Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1921-08-11 · Heft 32 (11.8.1921) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 32 (11.8.1921)
Date
1921-08-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450138-2450169--69139-2526305
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

Der JSraelit. 11. Sette 4. No. 32. _ zeitlich, jedenfalls aber sauber und ausreichend zu bewirten. Oder aber: An solchen Orten, wo eine zuverlässige Schechita nicht vorhanden ist, gegen Entgelt oder unentgeltlich rituelle Konserven zu servieren. Eigentlich sollte Zahlungszwang einer Mindestsumme zur Pflicht gemacht werden. Auch ist eine Namens liste der Bereitwilligen anzufertigen. Welcher Vorteil oder welcher Segen für unsere jüdische Sache, wenn es gelingen sollte, auf diese Weife, wieder echt jüdische Gastfreundschaft zu wecken! — Wenn es gelingen sollte, das altehrwürdige övniK wieder zur vollen Geltung zu bringen. Fließt doch der wahre Segen dem Gebenden zu, der damit auch seinen Kindern ein Beispiel jüdischer Zusammengehörigkeit und jüdischer Liebestätigkeit für das Leben mitgibt. Jüdische Männer, wollt Ihr zurückstehen, wenn der Aufruf erfolgen wird? — Einstweilen bitte ich Zuschriften in dieser Angelegenheit an die verehrliche Redaktion zu richten, welche sich zur Vermittlung bereit erklärt hat. Sundertfimfun-zwalizig Jahre. 6m Kapitel aus der Leidensgefdiidife des jüdischen Volkes. Bon Prof. Dr. A Sulzbach in Frankfurt a. M S. M. Dubnows umfangreiche Geschichte des jüdischen Volkes von 1789—1914 ist vor dem Kriege in russischer Sprache erschienen und während des Krieges ins Deutsche übertragen worden. Sie liegt uns zur Besprechung vor. Daß «der Uebersetzer sich nicht genannt hat, bedauern wirer darf mit Genugtuung auf die schöne Gabe Hinblicken, die er dem deutschen Leserkreise bietet, eine Uebersetzung in formvollendeter Ausführung, eine fesselnde Lektüre, in der man ungern sich unterbrichtist es ein Ruhm von einem wissenschaftlichen Werk zu sagen, daß es sich wie ein spannender Roman liest, so soll dies hier von dieser Uebersetzung gesagt sein.*) Allerdings bleibt der Hauptruhm dem Historiker Dubnow, der an der Hand einer reichen, gründlichen Quellenkenntnts uns ein Werk bietet, dem man den Schweiß des Erarbeitens nicht anmerkt, das uns genau orientiert über die Leidensgeschichte unseres Volkes in den letzten 125 Jahren. Denn eine Leidensgeschichte ist es, die hier vor uns aufgerollt wird! Kurze Lichtblicke, dann wieder um so schmerzlichere Enttäuschungen. Die große Revolution brachte die Menschenrechteauck die Juden wurden in einem Winkel der Erde bedacht, bis Napoleon auf den Schauplatz trat und mit der Ausbreitung seiner Macht als ein Erlöser der Juden in seinem Machtbereich erschien — allerdings nicht in seinem ganzen Machtbereich, im Elsaß versagte er —, aber als sein Stern untergegangen war, da setzte die Reaktion ein, und die Juden erlebten eine Enttäuschung, die um so bitterer war, als sie bereits die Frucht der Freiheit gekostet hatten. Aber eines war geblieben: die Frage der Emanzipation war einmal angeschnitten und konnte von der Tagesordnung nicht abgesetzt werden. Nun regnete es Bücher, Zeitschriften, Flugblätter für und gegen die Emanzipation, in den Sälen der Landtage prallten die Gegensätze aufeinander, bis dann das Jahr 1848 mit dem großen Kehrbesen aufzuräumen begann. Die Emanzipation war noch nicht unter Dach und Fach gebracht, aber der Paragraph der Reichsverfassung, der die Bürgerrechte im Deutschen Reich unabhängig von der Konfession machte, war Grundgesetz geworden, und ein Jude leitete als Vizepräsident die Nationalversammlung in *) S. M. Dubno w. Die neueste Geschichte des südischen Volkes. 1789-1914. 2 Bde. Berlin 1920. I ü d t s ch e r V e r l a g. 334 u. 518 S. Frankfurt a. M. Trotzdem vergingen, da unterdes die Reaktion wieder mächtig geworden war, noch viele Jahre, bis die völlige Emanzipation der Juden in den europäischen Staaten bis auf Rußland Gesetz geworden war. Dies alles wird uns in dem vorliegenden Werke ausführlich erzählt. Wir erfahren auch, wie die Anfänge der Emanzipationsbewegung auf die Juden gewirkt haben. Es ist kein Ruhmesblatt in der Geschichte der deutschen Judenheit, das uns erzählt von den Massentaufen in Berlin und Wien, und von dem Abfall von jüdischem Leben, bewirkt durch die Salons mancher sich vornehm dünkender jüdischer Damen, wie beispielsweise dem der Frau Henriette Herz in Berlin und dem der Frau Baronin Arnstein in Wien. Ist es da zu verwundern, wenn man in den echtjüdischen Kreisen der österreichischen Monarchie und auch in einigen Deutschlands Mißtrauen gewann gegen alles, was von Berlin kam, daß man die zeitgenössische Bildung als den größten Schädling und Verderber ansah und sie perhorreszierte? Es ist traurig, daß es dahin gekommen, es mag ein Fehler gewesen sein, aber Dubnow ist im Unrecht, wenn er von einer „starrköpfigen Orthodoxie" spricht, als ob die Mhrer jener Zeit aus Starrsinn und Rechthaberei sich gegen das Eindringen der Bildung gewehrt hätten! Noch weniger ist der Ausdruck „Obscurantismus" angezeigt. Obscurantismus ist das Bestreben, das Volk in Dunkelheit, in Unwissenheit zu erhalten, ihm die Möglichkeit des Selbstdenkens zu nehmen. Wo man Thoralehren und -Lernen als die heiligste Pflicht betrachtet, wo eine Tätigkeit verlangt und gefördert wird, die wie keine sonst, den Geist weckt, da kann von einem Obscurantismus keine Rede sein. Wer weiß, wie sich manches anders gestaltet hätte, was namentlich aus Ungarn mit seinem reichen gesetzestreuen Leben und dem reichen Thorawtssen und was aus Galizien trotz des chassidischen Einschlags geworden wäre, wenn damals ein Mann von der Energie, dem Scharfsinn, der begeisternden Redegewait und der aufrichtigen Frömmigkeit und zngletch auf der Höhe zeitgenössischer Bildung stehend wie Samson Raphael Hirsch dort das Panter pK Dy min aufgepflanzt hätte? In Dubnows Methode des Aburtetlens, das die Motive der Bildungsgegner nicht in Erwägung zieht, bekundet sich eine Schwäche. Das Resultat aber, das der Verfasser aus seinem Geschichts- Überblick gewinnt, ist ebenfalls falsch: die Zersplitterung und die Gleichgültigkeit, die sich in der Judenheit zeigte, sei die Folge davon, daß diese des nationalen Gedankens ermangelte. Nicht: „Deutscher, oder Engländer usw. jüdischen Glaubens", sondern: „nationaler Jude" ist Dubnows Parole. Diese Parole darf aber für die Juden nicht gelten, sie kann als unjüdisch angesehen werden. Denn aus dem jüdischen Volke eine politische Nation zu Machen, oder auf die Gründung einer solchen zu dringen, widerspricht dem jüdischen Geiste: bx nairn Wir sind Bürger des Staates, in den uns die Vorsehung hinein gewiesen hat und haben uns da als treue, das Staatswohl fördernde Bürger zu bewähren: "121 Tun D121U nx 1V"N, Wir haben uns unsere Zukunft als Nation nicht selbst zu gestalten. Wann diese sich erfüllen soll, das müssen wir dem Lenker aller Geschicke überlassen. Und vor allem ist zu beachten, daß ein Nationalismus, dem die Thora und die Lebensführung nach der Thora gleichgültig ist, keine Berechtigung hat und nur trennen, keine Einheit schaffen kann. Die Vorgänge in Palästina sprechen laut genug. Was aber war nun in Wirklichkeit die Ursache der Zersplitterung und der Gleichgültigkeit? Das Aufhören des Thoralernens und infolgedessen die thoraverleugnende Lebensführung. Die Reform hat kein Judentum stärkendes Leben erzeugen könnenbestes Beispiel: das von allen Reformversuchen, vom radikalsten bis zum abgeschwächten heimgesuchte Nord-Amerika. Nicht gegnerische Zeugenaussagen, sondern die Reformrabbiner aller Schattierungen selbst bezeugen in ihrem neuerschienenen Jahrbuch der Zentralkonserenz, daß sie mit ihrer Reform vor dem Nichts stehen. Indifferenz überall, Mißachtung der Rabbiner und der Kanzel, und nun suchen sie nach einem Mittel den Schaden zu heilen, und die Verlegenheit zeitigt die abenteuerlichsten Vorschläge, über die man lachen könnte, wenn es nicht so traurig wäre. Zurück zur Thora! Nur dies darf unsere Parole sein. Trotz der Ausstellungen, die wir an dem Buche zu machen hatten, bleiben wir bei dem Lobe, mit dem wir unsere Besprechung einleiteten. Mit seinem Herzblute, mit seinem Nervensaft hat der für sein Volk, namentlich für seine russischen Glaubensgenoffen, warm empfindende Historiker Dubnow sein Buch geschrieben, darum sei es weiten Kreisen empfohlen. Und wenn die jüdischen Leser daraus nur die eine Lehre ziehen, nicht zu vertrauensselig zu sein, wenn sie im Dunkel einmal ein Sonnenblick trifft, um zu glauben, die Geulla sei jetzt gekommen, eine Vertrauensseligkeit, die den Juden nicht wenige Male zum Verhängnis geworden ist — wenn sie diese Lehre ziehen, dann ist für sie das Buch nicht umsonst geschrieben. Deutsches Reich, öillige Verpflegung fiir iüdi(che Kultusbeamte in Kurorten. Frankfurt a. M-, 4. August. Die Zentrale für jüdische Wohlfa hrts" pflege in Frankfurt a. M. unterbreitete der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, Berlin, vor kurzem folgende Anregung: Infolge der gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältniffe sind ein großer Teil des Mittelstandes, insbesondere jüdische Kultusbeamte, Lehrer, Kantoren nicht mehr in der Lage, in Krankheitsfällen irgend ein Bad oder einen Kurort aufzusuchen, da die Preise für Wohnung und Verpflegung für diese Kreise in keinem Verhältnis zu ihrem Einkommen stehen. Es sollte nun versucht werden, mit den bereits bestehenden Kuranstalten in den Bädern zu vereinbaren, einen Mittagstisch zum Selbstkostenpreise einzurtchten. Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden setzte sich mit dem „Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser in Hamburg" in Verbindung, der eine Umfrage bei den ihm angeschloffenen Speisehäusern veranstaltete. Das Ergebnis war ein günstiges. Es haben sich bis jetzt Hotels und Speisehäuser in nachstehenden Kurorten bereit erklärt, jüdischen Kultusbeamten zum Selbstkostenbezw. zu einem ermäßigten Preise Verpflegung zu gewähren: Baden-Baden, Bad Brückenau, Bad Kreuznach, Bad Mergentheim, Bad Nauheim, Bad Nenndorf, Bad Orb, Bad Reichenhall, Segeberg, Bad Tölz, Wiesbaden, Wildbad, Bad Wiloungen. Wegen weiterer Mitteilungen wolle man sich an den „Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser" E. V., Hamburg, Königstraße 21-23, wenden. HJelfhonferen? der „ö R T". N erlitt, 3. August. Bei der hier eröffneten Weltkonferenz der „Gesellschaft zur Förderung vonLand- Wirtschaft und Handwerk unter den Juden" waren 28 Delegierte anwesend, zumeist' aus Rußland. Zum Präsidenten wurde der bekannte Radikale Dr. Sch ab ad aus Wilna gewählt. Es handelt sich um eine Zentralisierung der bisher in einzelnen Lokalkamitees arbeitenden Gesellschaft.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.