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Der Israelit · 1921-07-28 · Heft 30 (28.7.1921) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 30 (28.7.1921)
Date
1921-07-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 30 des „Zsraeül". Das große Wunder. Eine traurige Revolutionsgeschichte. I. Das Städtchen Pafianischok zwischen Kowno und Wilna besteht aus drei oder vier Gassen und Gäßchen, die von Reihen grauer Holzhäuser eingesäumt find. Drei Friedhöfe schließen die Stadt an drei Enden ab, der jüdische an der Ostseite bildet eine ungeheuere Fläche mit endlosen alten und neuen Gräbern und Grabsteinen, der katholische und der russische (rechtgläubige) an den anderen Enden sind noch weit verwahrloster, aber hundertjährige Bäume stehen vor den zerbrochenen Toren Wache, hinter denen sich das Geheimnis der Ruhe und Vergessenheit verbirgt. Das Städtchen besaß zur Zeit, als diese Geschichte spielt, (es war etwa zwei Jahre vor Kriegsausbruch),, einen Jspravntk (Kreischef), sieben Monopolschenken, eine Feuerwehrstation mit Aussichtsturm, vier katholische Kirchen, ein Bataillon Infanterie, eine rechtgläubige Kirche, ein Gefängnis, sechs Polizisten und ein Stadtoberhaupt. Innerhalb dieser notwendigen Verbrämung bewegten sich zehntausend jüdische Seelen mit einem Hauptrabbiner und sieben wetteren Dajanim und Klausrabbinern, einem großen Bes hamtdrasch, einer großen Schul und an zwanzig kleinen B thäusern und Klausen. Gut zweidrittel der Einwohnerschaft waren Juden, in deren Händen auch der ganze kleine Handel des Städtchens lag. Trotzdem die Auswanderung nach Amerika sehr stark war, merkte man in dem Städtchen von einer Verminderung der jüdischen Bevölkerung nichts. Im Gegenteil, der Kinderreichtum war sehr groß und die Judenheir vermehrte sich merklich von Tag zu Tag. Die Lebensverhältniffe gestalteten sich dadurch immer trostloser, da der enge Raum diese zunehmende Ausdehnung nicht mehr ertragen konnte. Das Verhältnis zwischen den verschiedenen Konfessionen war damals ein recht günstiges. Man handelte und verkehrte zusammen und nur selten kam es zu ernstlichen Streitigkeiten. Die Ntchtjuden waren mit der Sprache, mit den Sitten und Gebräuchen der Juden vollkommen vertraut und nahmen des öfteren Anteil an deren Leiden und Freuden. Es war ein bischen Liebe, ein bischen Verachtung, ein bischen Nrid, ein bischen Zuneigung ein wenig Mißtrauen und auch etwas menschliche Teilnahme in diesem Verhältnis. Die menschliche Natur läßt sich im Guten wie im Bösen nicht ganz verleugnen. Unter den Juden selbst herrschte oft Streit und Parteihader, zumeist aus dem schweren bitteren Kampf ums Brot hervorgegangen. Im engen Raume waren fast alle aus die gleichen Erwerbszweige und Verdienstmögltchkeiten angewiesen und das führte zu Neid und Reibereien. Im Grunde des Herzens wollte aber keiner drm andern etwas zu leide tun, und passierte irgend ein Unglück in einer Familie, drohte von irgend woher eine Gefahr, so war die Teilnahme allgemein, so war die ganze Gemeinde eine Familie. Auf dem Markte, in den Gassen, in den Kramläden, auf den Wegen, die die Bauern mit ihren Wagen befahren, sah man beständig Juden, nervös, abgehetzt, erhitzt, verbittert. Geschrei und Zank, Schelte und Schwüre durchhallen die Luft, die Augen flammen und die Hände fuchteln. Alles des Stückchen trockenen Brotes wegen. Da hört man aus irgend einem Hause ein Weinen. Es ist jemand in Not oder erkrankt, und alles ist hilfsbereit am Platz. Etn schwarzer Zug zieht durch die Straße hinter dem Leichenwagen her. Und aller Kampf plötzlich ist verstummt. Ob Reich oder Arm, Groß oder Klein, alles zieht gesenkten Hauptes mit und weint mit der Mutter, der Witwe, den verlaffenen Waisenkindern. Mitten im Zanken und Schreien traten Frieden und Liebe und Teilnahme etn. Der äußerste Anlaß genügt, um aus dem Gerölle des kleinen sorgenvollen Lebens den wahren Menschen hervorzukehren. II. Eines Tages, an einem helltchten Morgen drangen in den kleinen Tuchladen des Pinchos Salowskt zwei unbekannte Personen ein, hoben Revolver aus der Tasche und schrieen: „Nicht vom Platz! Die Hände hoch!" Pinchos, der Ladenbesitzrr, ein schmaler, spindeldürrer, rotbärtiger Jude mit braun-gesprenkeltem Gesicht, und seine Frau Zippe, eine kurze, dicke, immer verhetzte Frau, und ibr einziger Geh lfe, Pinchos „rechte Hand" und zugleich dessen Schwiegersohn, standen wie erstarrt vor Schrecken. Indes stürzten sich die Räuber auf die Schublade, rissen sie mit einem Rucke auf und liefen mit dem ganzen Erlös, bestehend in vier Rubeln und 27 Kopeken, davon. Als erster kam Pinchos selbst wieder zu sich. Er lief auf die Straße und schrie so weit es seine Lungen ihm gestatteten: „Räuber, Diebe! Expropriatoren!" Dieser letztere Ausdruck war im Städtchen, seitdem man Kennt is von der unter der Oberfläche gähnenden Revolution hatte, sehr populär und als Schreckknswort am meisten g. fürchtet. Man wußte von Expropriatoren, die man auch Anarchisten, Nihilisten oder Kommunisten nannte, die am hellichten Ta e in der Großstadt Menschen überfallen, oder Geschäfte ausplündern. Und Pinchos traf das richtige Wort. Die Schreie Pinchos lockten einen großen Menschenauflruf an. Juden und Nichtjuden, Frauen, Mädchen und Kinder, alle kamen dahergelaufen, fragten, schrieen und riefen und keiner wußte, was geschehen war. „Warum stehen wir auch da?" ließ sich die Fistelstimme Mendel Kariiks, eines Zwergleins mit doppelten Höker von vorne und hinten, hören. Er schüttelte das Köpfchen, d s tief in den Schultern saß, schlug mit den Händen aus und trompete e: „Hört Ihr nicht, wie Pinchos schreit? Vielleicht hat man ihm das Weib erschlagen, vielleicht das ganze Vermögen geraubt. Man muß die Polizei holen. Wo ist die Polizei?" „Ein Jude kann nie genug haben", witzelte jemand zur Antwort. „Hat er einen Höcker, will er auch noch Polizei . . ." Das Publikum brach in helles Lachen aus, und Mendel Karlik verzog sich beschämt und verschwand unter der Menge. Inzwischen erschienen die Katzowim, (die wegen ihrer Körperkrast und Kühnheit allgefürchteten Fleischer) aus der Jatkegasse. Schlome Katzap mit seinen zwei Söhnen Moschke und Berke waren bei Juden wie Nichtjuden als die größten Heiden des Srädichen geachtet und auch gefürchtet. Nichts wies bei diesen drei Männern, die groß, gesund, breitschultrig, mit flachshellem Haar dastanden, auf ihren jüdischen Typus hin. Darum wurden sie auch allgemein die „Katzapes" /Kleinrussen) genannt. „Na, was, wo, wer, wen, warum, für wen?" rng der lustige Schlome mit seinem Fragen an. „Was sagt ihr? Räuber? Na, das gefällt mir sehr, so wahr ich gesund bin. Auf, Moschke und Berke, wollen wir mal zeigen, daß wir gesunde Füße haben." Schlome und seine zwei Söhne, hinter ihnen alles, was Beine hat im Städtchen, machten sich nun auf die Jagd nach den Räubern. Wie im Walde bei einer Hetzjagd schrie und pfiff es durch die Gassen: „Fasset die Mörder, haltet die Räuber!" Diese liefen zur Stadt hinaus, bis an den Garten des Chasen Dovid Singer. Dort wurde ihnen durch den großen Stachelzaun der Weg versperrt, hier hörte die Welt auf . . . Schlome Katzap wollte sich auf sie stürzen, da erblickte er aber die blitzenden Revolver und er hielt inne. ' Das Publikum stand in respektvoller Entfernung und musterte mit höchsterNeugierde die Räuber von Kopf bis zu den Füßen. Wie sollten solche gefährliche Menschen auf einmal im friedlichen Städtchen aufgetaucht sein?! Pinchos, der Beraubte, unterbrach die Stille: „Da sind sie die Mörder, die Räuber, man muß sie binden Und der Polizei übergeben. Den ganzen Erlös haben sie mir aus der Kasse geraubt. Der Todesengel möge sie bald erfassen, die Räuber, die Hunde." Hundert Stimmen gaben Pinchos Recht. „Auf die Polizei mit ihnen!" Aber die Revolver? Da ging es Schlome Katzap um die Ehre. Er durfte nicht feige sein, und mit einem Ruck stand er dicht vor den Verfolgten. Bis dahin standen die Räuber in schwarzen Blusen, langen Stiefeln und grauen, weichen bis zu den Augen herabgezogenen Hüten ganz still und aneinandergepreßt da. Jetzt aber, als sie sahen, daß es ernst wurde, da rtchtete einer von ihnen den Revolver gegen das Publikum und drohte mit zitternder Stimme: „Vom Leibe, sage ich euch, wir schießen, beim Himmel, wir werden schießen!" Der „Expropriator" sprach wohl ein reines Russisch. Aber schon bei den ersten Worten erspähte das Publikum einige jü dis che Untertöne, und das gab frischen Mut. „Was heißt das schießen? Das gefällt mir gerade. Wollen wir mal sehen, wie euch das Schießen bekommt", schrie Schlome überlaut, damit alle Welt sehen konnte, was er für ein Teufel war. . . In der zweiten Minute sah man, wie der zweite Räuber seinem Kollegen etwas zuflüsterte, und nun geschah etwas Unerwartetes. Sie warfen die Revolver auf den Boden, i iffen die angepappten Bärte ab und hoben die Hüte hoch. Jetzt konnte alle Welt die Räuber von Angesicht zu Angesicht sehen, und die Leute standen mit offenem Munde wie versteinert da. Selbst Schlome trat betroffen etn paar Schritte zurück, und der fuchtelnde Pinchos, der Beraubte, der andauernd nach der Polizei schrie, verlor hier eine Weile die Sprache. Hätten die Räuber den Moment für die Flucht benutzen wollen, keiner hätte sie daran gehindert. Aver ie dachten gar nicht an Flucht. Sie waren chetnbar mit dem Effekte ihrer Enthüllung selbst ehr zufrieden und lächelten fast vergnügt in die Menge. Als erste kam zu sich und gewann die Sprach Chafsie, die Frau eines Melamed mit gelben Flecken auf den eingefallenen Backen, die überall dabet war und überall das große Wort führte. „Was sehen meine Augen?" schrie sie, „ist es Traum oder Wahrheit? Söhne reicher Eltern, Milltonärskinder, unternehmen solche Schandtaten." „Wer soll denn sonst rauben und plündern, wenn nicht die Kinder der Reichen. Die Armen jaben keine Zeit dafür", witzelte wieder jemand. In der Menge wurde es jetzt noch unruhiger,

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