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Der Israelit · 1921-08-18 · Heft 33 (18.8.1921) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 33 (18.8.1921)
Date
1921-08-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. No. 33. Der JSraeltt. den Verhältnissen vertrauten jüd. Köpfen zu konferieren, die die Bedürfnisse bereits vor Jahren studiert haben. Ich beziehe mich oabei auf Persönlichkeiten wie Myerson von der JEA, Adv. -Sliosberg aus Petersburg, der während 26 Jahren Vorstand der jüd. Wohltätigkecks- und philanthropischen Gesellschaften in Rußland war und schließlich auf Leonty Bramson, Mitglied des Zentralen Hilfskomitees für die Kriegs¬ und Pogromopfer — „Ekopo" — und der Gesellschaft zur Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft unter den Juden in Rußland, der „Ort". Aus den Konferenzen mit diesen Herren, aus Untersuchungen auf direktem und indirektem Wege, konnte ich mir ein Bild über das schreckliche Leid und Elend der Juden Osteuropas machen und bekam so wenigstens eine ungefähre Kenntnis ihrer Bedürfnisse, die sich alle in idem Wort „Wiederaufbau" kristallisieren. Ich glaube, es kann als feststehend angenommen weiden, daß die Verhältnisse der Juden Osteuropas gegenwärtig im Charakter sich nicht von denen der Vorkriegszeit unterscheiden, mit der Ausnahme, daß ein schreckliches „Plus" hinzugefügt werden muß. Mit andercil Worten, die Verhältnisse der Ostjuden vom ökonomischen, sanitären und kulturellen Standpunkt aus betrachtet, waren schon in der Vorkriegszeit tragisch. Tie Tragödie hat sich nur ins Unermeßliche gesteigert. Infolge jahrhundertelanger Bedrückung, der rmüberwindlichen Schwierigkeiten zufolge der Ausnahmegesetze usw., ivar es den Juden dieser Länder unmöglich, ihre Verhältnisse nach modernen, fortschrittlichen Richtlinien zu bessern; sie waren gleichwohl die einzigen Juden in Wirklichkeit, die nie von ihrer Loyalität denr Judentum gegenüber abgewichen sind, -- so wie sie es verstanden — und sie sind sozusagen die einzigen Judett, die den Idealismus jüd. Glaubens ulrd Lebens aufrecht erhalten habeir. Wenn man die Zähigkeit irr Betracht zieht, mit welcher sie während all der Jahrhunderte der Verfolgung, Bedrückung und Progrome an der Aufrechterhältnng der jüd. Ideale festgehalten haben und für diese eingestanden sind, so kann man ihnen Bewunderung und Ehasurcht nicht versagen. Und was haben die Juden anderer Länder während all dieser Jahrhunderte für ihre Brüder getan? Sie haben Almosen gegeben, nur genügend, um ihr Leben 51t fristen, haben aber kaum etwas unternommen, ihnen ein höheres ökonomisches und kulturelles Niveau zu ermöglichet:. Tie Juden anderer Länoer waren ihren religiösen und jüd. Idealen gegenüber größtenteils indifferent. Wäh^- rend sie selbst großen Reichtum aufhäuften, haben Juden. Ein großes Hotel hat sich unter Aufsicht eines Rabbiners gestellt und bietet auch den Frömmsten die Möglichkeit, hier zu leben. Eine herrliche Synagoge erhebt sich in der Stadt, und was bisher noch dem gewissenhaften Jehudi fehlte, wird gegenwärtio auch eingerichtet. Aber'viele, vielleicht die meisten der jüdischen Besucher des Bades verschmähen jüdische Speisehäuser. Sie suchen in den großen Hotels Unterkunft und Verpflegung, meiden das Gotteshaus und mischen sich nur am Brunnen unter ihre Glaubensgenoffen. Aber ge-; rade dort und. in den Promenaden und bei festlichen Veranstaltungen erkennt der Judenhaß das Objekt, auf das er sich richtet, und zwar nicht zum wenigsten an dem übertriebenen, mit aller Unvernunft zur Schau getragenen Luxus. Wenn all die Edelsteine und Perlen, die ihre Träger verunzieren, den vielen Unglücklichen geopfert werden möchten, von denen die Zeitungen berichten, welche Menge von Elend könnte da gelindert werden! Wie angebracht wäre heute des weisen Rabbis weises Wort denen gegenüber, die hierherkommen, um die Steine zu verlieren, die sonst ihr Leben begrenzen, und sich indes törichterweise mit Steinen beladen, die ihnen neue Leiden verursachen können! Aber — es gibt wenig Weise, und man hört nicht gern auf sie. Doch wollen wir mit den besten Hoffnungen unseren Brief schließen. Vielleicht nächstens noch mehr davon! _ H. E. Eine Variante ln riwo-Nrucken. In unseren nu’p wird die Leidenszeit der Kreuzzüge oft erwähnt. (1096. nm) Dabei sind die Städte Speier, Worms, (x»»e-ro) Mainz Ottjuü) Köln (KOl^ip) und Frankfurt ausdrücklich : sie es zugelassen, daß die Jstden Oistmvopas | j immer tiefer in allem gesunken sind, was das Leben lebenswert macht und ihr Gewissen beruhigt, indem sie für gewisse Wohltätigkeitszwecke spendeten, und auch das nur bis zu einem limitierten Grade. Wenn Judentum und jüdisches Leber: aufrecht erhalten werden sollen, so kann dies nur durch aufopferungsvolle Hingabe der reichen Juden der Welt an den Wiederaufbau der Juden der osteuropäischen Länder geschehen. Ich habe das Wort „Wiederaufbau" gebraucht, jedoch wäre das Wort „Aufbau" viel passender. Cs sollte keine Frage bilden, bis zu welchem Maß unsere Ansichten mit jene:: der Juden Osteuropas übereinstimmen oder den verschiedenen Standpunkten und Praktiken, die zwischen Oft- und Westjude:: existieren; wir müssen die Verhältnisse nehmen wie sie sind. Wenn wir jenen Leuten zu Hilfe kommen, müssen wir immer ihden Standpunkt in Betracht ziehen, in der Hoffnung, daß sie sich allmählich zu einem höheren 'Niveau erheben werden, das mehr mit unserer: Ideen und unserem Leben in Einklang steht. Wir müssen die Ideen jener, denen wir zu Helfer: wünschen, respektieren, müssen in Verbindung mit ihnen arbeiten und uns bemühen, ihnen allmählich unserer: Standpunkt beizubringen, ir:sofern, als damit eine höhere Lebensführung erreicht werden soll. Bemühungen, sie zu zwingen, sofort unseren Standpunkt zu akzeptieren, würden m. E. nicht nur mish lingen, sondern unmoralisch sein. Tie Leute selbst müssen entscheiden, bis zu welchem Umfang sie ihre Methoden und Auffassungen zu. arrderr: wünschen ur:d man sollte ihner: unsere Tenk- und Lebensweise keineswegs unterschieben. Rur so können wir hoffen, sie mit nwdernen Begriffen und Fortschritt zu versöhne::. Jedes Wiederausbauwerk, das unternommen rvird, muß nach der Meir:ru:g eines jeden, der sich an Arbeit dieser Art beteiligt, absolut getrennt sein von Unterstützungswerk und muß, um bleibende Resultate zu erlangen, durch unabhängige Organisation geschehen. Dauernde und nicht momentane Leistungen müssen in Betracht gezogen werden. Während das gegenwärtige sog. Wiederausbauwerk des ITC auch momentane Erleichterungen nicht ausschließen darf, muß oas Wiederaufbauwerk in seiner wirklichen Bedeutung und als permanente Tätigkeit von der durch Hilfsorganisationen geleisteten Arbeit unbeschränkt getrennt sein. lieber diesen Pnukt habe ich nur eine Meinung gehört von all jenen, die dieses Probten: untersucht haben. Ich glaube, daß einige der Länder, in denen Wiederaufbau eine Notwendigkeit ist, jetzt für eine sofortige Tätigkeir reif sein mögen und ,es sollte keine genannt, die ersteren drei Orte stets zusammen in de* nyp „D’D '»81 jn* w", in der Ausgabe vorxDr. S. Baer Seite 4t. Eigentümlich fehlt jedoch Worms in manchen älteren Drucken, so in den Folioausgaben von Sulzbach, von Wilharmsdorf und in der Jürther Ausgabe a'^pn von David Ottensoßer. Nach der Erwähnung Speiers wird dort durch die Worte rrvsiiK '2rrpi 0w 1V2, sofort auf Mainz übergeleitet. Das geschieht auch in dem Machsor (Folio) der Venediger Ausgabe. Eigentümlicherweise hingegen hat die Venediger Prachtausgäbe, in Großfolio, 1710 erschienen, wiederum K»»an auch, wie die neuesten deutschen Drucke: min2 rr»'viii Pnp invan a» lenp b»öj>b, rrnna r»p2i p» vix: '01 minai n»vn2i, mnaS n »nro n»P»i an»jD, 8wv2 'm irni»5? nxnp2. Es wäre interessant zu erfahren, durch wen und seit wann d'ese Textverschiedenheit aufkam, A. Mannheimer, Dettelbach a. M. (Das ärmellose Kleid.) Zum Artikel des Herrn Rabbiner De. Kanter in Nr. 23 schreibt uns Herr Rabbiner Dr. B. Cohen, Heilbronn: Es sei darauf hingewiesen, daß die zitierte Raschi-Stelle von v'w '^'28, also Ellenbogen spricht) vor allem darauf, daß diese Talmudstelle ein solches Kleid als Scheidungsgrund betrachtet niSö. Ebenso wie das die Ellenbogen freilaffende Kleid ist ebendort bis 02» aipö 12 nttmin j’Snn, also Familie nbadbenutzung als vollendeten Scheidungsgrund genannt. — Aus Herrn Rabbiner Dr. Kanters Darstellung konnte man irrtümlich entnehmen, unsere Weisen hätten dergleichen erlaubt. 18 August 1921 /Zeit verloren werden, in der Erwartung, konkretere und weiterreichende Pläne entwickeln zu können. Wenn nicht die gegenwärtige Dezimierung, die infolge der ungenügenden sanitären Verhältnisse unter den Ostjudm Platz greift, eingedämmt wird, wenn nicht Mittel bereitgestellt werden, um die dort herrschenden, erschreckend verbreiteten Krankheiten zu bekämpfen, werden bald keine Juden mehr übrig bleiben. Tuberkulose, die Folge von Hunger, Kälte und allgemeiner Notlage wachsen in beunruhigendem Maße. Typhus wütet. Ruhr und Cholera drohen. Und all diesen Gefahren kann nicht begegnet werden, weil keine Aerzte, keine Krankenpflegerinnen, keine Spitäler, keine ärztlichen Hilfsmittel vorhanden sind, die der Erwähnung wert wären. Ich persönlich sah in Brest-Litowsk — um nur ein tragisches Beispiel zu geben — einen jungen Mann von 17 Jahren an Peritonitis sterben, weil nicht ein einziges chirurgisches Instrument ::: jener Stadt vorhanden war, mit dem der mich begleitende Arzt eine Operation hätte vornehmen können. Und dieser junge Mann war die einzige Stütze seiner Mutter, deren Mann, sowie 7 Brüder und Schwestern in einen: Pogrom getötet worden waren. Tiefes Beispiel könnte durch Tausende vervielfacht werden. Tie Spitäler haben keine Dächer, keine Fenster, keine Betten, keine Medizin, keine medizinischen Hilssinstrumente, keine Aerzte, keine Krankenschwestern. Glücklicherweise faßt das Joint diese schrecklichen Verhältnisse ins Auge und hofft Mittel zu deren Besserung zu finden. De: Umfang, in dem die Kindersterblichkeit als Folge des Krieges zugenommen hat, heischt keinen Kommentar. Diese und.die besondere Sorge um die Kriegswaisen, sind zwei von den Problemen, die in so eindringlicher Weise dargestellt worden sind, daß es verlorene Zeit wäre, sie neuerdings ausführlich zu behandeln. Jedoch, wenn diese Probleme nicht mit Energie und Verständnis angefaßt werden, wird die junge Generation der Juoen weiter physisch, kulturell und moralisch sinken und die Juden der ganzen Welt werden nicht wagen, ohne Erröten zu bestätigen, daß sie Zugehörige des Judentums sind. Viel Opposition, im Prinzip wahrscheinlich ganz berechtigte, hat sich verschiedentlich gegen die Unterstützung der so zahlreichen kleinen Händler bemerkbar gemacht und selbstverständlich sollte jede Anstrengung gemacht werden, um ihre Zahl allmählich zu reduzieren. Unter den bestehenden Verhältnissen jedoch bilden sie ein solch bedeutendes Element, daß es grausam wäre, sie zu übersehen. Jene, welche ihr ganzes Leben im Kleinhandel verbracht haben und in ihm ult geworden sind, können nicht einfach ignoriert werden, während andererseits jede Aüstnngung gemacht werden sollte, um die jüngere Generation in andere Lebensberuse hinüberzuleitcn. Ties kann geschehen durch Förderung vor Handwerks- und Landwirtschastsschulen, durch die Errichtung und Förderung von Industrien. Es ist im gegenwärtigen Moment, ein wirklicher und ich glaube aufrichtiger Hil,eruf der Inden der osteuropäischen Länder nach Errichtung von lairdwirtschastlichen Schulen und Siedlungen und die Förderung von Handwerksschulen und wenn diese Tätigkeiten in verständnisvolle: Weise unternommen werden, so besteht in. E. kein Zweifel, daß in nicht allzu ferner Zeck viele junge Leute, die ans Notwendigkeit gezwungen wären, Kleinhändler zu werden, zun: Handwerk oder zu landwirtschaftlichen Arbeiten übergehen. Bon gleicher Bedeutung ist die Organisierung von Darlehenskassen und Kooperativ-Genossenschaften, um den iQÄiibto'erfern bei Beschaffung von Rohmaterial, Werkzeug und Maschinen beiznstehen. Wahrend der Kriegsjahre ist alles vollständig vernichtet worden und durch die Neubeschasfung setzt man diese Leute in den Stand, eine Existenz für sich und ihre Familie zu finden, sodaß sie aus der Klasse der Hilfsbedürftigen ausscheiden. Kein Problem bietet größere Schwierigkeiten und ist ernster als bas der kulturellen Arbeit

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