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Der Israelit · 1921-08-18 · Heft 33 (18.8.1921) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 33 (18.8.1921)
Date
1921-08-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 33 wird, ist auch Staat und Heimstätte, ist aber mehr als all dieses, ist Herzpunkt, von dem alles jüdische Leben ausgeht, ist die Seele, die all das, was der neue Aufbau in Palästina heute zu Wege bringt, erst mit Leben durchdringen muß. Die Werke des Wiederaufbaues als Selbstzweck, als letztes Ziel ersehnen, errichten und sich auswtrken lassen, hieße so viel wie einen Teil als Ganzes nehmen, wie den Baum der Quelle seiner Kraft und seines Wachstumes, seinem Wurzelwerke in der dunklen Erde, entziehen und hintennach von ihm verlangen, daß er Früchte, des Stammes würdig, heranreifen lasse. Man spricht von Zusammenarbeiten, von Wegen zu einem solchen. Der Weg ist gegeben: Stellet die ganze Arbeit und Sorge um das jüdische Haus und seine äußere Herrichtuü^ M einen Teil in den Gesamtkomplex des Zionsgeöankens, wie ihn uns Rabbi Jochanan nach der Zerstörung gezeigt und gezeichnet, wie er durch alle Generationen, von den babylonischen Lehrern bis zu Maimonides und Nachmanides, von ihnen bis zum „Scheloh" und von diesem bis zu den Förderern des alten Jischuw in der neueren Zeit, hochgehalten und treulich gehütet wurde, und der gemeinsame Weg ist da. Es ist nicht damit getan, wenn man Anliegen der Religion, die man entthront und der man an einer Ecke in dem westlich ausgestatteten nationalen Hause Ruheplätzchen gewährt, in die Hand einer winzigen, abhängigen Fraktion legt. Zion muß jüdischer Universalbegriff, es muß das alte Zion bleiben, von seinen berufenen und bestellten Hütern - wsw wpan own'1 w - bewacht und betreut. Innerhalb dieses von Gott gezogenen Rahmens gibt es Betätigungsfeld genug für-alle, deren Herz für Zion schlägt. Wochenmndschau. Me Segensatze im Zionismus. Wie bekannt haben die unter der Führung von Brand eis und Mack stehenden amerikanischen Zionisten den Beschluß gefaßt, dem Karlsbader Kongreß fernzubletben, weil sie sich angesichts der von ihnen als autokrattsch verurteilten Haltung Weizmanns und Sokolows keinen Erfolg von einer sachlichen Opposition innerhalb der zionistischen Reihen versprechen. Dagegen haben die Amerikaner ein sehr ausführliches Memorandum an den Kongreß vorbereitet, das eine Geschichte der Zwistigkeiten und Meinungsverschiedenheiten zwischen den amerikanischen und osteuropäischen Leitern des Zionisw.<,. » .MW Von der Trauer zum Tröste. Bon Rabbiner Dr. Moses Auerbach in Köln. „Es gibt Tage, an denen ganz Iisroel fastet wegen des Unglücks, das uns an ihnen betroffen hat. Diese Fasttage sollen uns zur Buße anregen, an eigne Sünden zu denken und an solche früherer Geschlechter. Denn diese Sünden waren immer die tiefere Ursache für alles Unglück. Die Erinnerung hieran soll uns deshalb Veranlassung zur Besserung sein. Es ist demnach Pflicht eines jeden, an solchen Tagen sein Tun zu überprüfen und sich Gott wieder zuzuwenden. Das Fasten ist nicht Zweck, sondern es ist Mittet zur Umkehr. Aber man soll deshalb nicht glauben, daß man das Fasten laffen und mit Gedanken der Reue sich begnügen kann, denn unsere Propheten haben diese Fasttage eingesetzt, „und ganz Iisroel hat sie angenommen" Mit solchen Worten leitet R. Awiohom Danzig im ms "N die Behandlung der Vorschriften über rwn eln. Zweck des Fastens ist sittliche Erneuerung durch Selbstprüfung, aber das Mittel, von Der JSraeltt. mus gibt, das Schwergewicht merkwürdigerweise allerdings auf die persönlichen Momente legt. Die wahre Ursache der Krisis sei in dem Kampfe einer kleinen Gruppe von willenstarken Männern zu suchen, die im fanatischen Ehrgeiz die alleinige Macht über die Bewegung in ihren Händen behalten wollten. Die große jüdische Oeffentlichkeit hat keine Veranlassung, sich in diese unerquicklichen Interna der zionistischen Partei einzumengen. Wohl aber ist diejenige Seite des amerikanisch-osteuropäischen Gegensatzes auch für die nichtzionisttsche Judenheit von größtem Interesse, die mit der Frage des sogenannten Golus-Nationalismus im Zusammenhang steht. In dieser Hinsicht enthält das amerikanische Memorandum, auf das noch zurückzukommen sein wird, vor allem folgende historisch bemerkenswerten Mitteilungen: Im Herbst 1917 telegraphierte.uns Doktor Weizmann, daß folgender Text der Balfourerklärung in Erwägung gezogen werde: „Sr. Majestät Regierung begrüßt mit Wohlwollen die Errichtung eines nationalen Heimes für die jüdische Rasse in Palästina und wird sich bemühen, die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei klar verstanden wird, daß nichts getan werden soll, das die bürgerlichen und religiösen Rechte der in Palästina bestehenden nichtjüdischen Gemeinschaften oder die Rechte und den politischen Status benachteiligen könnte, der in irgend einem anderen Lande von solchen Juden genossen wird, die mit ihrer gegenwärtigen Nationalität und Staatsgugehörigkeit vollständig zufrieden sind." Angesichts der möglichen Verwicklungen dieses Textes, ergriffen wir sofort auf unsere eigene Initiative die Maßnahmen, die zur Verbefferung der Erklärung durch Ersatz des Wories „Jüdische Rasse — durch „Jüdisches Volk" führten und durch die Streichung der Schlußwenduug, die voraussetzte, daß „Unzufriedenheit" die Grundlage des zionistischen Ideales sei. Allein keinerlei Einfluß auf die politische Lage der Juden in der DtaSpo,r<a, jkann aus dem Gedanken des jüdisch-nätt'Ä-" stälen Strebe ns her geleitet werden. Wir verwerfen vollkommen jeden Gedanken einer gemeinsamen politischen Einheit oder sogar das unscheinbarste politische Band, sei es unter den Juden der Welt, oder besonders unter den Juden der Diaspora und dem Volke, oder der Regierung in Palästina jetzt oder später. Wir in Amerika haben nur eine und — dies ist eine ausschließende — politische Loyalität: es ist die Loyalität gegenüber den Vereinigten Staaten. Die entgegengesetzte Ansicht ist diejenige, die wir als Diaspora-Nationalismus gekennzeichnet haben. Diese falsche Auffassung des politischen Nationalismus haben wir immer verworfen und n ir kennen keinen verantwortlichen amerikanischen Juden, der sie hegt, oder jemals gehegt hätte. Aber wir können nicht oft genug wiederholen, daß wir das gemeinsam ererbte Band der Rasse, Religion, Kultur und Tradition — den Ruhm der Vergangenheit, die Aufgab-n der Gegenwart, die Hoffnung der Zukunft als Gemeinsamkeit mit den Juden der Welt empfinden. Diese Bande sind es, die uns für ein jüdisches Palästina hoffen und arbeiten lassen." Die Amerikaner verlangen im Sinn dieser Prinzipien, daß die Welt-Organisation sich ausden Propheten angeordnet, darf über dem Zweck nicht , vergessen werden. Was ist das Fasten an den Trauerlagen, was bietet es uns, daß es seit Johrtausenden Verordnung ward in Iisroel? Der Verzicht auf Speise urid Trank ist nicht einfach ein Versagen von körperlichen Genüssen, er ist ein Erziehungsmittel von unfchätz. barem, oft unersetzlichem Werte. Essen und Trinken sind die primitivsten Körperfreuden, deren völliges, dauerndes Unterbleiben uns unerträglich wäre, deren zeitweiliges Aussetzen auf Körper und Geist erschütternd und reinigend wirken kann und soll. Das einfache Hungergefühl am Fasttage versetzt uns in eine innere Erregung, die uns zur geistigen Erhebung fähig machen kann, wenn wir diese Erregung richtig ausnutzen und nicht etwa uns gewaltsam von ihr ablenken. Die Erregung des Fasttags läßt uns über uns selbst emporwachsen. Wir fühlen uns befähigt zu einem Nachdenken, zu dem uns sonst die rein körperlichen Funktionen die innere Sammlung nur zu oft nehmen. Ueber das Körperliche hinweggehoben, fühlen wir uns dem rein Geistigen näher. Wir beginnen über unser Tun und Fühlen nachzudenken, uns unseres Verhältnisses zu Gott klar zu werden. Gleichzeitig spüren wir uns mehr und mehr als Glied der Volksgesamtheit, als deren Teil wir heute das persönlich Körperliche überwinden. Gleiche Gedanken, gleiches Fühlen und Sehnen wie uns beherrschen heute Hunderitausende von Söhnen und Töchtern des Gottesvolkes. Unsere Seelen schließen sich zusammen, sie werden eine Einheit des Hinstrebens zu Gott. Alle sozialen und örtlichen Gegensätze schwinden vor dieser innerlichsten Gleichheit. Und mit dem Aufhören dieser Unterschiede hört auch das Trennende der Zeilen auf. Wir empfinden bps, was vor 2000 Jahren unser Volk, uns selbst betroffen, als Gegenwart. Wir erleben alle _ 18. August 1921. schließlich auf Palästina-Arbeit beschränken müsse und hinsichtlich der Stellungnahme zum politischen Nationalismus in der Diaspora den Landesorganisationen freie Hand zu laffen hübe. So sehr wir von unserem Standpunkte aus diese Haltung als die den Lebensintereffen der Juden in aller Welt allein entsprechende billigen müssen, muß doch um -der Klarheit willen ausgesprochen werden, daß die Amerikaner sich der Tragweite des Gegensatzes der zwischen ihrem Nationalismus und demjenigen der wesentlich von ostjüdischem Geiste aufgebauten zionistischen Organisation besteht, offenbar nicht bewußt sind. Die Umwandlung des Wortes „Jüdische Rasse" in Jüdisches „Volk" in der Balfour-Erklärung, deren sich die Amerikaner rühmen, um die Echtheit ihres Nationalismus zu beweisen, ist ein unerlaubtes.. Spiel ■ mit Worten, wenn man r>hieEomseq uenzen aus dieser Operation nicht zieht. Man kann in einem Geschtchtswerk oder in einer wissenschaftlichen Abhandlung, man kann in Gebet und Predigt von jüdischen Volke sprechen, ohne mit diesem Worte einen aktuellen politischen Begriff zu verbinden. Welchen Sinn übervoll die bewußte Anwendung des Nattonalbegriffes auf das jüdische Volk in einem staatsrechtlichen Akte moderner Politik haben wenn hinterher aus noch so berechtigten Motiven^ diesem Begriffe ein ganz anderer Sinn beigelegt wird, als dies jeder politisch Denkende zu tun gewohnt ist. Die jüdische Einheit ist entweder eine rein nationale, gleich der Einheit aller Völker der Erde, dann kann man sich auch den politischen Konsequenzen dieses Begriffes, mögen sie günstig oder lebenbedrohend sein, in keinem Falle entziehen, ^oder aber sie ist im Sinne der OrHodäM'4‘e^giöser Natur/ MM die nationalen, blutmäßigen wie die historischen 'geistigen Einheitsmomente zu ihrem vollen Rechte kommen, ohne daß die unvergleichbareEinzt g ke tt des jüdischen Volkstums zu Gunsten eines politischen Alltags-Nationalismus verwischt wird. Tai»zu>ul. In der vorletzten Nummer erzählteHerr Rabbiner Dr. Kanter-Zwtttau über den traurigen Steg der turnwüttgen Makkabäer in Brünn am Schobuotfeste dieses Jahres. Im Anschluß daran schreibt uns ein Freund unseres Blattes aus einem vielbesuchten Kurorte, daß dort der Wirt eines rituellen Restaurants am Fasttage des 17. Tammus nachmittags 7Va Uhr ein Fest angesetzt hat, mit darauffolgendem Tanz (ohne Weinzwang). Die Veranstaltungen fanden am 2. und 7. August, an den Sonntagen. der „drei Trauerwochen", ihre Fortsetzung. Erlebnisse der Not seelisch in uns. Die Katastrophe des zweimaligen Niederganges des jüdischen Volkes, das Furchtbare der zweimaligen Zerstörung des Gotteshauses, es hört auf, Erinnerung zu sein, es wird Erlebnis. Wir hören der Propheten warnende Stimmen, wir sehen unser Volk immer tiefer verstrickt in Sünde, wir erfaffen das Herelnbrechen der KaMsn«che als ein notwendiges, unentrinnbares Ereignis,tu8Mr unseren Augen dringen die babylonischen Horden in die heilige Stadt, plündernd und mordend. Wir sehen in den Straßen Jerusalems verhungerte Greise, - ermordete Jünglinge und Jungfrauen, in die heiligen Räume des Tempels dringen trunkene Räuber, das Heiligtum entweihend, bis die Flammen es vor wetterer Schändung bewahren. Wir erleben abermals den Untergang, durch Rom. Zitternd sind wir Zeugen der schaurigen Bruderkämpfe in Jerusalem, wir sehen Bruderblut vergießen auf Mortjas geweihter Stätte. Mit starrem Entsetzen verfolgen wir das Nahen der abermaligen Katastrophe. Hunger und Pest herrscht in Jerusalem, Verzweiflung und Morden hervorrufend. Schon ist der 17. Tammus gekommen, die innere Stadt ist Raub der entmenschten römischen Soldateska. Das Verhängnis nähert sich dem Tempelum jeden Fußbreit des Tempelberges fließen Ströme, von Blut. Da sehen wir jene verhängnisvolle Fackel in den Tempel fliegen. Die Verteidiger, starr vor Entsetzen, wenden sich um, den Brand zu löschen. Hinter ihm drängen die wutentbrannten Legionen des Titus. Am Altäre Gottes fallen die Priester unter den Schwertern Roms. Tausende von Juden stürzen sich in die Flammen des brennenden Heiligtums Wir sehen weiter die zahllosen Scharen der jüdischen Gefangenen durch Hunger und Schläge der rohen Wächter gepeinigt, wie Tiere gekauft und weiter verkauft von habgierigen Sklavenhändlern. — Der lange, schwere Leidensweg

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