Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1921)
- Date
- 1921-08-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 33 des „Araelit". Das große Wunder. Eine traurige Revolutionsgeschichte. (Schluß.) Rabbi Moschele, ein Greis, dessen Alter keiner genau wußte, das aber auf über hundert geschätzt wurde, mit langem, silberweißen Bart, dichten, buschigen Augenwimpern und einem wachsgelben Gesicht, lag wie leblos auf seinem Kanapee in seinem Lernzimmer. Er lag mit geschlossenen Augen, schlief aber nicht, sondern grübelte über das, was in dieser Nacht aller Hirne und Herzen beschäftigte. „Vater, die ganze Kehillo kommt zu dir" teilte ihm seine Tochter mit. Der Greis richtete sich ein wenig auf. „Mache die Türen auf und laß ins Zimmer hereinkommen was herein kann. Für die Uebrigen öffne alle Fenster, damit sie von außen mit mir sprechen können". Nach einer kurzen Weile war das kleine Gemach vollgestopft mit Menschen, und die Menge staute sich an den offenen Fenstern. „Rabbi", fing einer an, „wir sind zu euch gekommen, daß ihr für uns betet, der Herr der Welt möge ein Wunder geschehen lassen". „Ja, ja, ein Neß", flehten auch die anderen. Dann kreuzten sich die Seufzer und Klagen und Bitten. „Es ist nicht mehr zu ertragen". „Der Becher ist bis zum Rande voll! . . ." „In zwei Stunden sollen jüdische Kinder aufgehängt werden, das können wir nicht zulasten! . . ." Mit Mühe richtete sich Rabbi Moschele ganz auf, und eine Handbewegung genügte, daß absolute Stille eintrat. „Meine Brüder! Ihr fordert Wunder. Hatte der Heilige, gelobt sei er, wenig Wunder uns erwiesen? Seht in die heilige Thauro hinein, die ist voller Wunder, von Anfang bis zu Ende. Und daß ihr alle in finsterer Nachtstunde eines Herzens und eines Sinnes zu mir kommt, ist das nicht auch ein Wunder? . . . Bedenket nur, Kinder, ihr, die Verfolgten, die Heimlosen und Gedrückten, die ihr heute nicht wißt, was der Morgen bringen wird, nicht wißt, welches Unglück, welches Leid euch erwartet, ihr habt euch auf einmal gefunden und all euere Gedanken zu dem einen vereinigt, wie hier zwei Söhne des jüdischen Volkes zu retten sind ... Ist das nicht schon ein Wunder für sich? Nun höret, Kinder, ich betete und werde nicht aufhören zu beten. Trotzdem ist es wohl möglich, daß die zwei Jünglinge mit Morgenanbruch sterben müssen ... Aber sie sterben als Heilige . . . Denn ihr Vergehen war aus jugendlichem Leichtsinn, aus Sinnesverwirrung geschehen. Ihr müßt euch auf das Unglück vorbereiten. Das Verhängnis, das Gott über uns gebracht hat, ist vielleicht nicht mehr abzuwenden. Aber das Wunder bleibt, und der Fingerzeig vom Heiligen, gelobt sei er, soll seine Wirkung tun . . . Bleibt einig und achtet fortan mehr auf euere Kinder, auf die Erziehung der Jugend, auf das religiöse Leben, auf das Studium und Ueben der Thora, die allein unsere Kinder gesund und heil an Leib und Seele erhält und uns vor Gefahren bewahrt . . . Bleibt stark im Glauben! . . ." Der Rabbi wurde still, denn durch das offene Fenster drang von weither von der Seite des Gefängnisses ein schreckliches Weinen. - Und nun wußte man, es war vollbracht, und leise schluchzend zerstreute sich die Menge. Kissinger Vadebriese. I. Kissingen- 12. Juli. Wer 1921 von seinem Arzte im Wiederholungsfälle wieder zu vier Wochen Kissingen verurteilt wird, konstatiert bet seiner Ankunft, daß sich das Bild im Ganzen gegen das Vorjahr wenig verändert hat. Der gleiche Gepäckträger, der — nicht da ist und aus all dein Rufen und Locken taub und stumm bleibt wie der Baal au ' Karmel, der gleiche Hotelportter, der — draußen vor dem Wartesaal in majestätischer Ruhe, die Hände in den Hosentaschen, deiner wartet, bis du dich mit deinem schweren Gepäck durch alle Tunnels und Geleise durchgekeucht hast. Die Kurgäste haben sich um ein drittel vermehrt, die Hähne, Hühner und Gänse ums dreifache und die Schnaken- und Trinkgelderplage ums hundertfache. Im Kurprogramm hat sich im Wesentlichen auch nur wenig geändert. Es besteht zum größten Teile-in An stehen und Warten. Man steht an und wartet frühmorgens am Brunnen vor dem Gießmädchen (es ist die im bunten Gewände mit stummer, weihevoller Miene hantierende Priesterin im Tempel des heiligen Rakoczy), bis das höhere Wesen in bayrischer Nationaltracht sich bequemt, mit einem seelenvollen Blicke aus dem dunklen Auge, den ihr keine Sibylle nachmacht, einem das „Opferglas" aus der Hand zu nehmen/ man wartet bis zum zweiten Glase/ wartet bis zum Frühstück und füllt diese Wartezeit aus, indem man an den Klängen eines Johann Strauß'schen Walzers einen einstündigen Laufmarsch — daheim ist man von Hauptwache bis Konstablerwache Trambahn gefahren — vollführt, als gälte es, sich in kürzester Zeit zum Landbriefträger auszubilden/ man steht dann in langer Reihe an und wartet am Badeschalter, um nach langem Harren eine Badekarte zu bekommen für eine Zeit, da die glücklichen Nichtbadenden im Hotel einem den besten Bissen wegessen. Es wird dann weiter gewartet: beim Bäcker, beim Caffee, im Wartezimmer des Arztes — denn drinnen sitzt eine Dame, die ihre leibliche und seelische Jahresbilanz macht und an der Schwelle noch ein Dutzend Letden und Krankheiten aufzuzählen weiß. Es ist inzwischen Mittagszeit geworden, und man hat jetzt die Wahl, entweder ins Bad zu gehen und das Mittagsmahl auf die Kaffeezeit zn verlegen, oder das in jedem Sinne teuere Bad verfallen zu lassen. Der Nachmittag ist von gleich lieblichen Handlungen und Erduldungen ausgefüllt. Es beginnt mit kochend heißen Moorkompressen, — draußen zeigt der Termometer 33 C. im Schatten — die die angenehme Illusion auslösen, als sollte man langsam in Atome zerfließen. Man kann sich dann um viere in einem Kaffee ersten Ranges, an einem Tee zweiten Aufgusses stärken und damit für die um fünfe unter Wiener Walzer- und Potpourriklängen wiederbeginnenden Trinkkuren und Laufmärsche von neuem Kraft und Mut gewinnen. Soweit würde ja alles so ziemlich beim guten Alten geblieben sein, wenn nicht doch noch dieses Jahr ein ganz Neues hinzugekommen wäre, nämlich die Razzias. EJa wohl Razzias! lieber Leser, du hast dich nicht verhört . . . Und Kissingen liegt immer noch im bayrischen Unterfranken, im Herzen Süddeutschlands . . . Wollte man früher dieses schöne Wort kennen Urnen, so mußte man nach Petersburg oder Moskau wandern, wo Juden das Betreten der I heiligen zaristischen Erde verboten war. In den letzten Jahren konnte man eine liebliche Razzia auch in Berlin, Grenadierstraße, zuweilen auch in Frankfurt, Allerheiligenstraße mit all ihren romantischen Schönheiten genießen. Aber auf so eine echte, rechte Razzia a la russia verstehen sich doch nur die Bayern. Anderswo ist das nur Machwerk, Imitation. Male dir, lieber Leser, dem die hohe Gnade geworden, dm Juli auf dem heißen heimatlichen Pflaster zu verbleiben, male dir, wenn du genügend Phantasie hast, folgende Situation aus: Du liegst in deinem Hotelbett und träumst im Halbschlummer von Weib und Kind. Der stimmbegabte Gockel im Hofe, der aus allen Hühnerställen Ktssingens Antwort und Beifall erhält, hat gerade angeschlagen und müht sich mit gutem Erfolge, in regelmäßigen Intervallen dein Interesse für den von ihm geahnten Morgen wachzuerhalten ... Da klopft es an deine Türe. Hast du geträumt? Nein, es klopft wieder, lauter, stürmischer. Was los? Wer da? Hat sich der Portier, der Jemand vor Tag wecken soll, in der Zimmertüre geirrt? Er möge zusammen mit dem übernervösen Gockel zum T . . ., der stupide Mensch . . . Man sagt es ihm ganz eindeutig zur geschlossenen Türe hinaus. Aber als Antwort kommt es ganz höflich zurück: „Bitte öffnen! Paßkontrolle! . . Wa—a—a—s? Paß? Kontrolle? Ist man nicht in Deutschland und kam man nicht von Deutschland? Man erinnert sich, bei Ankunft, im Hotelbureau seine Personalien „zwecks Anmeldung" haarklein angegeben zu haben, und des allerliebsten Lächelns, mit dem das Bureaufräulein uns versicherte: „Alles andere machen wir schon!" „Bitte öffnen! Paßkontrolle!" die Stimme draußen unerbittlich. Draußen im Hofe kikeriktt wütend der Hahn, gackern und quacken die Hühner, schnattern die Gänse, ein grauer Silberstrahl des werdenden Morgens geistert durch die schmalen Spalten des Fensterladens. Irgendwo schlägt heulend ein Hund an. Und der Mann an der Türe: „Bitte öffnen, Paß vorzetgen!" Du suchst ganz verschlafen und zerschlagen. Was suchst du eigentlich? Zunächst die Unentbehrlichsten . . . Man kann sich — oh wenn du gar eine Dame bist — doch nicht so dem scharfen Auge des Gesetzes aussetzen . . . Wo mag nur! der Rock sein? In der Tasche drinnen könnte er wohl sein, der Paß. Hier ist der letzte Brief mit den^hundert Küssen von den Lieben zu Hause, die nachgesandte rote Steuermahmung, die letzte Hotelrechnung, den Brief deines Hauswirtes daheim, in dem er liebenswürdig von Steigerung und Mtetsamt spricht . . . kurzum alles ist da, nur der Paß nicht . . . Hast du überhaupt einen? ' , ,j Heil dir, wenn du ihn am Ende doch hast und mit Bild und Visum beim Morgengrauen! bezeugen kannst, daß du wirklich du bist und als Sohn eines deutschen Steuerzahlers auf deutscher Erde zur Welt gekommen bist. Mit einem höflichen „Guten Morgen" zieht die „Kriminal" ab, und wenn Gockel und Nerven dir noch eine Stunde Schlaf gestatten, erwachst du bet den ersten Tönen des Brunnenchorals mit dem dumpfen Gefühle, von einer Reise nach Sibirien geträumt zu haben ... Wehe aber, wenn du in der Meinung, daß ich ein Deutscher Innerhalb des deutschen Reiches rei bewegen könne, es verabsäumt hast, dir dep nötigen Ausweis zu besorgen, oder wenn dein Paß zwar vollkommen in Ordnung ist, aber von einem fremden Konsulate ausgestellt ist, dieweil )u in irgend einem anderen Lande vor so und o viel Jahrzehnten das Licht des nichtdeutschen Fimmels erblickt hast ... Du warst zwar der Ansicht, daß du, nachdem du Jahrzehntelang un-