbstschutz ist eine elementare Pflicht, aber wir proklamieren auf das feierlichste und unzweideutigste, daß wir keinen Gedanken an Angriff in unseren Herzen hegen und keine Absicht haben, die legitimen Rechte unserer Nachbarn anzutasten. Wir hoffen aus eine Zukunft, in der Juden und Araber in Palästina nebeneinander leben und gemeinsam für das Gedeihen des Landes arbeiten werden. Nichts wird dieser Zukunft im Wege stehen, wenn erst unsere Nachbarn einsehen, daß uns unsere Rechte ebenso heilig sind wie ihnen die ihren. Wir dürfen hoffen, daß daß amerikanische Judentum sich der schweren Verantwortung bewußt ist. die aus ihm ruht. Für jene Juden, die heute außerhalb der zionistischen Organisation stehen, ist auf dem Gebiete praktischer Tätigkeit in Palästina sowie kultureller und erzieherischer Arbeit ein weites Feld vorhanden, auf dem gemeinsames Wirken möglich sein wird. Wir sehen im Keren Hajessvd das Instrument des nationalen Willens zum Wiederaufbau Palästinas, aber wir verstehen. das; nicht alte Juden ebenso wie wir anerkennen, wie nötig ein einheitlicher Ausdruck des nationalen Willens ist. Wir sind bereit, zuzugeben, das; mehr als ein Weg nach Palästina führt, und es ist nicht unser Wunsch, andere Wege für jene zu sperren, die nicht den unseren sehen wollen. Trotz aller Schwierigkeiten steht eines fest: Unsere Organisation ist heute viel stärker als je zuvor. Der nationale Wille lebt und wirkt in weiten schichten unseres Volkes. Ernst und feierlich ist die Stunde, in welcher der Kongreß feine Beratungen beginnt. Es ist mein heißer Wunsch, daß er sich der Verantwortung gewachsen zeige, die aus ihm ruht. Sokolow hielt eine mehr ins allgemein- Jüdische gehende zweite Eröffnungsrede. Unter den folgenden offiziellen Begrüßungsansprachen erregte am meisten Interesse diejenige des englischen Gesandten in Prag, Clark, der den Wortlaut der Balfour-Erklärung wiederholte. Zum Kongreßpräsident en wurde Sokolow gewählt. Nach dem Bericht des Mandat-Ausschusses sind 440 Delegierte anwesend, die rechnerisch 765955 Wähler vertreten. Der Mtsrachi hat über 100 Delegierte, - die ltnksradikale Arbeiterpartei ebenfalls etwa hundert. Da Mtsrachi und Arbeiterpartei die einzigen organisierten Fraktionen waren, so hatte der erstere das Präsidium für sich beansprucht. Dies ist jedoch durch die Neubildung einer neuen Fraktion, der „Arbeitsgemeinschaft allgemeiner Zionisten" unter Führung Strickers vereitelt worden. Dieser Block ist mit 250 Mitgliedern nunmehr die stärkste Partei und wird wohl die Beschlußfassung in allen entscheidenden Fragen bestimmen. In der Nachmtttagssitzung begann die politische Generaldebatte, eingeleitet durch eine großangelezte, anderthalbstündige Rede Julius Simons. der Zuversicht und messerscharfe, eisenharte, uotgeborene Kampfesrufe. Herzliche Begrüßungen durch die Vertreter des Verbandes bayr. jüdischer Gemeinden, der KultuSgemeinde Nürnberg, der Adaß.Iisroel-Gemeinde, des Zentralvereins, besonders bemerkenswert ist die Begrüßung des Herrn Rabbiners Dr. Freudenthal, der unter lebhaftem Beifall die Solidarität der geistigen Arbeiter und insbesondere die innige Interessengemeinschaft zwischen Rabbiner und Lehrer betont und die Nürnberger Verhältnisse als ein Bild gesegneter Zusammenarbeit schildert, am Vorstandstisch der breitschultrige, willensstarke, nimmermüde Mann mit der überlegenen Ruhe einer begnadeten Führernatur in meisterhafter Bollendung der Rede. Geschäftliches und Ideales zu einem bunten, künstlerisch nachahmenswerten, fesselnden Gesamtbild gestattend. Was uns da Dingfelder in einem kleinen Auszug seines Wirkens für den Verein und für die jüdische Allgemeinheit bot, das läßt ahnen, welche Fülle von Arbeit er mit seinen treuen Freunden aus unseren Rethen geleistet hat, deren Ergebntffe wir froh als die „unseren" buchen. Mit einer Kundgebung des Dankes für die idealen Gründer des „Verbandes bayr. isr. Gemeinden", insbesondere für den hochherzigen, verehrten Präsidenten Herrn Oberlandesgerichtsral Dr. Neumayer leitet er seinen Tätigkeitsbericht ein, die zahlretchen Zuhörer ernst stimmend, als er mit Worten tiefer Ergriffenheit des verewigten Mitgliedes Leo Hecht *>"87 gedachte. Mit einem warmherzigen Appell mitzuarbeiten an den Bestrebungen des Vereins und an den Aufgaben des Judentums schloß er unter begeistertem ehrlichem Beifall. Bon ernster Arbeit und treuer Liebe zu den Kollegen zeugten auch die zahlreichen — meinem Em- -finden nach viel zu zahlreichen — anderen Referate. Daß die Stimmung bald ernster und ernster wurde und die Herzen sorgenschwerer schlugen — was will es heißen gegenüber dem Idealismus der Führer, der Opferbereitschaft der Kollegen, die sich in der fast einmütigen Annahme folgenschwerster Entschlüsse zeigten? Wer da glaubte, daß nun eine Zeit beschaulicher Ruhe gekommen sei, in der Juda und Israel behaglick unter dem Feigenbaum und dem Weinstock fitzend, die Früchte ihrer Arbeit genießen könniem, dem zeigten die Verhandlungen, daß der Zeiten unbarmherzige Not noch mehr der Sorgen uns gebracht hat. Gebe Gott, daß wir sie glücklich bezwingen können! Und so gingen wir ernst nach Hause und doch glücklich, ob der einmütigen idealen Begeisterung unserer Freunde, ob des Mutes auch der Alten und des arbeitswilligen, bildungsfreudigen Strebens der Jungen bereichert durch manche geistige Anregung und den Koffer beschwert mit manchem gutem jüdischen Buche aus VulkaS wertvoller Ausstellung, mit dem Wunsche des Vorsitzenden: Leschonoh habooh be Würzburg. Blum, Jchenhausen. «Berlin—Palästina in 7 Tagen.) Durch die Neuorganisation der Eillinie Triest—Alexandrien ist es gelungen, den Reiseweg nach Palästina wesentlich abzukürzen. Nach dem letzten Fahrplan der Berliner Niederlassung der „Maawirim", Jüdische Reise- und Transportgesellschaft in. b. H.. kann man Berlin am Mittwoch abend um 5.54 verlassen und bereits am Freitag früh Triest über München — Salzburg erreichen. Jeden Freitag mittag verläßt der Eildampfer den Hasen von Triest, um am Montag nachmittag Alexandrien anzulaufen. Am nächsten Tage kann man den Zug nach El Kantara und von dort weiter nach Palästina benutzen, wo der Zug in Haifa am nächsten Nachmittag üm 5.05 Uhr eintrifft. — Vom Kostenpunkt wird nicht gesprochen. Karlsbad, 4. September. Nach Simon, der großen Eindruck machte, aber den festen Willen des Mehrheitsblocks, Wetzmann zu decken, nicht erschüttern wird, sprach M. Berlin für, den „Mtsrachi". Er tadelte, daß man in Amerika den Empfindungen der religiösen Juden nicht genügend Rechnung getragen habe. Aber man konnte trotzdem nicht einmal die Reichen heranztehen. Lord Rothschild's Erfolge für den Keren Hajeßod in Amerika ständen nur auf dem Papier. In Palästina sei es so weit gekommen, daß man eine Organisation zum SchutzedesSabbats gründen mußte. Palästina muß jüdisch bleiben in Tat und Geist, ein heiliges Land. Dr. Thon.Krakau und Aellin erwiderten und befaßten sich mit den Kulturfragen. Martin Bub er entwickelte in meisterhafter Pointierung seine bekannten Anschauungen über Erziehung und Diplomatie. Er beantragte namens der Arbeiterparteien folgende Resolution zur Araberfrage: „In dieser Stunde, in der zum ersten Male wieder nach acht Jahren der Trennung die Vertreter des selbstbewußten jüdischen Volkes, sich versammelt haben, sei von neuem vor den Nationen des Abendlandes und jenen des Morgenlandes erklärt, daß der starke Kern des jüdischen Volkes entschlossen ist, in seine alte Heimat zurückzukehren, um in ihr ein neues, auf unabhängiger Arbeit begründetes Volksleben aufzubauen, das als organisches Element einer neuer Menschheit wachsen und dauern soll. Dieser Entschluß, den Geschlechter unserer Pioniere durch ihr Leben und Sterben bekräftigt haben, vermag keine irdische Macht zu erschüttern. Jede Gewalttat, die um seinetwillen uns angetan wird, setzt der Urkunde unseres nationalen Willens ein Blutsiegel auf. Aber dieser nationale Wille ist nicht gegen eine andere Nationalität gerichtet. Das jüdische Volk, seit zweitausend Jahren in allen Ländern eine vergewaltigte Minderheit, wendet sich nun, da es wieoer als Subjekt seiner Geschicke in die Welt- I geschichte eintrktt, mit Abscheu von den Methoden des Herrschaftsnattonaltsmus, dessen Opfer es so lange war." (Stürmischer Beifall.) Oberrabbiner C h a j e s suchte zwischen Simon und Weizmann zu vermitteln, wandte sich jedoch scharf gegen Br and eis, der nicht das das Recht habe, dem .jüdischen Volke seinen Willen aufzuzwingen.! Samstag fand Festgottesdienft in derSynagoge < mit einer nationalistischen Predigt Dr. Zieglers statt. DerPerm an en zausschuß wählte Stricker | Wien und Soloweitschi k-Kowno zu Präsidenten.' (Fortsetzung folgt.)' Lomsponarnren u. Nachrichten. Deutsches Reich, ver Reichsbanner über Walter Rafhenau. I Werkirr, 4. September. In einer äußerst eindrucksvollen und warm- > herzigen Rede, die der Reichskanzler, Dr. Wirth/ heute in der Groß-Berliner Zentrumspartei hielt, wandte er sich scharf gegen die antisemitische Verhetzung und gegen die Schmutzwellen, die von dieser Seite unausgesetzt gegen die verdientesten Männer des öffentlichen Lebens in Deutschland herangewälzt werden. Der Reichskanzler sagte unter anderem: „Ich habe bei der Zusammensetzung meines Kabinetts nicht nach der Parteistellung gefragt,' ich habe mir die tüchtigsten Leute geholt, wo ich sie finden konnte, darunter einen Mann, der nnt seinen Ideen und Anschauungen seiner Zeit weit vorausgeeilt ist, der ein ungeheures Einkommen