Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1921)
- Date
- 1921-09-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450138-2450173--69202-2526372- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
8. September 1921. Der Israelit. Nr. 36. Site 3 anschauungsschulen beantragen können, die den Erziehungsberechtigten ihre Gewissensfreiheit gewährleisten. IV Wenn die hier kurz angedeuteten Forderungen bet der bevorstehenden Beratung des Reichsschulgesetzes zu Artikel 146, Abs. 2 der Reichsverfassung in der einen oder andern Form Berücksichtigung finden sollten, dann wäre unter der Herrschaft des neuen Schulrechtes eine gedeihliche Entwicklung des jüdischen Volksschulwesens zu erhoffen. Denn man darf mit Sicherheit annehmen, daß an und für sich^d,erWftn.sih zur Errichtung jüdischer Bekettntnisschüken.aus autzere'N^ und inneren Gründen in den weitesten Kreisen der deutschenLudenheit in ganz anderer Weise zur Geltung kommen wird, als dies vor dem Kriege der Fall war. Dazu trägt sowohl der fortgeschrittene KonzentrattonLprozeß innerhalb des Judentums, die allgemeine Zeitstimmung mit ihrer religiösen Tendenz, der wachsenee Antisemitismus, als auch vor allem die Beseitigung der Vorschulen bei, die. , auch die sozial höher stehenden jüdischen Kreise ohnedies zwingt auf den Wunsch zu verzichten, ihre Jugend von vornherein mit den Kindern der höheren Beamten, der Großgrundbesitzer und feudalen Millionäre in wohltätige Berührung zu bringen. Freilich dürfen wir nicht darüber im Unklaren sein, daß in den öffentlichen Bekenntnisschulen der ganze Lehrplan mit seinen vom jüdischem Standpunkte aus lächerlich kleinen Dosen von „Religionsunterricht" unseren Kindern r. immermehr diejenige Grundlage an biblisch-talmudischem Wissen^MLewähren vermag, auf der sich eine wahrhaft'bübische ÄKung im'Sinne der Thauro zu entwickeln vermag/ "Dieses Ziel ist eben nur im Rahmen von völlig freien, durch staatliche Lehrpläne nicht gehemmten und eingeengten Talmud Thor aschulen zu erreichen. Wäre es auch nur um der Kinder der ostjüdtschen Ausländer willen, die dem Schulzwang nicht unterliegen, so würde es sich wahrlich verlohnen, daß die berufenen Kreise der Gründung solcher Talmud Thoraschulen ernste Aufmerksamkeit widmeten, Schulen, in denen die jüdische Wissenschaft, die in Thora, Mischnah und Talmud niedergelegte, wurzelechte jüdische Kultur den Haupt teil des Unterrichtsstoffes ausmachen, während in einem täglich zweistündigen Unterricht in Schreiben, Lesen, Rechnen und Realien den Kindern die Elemente auch der modernen Kultur beigebracht würden. Das Thema verdiente eine besondere Behandlung und wir sind gerne bereit, die Spalten des „Israelit" dazu zur Verfügung zu stellen. Wocheimmdschau. Der «»katholische Bischof. Daß das deutsche Zentrum der Traditionen seiner großen Führer eingedenk ist und sich auch von populären Zettströmungen nicht verhetzen läßt, hat der Frankfurter Katholikentag mit einer Klarheit dargetan, die diesem ebenso zur Ehre wie Deutschland zum Glücke gereichen muß. Es zeigte sich dieses am deutlichsten in den öffentlichen Versammlungen von Dienstag, da im «rrymUMd; im. Schumanntheater u. a. über eit, Autoritär'und Kirche" gesprochen wurde. Während im ersteren Saal der deutsche Weihbischof Sproll sachlich und vornehm von der Autorität der Kirche sprach und von dem von ihr ausgehenden Quell der Liebe, erging sich im anderen Saale Bischof Ottokar Prohaßka von Stuhlweißenburg in Ungarn in wüsten Schmähungen gegen das Judentum und die jüdischen Presse, die den Bolschewismus verbreite usw. Es lag nicht in der Taktik der auf ruhige, im Geistigen sich bewegende Verhandlungen eingestellten Leitung, diese Entgleisung gebührend zurückzuweisen. Aber es klang doch wie leise Ironie und war sicherlich auch als feine Abfuhr gedacht, als der Präsident, Geheimrat Dr. Held, in seinem Dankensworte die Grundgedanken der Tagung in die Formel faßte: ,)Volks- und Vöikerversöhnung! Gegen den unchristlichen Nationalismus! Praktische Nächstenliebe!" Am Sonntag vorher stellte Pfarrer Rasch unter dem Jubel der Zehntausende im Hippodrom den Grundsatz auf: „Der Antisemitismus ist unkatholisch und unchristltch!" Was ist sonach der Herr Bischof, der in Deutschland ungarischen Antisemitismus predigt? -.Wem dient die Soivjet-Resiernns?" Zu den eifrigen Lesern des „Israelit" gehört das — inzwischen verbotene — antisemitische „Deutsche Wochenblatt". Es hat in Nr. 14 unseres Blattes gelesen: „In ganz Rußland sind mit Genehmigungund Hilfe der Sowjet-Behörden jüdische Selbstschutz-Verbände gegründet und mit Waffen versehen worden. Das russischeVolk dagegen ist entwaffnet. (Dieser Satz wird so kunstvoll in das Zitat htnetnprakttziert, als stammte er ebenfalls von uns.) Diese kräftige Abwehr hat nach Aussage der jüdischen Delegierten bereits eine merkliche Abnahme der Ausschreitungen gegen die Juden zur Folge gehabt." Diesen Sätzen hängt das „Deutsche Wochenblatt" folgende Bemerkung an: „Während sich für das verhungerte russische Volk keine Hand rührt, sind in den letzten Monaten fünf Schiffe mit Lebensmitteln und Kleidungsstücken ausschließlich für die russischen Juden von New-Nork abgegangen. — Gleichwohl erzählt die Judenpresse in Deutschland nach wie vor das Märchen, der Bolschewismus habe mit Judentum nichts zu tun, und die Juden in Rußland litten ebensolche Not wie die anderen. Die Sache ist so: Auf dem Lande dürfen sich Juden nicht mehr blicken lassen; ln den Städten wird das Letzte vorweg den Juden zugewiesen,' was sonst noch fehlt, liefern die Rassegenoffen in den Vereinigten Staaten. Und um sie vor der Volkswut zn schützen, liefern die Sowjet-Juden Waffen — klarer kann der jüdische Bolschewismus mcht bewiesen werden. —" Wieso die angeblichen Schiffe mit Lebensmitteln und Kleidungsstücken aus Amerika den jüdischen Bolschewismus beweisen, bleibt Redakttonsgeheimnis des „Deutschen Wochenblattes". Die Sache ist aber soAuf dem Lande in Rußland, wo es mit der Ernährung verhältnismäßig gut steht, wohnen keine Juden, diese hungern in den Städten mit den anderen Bewohnern. Wenn von Amerika Lebensmittel kommen, rührt es zumeist von jüdischen Spenden her, verteilt wird es aber an Alle. Und es hat sich sogar jetzt herausgestellt, daß den Juden Rußlands von jüdischen Phtlantropen in Amerika zum Zwecke der Mazzozubrreitung zugedachte Mehlquanten der allgemeinen Verteilung verfielen. Und wenn die Juden in der Ukraine sich gegen Ermordung zur Wehr setzen und ihre Frauen vor Schändung irgendwie zu schützen suchen, nimmt es ihnen das „Deutsche Wochenblatt" sehr übel und sieht in dem Umstande, daß die Sowjetregierung sie darin unterstützt, den besten Beweis für den „jüdischen Bolschewismus". — Klarer kann die Wahlverwandschaft der FederheldHN des „Deutschen Wochenblattes" mit den ukrÄnffchen Pogromhelden nicht bewiesen werden. Der zwölfte Zionifienkongreß. Kartsöad, 1. September. Unter ungeheurem Andrang wurde der Kongreß heute Morgen eröffnet. Wetzmann hielt, stürmisch begrüßt, in hebräischer Sprache die Eröffnungsrede, aus der wir die wichtigsten Stellen im Folgenden wiedergeben: Es ist acht Jahre her, seit wir zuletzt zum Kongreß zusnnnnentraleil. Jahre schicksalsreicher Wandlungen im Loben der Nationen. Sie waren nicht weniger bedeutungsvoll für das jüdische Volk. Der Weltkrieg erschütterte unser ganzes Werk in seinen Grundfesten, die Existenz unserer Organisation war bedroht und wir mußten alle Kräfte ausbieten, um aus dem Zusammenbruch zu retten, was noch zu retten war. Wir hatten nichts als die moralische Kraft unserer Idee, unser historisches Recht, unsere unerschütterliche Treue zu Zion und den HiuwelS aus unsere bisherige Arbeit für die Wiederbelebung Pa- Schmitlen (Taunus). Hier läutet keine Elektrische, ertönt kein Pstff der Lokomotive; hier ist keine Beobachtungsstation für das Fallen und Steigen unserer papiernen Mark! — O könnten wir in dieser waldumrauschten ,.ir miklo.t^ verweilen „ad maus hakohen hagodaul". Hier könnten die Nerven gesunden; hier könnten Körper und Geist wiedererlangen die alte Spannkraft, die, ach, so bitternotwendig ist im Kampf um's Dasein da draußen in der Welt. — Deine dunklen Wälder, deine saftigen Wiesen, deine himmelanstrebenden Berge, dein murmelndes Bächlein machen Dich zum Paradies, o Schmitten! Nur die Wespen erinnern zuweilen mahnend, daß auf der Erde man sich befinde. Doch auch sie, denen der Ällgütige eine Mission übertragen, wären nicht so häufig vorhanden, wenn der delikate Schabbos Nachmu-Kuchen sie nicht gelockt hätte. Wer kann es der Wespe verargen, daß auch sie — wie jeder andere — die „Konjunktur" ausnutzt?- Die Sonne, die „wie ein Held ihre Bahn durchläuft", mild lächelnd tagsüber schaut auf die in der Hängematte, auf der grünen Wiese, auf weichem Moose Ruhenden, nähert sich dem westlichen Horizonte. Sabbatnähe. — Hasten und Rennen in Zimmern und auf den Gängen. Es gilt, die letzten Vorbereitungen zu Hessen, sich zu schmücken zum Empfange der „Braut" Israels.^ . Ws „Schülchen" in Schmitten, außen und innen (durch die Güte Frankfurter Herren) würdig gehalten, mit elektrischer Beleuchtung versehen, faßt kaum die Beterschar. Unter ihnen verschwinde» die Kehtlloh, die wie die Sederschüffel nur einen Koben, einen Lewi und einen Jisroel aufweist, gänzlich. Ist daher die «aison vorüber, so mutz das heute auf seine Beterschar so stolze Schülchen einsam als Männlein im Walde j dastehen, bis die Schwalben wiederkommen und mit ihnen die Kurgäste .... Ein Kantor aus Hamburg läßt seine Stimme erschallen. Mächtig antwortet iijm bie Beierschar „lecho dodt likras kalloh." Es ist ein Lecho dodi des Altmeisters Japhet Kein Wunder, daß er ganz besonders feurig und mit Begeisterung erklingt. Oben in der Frauenabteilung befindet sich eine Enkelin (eine liebenswürdige Dame aus Frankfurt) des so beliebten Komvonisten. Schabbos Nachmu-Stimmung . . . Im Restaurant liegen vor dem Teller jedes Mannes die „beiden Brote", steht der Wein. Einer nach dem andern macht Kiddusch; er fühlt neben seiner Esches chajil sitzend, sich zu Hause im trauten Heim . . . Der Schir hammalaus nach dem Mahle erklingt freudig aus allen Speiseräumen von 3—1 Parlieen, in den verschiedensten Melodien, auch zionistischer. An unserem Tische wird ein Japhetscher gesungen. Im Morgengottesdienst leient ein Hamburger Rechtsanwalt in einer Weise, wie es wohl korrekter und schöner nicht geschahen kann. Das „Nachmu, nachmu ammi!" klingt froh und verheißungsvoll . . . Ja, wir bedürfen in dieser bösen Zeit des doppelten Trostes. Der Herr wird ihn uns zuteil werden laffen; er wird uns „nahe sein", allezeit, wenn nur wir ihn' „anrufen in Wahrheit!" — , Der Regen tagsüber vermag keine trübe Stim- - mung aufkommen zu lassen: Ach, er ist jafür die dürstende Natur gar so sehr „b'itto" zur rechten Zeit, und es ist, ja „Schabbos nachmu", auf Regen folgt Sonnenschein. Minchohgottesdienst wird in tadelloser Weise von einem Frankfurter Kaufmann' abgehalten. „Doch der schöne Tag verrinnet" . . . Der Sabbatausgang-Goitesdienst vereint alle Gäste in den Sälen, ) die Frauen füllen die Gänge . . . „Die Kerze knistert und verlischt." In mächtigem Chor erschallt der Schlußgesang „Schir hammalaus" zum nächtlichen Himmel empor . . . Der Werktag hat begonnen.. Wieder ertönt das Klavier, Weichomru, Kol nidre werden intoniert, aber auch manch klassisches' Musikstück, manch fröhlich Lied erfreut das Ohr der dankbaren Zuhörer . . . Nachmu, nachmu ammi! — Tröstet, tröstet mein Volk! — Noch ist Israel nicht verwaist. Noch gibt es Männer und Frauen, die treu zur Thora stehen. Noch gibt es Orte, von denen wie von Zion „die Thora ausgeht" .... O schöner Schabbos nachmu in Schmitten! Stimmungsbild von der 40. Generalversammlung des isr. Lehrerverems für Bayern. Nürnberg, 24. August 1921. Die alte Noris! Vergangenheit und Gegenwart, beschauliche Höschen, stille Gäßchen, träumerische Winkel und daneben ratternde Auios, lärmende Straßenbahnwagen, rauchende Fabttkschiote, schönheitstrunkene, ferienfrohe Wanderer mit dem Stadtplan in der Hand, wie stille Eilande umbraust von der hastenden, um ihr täglich Brot sorgenden Menge des Alltags. Und drinnen im Saalbau des Lehrerheims, von dessen Wänden die ernsten, markanten Gesichter einstiger Führer des bayr. Lehrervereins herabschauen, eine gleich bunte, köstliche Mischung: Hoffnungsfrohe Jugend und kampferprobte Greise, stille Feste des Wiedersehens und bange Sorge des Lebens, Worte des Dankes und