Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1921)
- Date
- 1921-08-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Ser MraeNt. No. äs Geile 8 11. August 1921 lUfjuöenMrforge und Staatsbehörden* M erlitt, 5. August. Die Sekretäre des Arbeiterfürsorgeamtes der jüdischen Organisationen Deutschlands, Herr Berger und Dr. Senator, wurden am 27. Juli vom Reichsminister des Innern, Herrn Dr. Gradnauer, empfangen. Im Laufe der Unterredung wurde festgestellt, daß der Minister mit der Politik des Arbeiterfürsorgeamtes durchaus einverstanden sei. Er gab der Ansicht Ausdruck, daß zwar ein neuer Zuzug von Ostjuden in das unter der Ueberfüllung aller Berufe leidende deutsche Reichsgebiet nach Möglichkeit verhindert werden müsse, daß aber andererseits die bereits in Deutschland ansässigen, zum großen Teil arbeitsfähigen und arbeitswilligen ostjüdtschen Elemente auf dem Wege über eine verständige Sozialpolitik der deutschenVolkswirtschaft reibungslos würden eingegliedert werden können. Er begrüße daher die Tätigkeit des Arbeiterfürsorgeamtes, die in der oben angedeuteten Richtung beste Erfolge erzielt habe. Die Verhandlungen des Arbeiterfürsorgeamtes der jüdischen Organisationen Deutschlands mit dem preußischen Ministerium des Innern in der Stargarder Angelegenheit haben zu wesentlichen Erfolgen geführt. In dem genannten Lager ist auf Grund dieser Verhandlungen die Verpflegung erheblich verbessert worden, die Briefzensur, die bestand, wurde vollkommen ausgehoben, außerdem wurde die Instruktion der Wachmannschaften dahin abgeändert, daß sie bei Beschwerden gegen Insassen dieselben direkt dem Lagerkommandanten vorzuführen hätten, ohne erst irgend welche Entscheidungen zu treffen. Ein Teil der Wachmannschaften, der sich durch besonders rigoroses Vorgehen gegen die Insassen straffällig gemacht hatte, ist seines Postens enthoben worden. Die betreffenden Fälle sind der Staatsanwaltschaft zur weiteren Veranlassung übergeben worden. München, 15. August. Das religionsgesellschaftliche Steuergesetz ist vom Landtag in der im Verfassungsausschuß beschlossenen Form angenommen worden. Mauen. Die erste Sitzung der neuen öemeinöeoerwaliung. Kowno, 29. Juli. Die von den „Zeire Jtsroel" herausgegebene neue Zeitung „Jüdisches Leben", die sich mit Erfolg bemüht, die Interessen der litauischen Orthodoxie vublizisttsch zu vertreten, bringt in ihrer letzten Nummer einen Bericht über die erste feierliche Sitzung der neugewählten Kownoer Gemeindeverwaltung. Nach einer längeren Rede -es bisherigen Vorsitzenden der von den „sozialen und nationalen" Leistungen der Verwaltung vieles zu erzählen wußte, während er charakteristischer Weise auf religiösem Gebiete lediglich die „Freiheit jedes einzelnen zu tun, was er wolle", rühmte, gaben die Parteien ihre Pogrammerklärungen ab. Nach den phrasenretchen Deklarationen der linken Fraktionen machte die Erklärung der Orthodoxie (Achdus), die Herr 'Schereschewskt vortrug, einen vorzüglichen Eindruck. Im Bewußtsein ihrer nach der Neuwahl erfreulicherweise gesteigerten Kraft erklärt die Orthodoxie, daß sie sich nicht als Partei betrachte, sondern als Vertreterin der alten Thoragrundlage des jüdischen Volkes sich identisch mit diesem fühle. Die Gemeinde brauche keine neue Wege zu suchen, sondern nur diejenigen der alten jüdischen Kehilla zu beschreiten. Die Tagung der Siüdiflingsdelegierfen. Warscha«, 31. Juli. Am zweiten Verhandlungstage brach bet den Wahlen ein scharfer Konflikt zwischen den zionistischen Teilnehmern und den Vertretern der anderen Parteien aus, da diese letzteren mit ihren 29 Stimmen gegenüber den 31 Stimmen der Zionisten mit Recht eine Vertretung im Präsidium verlangten. Die Absicht der Zionisten, die Konferenz zu terrorisieren und auch die Flüchtlingsfürsorge zu einem zionistischen Parteiunternehmen zu machen, trat so unverhüllt zu tage, daß die übrigen Delegierten die Erklärung abgeben ließen, sie lehnten jede Verantwortlichkeit für die Arbeit der Konferenz ab. Zur Waisenfrage referierte Herr Rappaport. Auch er führte lebhafte Klagen über den ungeheuren Schaden, der dem Hilfswerk aus den von zionistischer Sette gegenüber dem parteilosen ukrainischen Hilfskomitee bereiteten „Konkurrent- Schwierigkeiten erwachse. Auch an den ausländischen Hilfskomitees übte der Referent Kritik. Das System, die Kinder nach überseeischen Ländern zu bringen, sei aus wirtschaftlichen Gründen unpraktischviel besser sei es, das Geld nach Polen zu schicken und die Kinder hier in besonderen Heimen zu erziehen. Die Unterbringung in polnisch-jüdischen Familien empfiehlt der Referent ebenfalls nicht, weil die Kontrolle zu schwierig sei. Verwahren müsse man sich auch dagegen, daß die ausländischen Komitees die gesunden und kräftigen Kinder auswählen, die kranken und schwachen aber zurücklassen. An der anschließenden Diskussion beteiligte sich u. a. auch der aus Kiew in den letzten Tagen hier angelangte bekannte Rabbiner Aaronson. Die Nachmtttagssitzung wurde mit einer Begrüßung des Delegierten des südafrikanischen ukrainischen Hilfskomitees, Herr Hochberg eröffnet, der nach Warschau gekommen ist, um 200 Waisenkinder nach Südafrika mitzunehmenweitere 300 sollen folgen. Im Prinzip wurden Leschloffen, einen allrussisch-ukrainischen Verband zu gründen und dem Auslande von der Konstituierung dieses Verbandes Mitteilung zu machen. Aus dem polnifcfien Pulverfaß. Wilna, 31. Juli. In Woronowo erschien letzte Woche gegen Abend ein durch Schnittwunden jämmerlich zugerichteter Soldat bet der Milirärkommandantur und erklärte, er sei im Walde von drei jüdischen jungen Leuten überfallen worden, die ihn mißhandelt und ihm Blut abgezapft hätten! Der Kommandant hatte nichts Eiligeres zu tun, als den das Städtchen passierenden Eisenbahnzug anzuhalten und alle jüdischen jungen Leute, acht an der Zahl, die sich darin befanden, verhaften zu lassen. Das in Woronowo stationierte Offizierskorps beschloß alsdann mit allen Stimmen gegen diejenige des jüdischen Militärarztes, der Stadt eine Kontribution aufzuerlegen, den Rabbiner und drei der reichsten Juden ins Gefängnis bringen zu lassen und sämtliche jüdischen jungen Leute zu verhaften. Das war um zwei Uhr nachts. Als man in der Frühe diese menschenfreundlichen Beschlüsse zur Ausführung bringen wollte, erschien ein Polizist und teilte mit, daß das angebliche „Opfer der Juden" sich im Mtlitärspital gemeldet und in Verzweiflung über eine ihn quälende unheilbare Krankheit das Geständnis abgelegt habe, daß die ganze Geschichte erfunden war. Man kann sich vorstellen, was ohne diesen Glücksfall die Folgen der erleuchteten Handhabung polnischer Militärjustiz in Woronowo gewesen wären. England. Uhralniftfie Poaromroaiien. London, 5. August. Der hiesigen ukrainischen Htlfsgesellschaft ist ein Bericht des Lemberger Hilfskomitees über die Lage der zur Zeit in Ostgattzien sich aufhaltenden 12000 ukrainischen Flüchtlinge zugegangen, in dem es hinsichtlich der Waisenkinder wie folgt heißt: „Anfangs Januar kam ein Transport von Waisenkindern aus Felsin hier an. Es waren dies Waifen, deren Eltern von Petljuras und Tenikins Banden umgebracht worden waren. Ter Zustand der Kinder war schrecklich. Manche von ihnen hatten Hieb- und Stichwunden. Zwei, namens Jitte Sosazien und Hirsch Silberrnann, hatten nur eine Hand, die andere war durch Säbelhiebe äbgehauen worden. Wir nahmen uns dieser Kinder an und es gelang uns nach großen Schwierigkeiten, sie in Waisenhäuser zu bringen. Tie Kinder wurden bekleidet, von unseren Aerzten untersucht und versorgt. T-ie älteren Knaben sind auf einem Landgut bei Lemberg untergebracht und werden in der Landwirtschaft ausgebildet. Tie älteren Mädchen lernen Kleidermachen, häusliche Berufe, Hebräisch und Englisch. All' dies sind nur vorübergehende Beschäftigungen, da ein Teil der Kinder später nach Kanada, andere nach Argentinien oder Frankreich geschickt werden sollen. Ta wir Polen nur als Durchgangsstation der Kinder betrachten, so bemühen wir uns, sie für ihre spätere Laufbahn vorzubereiten. Hierzu sind jedoch ungeheure Summen erforderlich." Für die erwachsenen Flüchtlinge, unter denen sich sehr viele Schuhmacher befinden, hat das Komitee Schuhfabriken in Lemberg eingerichtet. Line keife Dr. Kaisers. London, 31. Juli. Der bekannte ehemalige Oberrabbiner der sefardischen Gemeinde, Dr. Ga st er, begibt sich dieser Tage nach Rumänien, um dort auf Einladung der Regierung wiffenschaftltche Vorlesungen an allen rumänischen Universitäten zu halten. Gleichzeitig hat Dr. Gaster auch von dem hiesigen ukrainischen Verbände die Mission übernommen, sich über die Lage der ukrainischen Flüchtlinge in Beßarabien gründlich zu unterrichten und die besten Methoden zur Hilfeleistung ausfindig zu machen. Der ukrainische Verband bereitet ein Schwarzbuch vor, das ein zusammenfaffendes Bild der ukrainischen Judenpogrome auf Grund zuverlässigen Aktenmaterials gewähren soll. Die 3ahresDerfammiung der Sinal-Ltga. London, 5. August. Die 3. Jahreskonferenz der Sinai-Liga fand in Anwesenheit von 41 Delegierten am letzten Sonntag und Montag statt. Sie begann naturgemäß mit einer aus warmen Herzen kommenden Trauerkundgebung für den geliebten und dankbar verehrten Gründer und Führer der Liga, Rabbiner Dr. Jung s. A. Zum Vorsitzenden wurde Herr A. M. Adler, Newcastle, zum Schriftführer Herr A. H. Goodmann, London, gewählt. Nach einer Begrüßungsansprache von Rabbiner Dr. Leo Jung-Cleveland dem früheren Ehrensekretär der Liga, erstattete der geschäftssührende Vorsitzende, Herr Mendelowttsch den Jahresbericht, an den sich eine längere Diskussion anschloß. Zur dauernden Ehrung des Andenkens Rabbiner Dr. Jungs soll alljährlich an seinem Jahrzeitstage eine Vorlesung veranstaltet und der Vortrag in Druck gelegt werden. Die Verhandlungen der Abendsitzung trugen einen mehr oder minder theoretischen Charakter, zeigten aber die Begeisterung der jugendlichen Mitglieder für die Ideale der Bewegung. Am Montag wurde beschlossen, das Organ der Liga „Der Sinaist" von nun an in Amerika unter Redaktion von Rabbiner Dr. Leo Jung erscheinen zu lassen. Es wird ferner ins Auge gefaßt Ausbildungsstätten für Sinai- Führer zu schaffen, womit in London der Anfang gemacht werden wird. Größere Aufmerksamkeit soll in Zukunft den Jugendlichen im Alter von 13 bis 16 Jahren zugewendet werden, und es wird den Ortsgruppen empfohlen, für diese Altersklassen besondere Veranstaltungen zu treffen. Eine Resolution wendet sich an den jüdischen Kriegs-Erinnerungsfond und verlangt, daß dieser nur solche Lehrer ausbtlden und subventionieren solle, deren religiöse Lebensführung kein Anlaß zu Beanstandungen gibt. Die Liga will versuchen, auch bei allen anderen Körperschaften des Landes, die sich mit jüdischen Erziehungsangelegenheiten beschäftigen, Einfluß und Vertretungsrecht zu erlangen. Die Montag-Nachmittagsitzung beschäftigte sich mit der Sozialen Arbeit der Liga. Es soll ferner eine besondere akademische Verbindung im Rahmen der Liga geschaffen werden, um die Universitätskreise zu erfassen. Zum Palästtnaproblem wurde folgende Resolution gefaßt: „Die Sinai-Liga drückt erneut ihren festen