Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 35 Der JSraelit. i. September 1921. Nischen und pädagogischen Kreise aber auch der jüdischen Verbände sollte in dies em Sinne sehr bald einsetzen. Erhöht sich die Aussicht auf Errichtung jüdischer Volksschulen durch die zwangsweise Einführung der Grundschule bis zu einem gewissen Grade, so sind auch die finanziellen Grundlagen, die das neue Besoldungsgesetz für die jüdische Bekenntnisschule in Preußen schafft, nicht ungünstig zu nennen. Die Erhaltung der Schulen ist Sache der sogenannten Landesschulkaffe, in die der Staat von seiner Seite aus wesentliche Beiträge (ein' Viertel der Gehälter, sowie ein Beschulungsg?ld von wechselnder Höhe pro Schulkind) leistet. Weniger erfreulich sind, wenn keine wesentlichen Aenderungen am Gesetzentwürfe vorgenommen werden, die Aussichten auf eine Sicherung des wahrhaft jüdischen Gepräges der Bekenntnisschulen selbst soweit Lehreranstellung und Geist des Unterrichtes in Betracht kommen. Dieser Punkt erfordert eine gesonderte Erwägung. (Schluß folgt.) Wocheilnmdschau. Saruhige jüdische Aut. Eine vom W. T. B. verbreitete amtliche Erklärung der Reichsregierung, die sich an alle guten Deutschen mit der Mahnung wendet, bis zur endgiltigen Entscheidung über das Schicksal Oberschlesiens ruhig Blut zu bewahren und „der Welt ein Beispiel dafür zu geben, wie ein Volk durch seine Selbstbeherrschung der sachlichen Lösung einer Frage von so großer Tragweite die Wege ebnet", begleitet das „Deutsche Tageblatt" mit folgenden liebenswürdigen Worten: „Man muß, wenn man die amtlichen Auslassungen folgerichtig werten will, immer daran denken, daß nicht weniger als vier Juden in der Regierung sitzen. Wenn man sich diese Tatsache ständig vor Augen hält und sich klar macht, wie stark dex jüdische Einfluß allenthalben sein muß, um sich in solcher Weise auch schon rein äußerlich auszudrücken, dann wird man auch immer mehr den Sinn verstehen, den man der deutschen Geschichte zu geben sucht." Wir haben von den vier Berliner Regierungsjuden bisher noch herzlich wenig gemerkt. Sollte aber obige Mahnung zur Ruhe und Besonnenheit, wie das alldeutsche Blatt mit seinem auf Judenriecherei eingestellten Sinnen herausgefunden hat, wirklich auf jüdischen Einfluß zurückzuführen sein, so müßte man der Regierung zu der guten Aquisition, die sie mit Rath mau und seinen angeblichen Stammesgenossen gemacht hat, aufrichtig gratulieren. Indes halten wir, trotz „Deutschem Tageblatt" und verwandten Organen, Elul. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Die Festzeit, die alljährlich die Brücke vom scheidenden Sommer zum beginnenden Herbst btldet und eine Mobilmachung der Seelen in unserer Mitte anbahnen will, sender ihr Licht und ihre weihende und werbende Kraft in dem Monate Elul voraus. Dieser ist mehr als der nur z e i t l i ch e Vorläufer des Tischri. Er will uns für die^Bolschast der „erhabenen Tage" empfänglich und würd'g machen und so Geist von seinem Geiste werden. Was bei Eingang des Elul verlesen wird: sbi Dp1', /-i ’is nx nx“)'1 „Und man erscheine nicht leer vor Gott", ist unbeschadet seiner eigentlichen Bedeutung, oie Weisung,die uns der Vorbereitungsmonat einschkrst: „Rüstet euch, wappnet euch, versehet euch oder richtiger euer Dasein mit einem wirklichen Inhalt, daß ihr vor dem Herrn nicht leer erscheint, — leer trotz aller Fülle, leer an wahren und echten Werten. Es ist schon etwas Großes, wenn uns da die Ueberzeugung gefestigt wird, daß anders wie.der Mensch Ruhe, Vernunft und Besonnenheit auch für gut deutsche Nationaltugenden! Roch ein Wort zum Zllemminger Käsepogrom. In unserer Korrespondenz aus München über dieses unerfreuliche Kapitel hieß es, „wir seien nicht in der Lage, ein Zeugnis für oder wieder den Beschuldigten abzulegen". Inzwischen ist ihm doch ein Zeugnis ausgestellt worden, vom Memminger Gerichte selbst. Und man muß sagen: das Zeugnis ist reichlich günstig für ihn ausgefallen. Das Gericht hat ihn zwar zu einer geringen Gefängnis- und Geldstrafe verurteilt. Liest man aber das Protokoll der Verhandlungen in den bayrischen Blättern nach, so gewinnt man den Eindruck, daß bei der Urteilsfällung Momente mirgespielt haben, die wir nicht weiter erörtern möchten. Von all den schweren Delikten, wie sie der Memminger - Mob unter Führung der intellektuellen Akteure Herrn R. ins Gesicht geschleudert hatte, war bet der Verhandlung mit keinem Worte die Rede. Was man hier dem jüdischen Kaufmann zur Last legte, war, daß er ein Quantum beschlagnahmten Mehls zwei Tage später ablieferte als es der Schutzmann holen wollte, und daß bet ihm, dem Großhändler, der von Amtswegen die Großstädte zu beliefern hatte, einige Zentner Butter gefunden wurden, von denen vermutet wird, daß sie zu Spekulationszwecken im Keller ruhten, während die Großabnehmer des Angeklagten unter ihrem Eide bestätigten, daß sie von R. stets zu billigeren Preisen bedient wurden als von jeder anderen Seite, und daß die im Keller gefundene Butter zum Versande bestimmt war, mit de»; bis zum Eintreffen des Geldes gewartet wurde. Die Sachverständigen begutachteten, daß die Vorgefundene Menge Butter durchaus normal sei, daß eine absichtliche Zurückhaltung nicht beabsichtigt sei, und daß 90 Prozent der Händler es so gemacht hätten, wie R. vorgeworfen wird. Trotzdem kam die Verurteilung zustande. Die reaktionäre ^Hetze — es fließt alles aus der gleichen Quelle — hat inzwischen noch etwas Schlimmeres gezeitigt als die „Volksbelustigung" in Memmingen/ Am offenen Grabe des neuesten politischen Märtyrers wird man vielleicht auch in Bayern ein wenig in sich gehen und auf eine Eindämmung der Haßwellen sinnen. Urteile von der Art, wie es eben in Memmingen gefällt wurde, werden aber kaum zur Beruhigung der Gemüter und zur Lahmlegung des Hetzwerkes beitragen. Lin gallzischrs Rabbinerseminar. Die Idee der Heranbildung von Rabbinern in Galizien in sogenannten modernen Seminarien, ist nicht von heute und von gesternist so alt, wie der Kulturkampf in Galizien überhaupt. Neu an der Sache ist nur, daß man nun dem modernen Begriff einen alten jüdischen Namen gibt und glaubt, damit Eindruck auf die Kreise zu machen, die noch an alten Worten hängen. Das geplante Rabbtner-und Lehrerseminar in Lemberg soll den Namen „Messiwta" tragen und unter dieser Firma an den Geldbeutel der Judenheit inner- und außerhalb Galiziens appellieren. Aus zwei Aufrufen, die uns vorliegen, sieht man, wie sehr die Rabbiner Galiziens auf der Hut sind und sich gegen jede Art von Irreführung der öffentlichen Meinung tapfer zu wehren wissen. Das. eine Rundschreiben kommt aus Wien und ist im Namen sämtlicher in Wien anwesenden galizischen Rabbtner unterzeichnet von den Rabbinern Steinberg aus Brody und Ara k aus Butschatcz. Alle, die es ernst mit dem Judentum nehmen, werden gewarnt vor dieser Institution, die nur dazu angetan sei, die Autorität der Thora in Galizien zu untergraben und ungeeignete und unwürdige Elemente in den Rabbinerstand, bei dem bis jetzt Gelehrsamkeit und Frömmigkeit allein ausschlaggebend waren, etnzusühren. Der zweite Aufruf kommt aus .Marien b ad und ist von Rabbi JsacharDob ausBelz (dem „Beizer Rebbe") unterschrieben. Auch dieses Schreiben wendet sich mit scharfen Worten geaen das Lemberger Unternehmen und ruft alle Frommen zu einer Gegenaktton auf. Soweit die Aufrufe. Wenn wir recht unterrichtet sind, geht die neue Aktion zur Schaffung eines galizischen Rabbinerseminars von einer Seite aus, die in religiöser Hinsicht nicht das geringste Vertrauen beanspruchen kann. 4 Zwar wird behauptet, daß die Geldgeber bereit seien, die Leitung des Seminars gänzlich den orthodoxen Rabbonim zu überantworten, aber diese empfinden offenbar in ihrem sicheren Instinkt für die Tatsachen, daß sie bei dem gänzlichen Fehlen geeigneter Lehrpersonen beim besten Willen außer stände sein würden, auch nur einen religiös einwandfreien Lehrkörper zustande zu bringen. Man muß daher auch vom Standpunkte der deutschen Orthodoxie, die prinzipiell die Ausbildung von rabbinischen Führern mit gediegener wissenschaftlicher Bildung für notwendig hält, in diesem Falle den scharfen Widerstand der maßgebenden Rabbinen Galiziens durchaus begreifen und billigen. Soll das schwere Problem, auch lm Osten echte rmn 'Tna und D’pbx 'rr-i' mit reichem profanem Wissen heranzubilden, überhaupt jemals befriedigend gelöst werden, so kann das jedenfalls nur dann geschehen, wenn jedweder, noch.so „äußerlich" der Ab sehende in der Höhe wägt und mißt. Diese Erkenntnis bahnt die Selbstläuterung und Einkehr an und führt zu weiser Prüfung und Selbstbesinnung. Der Jlittermantel der Scheintugend zerfällt, die Dünste der Selbstherrlichkeit zerfließen, und gähnend zeigt sich die volle Leere des Daseins, wo dieses bisher in der Fülle äußerer Pracht und Herrlichkeit geleuchtet und der Gegenstand allgemeiner Bewunderung gewesen. Wie heilsam ist eine solche Wandlung! Sie scheidet den Schein vom Wesen und die Schale vom Kern. Sie lehrt uns, unser Herz nicht nur an die Zufälligkeiten des Lebens zu hängen und darüber das Ewige und Bleibende zu vernachlässigen. Auf diesem Wege vollzieht sich für uns eine Verinnerlichung unseres Seins und Sirebens, eine Umwertung der Werte und damit die Gesundung unseres Seelenlebens. „Wer leben will", so lautet ein rabbinisches Wort, „soll sich töien". Das bedeutet natürlich nichts anderes als: Das wahre und echte Leben ist nicht durch jene Dinge bedingt, die die Menschen gemeinschaftlich als die Kennzeichen äußeren Lebensglückes anzusehen pflegen. Leben, würdig und gottvoll, das will uns der Elul lehren. Das ist der Sinn seiner Mahnung: Erscheine nicht leer —, wenn die Festzett ihren Einzug hält. Fühle dich mit dem Besten, was du bist, mit deinem Leben und deinem Sein deinem Schöpfer und deiner Mitwelt verpflichtet. Des Herrn Geschöpf, das du bist, — bist du auch sein Diener — darum sei Sein Wille der Gebieter all' deines Tuns und Wandels. Mit dem Diadem der Gotteskindschaft geschmückt, — werde du dir auch deiner Verpflichtung gegen deine Mitmenschen bewußt, daß du nicht nur jeden neben dir in Harmonie und Eintracht duldest, — sondern auch ergänzest und vollendest, wo du Lücken siehst und Gegensätze zu mildern vermagst. Wahre dein Leid, bekämpfe die Not mit den Waffen l der Liebe, — das ist der große Ruf, den der Mona Elul an Israels Kinder samt und sonders ergehen läßt, der Schofarton, mit dem unser jüdisches Herz aufgerüttelt werden soll. — „Leer erscheint vor Gott", sagen unsere Alten, „der da ist np-ftn svi niscn sv epn", der die religiösen Satzungen nicht voll würdigt und auch im Verkehr mit den Menschen nicht Gerechtigkeit und nicht Liebe waUen läßt. Schon in seinem Namen enthält der Monat Elul ein Programm, die Anweisung für unsere Lebensführung. Mögen wir die Stimmen der Zeit vernehmen, daß wir uns die drei Gnadenmittel sichern, mit denen wir uns die Pforte zur Liebe Gottes zu eröffnen vermögen. Der Vater ruft das irrende Kind, wer wollte nicht freudig und willig diesem Liebesrufe folgen? .Der Kamps ums Dasein ist schwer und ernst, — des Tages Sorgen werden immer dringender. Nur Einer ist, der Heilung und Linderung zu gewähren vermag. Wolltest du nicht zu Ihm rufen? Dem Herrn zu dienen in Freiheit und mir Bewußtsein und auszugleichen und zu versöhnen unter den Menschen, gibt es einen schöneren Dienst? Dazu werden wir im Elul aufgerufen — groß ist der Preis, der uns winkt. Als volle Menschen und Juden treten wir dann an den heiligen Tagen vor Gottes Thron hin zu einer neuen lichtvollen Zukunft. - . Aolizen. In Ihrer letztwöchigen Nummer bringen Sie unter „Notizen" die Raschtstelle zu 5. K 3. V. 8, läutend:. „Schntr, das ist Schnee in deutscher Sprache." Hierzu sei zunächst bemerkt, daß weniger „Schnee" als dos althochdeutsche Snaer sich mit nvV völlig^deckt Sollte nun diese sprachliche Ueberetnsttmmung der bei