Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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1. September 1921. etn Blumenstock oder leuchtende Serviettenringe, die höhere Bestimmung angeben. Keine Brücke führt von hier zu den Anderen im Saale, es sei denn die Lorgnette, die einmal nach der einen, einmal nach der anderen Seite wie etn Scheinwerfer ausgeschickt wird . . . Diese gefährliche Waffe besagt schon, daß es vornehmlich die weibliche Seite ist, die hier Hüterin des Familtenadels ist. Das Männchen Pflegte in „schwachen" Momenten sich zu vergessen und sich zuweilen unter das Volk zu mischen... vollends sind es aber Söhnchen und Töchterchen, die das Ei dieses gesellschaftlichen Pietismus zu durchzucken suchen... Es verlangt die jungen Herzen nach Menschen, nach Leben... Dann pflegte es gelinde Szenen am „reservierten Tische" abzusetzen, wobei man Mutters strenge Stimme hören kann: „Aber Lolly oder Edgar, das darfst du ja nicht! . . ." Bleibt noch übrig, von den Typen zu reden. Das sind Leute mit Eigenart und Eigenleben, die ein paar eigene Striche verdienen. VI. Kifsingeu, 2. August. Bei der Suche nach Menschen von prägnantem .Eigenleben fällt der Blick zunächst auf die Rabbtnergruppe. Wenn wir von Gruppe sprechen, so darf man mit dieser Bezeichnung nicht etwa die Vorstellung einer bestimmten Geschlossenheit verbinden. Im Gegenteil, man sieht sie selten beisammen. Aber auf den Namen Rabbiner hören sie alle, von dem Chassidimrabbt mit seinem jugendlichen Gesichte im dichtschwarzen Bartrahmen, über den zu beiden Seiten sich zwei dünne Ringellocken wie zwei Schraubenzieher schlängelten bis zum behäbigen Herrn mit dem scharfgeschnittenen klugen Gesichte, der in hellgestreiftem Rocke und hutlos in den Kuranlagen dahergeht und mir als der Prediger am Johanntstempel zu Berlin bezeichnet wird) obwohl der Weg zwischen den beiden jo weit wie von einer Welt bis zur anderen. .. Zwischen diesen beiden Extremen sieht man alle Schattierungen: den galizischen Rabbiner mit dem wallenden ergrauten Barte, asketischem Gesichte und scharfblickenden suchenden Augen, der, seitdem der Krieg seine Gemeinde zerstört hat, ein Flüchtlingsleben in Wien fristet) den litauischen „Row", stolz, sauber, aufrecht, vollerWitz und Geist, der klug und ohne besondere Gestikulationen svricht und in fünf Minuten hundert Beweise aus Thora und Talmud für Einheit und Frieden anzuführen weiß . . .) den vornehmen, etwas steifletnigen Oberrabbiner einer orthodoxen Gemeinde Norddeutschlands, übrigens bekannter Thora- Lehrter) die kleine Gestalt eines anderen belmnten orthodoxen Rabbiners und politischen Führers in Bayern) Rabbiner aus Mittel- und Ganzreformgemeinden, solche die ihre Gesinnung nur durch Stock und Schirm am Sabbat andeuten und solche, die durch den fehlenden Hut an Wochentagen schon zeigen, wie frei der Kopf von allen Voraussetzungen, Vorurteilen und Bindungen sei . . . Und wie die Sterne am Himmel wandelt jeder seine eigene Bahn . . . Selbst unter den Langröcken sieht man nur selten zwei beisammen. Aber der schwarzbärtige „Rebbe aus Kalisch" mit den stets lächelnden Jünglingsaugen spricht jeden freundlich an und reicht jedem die Hand Ml Gruße. Er hat für jeden und für alles das richtige Wort, das er unverdrossen auch denen sagt, die es nicht verstehen . . . Auch der Rakoezy und seine mannigfache Wirkung steht irgendwo im Posuk oder im Sauhar . . . „Wie meint Ihr, Mird sie heute abend stehen?" sorgt er sich mit LVunzelter Stirn. Was, auch der Rebbe unter den Valutalpekulanten, der sich um den Stand des Franken oder der Mark in der Abendbörse kümmert? „Wir wollen heute abend die Lewonoh mekadesch sein, mit Minjan", erklärt sich der Rabbi weiter, „wie wird sie stehen? . . ." Einmal in der Woche sieht man auch den Herrn Prediger aus der Johannisstraße am Brunnen in feierlichem Schwarz — am Sonntag Der JSraelit.__ vormittag nämlich. Das unbedeckte schöne Haupt etwas nach vorne gebeugt, geht er gemessenen Schrittes und in Gedanken versunken, mit dem Glase in der Hand, als wäre es ein Gebetbuch. In seinen Ohren mögen Orgelakkorde brausen und in Gedanken geht er nun feierlich die heiligen Stufen hinunter, um das Wort der Schrift zu verkünden — an die zwei Synagogendiener, die zwei Cantoren, den diensttuenden Vorsteher und die zwei von Neugierde hergetriebenen Bachurim aus Polen die den Raum „füllen" ... Er fährt pathetisch mit dem Glase aus, und stößt auf den wallenden Kaftan des Rabbi aus Kalisch, dem er beinahe auf die Füße tritt. „Verzeihung!" „Seid mäuchet!" Es dürfte zum erstenmale gewesen sein, daß sich diese zwei Männer menschlich näher traten .. . Neben den Rabbinern sind es die Oberkant o r e n, auf die Kissingen besandere Anziehungskraft ausübt. Ich sah hier Oberkantoren allen Alters, Oberkantoren mit schwarzen Rundbärten, blonden Spitzbärten, mit gefärbten Bärten, Graubärten und gar keinen Bärten, Oberkantoren, die ausgesungen haben und solche, die anhaltend vor sich herträllern und einen mitten im Kurgarten am Rockzipfel fassen und ihm ein Stück aus „atto niglesso" Vorsingen .. Es ist im allgemeinen eine Wonne, mit diesen Herren zu verkehren. Es sind durchwegs liebenswürdige Menschen, gute Esser und auch daher stets in bester Laune. Selten nur kommt ein böses Wort über ihre Lippen — dieweil sie immer nur von sich und ihrer Kunst sprechen . . . '(Fortsetzung folgt.) Ainderecke. Radbenu Tam. (du feiner 150 Jaftrjeif.) Jeder Jude, der sich im Talmud auskennt, kennt den Namen des Rabbenu Tam, des großen Tossafiten. Wo und wie dieser Große gelebt hat, darüber wird den jungen Lesern eine kleine Abhandlung willkommen sein. Rabbi Jakob, Sohn des Rabbi Meir aus Rumruk, war ein Enkelkind von Rabbi Salomon Jizchakt, dem großen Raschi. Seine Mutter war die Tochter dieses großen Mannes und sein Vater, Rabbi Meir, war sein Schwiegersohn. Rabbi Jakob hatte zwei Brüder. Rabbi Samuel und Rabbi Jtzchak. „Raschbam" und „Riwom" genannt. Zu ihnen kam noch ein Verwandter, Rabbi Jizchak, Sohn Aschers Halevy aus Speyer. Diese Männer bildeten zusammen die erste. Generation der Tossafiten. Zur damaligen Zeit, im letzten Jahrhundert des vierten Tausend nach biblischer Zeitrechnung, führten die Juden Frankreichs ein verhältnismäßig ruhiges Leben. Viele Juden betätigten sich sogar in hohen Amtsstellen. Auch Rabbi Jakob Tam stand in hoher Achtung, nicht allein bei seinen Glaubensgenossen, sondern sogar in den höchsten Hofkretsen und auch beim Könige selbst. Unter diesen günstigen äußeren Umständen konnten die genannten Männer das g«ift;ge Erbe ihres Großvaters wahren und mehren. Sie vertieften sich in die Erklärungen Raschts, suchten durch Frage und Antwort, Ansicht und Gegenansicht ihnen auf den tiefsten Grund zu gehen. So entstanden die„Zusätze" zum Raschi-Kommentar, der Grundstock zu „Tausfaus". Rabbi Jakob war sehr wohlhabend und konnte daher auf ein rabbinisches Amt verzichten. Trotz- Seite 9 Nr. 35 dem wurde er von Unzähligen als Rabbi anerkannt und hochverehrt. Sein Name ging durch alle Lande und aus allen Weltteilen strömten die Schüler zu ihm, die sich an diesem großen Sachwalter Raschis emporranken wollten. Der bekannte Erklärer, Rabbi Abraham ben David, „Rawad" genannt, schreibt von ihm in seinem „Sefer Hakabalah": „Wir hörten, daß sich in Frankreich ein großer Weiser und bewährter Lehrer befindet und zwar in der Stadt Rumruk, nam-.ns Rabbi Jakob. Gott möge ihn behüten, daß es ihm gegönnt sei, noch weiter Thora zu verbreiten." Daraus ersieht man, daß sein Name bereits bis nach Spanien gedrungen war. Von allerwärts wandte man sich an ihn als an die höchste Autorität des Judentums um die letzte Entscheidung in religiösen Angelegenheiten. Seine Responsen sind im „Sefer Hajaschar" gesammelt. Zu den Schülern des Rabbenu Tam gehören Rabbi Jizchak Hasaken, Rabbi Jakob ausUrlaines, (Orleans), der Verfasser des „Jttur", Rabbi Elieser aus Metz, der Verfasser des Buches „Jereim" und viele andere, die die zweite Generation der Tossafiten ausmachen. Nach einer Periode der Ruhe und des Friedens die das jüdische Geistesleben in Frankreich zu hoher Blüte brachte, kamen plötzlich trübe Zetten über das Land und über dessen Juden. Die Kreuzzügler zogen zum Grabe des Stifters über Nordfrankreichs und Süddeutschlands Gauen und zeichneten diesen Weg den Rhein entlang mit jüdischem Blute. Die größten Gemeinden Deutschlands und Frankreich wurden zerstört. Den Wohnort des Rabbenu Tam erreichten die fanatischen Horden am Schowuausfeste des Jahres 1147. Sie stürzten sich in das Haus des Rabbi, das sie völlig ausplünderten. Seine Schriften zerrissen sie in Fetzen und ihn selbst verschleppten sie in den Wald, mißhandelten ihn schwer und waren gerade dabet ihn zu töten, als ein Ritter des Weges kam, der den Rabbi und seine Größe kannte, und ihn aus der Hand seiner Peiniger rettete. Zwölf Jahre nach diesem Kreuzzuge, im Jahre 1159, da die Juden Frankreichs sich wieder einiger Ruhe erfreuten, rief Rabbenu Tam eine große Rabbinerkonferenz zusammen, auf welcher unter anderen beschlossen wurde, daß Streitigkeiten zwischen Juden nicht mehr vor die öffentlichen Gerichte gebracht werden dürfen, sondern vor einem jüdischen Richterkollegium zum Austrage gelangen müssen. Wer sich dem widersetzte, wurde mit dem Bann bedroht. Auch wurde Juden untersagt, mit Gegenständen der christlichen Religion Handel zu treiben. Auf späteren Konferenzen von denen auch das bekannte talmudische Werk „Mordechai" am Schluffe des Traktates „Gitttn" spricht, wurden noch weitere Beschlüsse bezüglich des jüdischen Familienlebens gefaßt. Drei von diesen Konferenzen wurden von Rabbenu Tam selbst geleitet. Wenige Monate vor seinem Tode wurden infolge eines Ritualmord Märchens in einer Stadt Frankreichs alle Juden zum Verbrennungstode verurteilt, falls sie nicht die Taufe annahmen. Rabbenu Tam ermutigt in einem Briefe die Unglücklichen und ermahnt sie zum Festhalten und Ausharren. Alle sind sie mit dem „Olenu"- Gesang im Munde in das Fsuer gesprungen, keiner wurde schwach und wankend. Der Tag, der 20. Siwan, wurde von Rabbenu Tam als allgemeiner Fasttag bestimmt. Einige Wochen später, am 4. Tammus 4931, schied der große Gelehrte aus dem Leben. Sein Geist weilt und wirkt in seinen Büchern unaufhörlich und unverwüstlich weiter in unserer Mitte. Abgesehen von den Tausfaus, in welchen er den größten Platz einnimmt, entstammt seiner Feder has „Sefer Hajaschar", das sich in drei Teile gliedert, Talmuderklärungen, Responsen und Moralsprüchr enthalten. Auch hat er mehrere Lieder und poetische Stücke für den Gottesdienst gedichtet. Von seinen Liedern ist seine Begrüßung des Rabbi Abraham eben Esra anläßlich seiner Ankunft in Frankreich allgemein bekannt.