Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1. September 1921. Der Israelit. Nr. 35. Site 3 scheinende Einfluß nicht»orthodoxer Kreise völlig ausgefchattet ist. Vas »religiöse Desinteressement" -es Zionismus. Einen Auftakt zur Misrachi-Opposition auf dem am 1. September in Karlsbad begingenden Zionisten-Kongreß bedeutet ein Artikel des Herrn Dr. S. Brav im Hauptorgan des Misracht, dem in New-Jork in hebräischer Sprache erscheinenden „Haibri". Herr Brav betont in der Einleitung die Notwendigkeit der Einheitsfront nach außen. Nach Innen müsse aber der Misrachi in Kampfstellung gegen die Leitung bleiben. Was dann Herr Brav von der Beschaffenheit der jetzigen zionistischen Leitung, ihrem Kultur-System, ihrer Politik uttd Taktik sagt, ist unseren Lesern nicht neu, ist bei uns schon wiederholt in mannigfacher Form zum Ausdruck gekommen. Wenn wir hier dennoch einiges aus den Ausführungen des Misrachi-Organes wiedergeben, so geschieht es nur deswegen, um zu zeigen, wie auch in Misrachi-Kreisen mählich ein Licht über die wahre Lage der Dinge aufdämmert, ohne daß man hier die einzig mögliche Konsequenz aus dieser Erkenntnis zu ziehen die Kraft aufbringt. Misracht und allgemeiner Zionismus, sagt Herr Brav, sind zwei grundverschiedene Begriffe, zwei Kultur- und Lebensanschauungen, die sich diametral zuwiderlaufen. Und es muß bet jeder Gelegenheit mit aller Klarheit gezeigt werden, daß wir zwei Welten bilden, von einer Scheidemauer getrennt, die durch keine Kompromisse zu überklettern ist. Es ist an der Zeit, es ohne jede Verschleierung . auszusprechen: Unsere Geula-Hoffnung ist eine ganz andere, als die ihrige. Die Erfahrungen der letzten Jahre und bis zum gewissen Grade auch die der Vorkriegszeit haben bis zur Evidenz gezeigt, daß für sie die Geula nicht nur Erlösung aus dem Galuth, sondern auch eine Erlösung vom Judentum bedeutet. Sie sind dessen gewiß, daß eine Kluft zwischen dem alten und neuen Judentum gähnt und daß es Aufgabe und Bestimmung des letzteren sei, das elftere zu überwinden und vom Erdboden verschwinden zu lassen. Deutlich genug lassen sie erkennen, daß es dem neuen Judentum nicht allein darauf ankommt, die Kräfte der Nation zur Aktivität zu wecken, sondern auch die Ketten des überlieferten Judentums abzuwerfen,- daß sie nicht allein auf Ablegung des Galuth-Joches bedacht sind, sondern auch auf die „Befreiung von der Gottes-Sklaverei", wie sich ein zionistischer Schriftsteller jüngsthin in der Monatsschrift „Der Jude" ausdrückte. Für uns gibt es aber keine zwei Judentümer, weder in der Welt der Dinge und Erscheinungen, noch in der der Begriffe. Wir kennen nur ein Judentum, dessen Wurzeln in der Sinai-Erde ruhen und dessen Bestand die Zeiten überdauert. Steht man sich das neue Judentum, das uns gepredigt wird, bei Licht an, so erkennt man, daß es mit wahrem Judentum garnichts gemein hat. Was sie Judentum nennen, steht in keinerlei Beziehung zum historischen Judentum und kann auch nicht den Schatten eines Rechtes für sich in Anspruch nehmen, sich so zu nennen. Was sie uns schaffen und bilden, ist lediglich der Abklatsch einer europäischen Kultur, die mit einem jüdischem Mäntelchen umhängt wird. Höchstenfalls könnte man es Neu-Hebräertum nennen. Judentum ist aber ein alt-geheiligter Begriff und in seinen Formen historisch so feststehend, daß es Aenderungen und Deuteleien nicht zuläßt. Wer diese Kultur Judentum nennt, begeht historische Falschmünzerei, da hiermit ein Wort für eine neue Erfindung benutzt wird, die nicht die Spur vom Gedankenkreise, den jener Name zeichnet, enthält. Aus diesen Erkenntnissen heraus, leitet Herr Brav die Notwendigkeit ab, auf dem Kongreß eine erbitterte Kampfstellung einzunehmen und sich weder .durch gütliches Zureden, noch durch Angriff in dieser Haltung irre machen zu lassen. Bezeichnend und bemerkenswert ist, was der Verfasser zu dem sogenannten „religiösen Desinteressement" des offiziellen Zionismus zu sagen weiß. Die Angabe, derofftzielleZionismus störe die Bestrebungen der Frommen nicht und lasse innerhalb der Organisation jeden nach seiner Fasson selig werden, laufe auf eine gefährliche Irreführung hinaus. Die Leitung erfüllt die Aufgaben einer Regierung, und einer nationalen Regierung obliegt es, für das religiöse Leben der Nation Sorge zu tragen. Würde aber die Leitung noch wahrhafte Neutralität den religiösen Dingen gegenüber beobachten, so könnte man es noch schließlich hinnehmen. Aber die Tatsachen beweisen das Gegenteil. Die Erziehungsanstalten, die der Zionismus in Palästina schon vor dem Kriege .entstehen ließ, zeichneten sich vom ersten Tage an durch ihren antijüdischen Geist aus. Man geht hier viel weiter als in Westeuropa, nach dem man sich angeblich orientiert. Ueberall in den Kulturländern Europas wird die Gedankenfreiheit im Unterricht nur für die Hochschulen verlangt und gewährt, hier aber wird aus lauter Toleranz diese „Freiheit" schon den jungen, zarten Seelen in den Prlmar-Schulen au fg ez wung en. Nirgends in den Mittelschulen Europas hielten es je die Pädagogen für gut und nötig, den Wurm des Zweifels im Gehirn der jungen Kinder zu züchten, hier aber wird der Geist der Kritik und des Unglaubens bet den Kindern schon im frühesten Alter geweckt. Nun halten sie uns entgegen, daß wir, wenn uns deren Schulen nicht gefallen, doch das Recht und die Möglichkeit hätten, eigene Schulen nach unserem Gusto zu errichten. Allein, wenn wir uns gegen den Bestand der Missions-Schulen und deren Besuch durch jüdische Kinder mit Recht auflehnen, müssen wir auch gegen das Bestehen von Unter- und Mittelschulen protestieren, deren einzige Aufgabe es ist, den Bau unserer Religion zu unterwühlen. Es gab eine Zeit, da die Zionisten erbitterten Kampf gegen Assimilation und Reform in Deutschland und anderen Ländern führten. Sie selbst aber sind keine Reformer. Hier gibt es nichts mehr zu reformieren. Die Religion wird abgeschafft und damit ist auch der Reform jede Grundlage entzogen . . . Die Verneinung ist hier zum positiven Programm, die Religionszerstörung zu einem der Dogmen geworden, worauf sich die öffentliche Erziehungsarbeit aufbaut.- Soweit Herr Brav. Und die letzten Sätze fordern nicht dazu auf, wie man eigentlich glauben sollte, sich von der Organisation loszusagen und den Anschluß zu suchen an die Brüder an Tat mit) Gesinnung, die, von Tradition und Glauben geleitet, den Wiederaufbau auf dem heiligen Boden vollfühien möchten. Nein, der Artikel schließt mit der Aufforderung zur kräftigen Opposition innerhalb der zionistischen Organisation, die auf dem Kongreß zu Karlsbad ihren vollen Ausdruck erhalten soll. Als 'ob das nicht schon aus allen früheren Kongressen, zum Gaudium der jugendlichen Kulturträger auf der linken Seite des Saales, geschehen wäre! Vielleicht wird aber diese letzte Enttäuschung heilbringend sein für viele, die, so wie Herr Brav, von der Haltlosigkeit der antijüdischen Politik des offiziellen Zionismus und von der ewigen Kraft des alten Judentums durchdrungen sind. Lormponaenren «. ßacmten. Der flnfifemifismus iff unhafftolifch. Irankfurt a. M., 30. August. Im Zusammenhang mit dem in unserer Stadt diese Woche tagenden Sto ngres sc 5 e r K a t h o l i k c n 'T e u t s ch l a n d s (Katholikenden sonst so verschiedenen Rassen (Kanaan, Emouri gehören der hamitischen Völkerfamtlie an, die Deutschen i. e. Gomer, Aschkenas der japhetitischen) auf einen gewissen ethnischen Zusammenhang Hinweisen'? Man ist zu dieser Annahme geneigt, wenn man erwägt) daß die Worte Raschis, enthalten sie nun uralte Ueberlieferung oder eigene Erklärung dieses großen, heiligen, in die Sphäre des Ruach hakaudesch reichenden Weisen, in knapper Fassung Edelsteine an Wissen und Erkenntnis zu bergen pflegen. Das Vorhandensein folgender zwei merkwürdigen Fakta vermag vielleicht unserer Vermutung Stütze zu geben. Das erste ist die von Ahron Marcus V'ST erwähnte Auffindung eines antiken Steines in Marokko, mit der Inschrift: „Wir sind die Nachkommen der vor dem Räuber Josua bin Nun aus Kanaan Geflüchteten." Hiernach wären die Mauren, in der Landessprache Mauri, mit den Emaurt der Thauro identisch. Das zweite Faktum besteht in dem vor Jahren erschienenen Bericht eines deutschen Marokkosorschers, welcher aus der von ihm festgestellten Aehnlichkeit in Gesichtsbildung, Schädelform und gewisser Charakteceigentümlichkeiten bei maurischen Stämmen und Germanen auf eine Verwandtschaft beider Rassen schließt. Auf dem Umweg über die Mauren würde sich somit die ethnische Beziehung zwischen den Deutschen und Kanaan bezüglich Emaurt ergeben! Vorausgesetzt natürlich, daß der Einschlag der einen Rasse in der anderen bereits zur Zeit, von welcher die Thauro spricht, bestanden hat. Sollte die Vermischung jedoch erst später, es ist mir nicht erinnerlich, ob und welche Erklärung der deutsche Forscher für seine Beobachtungen giebt, etwa zur Zeit der Völkerwanderung erfolgt sein, vielleicht durch den germanischen Stamm der Vandalen, welcher in Nordafrika sein Wanderziel hatte, dann könnte allerdings vorgenanntes Faktum nicht als Bestätigung für unsere Hopothese herangezogen werden. Vielleicht könnte aus Fachkreisen erschöpfender Aufschluß über diese Frage gegeben werden. E. W. Dankowitz, Frankfurt a. M. Kleines Zeuillelon. . Das Verbot des Tragens am Sabbat. Von S. Freudenberger. Der lange Krieg mit seinen Begleiterscheinungen hat auf die Massen einen demoralisierenden Einfluß aufgeübt. Mit Schrecken gewahren wir, wie die Begriffe der Köpfe sich verwirren. Nichts ist der jungen Generation mehr heilig. Auch in religiöser Hinsicht hat sich leider eine starke Wandlung nach links vollzogen. Aufbaueu ist jetzt die Losung des Tages, um das verlorene Terrain wieder zurück zu erobern. Soll jedoch der Heilungsprozeß den gewünschten Erfolg zeitigen, gilt es, die heilende Hand an die wunde Stelle zu legen. Von allen unseren Verboten wird wohl keines so häufig übertreten als das Hauzoohverbot. Man mutz erstaunen, welche Unkenntnis in diesem Gebote selbst in streng gesetzestreuen Kreisen berrscht. In den meisten Gemeinden sind der Lehrer und Rabbiner die Einzigen, die diesem Sabbatgebote die gebührende Beachtung schenken. Mir erklärte jüngst eine fromme Dame: Ich trage prinzipiell nicht am Sabbar. Als ich ihr mit einem ungläubigen Blicke begegnete, mußte sie mir zugestehen, daß sie ein Taschentuch trage. Andere glauben, daß man ohne Taschenuhr nicht existieren könne, und wieder andere finden es ganz in Ordnung, daß man bet trübem Weiter zum Schutze der teuren Kleider sich eines Regenschirmes bedienen dürfe. Will man es unternehmen, ein mahnendes Wort an die Gesetzesübertreter zp richten, so wird man als ein Finsterling belächelt. Und wenn man mit Engelszungen reden würde, so dürste es wohl in den seltensten Fällen gelingen, jemanden von dieser Gesetzesübertretung abzubringen. Und doch mahnt gerade der Aufbauprophet Jirmijahu, der gleich uns den politischen und religiösen Verfall seines Volkes erleben mußte: „Und traget keinerlei Last von euren Häusern am Sabbattag." Ferner richtet er an das in die Diaspora wandernde unglückliche Gotresvolk die Mahnung: „Höret das Wort Gottes, Könige Judas und ganz Juda und sämtliche Bewohner Jerusalems, die durch diese Thore gehen. So hat Gott gesprochen, hütet euch um eurer Seele willen und tragt keinerlei Last am Sabbat, indem ihr es in die Tore Jerusalems hineinbringt. Tragt ferner nichts Tragbares aus euren Häusern am Sabbattag, wie ich es euren Vätern geboten habe die nicht hörten, nicht einmal ihr Or neigten, die sich hartnäckig gebärdeten, um nur nicht zu hören und nicht Zurechtweisung anzunehmen." Glaubt man nicht beim Lesen dieser Worte, der unglückliche Prophet richte fein mahnendes Wort an unsere- 'jetzigen Zeitgenoffen. Der Goiteswann weist nicht auf die Sitten verderbns, die Räubereien und Mordtaten des damaligen Geschlechtes hin, sondern erwartet eine Gesundung des Volkes, wenn man dem Verbote des Tragens die nötige Beachtung schenke. Bedarf es noch einer weiteren Begründung, von welcher Wichtigkeit dieses Verbot ist? Unter den 39 Arbeiten, die am Sabbat verboten