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Der Israelit · 1921-08-11 · Heft 32 (11.8.1921) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 32 (11.8.1921)
Date
1921-08-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 82 Der JSraelit. subvention von 20 000 Mark bewilligt, und es lohnt sich wohl, dieses Ereignis als einen Markstein in der Geschichte der Jdeenentwicklung innerhalb des deutschen Judentums festzuhalten. Es bedeutet einen Höhepunkt der inneren Aushöhlung der sogenannten Rrligionsgemeinden zu bloßen Verwaltungsgemeinsch.ften, die dem eigentlich religiösen Gedanken, dem Bekenntnis zur religiösen Wahrheit mit vollendeter Gleichgültigkeit und darum mit uferloser Toleranz gegenüberstehen. Unsere alten Reformer unseligen Angedenkens hatten noch eine bestimmte Ueberzeugung in religiösen Dingen/ sie begeisterten sich für ihren selbsterdachten Begriff von Judentum und sahen darum in der „starren" Orthodoxie einen Feind, den man um der Zukunft der jüdischen Kultur willen aus sittlichen Gründen im Gemeindeleben erdrücken, keinesfalls aber ohne zwingende Notwendigkeit materiell fördern dürfe. Sie hatten darum im Innersten ihres Herzens auch volles Verständnis dafür/' büß die Orthodoxie es ihrerseits als ein schweres religiöses Vergehen ansehen mußte, einen Pfennig ihrer Habe zur Aufrechterhaltung des reformierten Tempelkultus oder gar einer die Thora verleugnenden wissenschaftlichen Anstalt herzugeben. Das bedeutete Kampf der Geister — aber Wahrhaftigkeit und Klarheit der Gesinnung. Nun lese man die klägliche Debatte, die in unserer heutigen Berliner Gemeindevertretung über den Suöventionsantrag bahinplätscherte! Wir zitteren den Bericht der „Allgemeinen Zeitung des Judentums:" „Ter Referent, Sanitätsrat Dr. Steinthat (Lib.). empfahl die Annahme der Vorlage aus Gerechtigkeitsgründen. Als erster Diskussionsredner wendet sich Professor Tr. Türk (Lib.) gegen eine bei der früheren Beratung geäußerte Ausführung des Repräsentanten Tr. Abraham Löb (I. Bpt.), der erklärt habe, daß er außerstande sei, für die Subvention der liberalen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums zu stimmen. Nach diesen Ausführungen ist Professor Dr. Türk als religiöser Antipode des Herrn Dr. Löb nicht in der Lage, für die Subvention des orthodoxen Rabbinerseminars zu stimmen. Er bestreitet dem Rabbinerseminar nicht die Existenzberechtigung; als Liberaler ist er ” der Meinung, daß beide Richtungen ihre volle Berechtigung haben. Er klagt aber das Rabbinerfeminar wegen des Geistes der Unduldsamkeit an, die es in seinen Schülern großzieht. Das Rcwbinerseminar und die Adaß-Jisroel-Gemeinde haben wiederholt verhängnisvoll in die Entwickelung der Berliner Großgemeinde eingegriffen: so in der Frage der Anstellung eines Schulinspektors sür die Gc'nreinde, dann im Jahre 1912 bei dem geplanten Ausbau der Gemeindeverwaltung durch die in Aussicht genommene Erhöhung der Zahl der Mitglieder des Vorstandes und der Repräsentantenversammlung und neuerdings bei der Schaffung der Geiamtorgamsation der Juden Deutschlands, deren Entwicklung durch die Stellungnahme der Orthodoxie aus das j W4W' Aoiizen. Bon Dr. Felix Kanter in Zwittau (Mähren). Zum Wochenabschnitt Den Vers 17 im ersten Kapitel unseres Wochenabschnittes erklärt Rasch! zur Stelle auf dreierlei Arten. Nach der ersten Erklärung sind.'unter V™ jap nicht Personen, sondern Sachen zu verstehen. «Hl noiiB p 2>2N der Richter soll eine Bagatellklage mit demselben sittlichen Ernst behandeln, wie eine Klage um große Summen. So übersetzt auch der Targum diesen Vers, »ois Xi'zn 'dv: „Kleine Sachen sollet ihr wie große anhören". Nach der zweiten Erklärung Rafchis find unter jap Personen und nicht Sachen zu verstehen (irnri m N'2M aj? m) und hier beruft sich Raschi auf den Targum, der, wie erwähnt, gerade das Gegenteil behauptet. Es liegt die Vermutung nahe, daß dieses loanna sich auf die erste Erklärung RaschiS bezieht, die sich vollständig mit der Erklärung des Targum höchste gefährdet ist. Aus allen diesen Erwägungen kommt der Redner zu der Notwendigkeit, sich persönlich gegen die Annahme der Vorlage auszusvrechen. Rechtsanwalt Stern (Lib.) kommt zu denselben Ergebnissen wie der Vorredner und erklärt, daß er sich der Stimme enthalten wird. Das Rabbinerseminar pflegt den Geist der Unduldsamkeit und Verneinung jeder anderen Ansicht, es negiert die Berechtigung liberaler Entwicklung im Judentum und hat niemals Parität gegenüber den liberalen Ansprüchen walten lassen. Dr. Reumann (Kons.): Die Wahrung der Parität ist nicht Sache der Anstalten, sondern Ausgabe der Gemeindebehörden. Im Sinne dieser Parität sollte der seinerzeit gestellte Subventionsantrag auch wirken. Nachdem die Konservativen ohne Bedenken für die Subventionierccng der liberalen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums gestimmt haben, erwarten sie daß die Liberalen auch für die konservative Anstalt e i n t r e t e n. Professor Tr. Loewe (I. Bpt.) erklärt, daß die Gemeinde die Verpflichtung hat, für beide Anstalten zu sorgen, denn jedes dieser Institute stellt eine Notwendigkeit für das Judentum dar. Tr. Abraham .siöb. II. Vtzt,) bittet, prinzipielle Fragen, wie die Stellung zum liberalen und orthodoxen Judentum, nicht durch Abstimmung zu entscheiden. Wert oder Unwert beider Richtungen entscheidet die Geschichte. Sanitätsrat Tr. Steinthal (Lib.) wendet sich ebenfalls gegen Stimmenthaltungen. Es handelt sich um die Pflege der Wissenschaft, gleichviel, von wem sie betrieben wird. Tie Berliner Gemeinde, die fast die Hälfte aller deutschen Juden umfaßt, ist verpflichtet, beide Richtungen zu unterstützen. Nach einer Berichtigung des Repräsentanten Professor Tr. Türk wird die Beratung geschlossen. Bei der Abstimmung wird der Vorstandsantrag auf Bewilligung von 20.000 Mark für das Raboinerseminar mit 10 gegen 2 Stimmen mit 2 Stimmenthaltungen angenommen." Das einzig Erfreuliche in dieser Orgie von Jndifferenttsmus und Unklarheit ist die Mitteilung, daß sich unter der Berliner Gemeindeorthodoxie doch noch ein Mann gefunden hat, der den Mut besaß, zu erklären, er sei „außerstande, für die Subvenlgtvn, der liberalen Hochschule zu stiinmenr^r?Man empfindet diese Aeußerung wie das letzte Aufzucken eines Lichtstrahles religiöser Gewissenhaftigkeit, der inzwischen auf beiden Setten bereits die völlige Nacht rötlichster Gleichgültigkeit gegen die „Richtungen" gefolgt ist. Was - verschlägt's! Mit der einen Hand besoldet man Lehrer und Geistliche, die als Lug und Trug anschwärzen, was unseren Vätern Gegenstand tiefster Verehrung war, mit der anderen lenkt man den Goldstrom in die Kasse der bisher leider noch zu „unduldsamen" Orthodoxie — Verwaltungsgeschäfte, nichts als Verwaltungsgeschäfte, die im Namen der dreimal heiligen Parität an die Stelle der von Gottes heiligem Morte dereinst zum Bollwerk der eindeutigsten religiösen Wahrheit geheiligten jüdischen Kehillo kedauscho eine tote Maschine setzen, die den Namen „jüdische Gemeinde" usurpiert, von deckt. Da ich eine kritische Raschi-Ausgabe nicht besitze, wäre ich jedem dankbar, der die zitterte Stelle auf Gruud einer älteren Raschi-Ausgabe erklären würde. Zu Vers 9 im fiapltel 3 dieses Wochenabschnittes bemerkt Raschi vsm pt^D sbv sin n'3S>, „Schnir, das ist Schnee in deutscher Sprache". So übersetzt es auch der Targum *na - Scheeberg). Es dürfte aber nicht so häufig Vorkommen, daß Raschi sich auf die deutsche Sprache beruft, da ihm, wie es den Anschein hat, die französische Sprache geläufiger war. Und zum Schluß noch eine kurze Bemerkung, die namentlich das weibliche Lesepublikum interessieren dürfte. Das ärmellose Kleid, wie es heute Made ist, wird schon im Talmud genannt und bildete wie aus folgender Raschtstelle klar hervorgebt, in Frankreich die Toilette vornehmer Damen. Dieses ärmellose Kleid wird im Talmud (Gilin 90 b) als jttiX '3D nur® bezeichnet/ Raschi bemerkt dazu n£TO2P mm fro „wie es die christlichen Damen in Frankreich tragen". Man erfleht auch daraus die Wahrheit Kohelets: Es giötnichlS Neues unter der Sonne. Erinnerungen an meine Vachvrrett. JedeSmal wenn mir einige Tage der Freiheit gegönnt sind, da mir das Joch deS Alltagslebens ein wenig abgenommen wird und die mich auf kurze Zeit vergessen lassen, daß ich ein KultuSgemeindebeamter _11. August 1921. ihrer historischen Würde aber keinen Deut mehr besitzt. Sie polnische Regierung und die Inden. Die polnische Telegraphenagentur sieht sich veranlaßt, folgende offizielle Mitteilung zu veröffentlichen : „In den letzten Tagen sollen auf den Stationen der Linie Warschau—Sosnowice Fälle von Ausschreitungen demobilisierter Soldaten gegen jüdische Passagiere vorgekommen sein. Wenn die Untersuchungen, welche von den Zivil- und Militärbehörden sofort angeordnet wurden, nachdem sich die Gerüchte über die Ausschreitungen verbreitet hatten, diese bestätigen, so werden strenge Verordnungen erlassen werden, um solche Vorfälle zu vermeiden und die Schuldigen zu bestrafen." Wenn man die Fülle des Materials, das von den jüdischen Blättern Polens unausgesetzt über die Ausschreitungen der „Schlosnijakes", insbesondere auf den Bahnhöfen und Bahnen mit genauen Angaben von Ort und Namen veröffentlicht wird, sich vor Augen hält, so muß man hie Kaltblütigkeit bewundern, mit der das amtliche Telegraphenbüro der Welt etnzureden sucht, es handele sich hier um einzelne und dazu noch unverbürgte Fälle. Diese Art der Behandlung von Vorgängen, die eine Schmach für das junge polnische. Staatswesen sind, ist nicht geeignet, die politischen Hetzer, die hinter diesen Ausschreitungen stehen, zu entmutigen und ihnen für die Zukunft das Handwerk zu legen. Nicht einmal die Bestrafung der schließlich nur verhetzten und irregeführten armen Teufel, die sich auf die jüdischen Barte stürzen, kann das Uebel an der Wurzel ausrotten, sondern nur die Verstopfung der Quellen, aus denen der Giftstrom fließt. Diese Quellen sind die antisemitischen Zeitungen, die ihren Lesern unausgesetzt die furchtbarsten Schauermärchen über die Untaten und die feindseligen Gesinnungen der Juden Polens gegenüber ihren Mitbürgern vorerzählen. Eines dieser Blätter schämte sich nicht, jüngst davon zu sprechen, daß die polnischen Juden den Soldaten mit Revolvern, Handgranaten und Gift auflauerten, um sie ums Leben zu bringen! Wenn der Respekt von der „Pressefreiheit" so weit geht, daß eine derartige Hetzarbeit inmitten eines ungebildeten, auch der dümmsten Verleumdung zugänglichen Volkes von den verantwortlichen Hütern der öffentlichen Ordnung geduldet wird, so dürfen diese sich nicht wundern, daß — wie vor 900 Jahren in den Kreuzzügen — die Söldner, die ins Felo hinausziehen, oder aus dem Kampfe heimkehren, durch Drangsalierung und Mißhandlung unschuldiger jüdischer Greise sich den Dank des Vaterlandes zu verdienen suchen. Wir begreifen die Nervosität der polnischen Regierung gegenüber jeder Ueberrreiöungbet der Meldung judenfetndltcher Erzeffe aus Polen bin, benutze ich diese gute Gelegenheit, um meine Heimat und Vaterstadt, die altehrwürdige Gemeinde Pretzburg,aufznsuchen. Und die ersten Erinnerungen, die in mir stets beim Betreten dieses Bodens wach werden, sind die an die Jeschibazeit. wo wir Bachurim iu sorgloser Hingebung an unser hochgestecktes Ziel des Binjan-Hatöra, mit seelischer Freude uns zur Gemoro niedersetzten, nicht beachtend all die verlockenden Genüsse, die mit ihren verführerischen Reizen sonst die Jugend umstricken. Damttlsrvar noch eine sehr günstige Zeit für das Thora-Lernen, damals brauchte das Gebäude des Judentums noch keine Stützen, um es zu befestigen, um diese Zeit war jedes jüdische Haus ein Heiligtum und jedes Wtnkelchen war durchströmt vom Geiste unserer großen Ahnen. Die jüdischen Eltern selbst, waren, ohne irgendwelchen Einfluß von. außen, begeistert fürs Thora-Lernen und in diesem Sinne erzogen sie auch ihre Kinder. Kaum hatten sie die obligatorische Volksschule absolviert, in der auch schon großes Gewicht aufs Jüdische gelegt wurde, mußten sie die Jeffoda-Hatora, die Borbereitungsschule für die große Jefchiba besuchen, in der das Kind einige Jahre ausschließlich sich mit Thora-Lernen befaßte. Und wenn dasselbe manchmal keine große Lust für dieses Studium zeigte, wurde ihm soviel eingedrillt, daß es endlich dem Stoffe Geschmack abgewinnen konnte. Ich sehe mich im Geiste in jene Zeit versetzt, in der ich zum ersten Male, nach meinem Austritt aus der Jeffoda-Hatora als neuer Pretzburger Bachür auf der Suche nach einem Quartier und einem sogenannten Chaser-Bocher ausging. In großer Mengen standen die aus den verschiedenen Teilen der Monarchie angekommenen Talmudjünger in der Judengaffe gestikulierend und debattierend, bis sie endlich, zu je zwei bis drei Kameraden sich vereinigend, eine Wohnung aufnahmen, in der sie das ganze lange Winter- oder

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