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Der Israelit · 1921-09-01 · Heft 35 (1.9.1921) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 35 (1.9.1921)
Date
1921-09-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 35 des „Zsraelil". »2 Lchutz. i SBon Abraham Neisen. iAus dkm Jüdischen.) Vor zehn Jahren geschah es, etwa zwei Wochen vor Pessach. Ich wohnte zu jener Zeit in einer Stadt mit einer halb jüdischen, halb christlichen Bevölkerung. Es war ein milder Frühlingstag. Tie Sonne, obgleich noch nicht ganz sicher, vermochte doch bereits die Eisstücke an Dächern und Fenstern auftauen zu machen — und Tropfen langsam und gemächlich, wie befriedigt von der Berührung der Frühlingssonne, stürzten mit anheimelndem Ausschlag zur Erde nieder. An einein solchen Tag schmilzt auch das Eis im'Menschenherzen. An einem solchen Tage wird deine Seele von all den kleinlichen Wünschen und armseligen Begehren befreit. Ein großer Wunsch, ein reiches Begehren erfüllt dich ganz. Es ist dieses der Wunsch, sich in dem SM zu ergießen und eins zu werden mit aller Kreatur dieser Welt. An einem solchen Tage bist du lauter Liebe und Güte! In dieser gehobenen Stimmung kreiste ich ziellos — was doch zugleich der Ziele Höchstes bedeutet — von Straße zu Straße, von Platz 511 Platz. Menschen handelten und wandelten. Allein diesmal gefiel mir ihr Handel und Wandel. Die Sonne spielt am Himmel, und sie, ihre Kinder, spielen hienieden. Eigentlich sind sie ja allesamt Kinder, sogar der Jude mit dem langen, schwarzen Bart, der mit einem Korbe in der Harro dahinjagt, ist doch ein Kind, ein. bärtiges Kino, ein wunderliches Kind. Und dort der polnische Schliachtzitz (Edelmann) mit den weithin starrenden Kncbelbärten und den grauen Augen, oie unnahbaren Blickes aus alles herabzusehen scheinen, — ist doch ein Kind, ein Kind mit Knebelbürten, ein wunderliches Kind. Es ist zu lachen über die sonderbaren Kinderköpfe! So ging ich weit und breit und wußte weder wohin noch wozu. Draußen strahlte die Sonne, und drinnen in meinem Innern strahlte die Liebe. „Du bist doch ein lieber Mensch!" sagte ich schier zu mir selbst. Ich hielt mich kaum zurück. Genug, daß man derartig dummes Zeug denkt. Wozu noch laut aussprechen. So geriet ich bald in eine entlegene Gasse. Scheinbar eine gojische Gasse. Allein wer denkt an einem so schönen Frühlingstag an jüdische Gassen und nichtjüdische Gassen. In allen Gassen wohnen ja Menschen. Ich sah mich um und bemerkte vor einem kleinen Häuschen, in der Torpsorte, ein armes christliches Knäblein im Alter von etwa drei oder vier Jahren. Bekleidet war es bloß mit kurzen Höschen. Aus dem schniutzig-zerfetzten Hemde lugte ein mit Schrammen bedecktes, hageres Brüstchen, und an einer Stelle kreuzten sich zwei blutverlaufene Schrammen, einem blutigen Kreuzlein ähnlich aussehend . . . Sein blasses Gesichtchen war verschmiert, er hatte offenbar eben geweint. Wie gesagt, es waren zwei Wochen vor Pessach. 'Allein in jenem Augenblick kam es nur völlig aus dem Sinn, daß ich Jude sei und daß wir zu Pessach Mazze essen. Geschweige denn, daß wir angeblich Blut zu Mazze brauchen, dies vergaß ich ganz. Was böse Menschen alles einmal ausgcheckt haben. Jetzt ist doch Frühling. Derartige Dummheiten können nur im j düstern, kalten Winter ausgeheckt werden. Allein im Frühling — wer wird da an dieses närrische Märchen glauben, wer daran denken? Es zog mich zum Jüngelchen hin. Wie arm er ist — dachte ich. In meinem Herzen rührte sich etwas. Ich gestehe, ich wurde damals sentimental. Ich trat aus ihn zu und streichelte ihm freundlich das Köpfchen. — Wie nennt inan Dich, Jungchen? Er schwieg. „Wie niedergeschlagen", dachte ich und machte mich daran, ihn aufzumuntern. „Möchtest du Süßigkeiten?" Er stand und sah mich unbefangen mt. Er schob sein schmutziges, dickes Fingerchen in das Mündchen und schwieg. Sein Schweigen ergriff mich noch stärker. Setze verschmiertes Gesichtchen und seine stummen Blicke packten mich. Ich zog eine Münze aus der Tasche und legte sie in sein Händchen. „Da, wirst Süßigkeiten kaufen . . .• Ja?" „In . . . schüttelte er nun das Köpfchen und begann zuerst mich, dann das Gelostück zn mustern. Er schien von beiden befriedigt zu sein. Und ihn nochmals streichelnd, machte ich mich in warmer, zufriedener uni) beglückter Stimmung fort. Bald aber vernahm ich Schritte Hinter mir. Folgt mir das Jüngelchen? Allein die Stimme, die mit den Schritten aus mich zukommt, hat einen so boshaft-kreischenden Klang. „Was wollen Sie vom Kinde?" Ich sah mich erschreckt um und erblickte neben mir eine hochaufgeschossene, hagere Frau mit grauen Augen.' Ich beruhigte sie: „Ich, was sprechen Sie . . . nichts.... tzl schöner Tag, 's Kind gefiel mir. Gab ihm eine Münze zum Spielen. Im Gegenteil..." Das Weib, offenbar die Mutter des Kindes, warf mir einen haßerfüllten Blick zu, sie riß dem Jüngelchen das Geldstück aus dem Händchen, und, es mir ins Gesicht schleudernd, kreischte sie mit heiserer Stimme los: „Ihre Güte kennen wir, kennen wir ganz genau . . . Scheren Sie sich und lassen Sie; daS Kind in Ruhe . . ." Und das Kind hastig beim Aermchen packeno, wovon es schmerzhaft' aufschrie, rettete sie es vor mir . . . Sie flüchtete sich mit ihm ins finstere Stübchen tief im Hose. Ich dachte nun an Pessach und au das dumme Märchen und machte mich auf und Davon. Pom Hofe erschallte eine schreiende .Kinderstimme. So schützt sie es vor bösen Menschen . . . Als ich am folgenden Tage wieder dieselbe Gasse passierte, traf ich das Kind nicht mehr. Sie hielt es bereits im düsteren Stübchen eingesperrt . . . Mflnger Vadebriese. V. KWrrgen, 1. August. Halten wir in der Sommerfrische unter den lieben Mitmenschen ein wenig Umschau, so drängt sich dem Freunde klarer Formeln wiederum die Vierteilung auf. Wir haben es, zumal auf größeren Badeplätzen, vornehmlich mit vier Gruppen zu tun. Ich heiße sie: (die Bezeichnungen aus der Zoologie sind wahrlich nicht bös gemeint) die Wölfe, die Brummbären, die großen Schweiger und die Typen. Die „Wölfe" gehören zum jüngeren Flügel der Gäste und rechtfertigen den Namen durch den von ihnen entwickelten herzerhebenden in Staunen setzenden Appetit. Es sind grundgesunde Menschen mit strahlendem ^Gesicht und stets lachender Miene, immer guter Laune, arglos . und nie empfindlich es sei denn, daß ihnen ein beliebter Bissen — und alle „Bissen" sind beliebt — vorenthalten wird. Aber das ist nicht gut denkbar. Denn die „Wölfe" stehen mit dem „Ober" auf „Du und Du" und ihre Beziehungen reichen sogar weit hinauf und hinunter bis zum Küchenchef . . . Sie wissen schon Tag vorher, „was es morgen gibt" und sie sind mit absoluter Sicherheit eine viertel Stunde früher bet Tisch, Wenns Gänsebraten oder was ähnlich Gutes gibt . . . Wenn sie gerade nicht lachen, dann pfeifen sie . . . Wenn die Sonne glüht und sengt, sagen sie: „was ein prachtvoller Himmel!" Und wenn es regnet: „was hat es so wundervoll abgekühlt!" . . . Die Musik ist immer gottvoll, auch wenn sie aus „Faust" ist und gerade den Dunst darstellt, in dem sich Mephisto aus dem Pudel entwickelt. . . Und stechen die Schnaken, so ist es Beweis für gutes, süßes Blut . . . Man darf ihnen ohne jegliche Gefahr gelegentlich etwas anbteten und abtreten, was man selbst nicht brauchen kann, und man tut überhaupt gut, sich mit diesen lieben Menschen zu halten. Man profitiert dabei für seine Gesundheit mehr als von allen Trink- und Badekuren . . . Den geraden Gegensatz bilden die „Brummbären" Es sind Leute, die „nicht zum Vergnügen" hergekommen sind und sie betonen es nicht mur bei jeder Gelegenheit, sondern sie lassen es auch jeden fühlen .. . Wer zu dieser Kategorie zählt, muß sich andauernd über irgend etwas ärgern, und wenn einmal ein Tag merkwürdigerweise ohne Aerger verlaufen ist, so ärgert er sich abends, daß er sich heute nicht geärgert hat. . . Er hat schlecht geschlafen — weil das Zimmermädchen kein Bert machen kann. Am Brunnen kommt es schon in aller Frühe zu einem Zusammenstöße mit Jemand, der ihm mit dem Glase zuvorkommt. Beim Frühstück ist der Tee zu schwach und das Ei hart . . . Die Badefrau hat das Bad wieder nicht warm genug gemacht und bei Tisch ist schon wieder der Platz besetzt, auf dem er zu sitzen wünscht und ist ausgerechnet d i e Speise von der Karte gestrichen, auf die er sich den ganzen Tag „gefreut" hat . . . Entweder wird man draußen bet der Hundehitze „gebraten" oder es „schüttet", daß man die Nase nicht rausstrecken kann . . . In der feuchten Luft der Saline hat er sich einen Kartarrh geholt, an dem er „sein Lebtag tragen wird . . Die Kurkapelle spielt wieder miserabel. Und geht er in den Wald, so sieht er nicht btc J Bäume und hört nicht die Vögel, sondern nur! die Wespen und Schnaken, die ihn „von Kops' bis zu Fuß vollkommen auffressen .. Solchen Menschen in den Weg zu kommen ist nicht ratsam (es sollte dies ärztlich verboten sein). Und ist es nicht zu vermeiden, so spreche man mit ihnen von ihrem „Knax", schimpfe über das schlechte Wetter und die noch schlechtere Politik und über alles, was ist und nicht ist. So kann man sich sie als Freunde erhalten . . . Ein Kapitel für sich bilden die „großen Schweiger" Es sind Leute, die, sehr korrekt, sehr fürnehm und sehr zugeknöpft, ihre stolze Reserviertheit auch ins Bad mitgenommen haben. Leute, die es auch in einigen Wochen Ausspannung nicht über sich bringen können, Mensch unter Menschen zu sein, deren Familienstolz (es ist freilich nicht die schlechteste Art von Stolz) so waschecht ist, daß er nicht einmal von Rakoczy und Kohlensäure für einige Zeit weggespült werden kann . . . Diese Herrschaften nehmen von der „Welt" keine Notiz, gehen auch ohne Gruß durch den Saal bis an „ihren" Tisch, der ihnen schon womöglich vom vorigen Jahre hec reserviert ist.- Und wehe, wenn sich jemand in dieses besetzte Gebiet wagt, ohne das doppelt: Visum der sozialen und gesellschaftlichen Gleich- Wertigkeit und Zugehörigkeit ... Es geht in der Regelsehr still und vornehm zu an diesem Tische, aus dem schon irgend ein äußeres Zeichen,

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