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Der Israelit · 1921-08-04 · Heft 31 (4.8.1921) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 31 (4.8.1921)
Date
1921-08-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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4. August 1921. Seite 9 Nr. 31 Der JSraelit. Sängers Fluch. Vor ungefähr 550 Jahren, da Spanien noch ein blühendes, glückliches Land war, lebte in Saragossa Rabbi Salomo ben Gabirol, der große Dichter und Denker, dessen Ruhm durch alle Lande ging und bis auf den heutigen Tag in der jüdischen Welt andauert. Zu der Seelengröße des Dichters gesellte sich auch körperliche Schönheit. In ganz Kastilien würden von Jung und Alt seine herrlichen Lieder gesungen. Auch die spanischen Könige und Fürsten verehrten den jüdischen Dichter und Philosophen ungemein und überhäuften ihn mit Ehren und Geschenken. Kein Wunder, daß Gabirol viele Neider und bittere Feinde hatte, die ihm nach dem Leben trachteten. Besonders zeichnere sich durch seinen Haß ein in hoher Stellung sich besindender Mohr, namens Hasch an aus. Zu dem Neid, der im Herzen des Mohren brannte, kam auch noch die Eifersucht, denn er beschuldigte Gabirol, ihm seine Geliebte, die schöne Sulaima, abspenstig gemacht zu haben. Damit hatte er aber den Dichter ganz zu Unrecht beschuldigt. Wohl sah Sulaima mit glühendem Entzücken und feurigen Augen zu der Wundergestalt des allbeliebten jüdischen Dichters empor. Er aber, Gabirol, erwiderte diese Liebe nickt und hatte kein Auge für die schmachtenden Blicke des Weibes, das einem Anderen und auch einem anderen Volke angehörte. Allein, je gleichgültiger Gabirol sich zeigte, umso höher und stammender stieg die Liebe der jungen, schönen Araberin. Und eines Tages suchte sie die Nähe des Dichters auf und offenbarte tim die heißen Gefühle ihres Herzens. „Edle Freundin", sprach Gabirol, „schäumende Empfindungen des Augenblickes lassen Euch vergessen, daß wir zwei nicht zu einander gehören. Ich bin Angehöriger des jüdischen Glaubens, ihr aber Araberin und mohammedanischen Bekenntnisses". . „Das soll kein Hindernis sein", warf Sulaima ein. „Nie darf Glaube der Liebe im Wege stehen. Ich will von heute ab Jüdtn, deines Glaubens sein". Der Dichter gewann es nicht übers Herz, die Bittende barsch zurückzuftoßen und bat sie, sie möge sich die Sache doch noch reiflich überlegen, mit sich selber zu Gerichte gehen, Einblick in'die Gesch chte und das jüdische Gesetz zu gewinnen, um danach ihren Beschluß und ihren geplanten Schritt noch einmal zu prüfen. Dem Mohr Haschan blieb diese Wandlung im Herzen der Sulaima nicht verschlossen und er schwor, blutige Racke an Gabirol zu nehmen. Aeußerlich ließ er aber nichts merken. Er stellte sich im Gegmteil sehr freundlich zu Gabirol und lud ihn zu einem Besuch in seine in einsamer Waldgegend gelegene Sommerwohnung ein. Nichts Böses ahnend, nahm Gabirol die Einladung an. Sie ergingen sich in den blühenden Alleen, wie sie schon öfters promeniert und die Natur in poetischen Ergüssen besungen hatten. Denn auch der Mohr erprobte sich zuweilen in der Dichtkunst und hatte sich alle Zeit für die hohen Gedankengänge Gaüirols empfänglich gezeigt. Es war ein lieblicher Frühltngsabend. Ein sanfter Hauch küßie die Blumen und ein Raunen kam von den Wipfeln, als wollten die Bäume der untergehenden Sonne „Gute Nacht" zuflüstern. Auf einer brettästigen Akazie sang etne Nachtigall ein Liebeslied zum dunklen Nachthimmel hinaus. „Wie schön ist doch das Leben", entrang es sich der Brust Gabirols. „Ja schön ist das Leben", sagte Haschan kalt, „umso schmerzlicher, wenn dieses schöne Leben plötzlich mitten drin abgehackt wird, da man glaubt, es noch lange genießen zu dürfen. Siehst du dieses Grab da unter dem Baume?" „Was soll es mit diesem Grab?" fragte Gabirol erstaunt. „In diesem Grabe wirst du heute Nacht schon nutzen", antwortete Haschan in eisiger Ruhe. „Was soll das heißen, Haschan?" „Ich denke, jetzt wirst du es endlich begreifen", schrie Haschan in wilder Wut und stieß den Dolch in des Dichters Herz. Gabirol stürzte zu Boden. In seinen letzten Zügen stieß er aber noch die Worte aus: „Mörder! Du hast mein Blut vergossen, und keiner sah es, der wider dlch zeugen könnte. Aber Gott im Himmel sah es, und er läßt diese Tat nicht ungeahndet. Der Feigenbaum wird reden und seine Frucht wird gegen den Mörder Haschan zeugen." Haschan lachte hell aus. „Der Baum wird schweigen, wie dieser tote Dichtermund, und Sulaima wird mein". Mit diesen höhnischen Worten begrub er dte Leiche unter dem Feigenbaum. Am folgenden Tage herrschte große Aufregung in Saragossa, als man den Dichter am Hofe erwartete, und er nicht kam. Man suchte ihn überall und fand ihn nirgends. Man glaubte zuerst, er habe plötzlich eine Reise antreten müssen, als aber Wochen und Monate vergingen, ohne daß er wiederkam, steigerte sich die Unruhe gewaltig. Seine noch lebenden Eltern klagten bitterlich über den Verlust des seltenen Sohnes, und die ganze Gemeinde betrauerte ihren gottbegnadeten Sänger und den Dolmetsch ihrer Wünsche vor dem Throne. Als ein ganzes Jahr in die Lande gegangen war, gab man alle Hoffnung auf und stellte das Suchen und Forschen nach dem Dichter ein. Nur Sulaima gab keine Ruhe und weinte Tag und Nacht um Gabirol, den sie nicht vergessen körnte. Der Winter ging und wieder war es Frühling. Neues L.-ben erwachte und erblühte aus dem harten Boden. Die Felder legten das neue, g üne Gewand an, die Z'tronen-, OrangenOelur d Feigenbäume bedeckten sich mit Blättern und Blüten. Auch der Feigenbaum über dem Grabe Gabirols erblühte. Aber wie merkwürdig groß und weiß und üppig standen doch seine Blüten. Es schien, als sauge der Baum aus geheimer Quelle Wunderkraft. Denn kaum zeigten die anderen Bäume die ersten Blättchen, so stand dieser Baum schon in voller Blüte; und wie die anderen zu blühen begangen, refften an diesem schon die schönsten, edelsten Früchte heran. Alle Welt stand voller Verwunderung vor diesem Baum. Aber Haschan zuckte die Achseln und sagte: „Das Geheimnis dieses Baumes kann ich euch nicht sagen". In der ganzen Gegend sprach alles Volk von die>em Wunderbaume. Man hielt Haschan für einen Zaubere", der mit geheimen Mächten Verbindungen pflegte. Die Nachricht gelangte auch endlich bis zum Kouigspalaste, und eines Tages kam der König mit seinem ganzen Hofstaat in den Garten Haschans, um den Baum zu bewundern. Haschan erzitterte beim Anblick des Königs am ganzen Körper. „Warum erbleichst du, Haschan?" fragte der König:,, Ich werde dir die Früchte nicht nehmen, nur ansehen möchte ich mir den wunderlichen Baum." Still uud bleich führte Ha''chan den König an den Baum. Da sprach der König: „Nun muß ich selber daran glauben, daß du dich geheimer Zaubermittel bedienest. Sage, Haschan, welche Bewandtnis es mit diesem Baume hat." Haschan verwickelte sich in Widerspruch' und sprach ohne Zusammenhang von ßüui möglichen Dingen, über die er gar nicht gefragt wurde. Das verlctzte den König und er ließ Haschan ins Gefängnis werfen, wo er durch Folter za Geständnissen gezwungen wurde. Da schien es Haschan, als öffnete sich das Grab unter dem Feigenbaum und eme Stimme rief: „Gott im Himmel sieht es und wird es ahnden, die Früchte des Baumes werden wider dich zeugen." Haschan wurde an den Feigenbaum gehängt. Hof und Garten Haschans wurden verwüstet, nur der Baum blieb mitten in der Oede, um zu zeugen, daß Gott ein Verbrechen gesehen und geahndet bat. inderecke. Aus Jerusalems letzten Tagen. (Nach Midrasch Echo und Talmud Gitttn.) (Schluß.) Kaum hatten dte Begleiter das Grabgewölbe verlassen, als Rabbi Jochanan sich in das Hauptquartier der Belagerungsarmee begab, um bei d<ren Oberbefehlshaber Bespasjan Zutritt zu erbitten. „Wo ist der König?" fragte er den diensttuenden Offizier. Dieser meldete, ohne zu antworten, die imposante Erscheinung und dte seltsame Frage dem römischen Feldherrn. „Du hast mich", so empfing Bespasjan den jüdischen Weisen, „als König begrüßt, ohne daß mir diese Würde zukommt. Wenn die Tatsache dem Kaiser in Rom bekannt wird, kann sie mich das Leben kosten." „Rabbi Jochanan erwiderte: „Bist Du nicht König, so wirst du es werden, denn das Haus unseres Gottes kann nur durch einen König fallen, wie der Prophet Jffajas es verheißen: „Der Libanon wird durch einen Mächtigen fallen." Hierauf führte man Rabbi Jochanan in ein von jedem Lichlstrahl abgeschlossenes unterirdisches Gemach, wo er Stunden und Tage verbrachte. Bevor man ihn wieder ans Tageslicht ließ, stellten dte Römer ihm die Frage, welche Stunde am Tage es fei. Rabbi Jochanan nannte mit überraschender Genauigkeit dte Stunde und erklärte diese Treffsicherheit damit, daß er während der ganzen Zeit bestimmte Abschnitte des überlieferten Lehrstoffes wiederholt und nach der für jeden Abschnitt erfahrungsgemäß notwendigen Zeit genau feststellen konnte, une viel Stunden des Tages und der Nacht verflossen waren. Nach kaum drei Tagen langte aus Rom am frühen Morgen dte Botschaft ein, daß Kaiser Nero gestorben und Bespasjan zu seinem Nachfolger ausgerufen worden sei. Bespasjan ließ, noch mit dem Ankleiden beschäftigt, den jüdischen Weisen zu sich rufen, um ihm zu sagen, daß seine Prophezeiung sich überraschend schnell erfüllt habe. Dabet stellte sich heraus, daß Bespasjan trotz aller Mühe nicht in die ihm sonst tadellos Paffenden Schuhe htneingelaugen konnte. Rabbi Jochanan ließ auch diese Gelegenheit nicht vorübergehen, um die in großen wir in kleinen Dingen unerschöpfliche Lebensweisheit, die im jüdischen Schrifttum schlummert, vor den Augen des heidnischen Großen hell leuchten zu lassen. „Eine gute Botschaft läßt das Gebein schwellen", sagt König Salomo — und „ein gedrücktes Gemüt oürrt die Knochen aus." Du brauchst also, Kaiser Bespasjan dich nicht zu wundern, daß in diesem Augenblick höchsten Glückes Deine Fußbekleidung nicht mehr paßt." Nun begannen auch die um Bespasjan versammelten Fürsten in geistvollen Gleichnissen Rabbi Jochanans Schlagfertigkett zu erproben und Bespasjan war von dem Scharfsinn, der Geistesgegenwart und der Seelengröße Rabbi Jochanans in einem tragischen Augenblicke der Geschichte seines Volkes so ergriffen, daß er die Unterhaltung mit den Worten schloß: „Stelle eine Bitte und ich werde sie erfüllen." Rabbi Jochanan erwiderte: „Was ich will? Zieh ab mit deinen Herren aus unserem Lande und überlasse Jerusalem den Juden." „Glaubst du, weiser Rabbi, daß ich deshalb Kaiser ward, um Jerusalem preiszugeben? Du mußt schon eine andere Forderung stellen." Hieraus Rabbi Jochanan: „Dann bitte ich nur um eins, laßt das Städtchen Jawne unangetastet, damit dorthin die Thora und ihre Träger flüchten können." Diesen Wunsch erfüllte Bespasjan, ohne zu ahnen, daß er damit die Unsterblichkeit des jüdischen Volkes gesichert hatte. ' H V; '■V- : - . ■; ■>.

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