Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1921)
- Date
- 1921-08-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450138-2450168--69118-2526283- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Feuilleton-Vellage zu Ar. 31 des „MM". Das große Wunder. Eine traurige Revolutionsgeschichte. (Fortsetzung.) „Ja, zu ihren Eltern", stimmten andere bei. „Seid Juden, habt Einsehen und Erbarmen!.. Und auch Mendele Karik gewann wieder die Sprache, wie ein Hündchen den Leuten vorauslaufend. Er wandte sich besonders an den Beschädigten, an Pinchos. „Sorget euch nicht, Reb Pinchos, es wird schon nicht euer Schaden nicht sein. Ihre Eltern können es euch noch ersetzen". „Ersetzen ist nichts", antwortete Pinchos schon halb versöhnt, „sie werden eine Summe auch für die Armen zahlen müssen, die Dickbäuche, die ihre Kinder nicht besser zu ziehen wußten . . ." Aber Schlome Katzap gab nicht nach: „Nichts da, unser Pan Konrowski, der Jspravnik, ist kein Menschenfresser. Er soll ihnen mal gehörig den Text lesen, dann bringen wir sie zu ihren Eltern. So entkommmen sie uns nicht, erst zum Jspravnik. Er wird schon nachher mit sich reden lassen". So kam der Zug drängend und lärmend bis an das Haus des Jspravnik. III. Der Jspravnik halte gerade sein feines Mahl eingenommen und sich seine erste Zigarre angesteckt, denn mehr wie zwei täglich durste er nicht rauchen, da er, wie alle höheren Beamten in Rußland, an Herzverfettung litt. Er ging auf die Veranda hinaus und sah behaglich und schweratmig in den Garten hin, wo sich die ersten Maiblüten zeigten. Der Jspravnik war wohl ein Sechziger, groß und breit gebaut, kurzhaarig, bartlos auch gewaltigem, grauem buschigem Schnurrbart, der den ganzen Mund bedeckre. Ec ließ sich in den weichen Sessel nieder und sah zu, wie der älteste Polizist mit Scheere und Messer an den Zweigen herumhantierte. Pan Kanowski nickte ein wenig ein. Aber nun schrack er auf und rief dem Polizisten zu: „Ptotra! Ich höre einen Lärm auf der Sraße, gehe hinaus und höre, was los ist." Ohne Lust ging Piolra hinaus und kam schon nach ein paar Minuten wieder mit dem Bescheide: „Juden schlagen sich auf der Straße herum. — Weiter nichts besonderes." Bald aber drang die ganze Menge der Juden mit den zwei Räubern vor die Türe des Parterrehauses. Pan Kanowski liebte die Juden nicht sehr. Früher stand er zu den Juden noch viel schlechter. Mit der Zeit wurde aber im besten digen Verkehr mit ihnen sein Haß abgestumpft. Er hielt die Juden für ein unvermeidliches Uebel, mit dem man sich aöfinden mußte. Aber auch die Juden, die ihm anfänglich nicht wenig zu schaffen machten, fanden sich mit der Zeit mit ihm in ähnlicher Weise ab. Er war nicht zu verme den, so wenig Fröste, Wanzen, Krankheiten und andere Schickungen, die man nicht liebt, die man aber nicht ganz umgehen kann. So hatte sich ein gegenseitiges erträgliches Verhältnis, schon beinahe ein Achtungsverhältnis, zwischen dem Jspravnik und der jüdischen Bevölkerung herausgebildet. Wie Pan Kanowski die große Menge erblickte, erhob er sich, knöpfte die Uniform zu, stellte sich in Positur und ging ans Geländer. Als erster erschien Pinchos. Pinchos hatte ein gutes Gewissen. Er entrichtete seinen Zoll an die Behörde mit peinlicher Gewissenhaftigkeit. Er zahlte für zu langes Offenhalten des Ladens, er zahlte auch für seine Jüdischkeit, für das Verkaufen von manchen Gegenständen, mit denen er nicht handeln durfte, er zahlte für seine roten Haare und auch noch für andere Vergehen . . . Und darum hielt er sich für eine Nummer bei der Behörde. Nach Pinchos traten Schlome Katzap mit seinen Söhnen, die Räuber fest an der Hand haltend, vor. Die Menge hielt sich in einiger Ferne. „Diese da sind Räuber, Mörder, Euer Hochwohlgeboren! Dringen am helllichten Tag in meinen Laden ein und plündern mir die ganze Barschaft. Mit Revolvern in der Hand . . . Meine Frau fiel in Ohnmacht . . . Alle hier sind Zeugen . . sprudelte Pinchos in einem I sort, t"dem er den Hut abnahm. Bassie, Chassi und andere Frauen schrieen halblaut: „Was macht er da der Mörder, schlachtet südliche Kinder ohne Messer ab." Der Jspravnik rühmte sich immer, seine Ju^en in- und auswendig genau zu kennen, nichts sei ihm von ihren Vorzügen und Fehlern verheimlicht. Und nun dieses Unerwartete! Em IDberfall an einem Hellen Morgen mit der Waffe in der Hand! . . . Da hörte doch alles auf! . . . „Was, Revolver?" donnerte er über den Platz. Statt der Antwort holte Schlome den einen Revolver nach dem ° andern unter der Schürze hervor und legte sic auf die Stufen. „Piotra nimm sie fort", kommandierte der Jspravnik, von der gefährlichen Waffe abrückend. Jetzt, ging Pan Kanowski die Stufen hinunter und trat ganz dicht an die Räuber heran. Borris Knack hielt den Blick mutig aus und keine Muskel bewegte sich in seinem schönen Gesichte. Der Jüngere, Eli Kravez, sah aber ganz verloren darein. Ueber und üver errötete er, und sein verträumtes Kindergesicht nahm einen ganz hilflosen Zug an. „Was fällt euch ein, ihr Hunde, ihr Schufte, ihr Wegelagerer, ihr Tagediebe?" fing dec Gewaltige in stimmendem Zorn an. Der hohe Beamte hielt aber mitten in dieser Anrede still, denn Borris Knack, der ältere, hob seinen schwarzgeiockten Kopf in öie Höhe, unter seinen braunen Augen leuchtete mutiger Trotz. Dann sagte er ganz laut und sicher: „Ich muß euch schon bitten, verehrter Jspravnik, em wenig höflicher mit uns zu reden." Pan Kanowski trafen diese Worte wie ein kalter Schlag. Er schien für eine Weile alle Denkfähigkeit verloren zu haben. Die Stille dauerte aber nur einige Sekunden. Die Ruhe vor dem Sturm. Die Augen des Jspravnik fä i bten sich roc und sein großer, plumper Körper schüttelte sich vor heftiger Erregung. „Du, wagst es . . . Ich Hab' getrunken bei deiner Beschneidung und du hast Sie Frechheit, mit mir, einem alten Beamten, in diesem Tone zu sprechen?" In den letzten Worten klang schon ein weicherer Ton, mit etwas wie beleidigter Stolz. Und das Publikum nickte beistimmend, als wollte es sagen: „Was eine Zeit, was eme Jugend, diese Frechheit, mit einem alten, hohen Beamten so zu sprechen . . . Pan Kanowski begriff in diesem Moment, daß er die öffentliche Meinung auf seiner Seite hatte, und um den Anstug der Schwäche wettzumachen, schrie er jetzt voller Lungenkraft: „Nein, jetzt dürft ihr kein Erbarmen niehr von mir erwarten. Ich bin zu gut zu euch. Nun ists aber aus. Ich werde euch schon, was ich kann. Ihr werdet noch lange meiner gedenken. Petro, rufe den Pristaw (Polzeikomm.ssar) herbei. Er soll sie sofort ins Gefängnis transportieren und hol' mir gleich die Eltern dieser Schlingel herbei." Osmarsk', der junge behende Pristaw wartete nicht lange, um sich des Auftrages zu entledigen, und Pan Kanowski zog sich in feine Gemächer zurück. Noch einige Zeit hörte man feine grollende Donnerstimnte. Er drohte im erregten Monologe irgendjemand mit Gefängnis, mit Sibirien, dann wurde es stille um das Haus. Die Menge fing an auseinanderzugehen. . Aber schon ohne Lärm, ohne Begeisterung, einzelweise. Als schämte man sich über irgend etwas. Der eine wurde traurig, der andere fühlte sich beunruhigt, und alle hatten das Gefühl, doch etwas Unrechtes begangen zu haben. Es getraute sich keiner, in des Andern Augen zu schauen. Nach dem Abendgebete wollten die Leute an diesem Tage die halbdunkle, kalte Schul' gar nicht verlassen. Die Geschichte mit den Expropriatoren ging keinem mehr aus dem Kopf. Man sprach und stritt und arbeitete mit den Händen und suchte sich gegenseitig zu überreden und zu überschreien. „Ich sage euch, es wird nicht schlimm sein", argumentierte Leibe Wolschanski, der Schankwirt, der sich in solchen Dingen auskannte. „Knack und Kravetz haben volle Beutel, macht nichts! wir brauchen uns um sie nicht zu sorgen . . ." „Der J'pravnik wird den Bösen spielen, noch einen Tag, noch zwei Tage . . . Dann wird er, sobald er d >s Seinige bekommen hat wieder sein goldenes Hecz entdecken . . . Kennen wir etwa unseren P.>n Kanowski nicht?" „Schlome Katzap ist ein wahrer Mörder, ein Halsabschneider", äußerte Reb Cjazkel", der Schocher, seine Meinung, an seinem langen, grauen Barte ziehend. „Er hat kein Fünkchen Jüdischkeit in sich . . Biele gaben ihm recht. Und einer wendete sich mit bitteren Vorwürfen an Pinchos: „Was haben sie euch getan? Haben euch ganze vier Rubel weggenommen . . Als könnten deren Eltern euch nicht das zehnfach ersetzen. Es ist eine wahre Entweihung des Gotiesnamens ..." „Und ich werde euch beweisen", ließ sich der Chasen, der sich für einen Diplomaten und gewandten Redner hielt, hören, „daß Schlome wie Pnchas vollkommen mi Rechte waren. Sie haben eine heilige Pflicht gegen die ganze jüdische Gemeinsckafr erfüllt. Versteht ihr, wie ich das meine? Ihr habt wohl schon vergessen, was in Kischinew, Homel und Byai stok geschehen ist? Wollt ihr, daß auch bei uns jüoucheS Blut fließen soll? . . ." „So ist es in Wahrheit. Der Chasen hat Recht", wurde ihm von vielen Seiten beigeftimmt. Nur ein Kritiker warf die Frage ein: „Was will der Chasen mit dem jüdischen Blute? Was hat die Gefahr mit den Pogromen zu tun?" „Das will ich euch gleich erklären", setzte der Chasen unbeirrt fort. „Die Christen erfahren, daß Juden am helllichten Tag mit Revolver in der Hand auf Raub und Plünderung ausgehen. Was werden die Ruffen tun? Sie werden es d m Am'e melden, aber nur um eine Ausrede zu suchen . . . Und wie geht die Sache aus! Man braucht kein Prophet zu sein, um es zu erraten. . . Pogrom! . . ." „So ist es, er hat recht!" Der Chasen, zufrieden mit dem Erfolg seiner Rede, setzte dann noch weiter auseinander, wie durch diese mutige Tat der Jui^n, die die Schuldigen selbst ausliefern, ein großes Unglück von der Gemeinde abgewendet wurde, während ihnen selbst kaum was ernstliches droht, bei den guten Beziehungen ihrer Eltern zu der Behörde uud so fort . . . Da trat Eisik, der Lehrer, in die Schul' und machte dem Redefluß des Chasen ein Ende. tLisik beten igte sich auch als eine Art Winkeladvokat und kannte sich in all' den Schlichen und Ritzen des russischen Berwaltungsapparates vortrefflich aus. Er hatte auch gute Witterung für jeden von dieser Seite drohenden Wind und sein Wort galt in solchen Dingen wie ein Orakel. Aller Augen rühren auf Eisik. Dieser stand aber bleich und bebend da und brachte kaum ein Wort aus dem Munde heraus. „Juden!" rief er nur, nachdem er Atem geholt. Auf seinem Gesichte lag Todesangst. (Forts, folgt.)