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Der Israelit · 1921-08-25 · Heft 34 (25.8.1921) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 34 (25.8.1921)
Date
1921-08-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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25. August 1921. Der JSraelit. Nr. 34. Seite 3 Auf der Augsburger Versammlung am 15. ds. Mts. führte der von Oesterreichiaus etngebrachte Antrag auf Beschluß eines Mißtrauensvotums an den Hauptausschuß zu schweren Zusammenstößen. Endlich kam der Hauptausschuß auf folgenden Witz: Die Juden im Alpenveretn sind anders, besser, haben sich um die alpine Sache verdient gemacht usw. Dagegen soll „gegen die Auswüchse des Judentums, insbesondere gegen das etndringende Oftjudentum Front gemacht werden." Und damit gab sich der Bauer zufrieden .. . Der Alpenverein, der bereits in Wien alle Juden ausgeschloffen hat, sieht sich in Augsburg immer noch genötigt, gegen eine Judentnvasion anzukämpfen. Ferner: Der Deutsch-österreichische Alpenverein, der in seinem Hauptausschuffe in Augsburg feierlich erklärt, sich in keiner Weise politisch etnstellen zu dürfen, gelobt im gleichen Atem, „Auswüchse" — die er als solche befindet — zu bekämpfen und gegen das Ostjudentum Front zu machen. Dies die zwei Unverständlichkeiten der Augsburger Tagung. Und dabei gibt es immer noch Juden, die ihren Stolz daretüsetzen, im„Deutsch-österretchischen Alpenverein" die Anderen und die Besseren darzustellen . . . Die ukrainische» Waisenkinder. Sine Anregung an die Wische Lehrrrwelt. Von Direktor N. Schlesinger in Berlin. 1332 QD171' 1332- So hallt heute der Weh ruf aus gepreßter Seele zun: himmlischen Vater empor, und SKpKl W’M ist einer der erschütternden GesühlAausbrüche, der den ganzen Jammer unserer zerrissenen Volksseele beleuchtet und aus der ulten Jeremiaselegie wie zu jeder Zeit unseres langen Goluslebens so auch jetzt als zeitgemäße Klage empfunden wird. „Waisen, die des liebevollen Vaters entbehren, sind wir geworden", das natürliche Verhältnis der besonderen göttlichen Vaterschaft haben wir durch eigene Schuld verscherzt, darum E'Ein ’dk 1:31? 1332, wende uns Gott wenigstens feine alle D'öirr umspannende Fürsorge zu. W?enn auch rächt als vB'JÖ, doch als a’ölJV qlauben wir an das auf Erbarmen gegründete Verhältnis unseres Schöpfers zu seinen verwaisten Geschöpfen appellieren zu dürfen und flehen mit elndrmgltchem Wehruf 1332 D’ain1 ’S« 1332 Und es will nüs scheinen, als ob die Welle unseres Notschreies am heutigen Tage ans ein ungeheures Meer gleichartiger gestoßen ist, als ob sie in Nesonnanz mit dem unzählbaren Chor verzweifelt rufender Kinderseelen zu uns zurückterrce L3PN1L3 PIXQ 'Q2t12 712112 21p H3H will uns dünken, als ob sie unser Auge hellsichtiger, unser Ohr feinhöriger, unser Herz zarter und mitempfindender für die grenzenlose Seelenangst igöjagter Kinderexistenzen gemacht habe, die in nicht abzuschützender Zahl ihr schauriges Ech!o zu uns herübersenden. Und wie in einer Vision sehenwir sie plötzlich klar vor unseren Ajngen. Ta hocken sie, die auf sich allein angewiesenen Waisenkinder, in den Winkeln ihrer zerstörten Häuser, zusammengekauert, ohne Betreuung und Liebe, und stieren uns mit ihren wissend gewordenen Kinderaugen anklagend -und vorwurfsvoll an, da irren sie, von nagendem Hunger getrieben, durch die verlassenen Dörfer, sehen verängstigt durch die schauervollen Erlebnisse' ihrer Jugend, und ihr junges Leben sinkt auf die Stufe triebartigen Vegetierens hinab, nur die Fristung der Lebensnotdurft vor Augen, da gellen die ekstatischen Schreie höchster Seelenangst aus den Herzen flüchtender Waisen, die ihr aufsprießendes Leben vor den nachsetzenden entmenschten Mordbrennern retten wollen, über die Trümmer einstigen Familienglücks. Doch alle diese Bilder, die aus unsere Phantasie einstürmen, sie reichen nicht heran an die grausige Wirklichkeit von der namenlosen Wäisennot in der Ukraine lind ihren unabsehbaren Folgen. Und da sollten wir nicht zu ganz besonders opserungsfrendiger Hilfeleistung fähig sein? Ta sollten wir nicht sür einen Augenblick alle Bedenken und Rücksichten, alles Klügeln und Abwägen ausschalten können und nur der eindringlichen Sprache bitterster Not Gehör leihen, um nur den Regungen des aufgewühlten Herzens zi: folgen jnnd, über inrs selbst uns erhebend, rein Mensch und ganz Jude zu sein.? Fort mit allen Einflüsterungen der Selbstberuhigung, mit all den Einschüchterungen und Bedenklichkeiten, die die zur Hilfe schon halb ausgestreckte Hand wieder lähmen, die den edlen Sinn aus freudig beschwingter Tat ernüchtern und -einschläfern! Ter Preis, den es gilt, .Hunderttausende unmündiger Kinderexistenzen, die ebenfalls Anwartschaft auf ein Leben und seine Auswirkungen haben, Hunderttausende jüdischer Seelen von den besten unseres Volkes, die berufen sind, einer: großen Teil unserer jüdischen Zukunft auszumachen, dieser Preis muß jeden zur äußersten Anstrengung, ja selbst zur Selbstentsagung an gern erstrebten Gütern uird Genüssen veranlassen — er wäre sonst nicht wert, das göttliche Menschheitsideal in seiner jüdischen Persönlichkeit darzustellen. Und wir, die jüdischen Lehrer der jüdischen Oeffentlichkeit, die wir leben, uud weben iu der Welt des jüdischen Kindes, .die lvir uns die Entwicklung der jüdischen Kinderseele zur heiligsten Lebensangelegenheit gewählt haben, wir ermessen wohl am tiefsten die Verantwortung und die Schuld, mit der unsere Generation sich beladet, wenn diese verlorenen Kinderseelen in der Ukraine nicht ernster zielbewußLer Führung teilhaftig werden, luenit sie nicht ans irgend eine Weise sür das jüdische Leben ertüchtigt werden. Berufsgenossen! Gewiß gehören wir zu den wirtschaftlich Schwachen, wie mancher von uns ringt selbst schwer unter der Last des Auskommens, gewiß, wir können das Problem der ukrainischen Waisenkinder nicht lösen, doch dürfen wir nicht zurückstehen, lvir müssen uns im bescheidenen Umfange unserer Kräfte zur Hilfeleistung drängen. Tie Mitglieder des Lehrerkollegiums der Muß' - Jisroel - Schule, Berlin Habel: daher beschlossen, -einen feftbestiunuten Betrag bei jeder Gehaltsauszahlung zu Gllnstell der ukrainischen Waisenkinder zu speuden, sie sind daher in der Lage, über eine genaue Summe dauernd verfügen zu können, da jedes neu eintretende Mitglied aus die Anteilnahme all dem Hilfswerk verpflichtet werden soll. Aus diese Weise war es uns möglich, den Betrag sür die Erziehung zweier Waisenkinder sicherzustellen. Durch die hochherzige Entschließung einer Waisemhausverwaltung ist bereits ein geeigneter Platz zur Unterkunft und Erziehung gefunden worden. Es sollen jetzt zlvei Waisen dort als Patenkinder unseres Kollegiums erzogen werden, das Interesse, das ein jeder von uns an der Erziehung und Zukunft dieser Kinder nimmt, ersetzt denselben zum Teil die Fürsorge und Liebe des verlorenen Elternhauses. Für besondere Aufwendungen, die zur Einkleidung und Ausstattung der Kinder nötig silld, hat eine unter den Zöglingen der Anstalt eingeleiteta Sammlung schnell die Mittel herbeigeschafft. Wir glauben, daß es nur dieser Anregung bedarf, unt andere jüdische Schn lau stallen zu einem ähnlichen Zusammenschluß zu veranlassen. Ten meiste:: von uns ist es versagt, ein Waisenkind in seinem Familienkreis auszunehmcn,,dioch überall finden sich vermöge privater Beziehungen geeignete Familien oder'Anstalten, wo gegen Entgelt einzelne Kinder Aufnahme finden können. Tiefe Beziehungen ansznnutzen und das Geld hierfür gemeinsam aufzubringen, dürste bei guten: Willen überall möglich sein. Es sei .an die Ovserfreudigkeil der jüdischen Lehrerkollegien bei Ausbruch des Weltkrieg-e-s' erinnert, als freiwillig an vielen Orten ein Erklärung von ’BH hinzugefügt werden soll. — Nun möchte ich aber glauben, daß auch die Lesart unserer Ausgaben sich rechtfertigen läßt. Man darf nämlich nicht übersehen, daß «212 «n*yr »» sprachlich nicht bedeutet „kleine Sachen wie große" sondern nur heißen kann: „Die Sachen eines Geringen wird die eines Großen". („Kleine Sachen" würde nur >vyr H'v heißen, an unserer, Stelle steht aber im Targum — das erste Wort in der Mehrzahl das zweite dagegen in der Einzahl). Das paßt dann ganz gut zur zweiten Erklärung von der da jttp gleichfalls wie der Targum als Personen faßt. — Diese meine Auffassung sehe ich nachträglich durch die Bemerkungen des vb nyfl: zur Stelle völlig gerechtfertigt und bestätigt. Dr. M. Lew in, Hamburg. Infektionskrankheiten ' und Menversolgungen. 1 Genau 300 Jahre sind es her. daß Cornelius; Trebbel in Holland das zusammengesetzte Mikroslop er- [ wnd. in demselben Jahre, in dem die Universitäten •Mitteln und Straßburg gegründet wurden. Damit luar die Voraussetzung geschaffen, den Erregern der peuchen ans die Spur zu kommen. Allerdings hatte man schon lange vorher etwas über Bazillen voransgenhnt. So schreibt im ersten Jahrhundert vor der ^w. Zeitrechnung Varro in seirrem Buch „Ueber die Landwirtschaft": „An feuchten Orten wachsen ganz "eine Tierchen, die man nicht mit den Augen wahrnehmen kann, die mit der Luft durch Mund und Nase in den Körper gelangen und schwere Krankheiten Hervorrufen," Aber diese Anschauung brauchte zwei Jahrtausende, um sich dnrchzuringen? Daß die Jnfektionskeime im Wasser vorhanden seien, ist eine Ueberzengung, die zwar auch dem Mittelalter geaiusig war. nur daß man glaubte, dieses Wasser sei künstlich vergiftet worden. Natürlich suchte man nach den Urhebern dieses vermeintlichen Verbrechens und verfiel dabei aus die Juden, die man für ein bequemes Ableitungsobjekt des Volkszorns hielt, um so mehr, als sie sich nicht wehren konnten, und somit ihre Verfolgung ohne Gefahr für den süßen Pöbel verbunden war. Charakteristisch für die Denkweise der damaligen Zeit ist ein Brief, den während der Pest von 1439 Landgraf Friedrich der Strenge von Thüringen, Markgraf von Meißen, an den Rat der Stadt Nordhausen schickte. Ins Neuhochdeutsche übertragen lautet der Brief so: „Ihr Ratsmeister und Rat der Stadt zu Nord- Haufen! Wisset, daß wir alle unsere Inden haben verbrennen lassen, soweit unser Land reicht, der großen Schuld wegen, die sie der Christenheit getan haben, indem sie sie mit Gift töten wollten, das sie in alle Brunnen geworfen haben. Darun: rate:: wir euch, daß ihr eure Juden töten laßt, Gott zu Lob und Ehre und zur Seligkeit der Christenheit. Damit sie die Christen nicht schwächen können. Wollte einer darum wider euch klagen, so wollen wir euch vor unserem Herrn den: Könige und vor allen Herren das abnehmen. Auch wisset, daß wir Herrn Heinrich Snvze, un- - sercm Vogt von Salza, zu euch senden der soll eure Juden der vorgenannten Schuld anklagen, die sie an der Christenheit getan haben. Darum bitten wir euch fleißig, daß ihr ihn: dazu helft. Das wollen wir zu eurem Besten. Gegeben zu Eisenach am Sonnabend nach Walpurgis unter unserem Siegel. Friedrich." Alan begreift diese Denkweise, wenn man bedenkt, daß sich das zu einer Zeit abspielte, in der die Dumpfheit und Verwirrung der Geister ihren Höhepunkt erreicht hatte. Wagte es doch erst zehn Jahre später. 1631, der Jesuit Friedrich Graf von Spee, gegen die Scheußlichkeiten eines ähnlichen Aberglaubens, die Hexcnprozesse, einen offenen Kanrps zü führen. Welch ein Irrsinn damals in den Köpfen kreiste, davon berichtet unter anderen: der großherzvglich-hessische Kircfcemat Georg Conrad Horst in seiner „Zauberbiblios thek", die sechsbändig im Anfang des vorigen Jahrhunderts in Mainz erschien. ES oauexte 'vis 1675, das; Anthony van eLuwenhvek aus Delst die Aufgußtierchen mit dem Mikroskop entdeckte und damit' der Vorläufer der modernen Bakteriologie wurde. 5abbal-Hnkang und Umgang. row* Ort: Anfang Datum Ausgang UhrlMtn. 1»31| 5681 Uhr Min. Frankfurt a. M 6 35 27. 23. 8 10 Berlin .... 7 05 Aug. Ab 8 — München . . . 6 45 . 7 40 Stratzburg . . — — — — Stuttgart. . . 6 45 8 — Posen .... — — — — Nürnberg. . . 6 50 7 51 Hamburg. . . 7 — 8 13

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