Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1921)
- Date
- 1921-08-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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PW Ein Ccntralorqan für das orthodoxe Judentum (([jS^k II igassasa gegründet oon Dr. Lehmann in ttlainz css&sssi U\Wtv/ä ifihrnfina ctw ^rnnhfurf n TT? flpn 1b. August 1921 G&9 M 33 Uu, janry&ng. srunniun u. jii., ußn 5681 Abonnement pro Vierteljahr: Deutschland bei den Postämtern sowie bei direkt. Bestellung u. Rechnungserteil, durch d. Verlag M. 7.20 vierte», f. Lehrer u. Kulmsbeamte tn. direkt) M. 3.60vierteljährlich, DentschOesterreich Kr. 90.- vierteljährlich: Tschecho-Slowakei Kr. 12.—-Angarn Kr. 40.—vierteljährlich, Polen (nur in dentscher Reichsmk.) Mk.'12 vterteljährl., Rnmänien 10 Lei, Holland fl. 1, Skandiuav. Kr.2, Schweiz f8.1.50, Frankreichu.BelgienFr.2.50, England 1 oll. 6 p., Amerika 0.50 Doll, vterteljährl. Einzelnummer 60 Pfg. Durch den Buchhandel wie beim Verlag. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag Inserate: Mk.2.— sür die sechsgespaltene Colonel-Zeile elnschl. Teueruugsznschl.: Ausland-Jns.Mk.4.—pro Zeile Rab. nach Tarif. Bei laufenden Jnseratanftr tarifm. Preiserhöhung jederz. vorbeh. Jnseratenannahme durch den Verlag des Israelit G. m. b. H., Frankfurta. M., Gr. Eschenheimerstr. 23 Tel. 5842. AmtHansa, sowie sämtl. Annoncen-Exped. des In- und Auslands. Platzvorschristen ohne Verbindlichkeit. Z ah lungen außer direkt an den Verlag — Postscheckkonto Frankfurt a. M. No. IS802 - erfolgen an: Postsparkasse Wie» No. 78 605 Postsparkassenamt Budapest No. 18 424 Postscheckamt Zürich Mr. VIII 7254 Postscheckamt Amsterdam No. S4 86S Böhmische Unionbank in Prag Banca Marmarosch Blank & Co. in Bucarest Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. 0er Nackdruck der flrtihel und Correlponöenjen des „Israelit“ iß nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es lick um größere fluffäfce handelt, nur nach vorheriger Genehmigung gestattet. nr Inhaltsübersicht. 1. Leitartikel: Zion. — 2. Homil etik: Dr. Moses Auerbach: Von der Trauer zum Tröste. — 3 Kleines Feuilleton: Die Steine der Urwaisen. — Eine Variante in 7Mp-Drucken. — (Das ärmellose Kleid.) 4. Wochenrundschau: Die Gegensätze im Zionismus. — Tanzwut. — Der „illegale Akt" des Herrn Chamberlain. — 5. Aufsätze: Wirtschaftlicher Wiederaufbau der östlichen Judenheit. — 6. Korrespondenzen und Nachrichten: Halberstadt. — Berlin, (Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden). — München, (Der Käsepogrom in Memmingen). — München. — Wien, (Die österreichische Ukraine-Aktion). Brünn, (Konferenz der thoratreuen Juden). — Warschau, (Brandunglück in Pinsk). — Riga. — Stockholm, (Pogrome in Weiß-Rußland). — Sofia, (Die jüdischen Schulen in Bulgarien.) — London. — Jerusalem, (Palästinensische Landesverteidigung. — 7. Personalien. — 8. Vermischtes. — 9. Frankfurter Berichte. — Beretnskalender. — Gebetzetten. — 10. Feuilleton- Beilage: Das große Wunder. — Kissinger Badebriefe. — 11. Kinderecke: Heinrich Einstädter: Veränderung. — 12. Blätter : Zum Delegiertentag des Gruppenverbandes der Agudas Jisroel. — Delegiertentag des Gruppenverbandes der Agudas Jisroel in Deutschland. — Esra- Führertagung in Fulda. — Agudas Jisroel-Mitglieder und Leitung. - Aus der Bewegung. — Spendelisten. — — * - nm. : : Zion. Der Klage um Zion folgen in unserem Kinausbnche die Lieder der Zionssehnsucht. Sehnsucht leitet aber den Blick von letdvoller Vergangenheit, trüber Gegenwart in sonnigere Zukunft hinüber, Sehnsucht ist schon seelisches Erleben einer besseren Zukunft. Drum ist das Ztonslied ein Lied der Sehnsucht und des Trostes zugleich. Und die Saite, die -damit mitten im Fasten und Trauern im jüdischen Herzen angeschlagen wird, wird weiter bewegt und mächtig beschwingt durch Prophetenruf, der si e b en f a ch, trostkündend und heilverheißend, ertönt und aus dem Nebel einer unbestimmten Zukunft Zions goldene Zinnen und Burgen in die graue Oede des Gegenwartsleides hinetnragen läßt. Doch was bedeutet uns Zion, was war, ist und wird uns dieses Wort sein, dem die Klage und die Sehnsucht unserer Sänger, die Verkündung und Verheißung unserer Propheten galten? Ist es der so geheißene Berg mit der Stätte der Davidsburg im Südwesten der heiligen Stadt, oder der Tempelplatz mit den grauen Steinen der Westmauer, oder das ganze Gebiet der Stadt, deren Ruinen von deretnstiger jüdischer nationaler Pracht sprechen? Als Rabbi Jochanan, der Jtrmejahu der zweiten Zerstörung — kurz nach der Katastrophe — im Kreise seiner Jünger auf die rauchenden Trümmer dieser heiligen Stätten stieß, weinten seine jugendlichen Begleiter. Doch der Rabbi tröstete: MSI K\TO nm .TlBD IN V'- „Wir haben noch andere Opferstätten, die eigentlichen, die der Untergang von Holz und Stein unberührt ließ.-" Damit hatte Rabbi Jochanan und hat der Talmud, der diesen Ausspruch verewigt, den Zion8be griff, da er, losgelöst von Boden und Balken fester territorialer und staatlicher Bindungen, Gefahr lief, sich bis zum Phantome zu verflüchtigen, noch einmal in ganz bestimmte Formen gefaßt, uns klar gesagt, was wir an Zion unverlierbar besaßen und uns für alle Zeit erhalten müssen! Es dauerte nicht lange, und die aus dem Schoße des Judentums geborene neue Religion, die angeblich auf eine Verinnerlichung und Vergeistigung des Gotteswortes und Gottesgesetzes hinausging, eignete sich das Wort Zion als Parole an, zur Sammlung ihrer Anhänger um Lehren und Ideen, die der Lehre von Zion diametral zuwt verlaufe n. Seitdem ist das Wort Zion so oft von allerlei Konventikeln, Sekten und Missionskirchen als Aushängeschild mißbraucht worden, daß man sich heute nichtwundert, von einer religiösen Negerkolonie in Südafrika zu hören, die sich stolz „Sion" nennt . . . All diese Dinge liegen außerhalb des jüdischen Geleises, und die historischen Mißverständnisse und Entgleisungen der Außenwelt können uns umso weniger beschäftigen, als wir unter den eigenen schwer genug zu leiden haben. Der alte Jischuw, der fast ohne Unterbrechung durch das ganze Mittelalter bis ans Ende des letzten Jahrhunderts für das Fortglimmen der jüdischen Flamme im heiligen Lande Sorge trug und nach Maßgabe der geringen Kraft und Mittel nach Ueberwindung riesiger Widerstände, baute und baute, und Werke der jüdischen Lehre und jüdischen Liebe schuf, die heute noch allen Anstürmen von außen und innen standhalten, er wußte genau, was er Zion als Banner und Ziel im Golusmarsche, als Zentrale des jüdischen Geistes, als Seele des jüdischen Organismus in all seinen Lebensäußerungen schuldete. Es ging in der Hauptsache um Aufrechterhaltung der Verbindung zwischen der Diaspora und dem Herzpunkte ihres sie einenden Geisteslebens im Lande der Bibel und Mischnah und Messiashoffnung. Die Not, die zu Anfang der achtziger Jahre wie eine reißende Flut über die Juden des großen Ostlandes heretnbrach und die Besten der damaligen Zeit zur Arbeit ausrüttelte, ließ zuerst in Zion auch ein Ziel wirtschaftlicher Erlösung erblicken. Die „Zionsfreunde" glaubten, im altgehetbgten Worte das Zauber- und Losungswort gefunden zu haben, mit dem das langgeknechtete Volk zur Selbsthilfe, zur „Autoemanzipatton" aufgerüttelt werden sollte. Die kolonisatorischen Versuche in Palästina hatten auf dem vom alten Jischuw geschaffenen Grunde rein ökonomisch-wirtschaftlichen Charakter, wie die Mitarbeit der jüdischen Welt an ihnen auf rein philantropischer Grundlage organisiert war. Es war nichts dagegen zu sagen, daß man Liebe, Arbeit, Aufrüttelung und Aufrichtung in die Ztonsfahne eintrug, sofern man darüber nicht vergaß, daß die Fahne selbst mehr war und über ferneren und größeren Höhen wehte . .. Als aber um die Neige des verflossenen Jahrhunderts, nicht ohne bösen Windstoß von außen, sich die „Zionsliebe" zum politischen Zionismus mit dem Judenstaat als Endstation verdichtete, da mußte schon allen, die ihr Zion tief im Herzen trugen, bange um dieses ihr Heiligtum werden. MlA als ob hier das Wort Zion irgendwie mißbraucht wäre! Zion als letzte jüdische Hoffnung schließt auch den Judenstaat und die territoriale Heimstätte in sich. Aber in diesem fehlenden „auch" liegt für uns die Tragik und der Lebensirrtum der Bewegung, der über kurz oder lang auch ihr Schicksal bestimmen wird. Unser Zion, wie es in Klage und Sehnsucht lebt, wie es uns und einer geläuterten Menschheit von Prophetenmuud als gnadenvolle Krönung allen menschlichen Ringens verheißen