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Der Israelit · 1921-08-18 · Heft 33 (18.8.1921) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 33 (18.8.1921)
Date
1921-08-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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18. August 1921. Der JSraeltt. Sette 9 Nr. 33 behelligt in Deutschland lebst und Steuer zahlst, dir dieser Paß freie Paffage durch die deutschen Lande sichert. Da sollst du aber beim ersten Morgengrauen eines Besseren belehrt werden. Du mußt für Bayern eine Einreiseerlaubnis haben. Und Haft du sie nicht, (keiner hatte sie, weil keiner bisher von dieser bayrischen Staatsweisheit letztem Schluß einen blauen Dunst hatte) so behält der Beamte deinen Paß zurück und bittet dich höflich, im Laufe des Vormittags auf dem Rathause am Marktplatze vorzusprechen. Kissingen, 14. Juli. Einer der schönsten Plätze dieser lieblichsten aller Städte Unterfrankens, ist wohl der Marktplatz. Wenn sich der Tag gesenkt und im matten Abendscheine die epheuumrankten Giebelhäuschen im zitternden Zwielichte aufblitzen, so glaubt man die natürliche Szenerie der ,-Meistersinger" in Alt-Nürnberg vor sich zu haben. Es ist etwas unsagbar romantisch Schönes um diese alten, sagenumwobenen Bauten auf dem Markte, wo jedes dritte Haus zum „fränkischen Wein" und „Münchener Vollbier" etnlädt und unten im fast kellerttefen Parterraum die Einheimischen abends bet Pfeife und Schoppen in Politik machen. Am Tage mutet schon der Platz etwas prosaischer an, sogar sehr prosaisch. Tisch an Tisch und Wagen an Wagen reihen sich, auf denen die Landbevölkerung ihre Produkte den Badegästen feilbietet. Ganze Ballen von Butter, vollgehäufte Eterkörbe, Kohl und Rüben in allen Arten und Farben, das letzte Frühobst und das erstgereiste Spätobst lachen einen lieblich an — alsolange man nicht nach dem Preise gefragt hat. Hier pflegten die Kurgäste frühmorgens ihre Einkäufe zu machen und sich für den- Tag zu verproviantieren. Man könnte am Tage dieses liebliche Viereck in Anlehnung an den Titel eines bekannten Zola-Romanes den „Bauch von Kissingen" nennen. Und das will schon was heißen bet einer Fremdenfrequenz von über 30000. Oestltch wird derMarktplatz von dem malerischen, Turmbau des Rathauses abgeschlossen, der in fast maurischer Brette und Behäbigkeit mit seinen grauen Mauern und den weiß-braun gestreiften Fensterläden wie ein guter, gemütlicher Hausvater im Schlafrock und Zipfelhaube den Trubel überwacht . . . Die alten Giebelhäuschen sind Zeugen alter Tage/ sie mögen noch manche Hexenverbrennung gesehen haben, und in den Tiefen dieses Rathauses mag in alter Zeit die Foltermaschine noch eifrig gearbeitet haben zum höheren Ruhme von Thron und Altar. Heute sieht der Platz hell und heiter auf hoffenssrohe Menschen, die in allen Sprachen und Dialekten der Welt mit unterfränktschen Dorffrauen um ein Dutzend Eier feilschen ... lieber diesen Platz, an den Tischcn und Wagen, an den Haufen von Kraut und Rüben vorbei, drückt sich der Jnkriminierte vorbei, um ins Rathaus zum Verhör zu gelangen. So schlimm wie damals, zur Zeit des Fehmgerichts, der Folter , und der Hexenverbrennung ist es ja nicht »iehr in diesem alten halbdunklen Bau. Ganz unten ist die städtische Polizei-Wache untergebracht, deren Aufgabe es ist, nach Dieben, Raufbolden, nächtlichen Ruhestörern, Bettlern usw. zu fahnden. Im Hochparterre arbeiten ehrbare Schreiber in festgesetzten Bureaustunden fleißig, den städtischen Verwaltungsapparat in Bewegung zu halten. Aber oben, im ersten und obersten Stock, hat sich die Kriminalpolizei des Herrn Kahr niedergelassen, hier waltet die „Ordnungszelle" des Deutschen Reiches . . . Auch hier wird man,, nachdem man lange genug gewartet hat, das muß betont werden, sehr höflich empfangen, sogar zum Sitzen eingeladen. Dann beginnt ein Verhör, das hochnotpeinlicher nicht gedacht werden kann. Nicht allein, wann, wo, wie du geboren bist, wo und wie du dein Leben bis zu deinem Fehltritt auf bayrischen Boden verbracht hast, mußt du wissen, du mußt auch über die intimsten Lebensbeziehungen deiner Eltern und Großeltern Auskunft geben, bis der große Protokollbogen auf beiden Seiten ganz ausgefüllt ist... Deine euphemistische Erklärung, du seist kein Revolutionär, kein Bolschewistenkommtssar, kein Lebensmittelschieber, du trübtest kein Wässerlein, es sei denn das im Soolbad Zelle Nr. 14, das gerade fällig sei und seiest hergekommen einzig nnd ausschließlich, um mittels des Wundertrankes des Rakoczy dein gesundheitliches Soll und Haben ein wenig zu regulieren, all dieses wird mit absoluter Ruhe und sogar mit gläubiger Miene entgegengenommen. Der Hüter der Ordnungszelle hat Zeit. Draußen verfällt dir das Bad, das 12 Mk. gekostet hat, geht deine Gesellschaft in den schönen Wald — ohne dich, wartet der Arzt deiner in der von ihm festgesetzten Stunde, sucht dich der Briefträger, der deire Unterschrift für einen Wertbrief haben will, schimpft der Portier, der das Moorsäcklein gerichtet hat, wird im Speisesaale deine Suppe kalt — und du sitzst da und gibst Auskunft, wann und wo der Großvater die Großmutter geheiratet hat . . . Auch die Protokollaufnahme erreicht schließlich, wie alles Zeitliche, ihr Ende und du wirst von einem Kriminalbeamten — nicht gefesselt — hinuntergeführt zum weniger höflichen, aber auch weniger gefährlichen Schreiber, dem Beamten der Stadtbehörde. Auch er hat eine Menge zu fragen und richtigzustellen — weil er das Protokoll seines Münchener Kollegen nicht lesen kann. Dann endlich — die Prozedur hat drei Stunden gedauert — reicht er dir einen Zettel hin, wofür er Mk. 20.20 verlangt. Der Zettel stellt die nachträglich erteilte Einreise- und Aufenthaltsbewtlligung dar und das Geld die dafür nach Recht und Gesetz zu entrichtenden Gebühren. Und mit diesem feierlichen Notenwechsel bist du entlassen. Wer aber glaubt, daß damit die Sache ihr Ende erreicht hat, wird bald eines Besseren belehrt. Nach zwei Tagen überbringt dir dein Freund — wer hätte nicht in der Sommerfrische schon am ersten Tage mit dem Briefträger enge Freundschaft geschloffen? — unter andern guten Dingen ein fein säuberlich zusammengefaltetes Amtsschreiben, in dem du lesen kannst: „Sie haben gegen folgende §§ der Verordnungen Nr... verstoßen und werden für Punkt 1 in eine Strafe von ... für Punkt 2 . . ." und so weiter bis zum letzten Punkte, bei dem dein Kapitalverbrechen schon auf eine mehrstellige Ziffer angewachsen ist . . . Das ist die mildeste Form. In den meisten Fällen lautet aber der Vordruck: „Wegen Vergehens gegen . . . haben Sie binnen 24 Stunden das bayrische Staatsgebiet zu verlassen, widrigenfalls usw." In vielen Fällen kommt mit der ersten Post der Strafbefehl, mit der zweiten die Ausweisung. Ein Herr, der in Frankfurt seit Jahrzehnten wohnt und dort eine hochgeachtete Stellung einnimmt, der aber noch im Besitze seines ungarischen Passes ist, obwohl einer seiner Söhne unter deutschen Fahnen gekämpft hat und gefallen ist, wurde mit seiner Frau von der eintägig befristeten Ausweisung am Sabbat ei ngang ereilt. Er wagte es, noch 12 Stunden länger den bayrischen Boden mit seiner illegalen Anwesenheit zu entweihen und zu gefährden .. . Nach Hunderten zählten die Ausgewtesenen, die ich in wenigen Tagen durch die Kontrolle am Bahnhofe passieren sah, und sie hatten — mit verschwindend wenigen Ausnahmen — alle jüdische Gesichter. Einer sagte sarkastisch: „Bayrisches System!" Und er sprach es so aus, daß die Stlbengruppierung entstand: „Bayer-Risches-System!.." Wollten sie aus Kissingen ein unterfränktsches Borkum machen? Stadtverwaltung und Badebehörden gewiß nicht. Ein Vertreter der letzteren sagte mir, sie hätten 100000 Mark für Propaganda ausge- . geben, um die Fremden aus allen Weltteilen nach Kissingen zu locken. Und die Münchener Regierung läßt sich's fast ebensoviel kosten, für die Unterhaltung einer auf Menschenjagd abgerichteten Fremdenpolizei zu sorgen, die Tag und Nacht Propaganda macht — für nichtbayrische Bäder. (Fortsetzung folgt.) Anderere. Veränderung. Von Heinrich Einstädter. Die Synagoge in M. befand sich im zweiten Stockwerk des Gemeindehauses und bestand aus zwei Zimmern, die durch eine Bretterwand von einander getrennt wurde. Der obere Teil der Wand war durch ein Gitter durchbrochen. Der eine Raum war für die Männer, der andere für die Frauen bestimmt. Einfachheit und Sauberkeit herrscht in diesen Räumen, in welcher sich die kleine Gemeinde seit ihrer Gründung zum Gebete versammelte. An Sabbaten und Festtagen wurde vor den Araun hakaudesch ein andres Porauches gehängt und auf den Schulchon eine bessere Decke gelegt. Darin bestand die ganze Veränderung. Eine Auszeichnmlg besonderer Tage durch reichere Beleuchtung war unmöglichdenn Kronleuchter fehlten. Vor jedem Platze stand auf der Bank eine Kerze in messingener Hülse - das war alles. Und dennoch — dem Knaben, der dort stets neben seinem andächtigen Vater stand, schien es, als ob die Synagoge am Schabbos ein ganz anderes Gewand trüge als am Werktage. Besonders an den Feiertagen erweckte sie bei ihm einen viel bedeutenderen, dem Wesen des Tages entsprechenden Eindruck. Auch die Vortragsart sämtlicher Gebete kam ihm viel schöner, viel feierlicher vor, obzwar doch ein Teil derselben in der gleichen Melodie wie an Werktagen vorgebetet wurde. Er gab sich, solange er Kind war, darüber keine Rechenschaft. In seiner Einbildung war eben an den Festtagen das Kletd des Gotteshauses ein anderes, ein schöneres, wie auch der Vortrag der Gebete viel feierlicher erfolgte. Erst in reiferen Jahren kam es ihm zum Bewußtsein, dah der Eindruck, den er empfangen hatte, kein sinnlicher gewesen war, dah vielmehr die Stimmung, in der er sich befand, jene Empfindungen erweckt hatte. Die Vorstellungen, die er sich gebildet hatte, hafteten aber so fest, daß es ihm schwer wurde, sie zu berichtigen. „War es wirklich nicht am Freitag Abend in der Synagoge immer viel heller und wärmer gewesen?" fragte er sich. „Habe ich nicht am Vorabend des Suckosfestes den Duft des Laubes gerochen? Hat nicht der Vorbeter an den Feiertagen auch den Anfang des „Schemone esre" anders gesungen als am Schab» bos?" Diese Fragen und viele ähnliche legte er sich vor, und nur ungern gab er sich zu, dah in jenen Räumen niemals ein Ofen gestanden hatte, nie ein Laubgewirrde angebracht war, dah sich sein Auge und sein Ohr hatten täuschen lassen von seinem Herzen. — Hatten täuschen lassen? — War es wirklich eine Täuschung gewesen? Wer entschied darüber, ob Auge und Ohr oder sein Herz recht gehabt halten? — Der Knabe war längst kein Kind, auch kein Jüngling n, ehr, als er diese Frage an sich richtete. Und da fiel die Antwort zugunsten des Herzens aus. Und wenn er dann um Freitag zur Synagoge ging und mit der Gemeinde ausrief: „Kommt, wir wollen dem Ewigen singen, zujubeln laht uns dem Fels unsres Heils", dann sah er wieder tausend Flammen, die brannten in seinem Herzen und verbreiteten festliches Licht und wohlige Wärme. Und wenn er am Sabbatmorgen den Psalm betete von dem Sonnenball, der einem Bräutigam gleich aus seinem Gemach tritt, oder „Hakaul jauducho" anstimrnlc, dann ergötz sich wieder Goldesglnnz durch die Fenster und überzog Beter und Bänke mit prächtigem Schmuck. Und wenn am Schlüsse des heiligen Tages der ,/'edowid boruch" gesungen wurde, dann wich die festliche Pracht dem Alllag, wenn auch nicht wen'ger Kerzen brannten als am Freitagabend und auch derselbe Vorhang noch den Thoraschretn zierte. Aber zugleich goh sich feste Zuversicht und sichres Gottvertrauen ihm in die Brust, und diesen Schatz bewahrte er sich von einem Schabbos zum andern.

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