Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1. Geptemöer 1921 _ GnslttNd. Araber und dioniffen- London, 24. August. Nachdem Minister Churchill die arabische Delegation zweimal empfangen, ihr einerseits wohlwollende Erklärungen abgegeben, andererseits aber mitgeteilt hat, daß an eine Annullierung der Valfourerklärung nicht zu denken sei, ist auch die beabsichtigte Verhandlung zwischen der D e l e g a t i o n und den Z i on i st e n gef ch e i t e r t. Weizmann hatte eine Erklärung veröffentlicht, wonach er nur unter der Bedingung zu'Verhandlungen bereit sei, daß die Delegation sich auf den Boden der Balsourerklärung stelle. Diese Bedingung lehnt die Delegation in einer soeben, veröffentlichten Gegenerklärung ab. Es sei der eigentliche Zweck der Delegation, der englischen Regierung und dem englischen Publikum die Gefahren der Balfourerklärung deutlich zu machen und für die angeblich bedrohten Rechte der palästinensische:! Bevölkerung einzutreten. Sie könne daher die Valfourerklärung nicht, als Ausgangspunkt der Verhandlungen anerkennen. 6in Plagiat des internationalen Antifemitismus, London, 18. August. Tie öffentliche Meinung Englands steht unter dem Eindrücke der sensationellen Enthüllung der „Times" über die Herkunft der in sämtliche Kultursprachen übersetzten und in Millionen Exemplaren verbreiteten Schrift: „Die Geheimnisse der Weisen von Zion. — Ein Protokoll der internationalen Judenverschwörnng gegen die zivilisierte Welt." Diese Schrift gelangte. in einer von dem Bureau des amerikanischen Automobilfabrikanten Ford angefertigten Bearbeitung zuerstnach England und wurde von der „Morning Post" als „die bedeutsamste historische Enthüllung über die geheimen Pläne des Judentums" bezeichnet. Gerade in oem Augenblick, wo sich in englischen politischen Kreisen eine Mäßigung gegenüber Deutschland beobachten ließ, lanKerte „Morning Post" die Meldung, daß die englischen Juden an dem Komplotte gegen die heutigen Machthaber teilnähmen: sie gerade seien es, die für eine Verständigung mit dem deutschen Volke eintreten, um einerseits ihren Glaubensgenossen zu helfen, andrerseits in England selbst „Umsturzideen" zu verbreiten, da ja in Deutschland „noch immer der Bolschewismus gepredigt werde, um Die Zieger, Frankreich und Englands zu vernichten". Das konservative Blatt konstruierte einen engen Zusammenhang zwischen den englischen und den russischen Juden» die gemeinschaftlich einem Ziele zustrebten: der bolschewistischen Revolution. Nun schreibt die „Times": „Die Geheimnisse der Weisen von Zion" sind eine platte Nachahmung einer im Jahre 1865 von dem Pariser Publizisten Joly verfaßten Flugschrift „Ein Dialog zwischen Montesquien und Macchiavelli". Der Zweck dieser Broschüre war eine Verunglimpfung der Politik Napoleons III.; die Handlungen des Kaisers werden in Gesprächen kritisiert und das Werk eines „Verschwörers auf dem Throne Frankreichs" dargestellt. Nilus beutete das ziemlich seltene Büchlein Jolys skrupellos aus. Er änderte nur so viel, als notwendig war, um die Fabel von der jüdischen Geheimkonferenz in Paris glaubhaft erscheinen zu lassen. Anr Schlüsse machte er eine kleine Abweichung, indem er die Wortführer der jüdischen Verschwörer von der künftigen Finanzpolitik sprechen ließ, während Joly in der Gegenwart bleibt. Nur die Annahme, daß das Plagiat, bei der Seltenheit des französischen Originals, nicht so schnell zur Aufdeckung gelangen würde, gab Nilüs den Mut, einfach ganze Seiten abzuschreiben. Die Enthüllung der „Times" steht auch mit der irischen Frage in unverkennbarem Zusammenhang. Bor wenigen Tagen brachte die „Morning Post" einen Dubliner Bericht, der auf „jüdische Einflüsse in der Umgebung de Baleras" anstzielte. Bei dieser Gelegenheit wurden die Wei- Oer Israelit. sen von Zion wieder einmal beschworen. Die Aufdeckung des Plagiats nimmt dem konservativen Blatte eine giftige Waffe aus der Hand. 'Da die Northcliffepresse für eine Verständigung mit Südirland ist, so läßt sich erkennen, welche Bedeutung das Geschehnis im gegenwärtigen Augenblick besitzt. 'Der Kampf der „Morning Post" gegen Sinnfeiner hat entschieden durch die „Times"-Enthüllung eine schwere Einbuße erlitten. Endlich weist die Tatsache, daß Das Lloyd George-Blatt „Daily Chronicle" die Enthüllung aus der „boykottierten" Northcliffepresse übernimmt, auf einen Wendepunkt in der Fehde Lloyd George-Northcliffe hin. ttunoerpogrome in Rußland- London, 29. August. Berichte der englischen Vertretung in Moskau bestätigen, daß die letzten Julipogrome in Rußland von Bauern und Deserteuren der „Roten Armee" ausgehen und mit der Hungersnot in direkter Verbindung stehen. Ktchwei;. Genf, 28. Aug. Der Völkerbundsr?.t beschloß, den Minoritätenschutz in Ungarn und Rumänien unter die Kontrolle des Völkerbundes zu stellen. ItaÜen. Die Hot der abefiinifchen 3uden< Wom, 18. August. Aus den letzten Briefen des bekannten Falascha-Forschers Dr. Feitlowitsch an das hiesige Falaschakomitee ist zu entnehmen, daß die Juden in Abessinien harte Zeiten hinter und vor sich haben. Tie dortigen Juden werden von den Einheinrischen zur Zwangsarbeit ohne jede Bezahlung herangezogen. In Verletzung aller in früheren Jahren erwirkten kaiserlichen Befehle verfolgen die Regierungsbeamten die Falajchas auf jegliche Art und Weise, und zwar aus rein religiösen Motiven. Tie jüdischen Arbeiter werden gezwungen, der: Sabbath zu entweihen und in ihren religiösen .Handlungen behindert. Wer hierin oen Gehorsam verweigert, muß es mit seinen! Hab und Gut büßen. Ritualmordbeschuldigungen gegen die dortigen Inden haben die krassesten und wahnwitzigsten Formen. Bei Gericht kommt es vor, daß der Angeklagte ein Medikament einnehmen muß, wodurch sich seine Sinne völlig verwirren, sodaß er sich nicht mehr verteidigen kann und sich zu nichtbegangetten Schandtaten bekennt. Ein vom Gericht verurteilter Jude wird dann gewöhnlich der wütenden Bevölkerung ausgeliefert und wie ein schutzloses Wild einer fürchterlichen Hetzjagd ausgesetzt. Wie Feitlowitsch mittcilt, hat er ein ausführliches Memorandum über die Lage der Juden in Abessinien und die zu ergreifenden Mittel für ihren genügenden Rechtsschutz dem Prinzregenten in Abessinien eingereicht, den er auch an die früheren Befehle und Edikte Menneliks erinnert. Der Brief hat in Rom, wo man sich das Schicksal der Falaschas von Anfang an sehr angelegen sein ließ, große Bestürzung hervorgerufen. Jßaläjltna« 6in politischer Preffeprojeß. Jerusalem, 27. August. Herr Rewutzki und Genossen haben sich vor dem Militärgerichte in Jaffa wegen einer von ihnen herausgegebeuen Schrift unter dem Titel „Bon der Balfour-Deklaration bis zur Samuel-Deklaration" zu verantworten. Tie Schrift enthält eine scharfe Kritik der englischen Palästinapolitik und auch Ausfälle gegen die zionistische Leistung, 8er vorgeworfen wird, daß sie in verschwenderischer Weise Riesensummen für verfehlte Unternehmungen auf ökonomischen! Gebiete auswerfe. Den Herausgebern wird weniger der Inhalt der, Schrift zur Last gelegt als die Tatsache, daß sie ohne Borzensur erfto. 35 Sette 5 schienen ist, während die Angeklagten der Meinung sind, die Zensur habe nur für Zeitschriften aber nicht für Bücher bestanden. Tie Verhandlung wurde vertagt. Paläfiinentitche Er?iehungsfrasen. Iernsakem, 5. August. Wenn inan von palästinensischen „Erziehungsfragen" spricht, so darf in diesem Augenblicke nicht bloß air die Erziehung der unmündigen Kinder in den Schulen, sondern auch an die der Erwachsenen gedacht werden. Zunächst handelt es sich dabei allerdings um ein Schulproblem im engeren Sinne. Die Herabsetzung des zionistischen Schulbudgets und die dadurch hervorgerufcne schwere finanzielle Krisis der modernen Schulanstalten ist ebenso luie die andauernden Kämpfe der Talmud Thoras und Jeschiwos MN ihre Existenz ganz dazu angetan, die Frage, ob denn nicht die p al ästinensis ch e n E l t e r n selbst, wie überall sollst in der Welt für die Kosten der Erziehung ihrer Kinder aufkommen kölrntclr, wieder in Fluß zu bringen. Wenn aus Elternkreisen bei diesem Anlaß ein größerer Einfluß der Eltern auf die Schulen und Talnrud Thoras verlangt wird, so läßt sich dagegen natürlich nichts einwenden. Tie sogenannten modernen Schulen würden durch die Ausübung eines solchen Einflusses zweifellos einen Ruck nach rechts erhalten, während bei den Talmud Thora-Anstalten eilte gewisse Tendenz zur Erweiterung des Unterrichtes in den Elementarsächeru zu erwarten wäre. Großen Hoffnungen hinsichtlich der Höhe der zu erwartenden Schulgelder darf mau sich aber leider nicht hingeben. Tie wirtschaftliche Lage läßt es nun einmal schwerlich zu, daß gerade in diesem Augenblicke, entgegen eitler jahrzehntelangen Gewöhnung die Eltern plötzlich aufangen sollten, beträchtliche Summen für Schulerhalnutg und Lehrerbesoldung anfzubringen. Ein Symptom hierfür ist der bisherige Erfolg der a m e r i k a n i s ch e n „Erziehungsaktion", die darauf hiuausgeht, eine Jerusalemer Unterstützungskasse für Arme ans lokalen Beiträge u zu schaffen. Bis Ende Juli haben nach einer Mitteilung der amerikanischen Kominission 45 Jerusalemer Gemeiüdemitglieder eine Gesnintsulmne von 445 ägypt. Lstr. pro Jahr für die Unterstützuugskasse zugesagt. Tie Beiträge bewegen sich zwischen 5 und 50 Lstr. jährlich. Personalien. Kitzingen, 7. August. Frau Berta RosenbUsch, geborene Ichenhäuser, ist am 2». Tamus plötzlich an einem Herzschlage im Alter von 63 Jahren verschieden. Durch ihren Heimgang hat nicht nur die Familie, sondern auch die jüdische Gemeinde Kitzingen einen schweren Verlust erlitten. Sie war mit ihrem Gatten Samuel Rosenbusch n% der ihr vor 7 Jahren in die Ewigkeit vorausgtng, in inniger Harmonie verbunden, war ihren Kindern eine liebevolle, echt jüdische Mutter, die sie zur Frömmigkeit erzog. In F ürt.h als Tochter von Simon Ichenhäuser geboren, wuchs sie in einer mit dem Geiste wahrer Gottesfurcht gesättigten Atmospäre heran und blieb den Traditionen ihres Elternhauses unwandelbar ireu. Im Verein mit ihrem Gatten schuf sie ein Haus in Israel, das gegründet war auf ft"» mwy nm Wegen ihrer Wohltätigkeit und ihres entgegenkommenden, gefälligen Wesens war sie überall beliebt. Um den Tod dieser b'N riB« trauern ihre beiden Kinder, ihre Enkelkinder, Geschwister, und der große Kreis ihrer Verwandten und Bekannten. Bet der Beerdigung, die eine außerordentlich große Beteiligung aufwtes, widmete Herr Lehrer Bamberger der Heimgegangenen warme Worte des Gedankens. Herr Dislliktsrabbiner Dr. Wohlgemuth, ein Neffe der Verstorbenen, war durch Abwesenheit verhindert, die Trauerrede zu halten. n“nxjn Abterode, 29. August. Am spy ras» fand hier eine schlichte, stimmungsvolle Feier statt. Sie galt dem Lehrer der Gemeinde, Herrn Bachara ch, der ihr stebenunddrethtg Jahre lang treuen Dienst tat und sie nun verläßt. Herr KreiSrabbiner Dr. Freier-Eschwege dankte ihm für feine seltene Hingabe an fein Amt, für ft inen unermüdlichen Eifer, Alt und Jung auf dem 7>vnn zu erhalten und ihnen Freude für unseren helltgen Berus der 'n irmv ins Herz zu gießen. Wegen seiner großen und wurde er von allen ge-